Mi, 30. Mai 2012

Sonisphere 2012

03.06.2012

Die Vorfreude auf eines der Metal-Highlights des Jahres 2012 steigt stündlich. Anfahrt im Speisewagen der SBB klappt prima und vom Bahnhof Yverdon-les-Bains sind es dann auch nur 5 -10 Minuten auf das Festivalgelände. Die Lage ist sicher schon mal die Beste der bisherigen Austragungsorte. Jonschwil war zwar auch schön in der Natur draussen, jedoch im Middle of Nowhere und mit ÖV kaum zu erreichen und Basel das pure Gegenteil – ein Festival in der Peripherie einer Stadt ersetzt keinen Naturteppich.

Dort wo die Expo02 war, ist mehr als genügend Platz für die 32‘000 Metalheads vorhanden. Wunderschönes Gelände – wobei der See leider nicht eingebunden wurde – bei schönstem Sommerwetter (knapp 30 Grad). Die Sonne brennt ziemlich deftig auf die vielen Fans die bereits um 15.00 Uhr für den Beginn mit ELUVEITIE vor Ort sind. Das ist der erste negative Punkt, es gibt ausser bei den Güselcontainern mit jeweils ca. 1m2 auf dem ganzen Gelände keinen Schatten. Bleiche Metalheads müssen sich erbarmungslos der Sonne ausliefern. Klischeemässig ist die Sonne ja der grösste Feind eines Metlers. Aber lassen wir es mal bei diesem Klischee bleiben, den lieber in der Sonne brühen, als im Schlamm wühlen wie bei der ersten Sonisphere-Ausgabe in Jonschwil.

Das Badifeeling wird pünktlich um 15.00 Uhr abrupt beendet, als die Schweizer Folk-Death-Metal-Überflieger ELUVEITIE die Bühne im Sturm erobert. Die acht Helvetier um Stammesführer Chrigel Glanzmann boten einen soliden Auftritt. Ist nie einfach als Opener mitten im Nachmittag auf einer grossen Bühne die fast nicht genutzt werden kann oder darf (?). Mit «Helvetios» (Helvetier) vom gleichnamigen neuen Album gaben sie gleich den Tarif durch, dass sie die helvetischen Vertreter vom Sonisphere Ausgabe 2012 sind («We are one, we are helvetios»). Mit «Neverland», «A Rose For Epona» und «Havoc» gibt‘s weitere Hammersongs von Helvetios und mit «Inis Mona» einen Klassiker aus dem Durchbruch-Album «Slania».

Nach sechs Songs ist‘s dann leider schon wieder Schluss, kaum hat man sich warmgehört und -gesehen. Der grosszügige Golden Circle (vorderer Bereich wo man mit einem CHF 50 teureren Ticket reinkam) ist bei weitem nicht ausverkauft. Und es sind wohl auch nicht die Die-Hard-Fans und Pogoianer, die sich diese Tickets leisten. So kommt auch der für ELUVEITIE schon typische Circle Pit und auch keine Wall of Death zustande, geschweige denn ein anständiger Mosh-Pit. Die Bühne mit der Wiederauferstehung der Snake-Pit der Metallica-Tour zum Schwarzen Album anfangs der 90er und Ausläufern in den Golden Circle trennt die Fans vor der Bühne zusätzlich in zwei Hälften und trägt ebenfalls dazu bei, dass eben pogomässig wenig lief. Ich hab mir zwar auch ein Golden Circle-Billett geleistet, aber ich finde das gehört für ein Metal-Konzert gleich wieder abgeschafft. Ich denke, auch die Bands wünschen sich vor der Bühne lieber die Die-Hard-Fans und einen Mosh-Pit als eine grosszügige Picknick-Atmosphäre. Und der Veranstalter kann sich eine weitere Absperrungen und ein Dutzend und mehr Security-Helden sparen. Letztere müssen ziemlich wachsam sein und ab und zu auch einen Ansturm über die Abschrankung in den Golden Circle abwehren. Es ist jeweils wie die Jagd auf einen entflohenen Häftling.

Nach den Helvetiern kommen die Gallier bzw. die französische Metal-Kapelle GOJIRA. Sowohl GOJIRA als auch die nachfolgenden MASTODON haben wir uns aus der Ferne bei diversen Verpflegungsstopps als Hintergrund-Musik zu Gemüte geführt. Die Hitze führt auch zu grossem Durst, was leider zum nächsten Kritikpunkt führt. Wieso im Gotteswillen gibt es nur gefühlte drei Getränkestände, welche zu allem zusätzlich schlecht organisiert sind? Zugang und Abgang war identisch und wenn man es dann nach 15 – 30 Minuten schafft, sich ein Bier zu ergattern, musse man sich zuerst wieder durch die anderen durstigen Metalheads kämpfen. Mit mehr Ständen und vor allem besserer Organisation hätte der Veranstalter locker den wohl sonst schon hohen Getränkeabsatz noch bedeutend steigern können. Dass viel getrunken wird, beweisen auch die bereits am frühen Abend überlaufenden Pissoirs, so dass um diese Anlagen durch Frei-Pinkeln der ehemalige heilige Expo-Rasen ziemlich überdüngt wird.

Bei MASTODON gibt es auch intensive Soundprobleme. Irgendwo gibt es wohl einen fiesen Typen, der dauernd auf die Leitung steht, so dass der Sound immer wieder für eine paar Sekunden komplett ausfählt. Die Band spielt zwar jeweils tapfer weiter, aber ist wohl nicht nur für die Fans der Band aus Atlanta, USA, mehr als mühsam.

Glücklicherweise ist die Attacke (oder das Problem) «nur» bei MASTODON und somit bei SLAYER wieder alles in Ordnung.

Als die kalifornischen Schlächter die Bühne betreten, sind auch wir wieder im Golden Circle drin und lassen unseren Herzrhythmus durch die hämmernden Bässe durcheinander bringen. Dave Lombardos Double-Bass-Attacken gleichen mehrmaligen Maschinengewehr-Salven, so geil das ist und sich vor allem wie schon erwähnt in der Brustgegend anfühlt, so hört man leider die Gitarren nur schwach und so wird der ganze Auftritt von SLAYER zu einer (zu) basslastigen Angelegenheit. Während Kerry King grimmig wie immer die Riffs runterbrettert, wird Gründungsmitglied und ebenfalls Gitarrist Jeff Hanneman bereits seit Anfang 2011 temporär durch Gary Holt (EXODUS) vertreten.

Hanneman wurde durch einen Spinnenbiss und die anschliessende Infektion durch fleischfressende Bakterien beinahe getötet und sein Arm stand kurz vor einer Amputation. Wer über starke Nerven verfügt, der google mal Bilder zu «necrotizing fasciitis». Da wurden die eigenen Texte des Gitarristen zur Realität. Er befindet sich immer noch in der Rehab, konnte jedoch inzwischen ein paar Songs zusammen mit SLAYER spielen.

Bei SLAYER gibt es auf der einen Seite der Bühne einen kleinen Moshpit – von weitem gut zu sehen: Dort wo der aufgewirbelte Staub aufsteigt. SLAYER bietet einen soliden Auftritt mit ihren Klassikern. Höhepunkt ist das wohl nach AC/DC‘ Hells Bells diabolischste Riff  – das von «Raining Blood». Bei SLAYER insbesondere Kerry King habe ich immer das Gefühl, dass sie auf eine teuflischen Mission sind und nicht aus Freude an der Musik auf den Bühnen dieser Welt. Die Songs werden ohne grosse Emotionen runtergebrettert und sollen ihre Wirkung nicht durch irgendwelche falsche Gesten verfehlen. Während bei einer klassischen Metal-Band wie JUDAS PRIEST die Gitarre als Phallus-Verlängerung dient (nebst Musikinstrument – siehe Judas-Konzert-Review), ist diese bei SLAYER nichts anderes als eine Waffe, eine Streitaxt auf dem Anti-Kreuzzeug des Bösen. Einzig Tom Araya kann sich ab und zu ein ebenso teuflisches Grinsen nicht verkneifen. Dies ist der ganz grosse Unterschied zu den Big-4-Mitstreitern METALLICA, wo vor allem bei James viel mehr Emotionen und das mit dem Publikum spielen zum Tragen kommt. Der Showanteil ist bei METALLICA um einiges grösser und wohl auch der Grund, warum diese ein paar Millionen Platten mehr verkauften.

Irgendwo dazwischen liegt Lemmy mit seinen beiden treuen Gefährten Wizo und Mikkey. MOTÖRHEAD reduzieren ihren Auftritt zwar wie gewohnt auch aufs Wesentliche, aber Lemmy schafft es mit britischer Höflichkeit, die Rehbeindli verpackt in Rüebli-Jeans und abgeschlossen mit protzigen, customized Cowboy-Stiefeli ,alle auf seine Seite zu bringen.

Bei MOTÖRHEAD habe ich immer das Gefühl, dass die Songauswahl besser sein könnte. Wenn ich mich dann jedoch entscheiden müsste, welche Songs gespielt werden sollten, dann bleib ich überfordert. Es gibt einfach zu viele geile Rock n’ Roll-Klassiker von Motörhead. Die zwei klaren Höhepunkte sind aber auch dieses Mal «Ace Of Spades» und die Zugabe «Overkill». Die einzige wirkliche Überraschung bleibt, dass der sonst klassische Begrüssungs-Spruch «We are Motörhead and we play rock n‘ roll» erst zur Zugabe ergänzt mit einem «don’t forget …» erfolgt.

Mit 15 Minuten Verspätung rennt der gute Cowboy auf den grossen Screens wie gewohnt zum x-ten Mal vor einen METALLICA-Konzert über den Friedhof zur Musik von Ennio Moriconne («Ectasy Of Gold» aus «The Good, The Bad And The Ugly»).

Die «Four Horsemen» starten ihr Set und zweiter Auftritt innerhalb der Sonisphere-Reihe mit dem Eröffnungs-Song ihres Debut-Albums (Kill ‘Em All): «Hit The Lights». Und mein persönlicher Höhepunkt eines jeden METALLICA-Konzerts und bester Song aller Zeiten – «Master Of Puppets» folgt sogleich. Wenn auch in etwas gekürzter Version. Beim ersten Ton schon ist der Unterschied zu SLAYER und den anderen Bands frappant. Klar, METALLICA ist der Headliner und kann auf der Bühne aus den vollen schöpfen und muss auch nicht bei Tageslicht spielen. Trotzdem Ausstrahlung und die Präsenz auf der Bühne ist unerreicht. James Hetfield bleibt der optische Übervater aller Metal-Gitarristen. Beim Riff von Master Of Puppets habe ich nur einen Gedanken: Am achten Tag erschuf Gott dieses Riff und der Thrash-Metal sowie METALLICA wurden unsterblich.

Bevor es übergeht in die angekündigte Zelebrierung des Schwarzen Albums, welches letztes Jahr seinen 20. Geburri feierte, gibt’s noch «Fuel», «For Whom The Bell Tolls» sowie «Hell And Back» – einem Füller welcher es zum guten Glück nicht auf «Death Magnetic» schaffte und später auf der EP Beyond Magnetic veröffentlicht wurde. James begrüsst dazwischen die Fans, die aufgrund der Stimmung mehrheitlich zu ihren Ehren angereist sind: «Loads of heavy bands are here today». Dabei dreht er sich um, und zeigt dabei auf seinen grossen MOTÖRHEAD-Rückenaufnäher auf seinem Jeans-Gilet.

Nach diesen fünf ersten Songs startet auf den Screens die Zeitreise ins Jahr 1991. Bilder aus den Aufnahmen und anschliessender Tour werden mit Fakten zum Schwarzen Album gezeigt.

Gleich vorweg, ich gehöre grad noch zu der Generation, für die das Schwarze Album der Anfang vom Ende der glorreichen 80er Jahre mit den vier unerreichten Hammeralben von METALLICA war. Ich konnte mich bis heute nie 100% mit diesem Kassenschlager anfreunden, auch wenn es dann mit «Load» noch schlimmer kommen sollte.

Gestartet wird die rund einstündige Black-Album-Session mit «Struggle Within» und schliesslich mit «Enter Sandman» abgeschlossen. Weiter geht’s mit den Justice-Songs «Blackened» und einer ebenfalls gekürzten Version von «One». Bei One stimmt das Timing von Anfang an nicht und der auf dem Papier einer der besten Songs des Abends, wurde zur eher grössten Enttäuschung. Die eingesetzten Laser machen das Ganze nicht besser. Wie schon bei Judas Priest ein paar Wochen früher finde ich, dass Laser an einem Metal-Konzert nichts zu suchen haben.

Zum Abschluss wie in den letzten Jahren Tradition hiess es dann, House lights einschalten, three simple words: «Seek And Destroy». Auch die METALLICA-Wasserbälle sind seit mehreren Jahren Standard und schliessen den Kreis zum ursprünglichen Badifeeling des Sonisphere 2012.

Mit schnellem Loslaufen nach dem letzten Takt des METALLICA-Sets schaffen wir es grad rechtzeitig auf den letzten Zug Richtung Zürich bzw. Luzern.

Fanzit: Es wird im Allgemeinen bei der Sonisphere-Reihe viel kritisiert. Zum Teil zu recht, mehrheitlich aus meiner Sicht jedoch ungerechtfertigt. Oft wird vergessen, dass wir uns in der Schweiz glücklich schätzen können, dass sich Top-Bands fast jährlich blicken lassen, wovon Metalheads in bedeutend grösseren Ländern nur träumen können. Dazu braucht es jedoch Leute, die diese Konzerte und Festivals organisieren, die oft auch ein finanzielles Risiko bergen. Drum bin ich als Metalfan zuerst mal dankbar, dass es das Sonisphere und viele weitere Hammerkonzerte und –Festivals weiterhin gibt. In diesem Sinne war auch das Sonisphere 2012 ein geniales Festival, was das Line-up, das Wetter, die Location und Anreise betrifft. Die Bands spielten ordentlich, auch wenn ich von den meisten schon einige bessere Auftritte gesehen habe. Was ich nicht so gut fand, findet ihr oben in meiner Review drin. Ich freue mich auf ein Sonisphere 2013, wo vieles gleicht bleibt und einiges verbessert wird.


Wie fandet ihr das Festival?

Sonisphere 2012
User Bewertung: 9/10

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