Mi, 5. Dezember 2012

DIE TOTEN HOSEN

Hard Rock, Punk, Punk Rock, Rock
06.12.2012

Die toten Hosen (KRACH DER REPUBLIK)

Ich fahre mit gemischten Gefühlen zu den Hosen. Das Konzert vor rund 15 Jahren im Hallenstadion war eines der schlechtesten Konzerte, das ich bisher gesehen habe – und das waren schon einige. Heute sind somit meine Erwartungen um einiges tiefer als damals und so kann es ja nur gut kommen. Vor 15 Jahren war die Stimmung mies, die Band schien lustlos und Campino kümmerte sich mehr um seine Kletterkünste als ums Publikum. Der Tiefpunkt war, als Andi beim Stagediven die Schuhe geklaut wurden. Das fanden die Jungs gar nicht nett und schmollten den Rest des Konzertes. Aber eben, man will ja nicht nachtragend sein und so geht’s ab jetzt um das jetzt.

Punkt 20.00 Uhr kommt die Vorband „Broilers“ auf die Bühne. Und zumindest das Mädel am Bass wird von der ersten Reihe „herzlichst“ empfangen. Eine halbe Stunde später war der Spuk dann schon wieder vorbei. Ohne eine Zugabe mussten Broilers wieder von der Bühne. Ich gestehe, ich kannte die Band vorher nicht und muss sagen, sie sind gefällig. Macht Lust auf mehr. Eine Chance wäre am anderen Tag das Konzert von denen im Abart gewesen – was jedoch auch schon ausverkauft war. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall.

Dann ging‘s wieder für die ersten drei Lieder in den Fotograben. Ich bin heute Schreiber und Föteler in Personalunion. Drum folgt nach den ersten drei Songs eine kleine Lücke, bis ich wieder am meinem Schreibtischli auf der Tribüne sass.

Nicht fulminant aber ansprechend ging‘s wieder pünktlich um 21.00 Uhr los mit „Ballast der Republik“, gefolgt von „Altes Fieber“ und dem „Auswärtsspiel“. Soweit ich die ersten drei Lieder im Fotograben mitbekam, war alles ganz OK. Von nah der Bühne fiel einem vor allem das Dauergrinsen von Campino auf – irgendwie kennen wir doch das von einem anderen Sänger einer anderen Band, jedoch aus Berlin – und die Jungs sind älter geworden. Die Haut blass und schlaff – halt so wie es sich für einen Rockstar um die 50 gehört.

Jetzt folgt die ankündigte Lücke bis wir durch die Katakomben des Hallenstadions zurück auf der Tribüne waren … (die entsprechenden Songs findet ihr in der Setliste am Ende des Textes).

… gerade rechtzeitig zurück zu einem ersten – persönlichen – Höhepunkt: „Bonnie & Clyde“. Von oben sehe ich nun auch den eher kleineren Pogo. Mitten in diesem drin brennt eine Pyro-Fackel. Hm, ob das klug ist, wenn beim Pogen einer eine X-Tausend-Grad-heisse Fackel schwingt? Dazu werden eifrig Hosen-Flaggen geschwungen. Man wähnt sich beim Fussball ohne Fussball. So macht auch das Intro „You‘ll never walk alone“ durchaus Sinn …

Wenn wir schon beim Fussball sind: Campino scheint fit zu sein wie eh und je. Er wieselt und hüpft über die Bühne wie ein junges Känguru auf Speed.

Nach „Das ist der Moment“, „Niemals einer Meinung“ darf Kuddel ans Klavier. Wenig Licht und der ernste Text von „Europa“ verwandelt die Atmosphäre vom fröhlichen Hüpfen und Mitsingen in eine düstere, nachdenkliche, melancholische Stimmung.

„Pushed Again“ hebt diese wieder auf Punkrock-Niveau bis zum nächsten Höhepunkt. Gemäss Campino handelt es sich um ein Lied einer jungen Band aus Berlin und man solle dem und denen doch eine Chance geben: „Schrei nach Liebe“ von die Ärzte. Es wird nicht nur gecovert, sondern im Stile der „jungen“ Band aus Berlin auch der Text den aktuellen Gegebenheit angepasst: Die Kuschelrock LP liegt nicht zwischen Störkraft und den Onkelz, sondern zwischen den Ersteren und Bushido.

Dass die Fan-Schnittmenge zwischen den Berlinern und den Düsseldorfern gross ist, zeigt sich indem Schrei nach Liebe den bisherigen stimmungsmässigen Siedepunkt darstellt.

Das nächste Lied ist wieder ein eigener Klassiker und handelt von den Strassenschlachten Anfangs der 80er Jahre in … Berlin. Campino will, dass wir jetzt alle mitsingen bzw. ihm nachsingen. Das Zögern des Publikums bewertet Campino mit: „Das war fantastisch für eine Stadt wie Basel. Jetzt macht es aber wie Zürich.“ Und siehe da, es wurde lauter. Und die ersten langsam gesungenen Strophen lösten zum ersten Mal so was wie Hühnerhaut aus. Jetzt wird‘s geil.

Pogo leicht intensiver was auch Campino nicht entgeht: „Es ist zwar ziemlich voll da unten, aber soweit ich das sehe, helft ihr euch gegenseitig hoch, wenn einer hinfällt.“ Eigentlich müssten ja die heiligen Pogo-Regeln Keinem erklärt werden, aber die Hosen sind ein gebranntes Kind, nachdem bei ihrem 1000. Konzert ein Mädchen erdrückt wurde.

Mitten in „Paradies“ stoppt Campino die Band und sagt uns: „Obwohl es manchmal wie Basel tönt habe ich das Gefühl, das ist der bisher beste Chor dieser Tour.“ Ein junger Punk mit grünem Irokese – Andi aus Zürich – darf stellvertretend für die vorderen Reihen auf die Bühne. Begleitet mit der Drohung, falls er den Text nicht kenne, dass er geteert, gefedert und gevierteilt werde. Campino übergibt im das Mikro und Andi legt los wie die Feuerwehr. Gar nicht mal schlecht. Ich denke, er steht heute zum ersten Mal vor gut 15‘000 Leuten mit einem Mikro in der Hand, geht aber ab, als wär‘s eine Schülerparty. Zum Abschluss gibt es einen Synchron-Stage-Dive mit Campino. Coole Sache. Die Hosen haben grad wieder ein bisschen bei mir gepunktet. Und Andi auch.

Als nächstes kommt gemäss Campino das eigentliche „Hinsetzlied“, nachdem die Stehplätzler schon beim Liebeslied hinsassen, um kurze Zeit später gemeinsam hochzuspringen. Und ja, was könnte das wohl sein? Genau, „Steh auf, wenn du am Boden bist“. Das hat dann auch ganz prima funktioniert und man hüpft wieder mal über die 20 Meter Zone vor der Bühne hinaus.

So macht‘s doch Spass. Doch nach der Ebbe kommt die Flut oder eher umgekehrt und Campino deutet es an, indem er von Kuddel dessen Feuerzeug klaut. Die Lichter gehen aus. So viele brennende Feuerzeuge zu „Alles wird vorübergehen“ habe ich seit dem Natelzeitalter seit Jahren nie mehr an einem Konzert gesehen. Hätte nicht gedacht, dass ich das nochmals erlebe, heute wo alle anstelle Feuerzeuge leuchtende Natels in die Luft strecken.

Bevor dann wieder die Flut bzw. der Alex kommt, erfreut sich Campino an einem randvoll gefüllt Portemonnaie, welches auf die Bühne geschmissen wurde. Er geht davon aus, dass dies nicht für ihn gedacht ist, sondern ein ehrlicher Mitpunkrocker es auf dem Boden gefunden hat. Campino fand das echt stark und der Verlierer könne sich nachher melden.

Bei „Hier kommt Alex“ werde ich leider wieder ein bisschen enttäuscht oder habe ich zu viel erwartet? Eigentlich sollte dieser absolute Klassiker ja der Höhepunkt eines Hosen-Konzerts sein, aber die Band sieht das wohl nicht (mehr) so und spielt diesen eher lustlos und ohne das Live-Potential zu nutzen schnell runter. Highlight dabei ist ein weiterer Mini-Stage-Dive von Campino grad knapp in die erste Reihe, wo er sich dann, gehalten von den Security Leuten, weit in die nach ihm zerrende Masse streckt. Dabei verteilt er einmal mehr – wie eigentlich den ganzen Abend – eifrig Wasserflaschen und Bierdosen an die Leute in den vordersten Reihen.

Umso intensiver wird es bei „Wünsch dir was“. Der bisherige stimmungsmässige Höhepunkt. Vor Alex hatte sich Campino seinem letzten Shirt entledigt und präsentiert sich in alter Punkrock-Manier oben ohne. Und das kann er sich mit seinem flachen Bauch und allgemein fitter Figur auch locker erlauben. Da scheint Iggy Pop im höheren Alter ein erreichbares Vorbild zu sein.

Der aktuelle Überhit – „Tage wie diese“ – wird mit Konfetti- und Papierschlangen-Kanone bombastisch angekündigt. Die langen Papierfetzen bleiben bis am Schluss an der Hallendecke hängen. Beim aktuellen Lied konzentriert sich das Publikum aufs zuhören anstelle mitsingen – was mich ziemlich überrascht. Aber das ist ja nicht das erste Mal heute Abend, dass ich mich täusche. Mit dem heftigen Applaus zu diesem Lied macht sich die neue Hosen-Generation doch noch bemerkbar.

Nach 80 Minuten verlassen die Düsseldorfer zum ersten Mal die Bühne. Nach kurzer Zeit kommt Campino zurück und begrüsst uns zur „zweiten Halbzeit“ mit „Draussen vor der Tür“.

So, nicht nur ich finde, jetzt sollte es aber wieder mal abgehen, sondern auch Campino: „Ich finde wir sollten jetzt wirklich mal Krach machen. Das macht doch alles keinen Sinn.“ Es folgt „Strom“.

Und nun zur grossen Überraschung des Abends. Gemäss Campino hat sich Kuddel in letzter Zeit verändert. Beim letzten Konzert habe er zum ersten Mal zum Publikum gesprochen und „vielen Dank“ gesagt. Dieses Mal war es sogar lokal geprägt: „Grüezi. Dankeschön.“

Ja, was passt jetzt besser als „Alles aus Liebe“? Ein weiterer stimmungsmässiger Höhepunkt. Bevor die Hosen nach 95 Minuten zum zweiten Mal die Bühne verlassen, gibt es noch „Freunde“.

Den Fans in den ersten Reihen wird es langsam zu bunt und so übernehmen sie das Zepter und stimmen „Eisgekühlter Bommerlunder“ an. Was Campino zur Frage veranlasst, „wollt ihr das wirklich? Bis heute sind wir drum herum gekommen.“ Na ja, liebe Hosen, Punkrock darf auch im 21. Jahrhundert noch niveaulos sein, wir finden euch trotzdem noch gut oder gerade deswegen.

Und erstaunen Nr. 97 – der Pogo bleibt eher schwach. Es sind immer die gleichen zwei, drei Dutzend Pogoianer, die dem Konzert eine gewisse optische Härte geben.

Und gleich Nr. 98, sie spielen meine absolute Lieblingsnummer und wohl für die meisten Punkrocker autobiographischen Text: „Das Wort zum Sonntag.“ Und während ich das schreibe, läuft mir Campino bei seinem Ausflug auf die Tribüne praktisch über meinen Schreibblock. Aber wer stützt schon nicht gerne Campino, während er einem die Zeilen sind, die die Jugend prägten und auch heute noch Leitsätze sind?  Zwei Meter neben uns zündet er das gross angekündigte bengalische Fackeln-Feuerwerk. Na ja, die kleine Wunderkerze brannte etwas gar schnell nieder …

Das zeichnet die Hosen bzw. vor allem Campino aus, keine Berührungsängste vor den Fans – auch wenn er von zwei Security-Leuten und einem aufdringlichen Groupie begleitet wird. Und noch etwas Gutes hat Campinos Besuch: Wir stehen endlich und bis am Schluss des Konzertes.

Auf „Vogelfrei“ spielen die Hosen einen weiteren Gassenhauer, der das Ende des Konzertes ankündigt: „Schönen Gruss, auf Wiederseh’n“. Während wir alle schön die Arme auf und ab schwingen, springt auch noch Andi mit dem Bass in die ersten Reihen. Ich hoffe für ihn, dass er dieses Mal die Schuhe mit einem Doppelknopf fest zugeschnürt hat.

Es ist 22.54 Uhr wenn die Hosen die Bühne zum dritten Mal verlassen. Die Verlängerung startet mit einem „alten Lied – (Reisefieber), welches damals unser erstes Lied war, welches wir mit einem anderen Song so richtig im Studio aufgenommen haben. In diesem Studio waren wir jedoch nie wieder, weil wir die Rechnung nie bezahlten.“ Riesefieber war somit die zweite Single der Hosen überhaupt.

Es folgen „All die ganzen Jahre“ und schliesslich einen weiteren der Songs auf die Campino so gar nicht mehr stolz sein soll …“Zehn kleine Jägermeister“. Auch bei diesem, so prädestinierten Pogo- bzw. gemeinsam Russen-Polka-Tanzen-Song, hält sich der Moshpit in Grenzen – beteiligt sind die nur bisher bereits Aktiven.

Alles hat ein Ende, auch ein Hosen-Konzert, welches ja eigentlich die übliche Punk-Konzertlänge bereits um ein mehrfaches überboten hat. Dabei schliesst sich der Kreis. Bevor die Hosen „You’ll never walk alone“ live spielen, gibt uns Campino noch „vergesst nicht, dass dieses Lied der Anfield Road gehört“ mit auf den Weg.

23.09 – das war‘s. Die Band verabschiedet sich artig auf alle Seiten beim Publikum. Dieses fordert die Band noch auf ein paar La-Ola-Wellen heraus.

Fanzit

Spontan es war geil. Und es war um Welten besser als meine Erinnerung von dem Konzert an gleicher Stätte vor rund 15 Jahren. Campino konzentrierte sich auf das was er am besten kann – Singen, Schreien, Verrenken, Rumrennen, Unterhalten, Grinsen, in die Massenabtauchen – und dabei nicht an seinem Kletterbrevet arbeiten. Der Rest der Band spielte solide (mit), auf einem hohen Level, dass dem Punk schon fast nicht mehr würdig ist. Zwei leicht negative Punkte habe ich trotzdem:

  • Die Songauswahl war teilweise überraschend und die Hosen hätten den einen oder anderen Klassiker mehr spielen können. Aber es war ja auch keine Best-of-Tour, sondern „der Krach der Republik“.
  • Die Stimmung war gut, aber die Lieder und die Band hätten mehr Potential. Auch der Moshpit war doch eher harmlos. Mehr als zwei, drei Dutzend hat sich über das ganze Konzert nicht aktiv am Pogen beteiligt. Ich finde eine Band, die unzählige deutschgesungene Hits und Ohrenwürmer im Programm hat, sollte stimmungsmässig mehr bringen. Das schaffte sie jedoch nicht. Obs an der Band, dem Publikum, dem Mittwoch-Winterabend oder sonst was lag, schwierig zu sagen.

 

 

Setliste

Intro: You’ll never walk alone / Drei Kreuze

  1. Ballast der Republik
  2. Altes Fieber
  3. Auswärtsspiel
  4. Alles was war
  5. 2/3 Liebe
  6. Heute hier Morgen dort
  7. Drei Worte
  8. Hang On Sloopy
  9. Bonnie & Clyde
  10. Das ist der Moment
  11. Niemals einer Meinung
  12. Europa
  13. Pushed Again
  14. Schrei nach Liebe
  15. Liebeslied
  16. Paradies (mit Andi aus der ersten Reihe am Gesang)
  17. Steh auf, wenn du am Boden bist
  18. Alles wird vorübergehen
  19. Hier kommt Alex
  20. Wünsch dir was
  21. Tage wie diese
  22. Draussen vor der Tür
  23. Strom
  24. Alles aus Liebe
  25. Freunde
  26. Eisgekühlter Bommerlunder
  27. Wort zum Sonntag
  28. Vogelfrei
  29. Schönen Gruss, auf Wiederseh’n
  30. Reisefieber
  31. All die ganzen Jahre
  32. Zehn kleine Jägermeister
  33. You’ll Never Walk Alone

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06.12.2012
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