HANSEN & FRIENDS – XXX – Three Decades in Metal

Heavy Metal, Power Metal
19.08.2016

Also, für jene, die’s noch nicht mitbekommen haben: Kai Hansen zelebriert 30 Jahre „in Metal“. Wie übersetzt man das? „Im Metal?“ klingt blöd. Man kann ja nicht „im Metal“ sein. „Im Metalbusiness“? Auch irgendwie doof. Ach, bleiben wir beim Englischen „in Metal“, Englisch ist ja eh cooler. Jedenfalls prägt der Mann (die Legende?) schon seit 30 Jahren die Metalszene. Erst mit Helloween (muss ich erwähnen, dass er ein Genre mitbegründet hat?), dann mit Gamma Ray, und seit kurzem ebenfalls mit Unisonic. Unerwähnt seien all die zahllosen Gastauftritte, Hilfestellungen etc. bei sehr bekannten und weniger bekannten Bands.

Und wie feiert man so ein Jubiläum nun am besten? Richtig, mit einer neuen Scheibe. Geschrieben wurde XXX von Kai, Eike Freese (Dark Age) und Alex Dietz (Heaven Shall Burn). And boy, haben die Jungs gute Arbeit geleistet. An den Drums werden sie unterstützt von Daniel Wilding (Carcass), und zahlreiche Freunde und Bekannte von Kai haben Gastauftritte, unter anderem Michael Kiske, Tobias Sammet, Hansi Kürsch, Dee Snider, Michael Weikath, Marcus Bischoff (Heaven Shall Burn), Bill Steer (Carcass), Michael Amott (Arch Enemy), Sami Yli-Sirniö (Kreator), Jeff Walker (Carcass), Roland Grapow (Masterplan), Piet Sielck (Iron Savior), Frank Beck (Gamma Ray)… liest sich ja fast wie das Who is Who des Metals. Da kann das Album ja nur gut werden. Richtig? Falsch. Es ist besser.

Oh, und wahrscheinlich sollte ich noch erwähnen, dass Kai seinen Vorschuss für dieses Album der Wacken Foundation gespendet hat, eine Stiftung, die junge Künstler unterstütz. Hut ab.

Achtung: Es folgt eine Sezierung des Albums. Wer die Geduld dafür nicht hat, der soll scrollen und das Fanzit lesen.

Die Scheibe beginnt mit der Video-Auskopplung Born Free. Definitiv ein biographischer Songs. Kai zeigt hier, dass er nicht nur clean singen kann, sondern auch herrlich dreckig und hart. Ein sehr vielversprechender Auftakt – wer Gamma Ray Reloaded oder Unisonic II erwartet hat, wird hier gleich mal eines besseren belehrt.

Und wenn ich Born Free schon gut fand, haut mich Enemies of Fun aus den Socken. Das Hauptriff ist genauso einfach wie eingängig und lädt sofort zum Headbangen ein. Die Stimme: Wieder alles andere als clean. Kai wird hier unterstütz von Ralf Scheepers und Piet Sielck und es ist einfach nur geil – 7 Minuten lang, und damit einer der längsten Tracks auf dem Album. Thematisch gibt der Titel die Richtung vor: Enemies of Fun. Also gewisse Autoritäten, die einem jeglichen Spass im Leben verbieten wollen.

Contract Song ist einer meiner Lieblinge auf dieser Scheibe. Es geht hier eher in melodiöse Gefilde. Ein Ohrwurm-Refrain par excellence, gepaart mit Steve McT als Manager, Kai at his best, und Humor ergibt eine Mischung, die einfach Laune macht und abgeht.

Making Headlines könnte auch auf einem Gamma Ray Album sein. Tobias Sammet ist hier mit von der Partie und passt wie die Faust aufs Auge. Zwar nicht ganz so ohrwurmig (ich brauch das Wort so lange, bis es sich eingebürgert hat) wie Contract Song, aber ein absolut empfehlenswerter Track in its own right, die Melodien sind nämlich ebenfalls sehr catchy. Und das Ende… verrate ich nicht, aber es zeichnet sich langsam ab, dass die Jungs das Album mit einem Augenzwinkern angegangen sind. Ich finde so was immer sehr sympathisch.

Stranger in Time (feat. u.a. Michael Kiske, Tobias Sammet) ist wohl der abwechslungsreichste Song auf der Scheibe. Voller Chöre und der wunderschönen Stelle, bei der ihr von nun an immer ‚Dinophobia‘ hören werdet. Gern geschehen. Auch hier ist Tobias Sammet kurz mit an Bord, und tut, was er am besten kann: Creepy Vocals. Ein sackstarker Song, von Anfang bis Ende.

Fire and Ice beginnt sehr drückend, mit schweren Riffs und auch die Vocals sind sehr bedrückend zu Beginn. Der Chorus allerdings ist sehr positiv, was in wunderbarem Gegensatz steht zum Rest des Songs. Auch Clémentine Delauney muss sich als eher unbekannte Vocalistin absolut nicht verstecken hinter den anderen Grössen. Der beste Teil ist ohne Zweifel, wenn man plötzlich denkt, der Song hätte gewechselt: Das kenne und liebe ich wiederum von Gamma Ray. Vor allem, wenn dann unerwartet gegrowlt/gescreamt wird. Kann der Song noch besser werden? Ich bezweifle es.

Left Behind drosselt das Tempo und bewegt sich in sehr ruhigen Gefilden. Wohl das Balladen-Äquivalent. Ich sage Äquivalent, weil er definitiv nicht in die Kategorie einer typischen Ballade fällt – die haben nämlich normalerweise keine Shouts/Growls. Ein Song, der viel mehr ist, als er auf den ersten Blick zu sein scheint.

All or Nothing ist ebenfalls eher ruhig. Ein wunderschöner Song meines Erachtens, wenn auch nicht im klassischen Sinn. (Mir wurde von höchster Instanz verboten zu sagen, dass mich eine kurze Stelle an eine gewisse schwedische Band mit 4 Buchstaben (je 2 davon gleich) erinnert. Daher erwähne ich das nicht.) Sehr ruhige Verse, durchbrochen von kräftigen, aber immer noch eher ruhig gehaltenen Refrains mit einer leicht schwermütigen Note, die den ganzen Song durchzieht.

Burning Bridges räumt mit der Schwermut auf. Und wie. Ohne Zweifel mein Lieblingssong. Er hat was von I Want Out; nicht von der Melodie her, aber vom Feeling und der Aussage:

„Fuck the world and take your chances, overcome the sky high fences. […] Let them crash on your defences, come on, climb the sky high fences.”

Und schon sind wir beim letzten Song. Der Rausschmeisser. Nebst dem Opener die wichtigste Position auf einem Album. Anfangen tut Follow the Sun schon mal verdammt gut. Hart, einfach. Weniger melodiös, was schon fast ironisch ist, da Hansi Kürsch mitsingt, und wenn Blind Guardian nicht für Melodien stehen, wer dann? Der Song hat jedenfalls schon was von Blind Guardian, wenn auch ohne den ganzen Pomp, mehr auf das Nötigste reduziert. Follow the Sun ist vielleicht nicht ein sofortiger Liebling, aber ein Track, der auf jeden Fall mit jedem Durchgang wächst. Oh, und das starke Gitarrensolo ist übrigens von Kais Sohn, Tim Hansen – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Fanzit: Hansen & Friends ist zu 100% Hansen & Friends. Jeder Song sagt, nein, atmet Kai Hansen, durch und durch, mitsamt der kleinen Unperfektionen, die ein Werk erst lebendig machen. All die Einschläge, die Einflüsse, von Bands, in denen Kai mal mitgewirkt hat, klingen an, nehmen aber nie Überhand. Eine Diversität, wie sie weder Gamma Ray noch Unisonic aufweisen. Das ist nicht schlecht zu verstehen, beide Bands haben schliesslich ihre Stile, für die sie mit ihrem Namen einstehen, und das ist auch gut so. Gerade deswegen ist es äusserst erfrischend zu hören, wie Kai sich was traut, zeigt, was er kann, vor allem stimmlich. (Dass er Hits schreiben kann, wissen wir alle schon lange.)

Jeder Song ist einzigartig, etwas anders als der vorhergehende, aber immer authentisch und immer unterhaltsam. Durchdrungen ist das ganze Album von der positiven Energie, die wohl alles mitbringt, was Kai mitgestaltet, und so ist XXX eine Scheibe, die auf höchstem Niveau Laune macht und auch nach dem xten Durchlauf nicht langweilig wird.

Ich hab’s versucht – aus Angst, voreingenommen zu sein – aber ich kann hier nichts bemängeln. Klare und uneingeschränkte Kaufempfehlung – es sei denn, man mag Kai Hansen nicht. Aber dann stellt sich die Frage, wieso man diese Review liest.

 

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Trackliste

  1. Born Free
  2. Enemies of Fun
  3. Contract Song
  4. Making Headlines
  5. Stranger in Time
  6. Fire and Ice
  7. Left Behind
  8. All or Nothing
  9. Burning Bridges
  10. Follow the Sun

Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 10/10



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19.08.2016