Fr, 18. November 2016

METALLICA – Hardwired To Self-Destruct

Heavy Metal, Thrash Metal
17.11.2016

Die grösste (Thrash-)Metal-Band aller Zeiten veröffentlicht nach acht (!) Jahren ein neues Album

Irgendwie überraschend, weil sie das seit gefühlt fünf Jahren machen und es jetzt definitiv ernst gilt. Zuvor haben wir Songs wie „Lords Of Summer“ live und in zig Youtube-Versionen gehört. Es ist immer ein Ereignis, wenn eine Band wie Metallica eine neue Scheibe ankündigt – egal was man vorher, die letzten Jahre und Jahrzehnte gehört hat und enttäuscht wurde. It’s fucking Metallica baby! Genau, die Band die das genialste und wohl schnellste Debut aller Zeit rausgebracht hat und anschliessend Alben, die unerreicht für die Ewigkeit gelten. Da gibt man als Die-Hard-Fan die Hoffnung nie ganz auf. Auch wenn sich für diesen bereits seit dem Schwarzen Album die Erde nicht mehr rund drehte.

Einerseits sind die Erwartung viel zu hoch, weil auch Gott keine zweite Erde erschaffen hatte – wenn er auch dies wollte, was perfekt ist, geht nicht perfekter. Gut, der geneigte Fan gibt wie schon geschrieben die Hoffnung nie auf und glaubt an das Unglaubliche.

Und wenn dann vor Release drei Hammersongs veröffentlicht werden, fängt jeder Fan und irgendwie-ich-finds-ja-auch-gut-Typ dran zu glauben, dass doch noch was ganz Grosses aus der Bay-Area, am Kopf von Silicon Valley kommt, was nicht nur die Börsen beflügelt.

Ein Doppelalbum wurde angekündigt. Und dabei mit „Moth Into Flame“ für viele den besten Song seit dem Schwarzen Album oder gar Justice vorab rausgehauen. Zuvor noch „Hardwired“, welcher schon fast an das Debut „Kill ‚Em All“ andockt, während Moth Into Flame es schafft, die 80er mit den 90ern zu verbinden oder gar zu versöhnen. Riffs, Speed etc. wurzeln in dem glorreichen Jahrzehnt der ersten vier Alben der Bay Area Thrashers, während uns der ohrwurmige Refrain in die 90er zu ReLoad Zeiten knallt. Die Holy Trinity machte dann vor ein paar Wochen „Atlas, Rise!“ komplett. Auch dieser Song haute uns schlichtweg aus den Socken mit Hammerriffs, schön thrashig mit ebenfalls Anlehnung an Kill ‚Em All und … Iron Maiden bei den Bridges.

Nun haben wir die Chance direkt beim Label das Doppelalbum zum ersten Mal vor Release komplett durchzuhören. Als erstes überrascht, dass es „nur“ 12 Songs sind, die zwar praktisch alle über 6 Minuten dauern, jedoch kumuliert keine 80 Minuten schaffen. Das stellt sich schon mal vorab die Frage, warum zwei Scheiben? Die Antwort darauf ergibt sich sicher schon beim ersten Durchlauf.

Disc 1

Zuerst Disc 1, worauf die drei Vorabreleases enthalten sind. Bei sechs Tracks ist also schon mal die halbe Miete bezahlt. Da kann doch nicht mehr viel schiefgehen. Vor allem mit einem Opener wie „Hardwired“. Da kommen Erinnerungen an die glorreichen 80er hoch, das Gaspedal wird durchgedrückt, so kann es doch weitergehen. Anschliessend Atlas, Rise! bis an dritter Stelle dann der erste noch nicht veröffentlichte Song „Now That We’re Dead“ folgt. Zum ersten Mal wird das Tempo gedrosselt, ein Mid-Tempo Stampfer der erinnert verdammt an … hm, kann es wirklich stimmen? Megadeth! Ich war zugebenermassen nie der grosse Dave-Megadeth-Mustaine-Fan, aber wenn ich beschreiben könnte, wie sich für mich Megadeth anhört, dann wäre es genauso wie dieser Song. James singt wie Dave und auch riffmässig, die Distortion … für mich Megadeth in Reinkultur. Eine Referenz an den verbitterten Dave von den ehemaligen Bandkollegen?

Nun, Now That … kann mit den fulminanten Startraketen nicht mithalten und läuft irgendwo im Feld – sehr geil ist eine kurze Sequenz im Mittelteil mit den wirklich genutzten Hänge-Toms und sich zuschreddernden Gitarren. Aber schlussendlich ist es einer der Songs, bei dem man sich sagt, wäre ganz gut für die meisten anderen Bands, aber von einer Band, die die genialsten Hymnen und Alben aller Zeiten geschrieben hat, erwartet man halt einfach mehr. Wenn man diesen Fakt ausblenden würde, dann wäre jedes Album seit Justice – mit Ausnahme von LuLu – ein gutes Album gewesen. Aber eben it’s Metallica Baby und da ist die interne, selbstgeschaffene Messlatte halt einfach höher. Und diese überspringt definitiv der jetzt folgende Moth Into Flame. Genug gesagt zu diesem Übersong, der uns wohl die nächsten Jahre live oft um die Ohren gehauen wird. Da freu ich mich schon drauf.

Während Moth mit den Startraketen schon in weiter Ferne ist, kommt von der ersten Scheibe ein weiterer Nachzügler. „Dream No More“ ist wieder einer der endlosen schleppenden ‚tallica Songs seit „Sad But True“ – der nie mein Ding war – diese Tradition startete (gut da gab es auch schon welche auf Ride und Justice, aber da hat’s als Abwechslung funktioniert). Dream hat aber einerseits in der Stimme was von Alice Cooper – yep, richtig gelesen, das war zumindest mein erster Eindruck – und andererseits und das finden wir richtig cool, auch was von der Art von „Harvester Of Sorrow“. Hat was in der Tat, Kaufis erster Eindruck.

Der Closer macht der längste Song mit etwas über acht Minuten „Halo On Fire“. Halbballadig startend ein eher lahmer Rausschmeisser. Aber wir wollen ja auch noch nicht raus, es gibt ja noch Disc Two. Auch hier hört man James wieder ganz ungewohnt – vor allem in den Strophen. Er variiert seine Stimme über die ganze Scheibe wie selten zuvor.

Bei Halo schweife ich gedanklich beim ersten Durchlauf und nach rund einer halben Stunde zum ersten Mal ab – bis ich durch schwingende Becken wieder zurückgeholt werde, die sich wie Talerschwingen anhören. Mein Abschweifen zeigt wohl, dass mich der Track nicht gleich packt wie die vorangegangenen. Gut, ist bei einem Achtminüter ja auch nachvollziehbar. Trotzdem – es ist kein «Orion» oder «Ktulu».

OK, das war Disc 1 und die hat’s ganz schön in sich. Die hohen Erwartungen war insofern relativ einfach zu erfüllen, weil die ersten drei veröffentlichten Hammersongs alle hier drauf gepresst wurden. Somit ist die Hälft der ersten Hälfte schon mal top. Die restlichen drei Songs können bei den anderen drei jedoch nicht nahtlos anknüpfen, fallen aber auch nicht komplett ab. Dennoch, keine weitere grosse Überraschung. Zur Halbzeit bzw. für den ersten Silberling gibt es eine 8.5.

Disc 2

Dann wenden wir uns doch Disc 2 zu. Und da ist der Start gemächlicher, trotz typischem Metallica-Gitarren-Galoppiere bzw. -Stakkato ist der Song eher im schleppenden Mid-Tempo zu Hause. Lars hat es in Interviews auch angetönt, dass die zweite Hälfte Experimenteller sein soll. Da sind wir also gespannt.

Rod darf ein schönes Bassintro zu «ManUNkind» liefern. Das ist aber für mich auch grad das einzig erwähnenswerte Highlight bei diesem Stück. Es ist zwar groovig, aber lädt höchstens zum gemütlichen Überland-Cruisen mit einer Harley oder Indian ein – fetter, tiefer Sound inklusive. Witzig ist das Video dazu. Eine Black-Metal-Band performt den Song mit viel Blut und Schweinsköpfen inklusive.

Bei «Here Comes Revenge» bin ich wieder am Abschweifen … und dieses Mal schon nach zwei Songs. Der Start auf Disc 2 geht einfach zu lahm von statten, als dass es mich mitreissen könnte. Zwar packen auch Metallica hier wieder ein fettes Riff aus, man bleibt jedoch auf Cruise-Speed. Ich mag es zwar zu Cruisen, aber da bin ich dann auch mit meinen Gedanken überall und nirgends.

Noch mehr passiert mir dann das bei «Am I Savage». Der Name des Songs liess noch ein «Am I Evil» Teil 2 erhoffen, aber die Hoffnung ging relativ schnell in Luft auf. Dieser Schlepper der noch geschleppt werden muss, damit er endlich irgendwann ans Ziel kommt, erinnert verdammt an Load-Zeiten. Der Tiefpunkt von Metallica’s Karriere und dieser Scheibe. Da kannst du sogar den Töff stehen lassen und zu Fuss weitergehen. Du bist dann eher am Ziel.

Ein weiterer Song, bei dem der Titel viel verspricht, folgt gleich darauf mit «Murder One». Aber auch hier ist die Enttäuschung gross. Oder noch viel grösser. Denn Murder One – so hiess Lemmys Bass-Amp – ist eine Hommage an den nach Weihnachten 2015 verstorbenen Übervater des harten, schnellen und fiesen Rock n’ Roll und wohl aller Metalheads. Motörhead’s Lemmy Kilmister. Soundmässig hat das Teil aber nichts, aber rein gar nichts mit Motörhead am Hut. Kein verzerrter Bass, kein Tempo, kein Rock n’ Roll. Textmässig ehrt Metallica ihr frühes Idol schon eher:


Born to lose
One man
Does not give a damn
One man
No excuse
Aces wild
Aces high
All the aces, aces till you die

Eine schöne Idee wurde aus meiner Sicht etwas schlampig und gar lieblos umgesetzt. Das hätte «Whiplash» Teil zwei werden sollen. Damals galt Motörhead als der schnellste Sound überhaupt und daran hatten sich James und Lars orientiert. An diesem Speed, dieser Rohheit, weg von den geschleimten Glam-Rockern und mehr spielerische Klasse als Punk. Schade, hat man diese Chance verpasst, denn das hätte ein extrem emotionaler Live-Kracher werden können. Aber so wird’s eher ein Live-Dämpfer. Lemmy wollte ja, dass wir in seinem Sinne weiter Gas geben und nicht nach seinem Tod Murder One einstampfen. Und den Text finde ich jetzt etwas gar … na ja banal. Sorry, Metallica, aber Lemmy hätte mehr verdient als einen Album-Füller. Einzig das Video mit Lemmy im Comic-Stil ist cool gemacht.

Die zweite Scheibe war bisher wirklich schwach. Ich würde mal sagen auf Niveau von ReLoad. Aber ich geb die Hoffnung nicht auf, dass der letzte Song noch was retten kann. Und das tut der Rausschmeisser «Spit Out The Bone» definitiv! Wow, endlich geben die Four Horsemen wieder Gas! Und zwar richtig. Und ironischerweise hört man hier auch in einer Bridge den verzerrten Bass, der sofort an Lemmy erinnert … Jungs, das wäre Murder One! Der Moshpit hätte sowas verdient und wäre sowas von abgegangen bzw. tut er jetzt natürlich auch. Und auch Kirk bringt hier endlich fette Soli raus, wie man es von ihm erwarten darf aber bisher eher etwas vermisste. Sogar Lars packt ein paar Double Bass Salven aus, nachdem er sich in den Songs auf Disc 2 zuvor in Hardrock-Manier endlos langweilig durchgetrommelt hat.

Sehr geil auch der Trommelwirbel mit Gitarrenunterstützung im Mittelteil. Oh man, tauscht doch bitte die beiden Closer aus. Dieser gehört auf Disc 1. Dann wäre die Welt perfekt. Wir hätten eine Hammerscheibe und eine sagen wir mal Bonusscheibe mit den von mir aus experimentellen Sachen – wobei so experimentell find ich die Songs jetzt auch nicht. Apropos Bonusscheibe, die gibt es in der Tat. Dort ist dann der schon vor zwei, drei Jahren erste neue Song – Lords Of Summer – enthalten. Dieser hat es nicht auf die regulären Alben geschafft. Den hat Metallica selbst wohl auch zu oft gehört … aber ich finde, der hätte sich besser auf Disc 2 gemacht als einige der anderen neuen Tracks.

Fanzit

Metallica haben mit den ersten drei neuen Songs im 2016 positiv überrascht und aufhorchen lassen. Das schleckt keine Geiss weg. Aber sie haben damit euch die Erwartungen weit nach oben geschraubt. Diese können sie leider nicht erfüllen. Alles in allem liefert Metallica gutes Material ab und Lulu ist vergessen. Vielleicht auch Load und Re-Load. Vielleicht für mich sogar das beste Werk von Metallica seit Justice. Das heisst doch was.

Weiter erwähnenswert ist James Stimme. Variantenreich wie auf keinem Album vorher und ich finde, dass James, seit er sich bei der mörderisch endlosen Tour zum Schwarzen Album die Stimme zerstörte, nie mehr so gut gesungen hat. Endlich sind die Zeiten von den Tausend-James-Varianten von «Yeahs» und «Wooohooos» vorbei. Variantenreich – wie schon bei Death Magnetic sind aber definitiv wieder die Riffs Marke Metallica. Unverkennbar aber immer wieder extrem geil und immer wieder was Neues. Nicht mehr ganz so schlimm wie bei DM zwar, schafft man aber nicht immer die Riffs in einen harmonischen Song zu verpacken, wie es die grosse Stärke von Metallica in den 80er Jahren – zu Zeiten Cliff Burtons – war.

Nach dem ersten Durchlauf des Doppelalbums habe ich so ein bisschen das Gefühl, dass die ersten drei Songs, die veröffentlich wurden, so was wie in typsicher Blockbuster Film-Trailer waren. Man sieht die besten Actionszenen und Lacher bereits im Trailer. Der Film bringt dann nicht mehr viel Überraschendes, aber ist natürlich mit diesen Szenen drin trotzdem gut, auch wenn man sie schon kennt.

So sehr ich mich auf ein Doppelalbum freute, so ist mein erster Eindruck, dass man mit den knapp 80 Minuten besser ein paar Songs weggelassen hätte oder auf die Bonusscheibe geknallt und dafür ein Hammeralbum mit rund sieben Songs veröffentlicht. Folgende Songs wären bei mir drauf gelandet:

  1. Hardwired
  2. Atlas Rise!
  3. Moth Into Flame
  4. Dream No More
  5. Lords Of Summer
  6. ManUNkind (einen Fühler brauchts wohl …)
  7. Spit Out The Bone (als Murder One)

Vielleicht hätten man den einen oder anderen Füller von Disc 2 noch beschleunigen können, dann wären die auch wieder am Start.

Aber so wie es jetzt halt ist, geb ich Disc 1 eine gute 8.5 und Disc 2 eine grosszügige 7 (Spit holte alleine zwei Punkte raus). Mathematisch wären wir dann für das Doppelalbum bei 7.75 bzw. gerundet gibt’s ne gute 8. Vielleicht auch ein bisschen grosszügig, wenn man die Bewertung in Relation zu den 80er Werken setzt …

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Alle Songs als Video komplett anhören

Trackliste Disc 1

  1. Hardwired
  2. Atlas, Rise!
  3. Now That We’re Dead
  4. Moth Into Flame
  5. Dream No More
  6. Halo On Fire

Trackliste Disc 2

  1. Confusion
  2. ManUNkind
  3. Here Comes Revenge
  4. Am I Savage
  5. Murder One
  6. Spit Out The Bone

Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 8/10



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17.11.2016
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