Metalinside.ch - Tarja - Kofmehl Solothurn 2017 - Foto pam
Sa, 18. März 2017

Tarja, My Own Ghost, Skinflint

Kofmehl (Solothurn)
04.04.2017

Der Winterstorm in Solothurn

Als ich das Kofmehl betrete, ist es schon sehr gut gefüllt. Und dies zu unüblich früher Stunde.

Skinflint

Bereits um 18.15 Uhr spielt die erste Vorband. Tut mir leid, aber zu früh für mich – zumindest für den Fotograben. Rund die Hälfte der Show krieg ich jedoch noch mit. Und die paar Songs die höre und vor allem auch was man sieht, sind sehr ansprechend. Im Metal sind schwarze Musiker – in diesem Falle der Bassist und an den Drums sogar eine Mädel – leider immer noch eher selten und fallen dadurch schon mal auf. Und gut sehen sie dazu auch noch aus.

Aber was noch viel cooler ist, dass dies auch draufhaben. Zusammen mit Giuseppe Sbrana, dem Sänger, Gitarristen und Bandgründer in einer Person, überzeugt die bunte Truppe mit einem Mix zwischen Classic Rock und Heavy Metal. Wenn man nach dieser – mir zuvor unbekannten Band – googelt, lüftet sich das Geheiminis der Aura, die diese Band irgendwie umgibt. Sie kommen aus Botswana und spielen gemäss Wikipedia «African Heavy Metal». OK, nun hätten wir also Subgenre Nummer 3’783 kennen gelernt. Wikipedia verrät aber auch, dass «Skinflint’s music mixes elements of local traditional music with heavy metal, inspired by Iron Maiden and Black Sabbath.» Das kommt doch meinen Eindruck ziemlich nahe. Ich höre zusätzlich – vor allem beim Gesang – auch Elemente von Coroner heraus. Aber die lokalen Einflüsse bleiben mir etwas verborgen. Schade, das könnte ich mir durchaus noch gut vorstellen.

Aber noch lustig, grad kürzlich gab es in der NZZ eine Bilderserie über die Metal-Szene in Botswana. Die Typen hatten alle konsequent Fransen an ihren Lederjacken – so auch Giuseppe Sbrana.

Für einmal wieder Mal eine spannende Vorband entdeckt. Schön, dass Tarja nicht nur mit ihrer eigenen Musik Kontinente verbindet, sondern auch durch ihren Support.

My Own Ghost

Wenig später stehen nicht minder exotisch, was die Herkunft betrifft, die Luxemburger My Own Ghost auf den nicht sehr hohen* Brettern des Kofmehls. *Beim Fötelen blickt man mit etwas Übergrösse den Musikern praktisch in die Augen …

Auch hier hilft Google … bzw. in diesem Fall dessen Videoportal Youtube. Die Band beschreibt sich dort selbst mit «We are a rock band. And sometimes a pop band. With electronic things. From Luxembourg.» Das trifft doch deren Stil ganz gut. Kurz könnte man dem wohl auch einfach Symphonic Rock/Metal sagen. Aber lassen wir das – so lange das mit dem Elektronischen nicht Überhand nimmt – passt der Sound doch ganz gut zum heutigen Abend. Vor allem Lockenkopf und Sängerin Julie Rodesch sammelt einige Sympathiepunkte beim Publikum, die sich offen und tolerant gegenüber den Vorbands zeigen, auch wenn heute bestimmt 99% nur für die Headlinerin da sind. Dies weiss Julie auch zu würdigen. Das geht sogar soweit, dass sie ein paar Tage nach dem Konzert über Facebook alle, die am Konzert waren, an ihr Heimspiel eingeladen hat. O-Ton:

«Ich bin die Julie und Sängerin der Band My Own Ghost aus Luxemburg. Wir hatten das Glück und die grosse Ehre als Support für Tarja Turunen während ihren letzten acht Konzerten spielen zu dürfen. In dieser Zeit haben wir manche von euch kennen gelernt, und wir wollten uns auf diesem Weg bei euch für eure Unterstützung bedanken. Obwohl ihr uns nicht gekannt habt, habt ihr uns und unserer Musik eine Chance gegeben und wir haben uns sehr willkommen gefühlt. Um uns bei euch zu bedanken, haben wir uns folgendes überlegt: Wir möchten euch, zu unserer Release am 28.4.2017 in der Kulturfabrik in Esch-sur-Alzette in Luxemburg einladen. Wir wollen euch dabeihaben, wenn wir unser zweites Album vorstellen. Ihr müsstet keinen Eintritt zahlen.»

Das ist doch mal eine Ansage. Bei Interesse direkt bei ihr melden (Facebook-Seite von Julie).

Tarja

Kurz nach 20 Uhr ist es dann soweit. Einmal mehr darf ich mit vielen anderen die Göttin des Metals live erleben. Keine Frage auch eine Göttin wird älter, aber dafür auch erhabener, schöner und wohl auch einfach glücklicher. Tarja war ja schon immer ein Sonnenschein auf der Bühne, doch diese strahlt immer intensiver.

Darum hat uns die Finnin sowieso schon im Sack bevor sie überhaupt mit ihrer wunderschönen 3-Oktaven-Stimme loslegt. Da wären die so doch etwas schwer glaubwürdigen Worte gar nicht nötig: «This ist he last show of this tour. I’m happy and sad at the same time. But it’s like a dream come true to finish here …» Hm, das Kofmehl ist ja schon eine coole Location und auch das Publikum ist durchaus lobenswert, macht mit, macht Lärm, so dass es den Musikern immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Aber das wir ihr damit gleich einen Traum erfüllen? Ist wohl etwas gar dick aufgetragen. Anyway, danke Tarja.

Wie immer ist Tarja mit gestandenen, Top-Musikern unterwegs. Schon mehr oder weniger zum Inventar gehören dabei Christian Kretschmar am Keyboard, Cellist Max Lilja (ex-Apocalyptica), Gitarrist Alex Scholpp. Seit zwei Jahren nicht mehr dabei ist Mike Terrana an den Drums. Aktuell ist es Timm Schreiner und seit ein, zwei Jahren Kevin Chown am Tieftöner.

Die Jungs gönnen Tarja, wie es schon Tradition ist, nach «Calling From The Wild» eine kurze Pause und legen mit einem extrem geilen Instrumental-Teil los. Dabei darf jeder mal ein bisschen solieren. Wirklich sehr, sehr geil. Vor allem auch, weils nicht unbedingt die Gitarre ist, die die Lorbeeren abholt, sondern eher die fetteren Saiten vom Cello und eben Bass. Alex darf ja sonst während den Songs auch immer wieder mal hochstehende Soli abliefern. Anyway, was oft sehr schnell lanweilig wird, ist bei diesen Musikern eine fetter Ohrgasmus. Nicht zuletzt auch fürs Auge – was dann wohl ein Augasmus wäre. Und die Musiker selbst geniessen diese zusätzliche Aufmerksamkeit sichtlich, aber wohl noch mehr, das Privileg mit solchen Leuten gemeinsam abgehen zu können. Man spielt sich richtiggehend in einen Rausch, um sich danach gegenseitig zu umarmen.

In diesem Tempo geht’s anschliessend gleich weiter. Wie schon im Herbst im Z7 enthält das Nightwish-Medley eher ältere, härtere, schnellere Songs. Also eigentlich sind es die gleichen Songs wie damals. Und der Fokus bleibt klar auf «Ever Dream». Ich bleib dabei, auch wenn Tarja inzwischen mehr als genügend eigene Songs hat, die live abgehen, so ist es doch immer wieder ein Höhepunkt, wenn sie ein, zwei NW-Songs auspackt. Und alte Erinnerungen heraufbeschwört. Wer NW noch mit Tarja erlebte, weiss wie man sich dabei fühlt. Was würde ich dafür geben, wenn ich zum Beispiel «Deep Silent Complete» nochmals mit Tarja live hören könnte.

Nicht nur das NW-Medley bleibt gleich, sondern praktisch die ganze Setliste. Genau ein Song – das Muse-Cover «Supremacy» wurde durch «Undertaker» ausgetauscht. Ansonsten bleibt die Show und Songauswahl identisch mit dem Auftritt im Herbst. Da hätte man sich doch ein bisschen mehr Abwechslung wünschen können. Aber ich will jetzt nicht klagen, von mir aus kann sie immer das Gleiche singen, so lange sie uns weiterhin ein bis zweimal pro Jahr in der Schweiz mit Auftritten beglückt.

Auch Tarja bedankt sich weiterhin artig bei uns loyalen Fans. «There wouldn’t be me doing what I love without you. For 20 years I’m a lucky girl.» Dann haben wir doch eine klassische (passt grad doppelt) Win-Win-Situation.

Analog der Z7-Show kommt jetzt das Akustik-Set. Zwar nicht mehr als auch schon vor ein paar Jahren im Z7 mitten in den Fans. Emotional wird’s auch hier wieder beim Abschluss mit ihrem Signature-Song «I Walk Alone». Einerseits für Tarja selbst, weil das ihre erste Solo-Single war und andererseits, weil sie in diesem einen «Winterstorm» besingt, welchen sie mit ihren Fans gleichsetzt.

Trotz diesem Wintersturm wird es heisser und heisser im Kofmehl. Die Wahl-Argentinierin zieht ihr Set dennoch ohne Schwächen routiniert durch und strahlt weiterhin über ihre wunderschönen Backen bis zum letzten Ton. Auch das doch etwas ältere – Ü40 – Publikum zieht kräftig mit und bringt auch mal ohne Voranimation rhythmisches Klatschen im richtigen Moment ein, was das Lachen jeweils noch breiter macht.

Irgendwie fühlt man sich heute sowieso im fast schon intimen Rahmen des Kofmehls wie eine grosse Familie – mehr als in den grösseren Venues wo Tarja in der Schweiz zuletzt aufgetreten ist (Z7, Komplex 457) oder gar in Wacken. Tja, diese (Backofen-)Hitze schweisst zusammen.

Nebst der standardisierten Setliste habe ich wenn dann noch eine kleine Kritik anzubringen. Bei «Too Many» war für meinen Geschmack und auch nicht ganz nachvollziehbar zu viel vom Gesang ab Band. Tarja versucht das gar nicht erst zu verbergen, sie verlässt sogar während das Band mit ihre Stimme noch läuft die Bühne. Und mit ihr dann nacheinander die restlichen Bandmitglieder. Nach schweisstreibenden 90 Minuten ist also zum ersten Mal Schluss.

Zeit für die Zugaben. Und bei «Innocence» packt Tarja nochmals ihr gesamtes Können – ohne Unterstützung ab Band – aus. Da wird einem einmal mehr bewusst, dass ihr im Metal stimmenmässig keine andere Lady das Wasser reichen kann.

Nachdem sich Tarja während dem anschliessenden «Die Alive» mit Handshakes bei Fans in den ersten Reihen bedankt, kommen anschliessend die Crewmitglieder an die Reihe. Nichtzuletzt auch beim Busfahrer, der jede Nacht sicher fahre, während sie wie Babys schliefen. Das ist ja gut zu wissen, dass er mit der äusserst wertvollen Fracht umzugehen weiss.

Und jetzt kommt der Moment, bei dem es mit dem letzten Song des Abends und auch dieser Tour definitiv ernst wird. Sozusagen mit dem letzten Atemzug («Until My Last Breath»). Doch so dramatisch ist es nicht. Es ist noch einiges an Energie vorhanden. Max joggt zum Beispiel spielend um sein Cello drum. Alex zeigt nochmals sein Können.

Auch das Publikum geht nochmals schwer ab. Es klatscht, springt, schwitzt. Bis sich schliesslich das schwarzgekleidete Sextett vor diesem verneigt. Das war’s. Doch irgendwie schafft es vor allem Tarja nicht, die Bühne einfach so zu verlassen. Zu gut ist die Stimmung. Sie möchte zumindest noch ein Foto mit diesem machen. Aber keiner der Jungs Backstage kommt ihr da zur Hilfe. Sie holt sich ein Smartphone und versucht sich mit einem Selfie, aber das kommt nicht wirklich gut. Endlich erbarmt sich Keyboarder Christian und schiesst doch noch den Vogel ab. Das letzte Foto der Tour.

Danke Tarja. Einmal mehr: Hammer war’s! Bis hoffentlich bald wieder. Dein Winterstorm.

Setliste Tarja

  1. Demons in You
  2. 500 Letters
  3. No Bitter End (inkl. Intro)
  4. Lucid Dreamer
  5. Eagle Eye
  6. The Living End
  7. Calling from the Wild
  8. Nightwish Medley: Tutankhamen / Ever Dream / The Riddler / Slaying the Dreamer
  9. Acoustic Set: Until Silence, The Reign, Mystique Voyage, House of Wax, I Walk Alone
  10. Love to Hate
  11. Victim of Ritual
  12. Undertaker
  13. Too Many
  14. Innocence*
  15. Die Alive*
  16. Until My Last Breath*
  17. Outro ab Band (It’s A Hit Song)

*Zugabe

Fotos von pam


Wie fandet ihr das Konzert?

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