Metalinside.ch - Marilyn Manson - Samsung Hall 2017 - Foto Steve
Do, 23. November 2017

Marilyn Manson, DJ Amazonica

Samsung Hall (Dübendorf, CH)
/ 11.12.2017
436

Überragend dank gebrochenem Knöchel 

Schock-Rocker Marilyn Manson überraschte am Donnerstagabend die Zuhörerschaft in der Dübendorfer Samsung Hall mit einem bärenstarken Auftritt. Damit hätten im Vorfeld ehrlich gesagt wohl nur die wenigsten gerechnet. So paradox es auch klingen mag, aber sein gebrochener Knöchel erwies sich als echter Glücksfall. Die weiteren Details entnehmt ihr dem nun folgenden Metalinside-Konzertbericht. 

Der metallischen Gemeinde steht ein sicherlich interessanter und überraschungsreicher Abend bevor. Selten hatte ich im Vorfeld einer Veranstaltung solch kritische Gedanken. Doch der unberechenbare Brian Hugh Warner (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Marilyn Manson) lässt einem diesbezüglich kaum eine Wahl. Geprägt bin ich insbesondere durch seinen desaströsen Auftritt am diesjährigen Wacken Open Air. So rasch wird er wohl keine Einladung mehr für ein Gastspiel auf dem «Holy Ground» erhalten. Auch in der Schweiz sorgte der gute Mann in der Vergangenheit immer wieder für Furore (Schlägereien, Totalabstürze etc.). Und heute? Taucht er überhaupt auf? Wie wird er drauf sein? Bleibt die Bühnendekoration stabil? Wie oft schleudert er sein Mikro durch die Gegend? Die Liste der Fragen könnte noch lange weitergeführt werden.

Kurz nach der Türöffnung um 18.30 Uhr treffe ich am Ort des Geschehens ein. Vor der Abendkasse tummeln sich – wie so oft – etliche Medien-Kollegen/innen. Unterhaltsame Gespräche sind somit garantiert. Alle sind gespannt auf die «manson’sche» Darbietung. Es wird fleissig spekuliert. Dann folgt die Abholung des Medientickets. Bitte was? Sitzplätze? Darüber sind wir im ersten Moment alles andere als begeistert. Andererseits eröffnet uns dies wieder einmal eine andere Perspektive zur Beobachtung des Konzerts. Gute Sicht ist sicherlich garantiert. Na dann, hinein ins Vergnügen.

DJ Amazonica

Doch bevor der Meister selbst zur Tat schreitet, gibt’s noch ein bisschen Aufwärm-Mucke. Serviert wird uns diese von der DJane Amazonica aus London. Bei Support-Acts dieser Art bin ich stets kritisch. Als schliesslich ohrenbetäubendes Bass-Gedröhne ertönt, haben meine Gruppe und ich ziemlich rasch genug und verziehen uns an die Bar und auf den Raucher-Balkon. Wir sind nicht alleine. Etliche Besucher beschweren sich über die «Plattenteller-Amazone». Das Ganze kann ja eigentlich nur besser werden (selbst wenn im Anschluss der Risikofaktor Manson auf der Bühne steht).

Marilyn Manson

Kurz vor 21 Uhr möchten wir dann so langsam unsere Sitzplätze einnehmen. Doch es folgt der nächste Dämpfer. Meine eisgekühlte Blondine darf mich nicht ins Halleninnere begleiten. Na bravo! Das läuft im Stehplatzsektor aber einiges unkomplizierter ab. Tja, ab in den Rachen damit. Nun lässt uns der werte Herr Türsteher problemlos passieren. Meine vorherige Vermutung bestätigt sich. Von hier oben hat man tatsächlich eine geniale Sicht auf das Bühnentreiben. Zudem hätte ich mir das dichte Gedränge da unten ehrlichgesagt nicht wirklich antun wollen. Alles klar, nun akzeptiere ich meinen Sitzplatz gerne und ohne Reklamation.

Die etwas später aus den Boxen erklingende The Doors-Hymne «The End» kündigt schliesslich den Anfang des Untergangs an. Mit einem durch Mark und Bein gehenden Urschrei bringt die Hauptattraktion des heutigen Abends den grossen Vorhang zu Fall. Harte Riffs künden direkt im Anschluss «Revelation #12» an. Definitiv eine der stärkeren Hymnen des neusten Manson-Werks «Heaven Upside Down». Welch ein fulminanter Auftakt! Das «Enfant terrible» der Rock-Szene sitzt in einem zu einem kleinen Thron umgebauten, fahrbaren Rollstuhl. Schuld daran sind die zwei grossen Pistolen im Hintergrund. Bei einem Auftritt in New York krachte diese Bühnendekoration auf den Musiker und führte so bei diesem zu einem Knöchelbruch. Doch davon lässt sich die Diva nicht aufhalten. Ohne zu zögern schleudert er der Masse mit «This Is The New Shit» vom 2003er-Silberling «The Golden Age Of Grotesque» entgegen. Nun gibt’s im Stehplatzbereich kein Halten mehr. Eskalation pur!

Selbstverständlich will Manson nicht die ganze Zeit faul herumsitzen. Als die Lichter bei «Disposable Teens» wieder angehen, steht er plötzlich im vorderen Bühnenteil. Das kaputte Bein wird mit einer Art Fussstütze gesichert. Damit schlendert der Rocker von nun an in bester Piraten-Manier durch die Gegend. Zwei als Chirurgen verkleidete Helferlein weichen ihren Meister nicht von der Seite und greifen ihm bei Bedarf unter die Arme. So auch bei den anstehenden Kostümwechseln. Bei «mOBSCENE» brilliert Marilyn beispielsweise im Ganoven-Look der 30er-Jahre. Stimmlich ist er heute überragend. Keine Spur von falschen Tönen.

Komplett ohne Provokationen kommt eine Show des Schock-Rockers selbstverständlich nicht aus. So ehrt er seinen Namensvetter – den kürzlich verstorbenen Massenmörder Charles Manson – mit einem Cover eines dessen Stücke («Sick City»). Richtig gelesen, dieser Mann hat auch Musik gemacht – und das nicht einmal sonderlich schlecht. Zu seinen Taten möchte ich mich jedoch an dieser Stelle nicht weiter äussern. Zudem ist das ja bloss ein Teil des Künstlernamens von Brian Hugh Warner. Beim Vornamen hat er sich von der Filmschönheit Marilyn Monroe inspirieren lassen. Gut und Böse, Schönheit und Hass, vereint in einer Person – das ist Marilyn Manson.

«Kill4Me», «Deep Six», «The Dope Show» – das Hitfeuerwerk will kein Ende nehmen. Da hat sich jemand bei der Wahl der heutigen Setliste definitiv nicht lumpen lassen. Erlebe ich tatsächlich zum ersten Mal eine komplette Show des aus den USA stammenden Künstlers ohne Pleiten, Pech und Pannen? Es sieht beinahe so aus. Sein Mikro fliegt bloss vier Mal durch die Gegend. Böse Sprüche muss sich lediglich das passive Sitzplatz-Publikum 1 – 2 Mal anhören. Ansonsten gibt sich Manson auffallend zahm und selbstironisch. In zwei Jahren wird der gute Herr 50 Jahre alt. Macht sich da etwa doch so langsam eine gewisse Art der Reife bemerkbar?

Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist eindeutig die Performance der Cover-Version von «Sweet Dreams (Are Made Of This)». Manson liegt im Patientenkittel auf einer Bahre und fuchtelt wild mit einer grossen, hell leuchtenden Taschenlampe herum. Dieser Song geht unter die Haut. Atemberaubend! Nach Tourniquet und dem bösartigen «We Know Were You Fucking Live» endet der offizielle Teil des Konzerts. Lobenswert zu erwähnen sind übrigens auch die oft in Vergessenheit geratenen Bandmitglieder des Schock-Rockers. Sie erbringen allesamt überzeugende Leistungen. Mit einem Zugaben-Block bestehend aus «Say10» und «The Beautiful People» beendet ein sichtlich ausgepowerter Manson seine Darbietung und entlässt uns schliesslich in die kalte Novembernacht.

Das Fanzit

Das war meine mit Abstand beste Manson-Show überhaupt. So eine bärenstarke Performance hätte ich im Vorfeld ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten. Der düstere Zeitgenosse überraschte ohne dabei zu schockieren. Scheinbar musste er sich zuerst den Knöchel brechen, um einen hochmotivierten und gelungenen Auftritt hinlegen zu können. Rehabilitation fürs Erste ziemlich geglückt. In dieser Form würde ich mir ohne zu zögern jederzeit ein weiteres Manson-Konzert gönnen. Die Samsung Hall punktete ein weiteres Mal mit einer ausgezeichneten Soundqualität. Einzig die DJane als Einheizerin hätte jetzt nicht unbedingt sein müssen.

Cheers

Dutti \m/

Setliste – Marilyn Manson

  1. Intro – The End (The Doors Song)
  2. Revelation #12
  3. This Is The New Shit
  4. Disposable Teens
  5. mOBSCENE
  6. Sick City (Charles Manson cover)
  7. Kill4Me
  8. Deep Six
  9. The Dope Show
  10. Sweet Dreams (Are Made Of This) (Eurythmics-Cover)
  11. Tourniquet
  12. We Know Where You Fucking Live
  13. Say10*
  14. The Beautiful People*

*Zugabe

Fotos von Marilyn Manson, DJ Amazonica in der Samsung Hall 2017 (Steve)


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