Orphaned Land – Of Unsung Prophets & Dead Messiahs (CD Cover Artwork)
Fr, 26. Januar 2018

Orphaned Land – Of Unsung Prophets & Dead Messiahs

Oriental Metal
21.01.2018
Orphaned Land – Of Unsung Prophets & Dead Messiahs (CD Cover Artwork)

Von unbesungenen Propheten und toten Messiahs

Wenn es um aussergewöhnliche Metalbands geht, stehen Orphaned Land ganz hoch im Kurs. Die israelischen Friedenskämpfer sind bereits seit 26 Jahren unterwegs und veröffentlichen Ende Januar ihr sechstes Studioalbum «Of Unsung Prophets & Dead Messiahs».

Wir schreiben das Jahr 1991. Während die Situation im nahen Osten sich keineswegs dauerhaft zu beruhigen scheint und immer wieder neue Konflikte begonnen (und alte aufgewärmt) werden, gründen einige Israeli die Band Resurrection, welche aber schon ein Jahr später umbenannt wird – Orphaned Land ist geboren. Sie sind die Urväter des orientalischen Metals und befinden sich als solche auch heute noch an der Spitze dieses Subgenres. Nach dem überaus erfolgreichen Vorgänger «All Is One» und der dazugehörigen, riesengrossen Tour ist es Ende Januar so weit: Die Truppe um Kobi Farhi veröffentlichen ihr neues Werk und gehen anschliessend (ab Februar) gleich auf grosse Tour vorerst durch Europa, aber mit einem kurzen Abstecher nach Japan.

Thematisch handelt das neue Album im Gegensatz zu den Vorgängern nicht nur von den abrahamitischen Religionen (Judentum, Islam und Christentum). Die israelische Truppe greift das Höhlengleichnis von Platon auf und versucht, daran Missstände in der Gesellschaft aufzuzeigen. Im einführenden Text auf der ersten Seite des Booklets erklärt Kobi, dass vor allem auch die Menschheit sich nicht zu verbessern wollen scheint: «A lot of thinking made me realize that despite the politicians, religious leaders or the media, We, the people, are the only ones to blame – We are the ones that know who Kim Kardashian is and seem oblivious to such facts as that 70’000 kids being kidnapped in India every year (just a random example…).” Gleichzeitig schlägt er eine Brücke von vergangenen Propheten wie Jesus Christus, Mahatma Gandhi und John F. Kennedy zu nicht als Propheten behandelte Personen, welche seiner Meinung nach aber genau diese Bezeichnung verdient hätten: z.B. die Fiction-Autoren Aldous Huxley und George Orwell.

Um sich auch textlich mit dem Album auseinanderzusetzen, sollte man das Höhlengleichnis wenigstens mehr oder weniger kennen, desweiteren helfen auch Kenntnisse in der griechischen Mythologie (für «Like Orpheus») und für vielerlei Verlinkungen und Anspielungen auch Wissen bezüglich unserer Weltgeschichte und utopischer Literatur. Am wichtigsten ist aber, dass man offen an das Werk herangeht und daraus macht, was man selber will. Die Texte sind abwechslungsreich und bieten viele verschiedene Ansätze zur Interpretation; daher sind sie auch nach mehrfachem Durchhören noch nicht langweilig. Allein schon dafür hat sich die Band ein riesiges Lob verdient!

Auch musikalisch bietet das Album aber einiges: Der Opener «The Cave», welcher in die Thematik des Gleichnisses einführt, beginnt mit zartem, von Streicherklängen umhüllten Gesang, wechselt aber schon nach nur 40 Sekunden auf die unverkennbare Orphaned Land-Schiene. Es folgt «We Do Not Resist», die zweite Single des Albums; diese wechselt schnurstracks das Ambiente. Mit einer unvergleichlich härteren Gangart, viel Gegrowle und cooler Percussion drücken Kobi Farhi und Co. ihre Wut aus. Die Wut gegenüber der bereits oben erwähnten Einstellung der Gesellschaft, der Oberschicht zugeneigt zu sein, uns von Gossip ablenken zu lassen und dabei das Übel der Welt zu verdrängen. Trotz all der Brutalität verliert dieser zweite Song nie den orientalischen Charakter oder die einzigartige Atmosphäre.

Es folgen die beiden eher sanften Songs «In Propaganda» und «All Knowing Eye», zwischen denen übrigens, wenn man sich nicht bewusst darauf achtet, kein Übergang zu hören ist. «Yedidi» ist auf dem Album der erste Song mit hebräischem Text und überzeugt vor allem durch seine Rhythmik, welche wohl dem Versmass der Lyrics entspricht.

Der nächste Song heisst «Chains Fall To Gravity» und führt wieder zurück zur Höhlenthematik, denn die letzten drei Songs haben sich ein wenig davon entfernt. Es handelt sich um einen sehr ruhigen Song (der sich aber doch zwischendurch kurz aufbauscht). Musikalisch mitgewirkt hat hier Steve Hackett, ehemaliger Gitarrist von Genesis. Auch auf dem nächsten Song haben andere Hände ihre Finger im Spiel, respektive andere Köpfe ihre Stimme im Song. Auf «Like Orpheus», der als erste Single ausgekoppelt wurde, singt Blind Guardian-Mastermind Hansi Kürsch mit (eventuell entstand die Idee dazu ja, als Orphaned Land als Vorband mit Blind Guardian auf Tour waren?). Thematisch entführt uns der Song in die griechische Mythologie und verbindet Platons Höhle mit Hades Unterwelt.

«Poets Of Prophetic Messianism» ist der zweite hebräische Song und umfasst trotz seiner fast dreiminütigen Spiellänge nur zwei Zeilen. Übersetzung ins Englische: «Anyone who holds a true opinion without understanding is like a blind man on the right road.»  Das Duo «Left Behind» und «My Brother’s Keeper» behandelt die Höhlen-Situation aus zwei Perspektiven: die der in der Höhle Zurückgelassenen und die jener Person, welche die Höhle verlassen hat und sich jetzt zur Rückkehr gezwungen fühlt (daher auch das repetitive «I have to go back»).

In «Take My Hand» schwärmt der Zurückgekehrte den anderen Höhleninsassen von der Aussenwelt vor und verspricht ihnen, sie zu befreien. Leider glauben diese ihm nicht – und bringen ihn in «Only The Dead Have Seen The End Of War» um. Auf diesem letzten Song wirkt Tomas Lindberg, unter anderem ehemaliger Sänger von At The Gates, mit. Erneut handelt es sich um einen harten, schnellen und vor allem gegrowlten Song, was die Brutalität der Thematik optimal vertont. Das Album endet mit «The Manifest – Epilogue». Dieses Outro dreht thematisch noch einmal richtig auf und enthält vier Teile: ein Zitat aus der Pirkei Avot (einem Gelehrtenbuch der jüdischen Rabbiner), einem eigenen Text, einem Zitat von Victor Jara (das meiner Meinung nach zu fest aus dem ursprünglichen Kontext gerissen wurde, aber auch hier passt) und einer gekürzten Textstelle aus Orwells «1984» (dieser letzte Teil ist nur in der Audio-Version zu hören, er erscheint nicht im Booklet).

Das Fanzit

Wow! Was Orphaned Land hier liefern, gehört eindeutig zur crème de la crème des Nicht-08/15-Metals! Gewohnt abwechslungsreich führen die Israeli mit ihrer Mischung von Growls, schweren Gitarren und bösen Beats auf der einen Seite sowie orientalischen Klängen und Gesängen auf der anderen durch ihre Songs. Kombiniert wird die musikalische Leistung mit einer für Orphaned Land neuen Thematik, die seit den Zeiten Platons immer wieder aufgegriffen wurde, und extrem packenden Texten. Im Gesamtpaket ergibt sich daraus ein Meisterwerk, das zum Moshen und zum Nachdenken gleichermassen anregt.

Kleiner Tipp: Am 17. März 2018 kommen die Israeli nach Zug in die Galvanik (siehe Events – wir verlosen Eintritte). «Of Unsung Prophets & Dead Messiahs» ist ganz bestimmt auch live eine richtige Granate…

ab Release reinhören und portofrei DCD bestellen

Video ORPHANED LAND feat. Hansi Kürsch – Like Orpheus


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 9/10



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21.01.2018
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