Messiah - Galvanik Zug 2018 (Reunion Show)
Mi, 1. August 2018

Messiahs Reunion: Ausverkauf oder Segen?

Death Metal, Thrash Metal
01.08.2018
Messiah - Galvanik Zug 2018 (Reunion Show)

Drei Musiker, Messiah u de huere Lärm

Es war einmal ein schönes Mädel… Nein, in unserem Märchen gibt es nur hässliche Biester. Damals, 1992 in Locarno, lieferten Messiah unterstützt von Caustic eine grossartige Show, so empfand ich es mindestens als grosser Fan der Band. Drei Jahre später waren Messiah Geschichte.

Anno 2018 hat das historische Quartett bestehend aus Brögi, „Frugi“ Hersche, Steve Karrer und Andy Caina ein neues Label (High Roller Records), das sein Backprogramm wiederveröffentlicht und – was noch wichtiger ist – wieder zusammengefunden.

Zuerst wollte ich die Wiederauflagen besprechen. Dank Facebook und meinem persönlichen Netzwerk, aber, entstand die Idee, drei helvetischen Musikern einzuladen, ihre Gedanken über Messiah und die Reunion zu äussern. Pat Wydler (Sinside), Damiano Fedeli (Nihilo, Darkreverie) und Attila Folklore (u.a. Insomnia Isterica) erzählen auf Metalinside Spannendes.

Messiah: versöhnte Straftäter

Pat Wydler (Sinside): „Ausverkauf, die machen’s doch nur des Geldes wegen“, sind so die gängigen, emotionalen Reaktionen, wenn sich eine Band beschliesst, nach einer Auflösung wieder gemeinsam Musik zu machen. Dies mag bei manchen Künstlern zutreffen und einen bitteren Beigeschmack mit sich ziehen, schlussendlich entscheidet aber der Konsument, der Fan, ob er sowas unterstützen möchte.

Bei Messiah von Ausverkauf zu reden, könnte deplatzierter nicht sein. Die Band hätte tausend Gründe gehabt, die guten alten Zeiten ruhen zu lassen und sich mit ihren „Millionen“ verdienten Schweizer Fränkli zur Ruhe zu setzen (Sarkasmus lässt grüssen), haben aber beschlossen, es noch einmal zu wagen, primär für die Fans, sekundär für sich selber, als Menschen, als Musiker.

Ich muss gestehen, Messiahs Musik hat mich in der Aktivzeit der Band nie begleitet, dafür war ich einfach zirka zehn Jahre zu jung (Baujahr 1977), aber als Musik-Junkie war und ist sie mir natürlich immer ein Begriff gewesen, die in einem Zuge mit Szenegrössen wie Celtic Frost oder Coroner genannt werden muss. Als Bandkollege von Steve Karrer bei Sinside kriegte ich schlussendlich die Reunion aus einem näheren Blickwinkel mit und liess mich von der neu entfachten Band-Euphorie anstecken. Ich war beim ersten Konzert seit Jahren in Luzern dabei und war begeistert. Für mich persönlich ist diese Reunion eine Chance, etwas Verpasstes nachzuholen, einen Teil Metal-Geschichte mitzuerleben und dabei noch einen guten Freund zu unterstützen. In diesem Sinne, bevor man nach Ausverkauf ruft, sollte man sich mit den Hintergründen befassen, weshalb sich eine Band überhaupt aufgelöst hat und weshalb man es dann doch noch einmal versucht, denn keiner von uns bleibt unverändert. Was unter Umständen vor zwanzig Jahren irgendwann nicht mehr funktioniert hat, funktioniert heute vielleicht umso besser. Wir alle entwickeln uns weiter…

Pat Wydler (Sinside)

Messiah: eine Offenbarung

Damiano Fedeli (Nihilo, Darkreverie): Ich erinnere mich noch, wie ich die „Choir Of Horrors“ auf Vinyl kaufte. Es war am Party.San-Open Air 2007 in Bad Berka. Ich wühlte mich durch Tonnen von Platten und CD, auf der Suche nach einigen Schätzen und fand dabei eine Originalkopie dieses Stückes helvetischer Metal-Geschichte. Der Name, der Titel und – nicht zuletzt – das fantastische Cover wirkten mehr als böse auf den 20-jährigen, den ich damals war. Die Songs sprechen für sich selbst. Schnelle Rhythmen, Double Bass Attacken, Tremolos und eine gemeine Stimme, die wie aus der Hölle zu stammen scheint: Das war das Zeug, das mich während der Jahre mit Sykaron und auch später, am Anfang meiner Karriere mit Nihilo, inspirierten. Sie ist halt eine dieser unantastbaren Kultscheiben. Kurz darauf kaufte ich mir endlich „Rotten Perish“, mein Lieblingsalbum von Messiah und dann auch die ersten zwei. Ich schätze sie heute noch, weil diese Werke etwas haben, was auf vielen modernen Aufnahmen fehlt: Groove, dunkle Atmosphären und – was viel wichtiger ist – echte Songs.

Damiano Fedeli (Nihilo, Darkreverie)

Messiah: Sie haben seit eh und je einen speziellen Platz in meinem harten Herz

Attila Folklore (L’È Tütt Folklor Records, Insomnia Isterica, Mulo Muto): Ich war vierzehn, meine Ohren waren noch frisch und rein, aber harsche Töne, Geräusche und der huere Lärm zogen mich bereits gefährlich an. Noch ohne Internetzugang, kam ich damals fast zufällig mit Messiah in Berührung. Ich habe die grossen Magazine nie gelesen und brauchte sie auch nicht, denn Fast alle Bands, die darin präsentiert wurden, für mich Müll waren, genauso wie ihre Musik, ihr Aussehen und deren Inhalte. Fanzines waren im Tessin damals – so viel ich wusste – ausgestorben. Wollte man über den Gotthard schauen, kam die Sprachbarriere ins Spiel. Eines Tages zeigte mir ein Kollege in der Schule einen EMP-Katalog. Er hatte vor, ein paar Shirts und andere Sachen zu bestellen. Am Anfang winkte ich ab, habe dann trotzdem das Heft mit nach Hause genommen. Ich fand darin eine Anzeige, die so ähnlich lautete: “Messiah, Kult-Death-Thrash Metal of the 80s, reissue of the first album “Hymn To Abramelin” out soon”. Mmmmhhh, das klang interessant. Der Name, die Covers, das Logo: Alles sprach mich an und ich wollte unbedingt mehr darüber wissen. Ein paar Monate später hielt ich die „Hymn To Abramelin“-Wiederauflage mit einigen Demosongs drauf in meinen Händen. Ich habe das Album wöchentlich mindestens zehn Mal gehört und zwar 2-3 Jahre lang. Ich war davon komplett besessen. Meine Freunde waren auch von den infernalischen Tönen angetan; auch viele von ihnen kauften später „Hymn To Abramelin“ und “Extreme Cold Weather”.

Messiah waren mit ihrem Erstling meine Musiklehrer; dank ihnen verstand ich, dass auch ich spielen konnte, dass auch wilde Jungs aus den tessinischen Tälern “Musik” machen konnten, wenn sie es nur wollten. Das war DIE Offenbarung. Die Aggressivität der Stimme, das wilde und rüpelhafte Schlagzeugspiel, die einfachen aber witzigen Riffs, die genialen Intros und die böse Atmosphäre: Sie waren damals und sind heute noch Meisterwerke des Old School Extreme Metal. Während der Auseinandersetzung mit der schweizerischen Szene habe ich selbstverständlich auch Celtic Frost (top), Coroner, Samael, Excruciation, Carrion und viele andere Bands entdeckt. Der Kreis hat sich Jahre später geschlossen, als ich Fear Of God (Tschösi!) und Crawl Noise entdeckte.

Für mich ist es immer noch logisch, dass Krach und schnelle Musik zusammengehören und dass nur diese Mischungen echtes Crossover waren und es immer noch sind: Death/Thrash/Black Metal und Grindcore/Noisecore/Extreme Hardcore. In den frühen Jahren dieser Genres waren die Regeln noch nicht festgelegt und jeder Musiker konnte Elemente beliebig kombinieren und damit experimentieren. Dann profilierten sich die “echten“ Death Metal und Black Metal Szenen, Grindcore und Hardcore politisierten sich stark und, möglicherweise, zu viele Poser (siehe: “followers not leaders“) kamen hinzu. Ich war damals zu jung, um dieses Phänomen persönlich erleben zu dürfen. Trotzdem, die alten Messiah-Sachen sind immer noch cool und etwas Besonderes, weil sie rein, roh und kompromisslos sind. Darum sind für mich nur Messiahs ersten zwei Alben und die Demos SEHR wichtig. Die späteren Sachen waren OK, gehörten aber zum Death Metal der C-Liga (Sternen können halt nicht ewig leuchten).

Ich wünsche Messiah alles Gute und viel Spass bei der Reunion, obwohl mir diese – wie jede andere Reunion auch – egal ist.

Noch etwas: Wenn jemand meine Mutter mit dem Namen Messiah konfrontiert, verzieht sie immer noch das Gesicht, weil sie an den Stress erinnert wird, den sie mit ihrer Musik hatte. Sollen wir etwa Prof. Dr. A. Candido aufbieten?

Attila Folklore (L’È Tütt Folklor Records, Insomnia Isterica, Mulo Muto)

01.08.2018