Metalinside.ch - Tarja - Kofmehl Solothurn 2018 - Foto pam
Sa, 13. Oktober 2018

Tarja, Stratovarius, Serpentyne

Kofmehl (Solothurn)
/ 28.10.2018

Magic, schlechter Sound und wo bleibt der Boss? 

Raphi: Ganz spontan entscheide ich mich, am Abend das Konzert von Tarja und Stratovarius zu besuchen. Für eine offizielle Akkreditierung reicht das natürlich bei weitem nicht mehr. Deshalb bin ich als „normaler“ Konzertbesucher unterwegs. Weshalb ich nun dennoch meinen Senf zum Geschehen im Kofmehl dazu gebe? Lest selbst.

Bereits als ich die Ankündigung des Konzerts gesehen habe, ist mir klar gewesen, dass pam heute Abend in Solothurn anzutreffen sein wird. Immerhin handelt es sich bei Tarja, die in einigen Stunden hier auftreten wird, um eine seiner Top 10-Bands. Als der Support-Act loslegt, kann ich unseren Boss aber noch nicht erspähen.

Serpentyne

Raphi: Jener hört auf den Namen Serpentyne und ist in London beheimatet. Eine Dame und fünf Herren betreten die Bühne und los geht’s. Rockig ist das Ganze, symphonisch untermauert dazu, sowie mit einem Schuss Folk garniert. Abgerundet wird die Musik durch weiblichen und männlichen Gesang. In der Theorie erscheint das gar nicht so abwegig und lässt Erinnerungen an überzeugende Vermischung ebendieser Zutaten hochkommen, aber im hier und jetzt passt gerade gar nichts zusammen. Zuallererst ist der Sound viel zu drucklos und schlecht abgemischt. Ob Sängerin Maggiebeth Sands Stimme auch unter optimalen Bedingungen dünn tönt, weiss ich nicht, da es sich um mein erstes Aufeinandertreffen mit der Band handelt, aber was wir hier zu hören kriegen, rauscht leider einfach so an einem vorbei.

Das zögerliche und zurückhaltende Auftreten der beiden Frontpersonen führt leider nicht dazu, dass das Konzert doch noch überzeugen könnte. So wirklich hängen bleiben nur „Jeanne d’Arc“ und das traditionelle „The Gael“, welches als Dudelsacksolo dargeboten wird. Direkt neben uns stehen allerdings einige Fans der Band und dadurch kommt doch ein wenig Stimmung auf.

Nachdem die Band die Bühne verlassen hat, schaue ich umher und suche Pam, jedoch bleibe ich erfolgslos. Da geht auch bereits das Licht aus; es ist Zeit für Stratovarius.

Stratovarius

Raphi: Die Scheinwerfer tauchen die Bühne in bläuliches Licht und aus den Lautsprechern ertönt das Intro. Meine Vorfreude ist gross, ein Konzert von Stratovarius habe ich nämlich noch nie gesehen. Schon stürmen die Finnen auf die Bühne und legen los mit „Eagleheart“. Das sorgt für gute Laune und erste mitsingende Fans allenthalben. Eine Verschnaufpause ist nicht angesagt, als der Song zu Ende ist, denn mit „Forever Free“ werden die Nackenmuskeln aktiviert.

Die Band, welche zu Beginn noch etwas zurückhaltend und leicht nervös war, freut sich sichtlich über den Zuspruch aus dem Publikum. Sänger Timo Kotipelto animiert die Zuschauer immer wieder zu Hey-Rufen, wobei er eine sehr sympathische Freude zeigt. Da sind wir auch gerne bereit über den ein oder anderen nicht ganz sitzenden Ton hinwegzusehen. Lauri Porra am Bass kann sich das Grinsen ebenfalls nicht verkneifen und strahlt über das ganze Gesicht. Dann beim dritten Song „Oblivion“ passiert es: der Sound, bisher soweit akzeptabel, verschlechtert sich plötzlich massiv. Ich weiss nicht, ob ein technisches Problem vorliegt, aber es scheint die Lautstärke ganz vieler Frequenzen extrem zurückgefahren zu werden. Das Schlagzeug übertönt alles, was ist hier nur los? Das überträgt sich natürlich auf das Publikum, denn so macht das Zuhören keinen Spass mehr. Im Saal wird es ruhiger und die Stimmung während der Lieder flacht ab. Das zeigt (wieder einmal) eindrücklich, wie wichtig ein Minimum an Soundqualität für ein gelungenes Konzert ist.

Auch „Shine in the Dark“ und vor allem „Paradise“ leiden richtiggehend darunter. Doch bei „4000 Rainy Nights“ endlich die Erlösung; der Mix ist wieder in Ordnung, mehr noch, jetzt ist er sogar gut. So können wir das eher ruhige Stück geniessen. Das durch ein kurzes Keyboardsolo von Jens Johansson eingeleitete „Black Diamond“ kommt im Anschluss gerade zur richtigen Zeit, um die Stimmung wieder anzuheizen. Der zweiten Hälfte des Konzerts steht also nichts mehr im Weg, denn Stratovarius wissen mit der gebotenen Vorlage etwas anzufangen.

Das Drum Solo von Rolf Pilve, „Destiny“ und „Forever“ vergehen wie im Flug, als vor dem Zugabenblock auf einmal Verwirrung herrscht bei den Bandmitgliedern. Es sei noch Zeit für zwei weitere Songs. Oder doch drei? Reicht die Zeit noch für zwei? Was sollen wir jetzt spielen? Sind wir unter Zeitdruck? Bis Gitarrist Matias Kupiainen für Klärung sorgt: es reicht sogar noch für einen zusätzlichen Song, der nicht eingeplant war. Sänger Timo freut sich: „Magic happens – we’re changing the songs!“ Sprichts und legt los mit dem Abschlusstrio bestehend aus „Against the Wind“, „Unbreakable“ und dem wohl unvermeidlichen „Hunting High and Low“. Das Publikum singt nochmals tatkräftig mit und entlässt die Band schliesslich unter grossem Applaus.

Während des Bühnenumbaus erblicke ich endlich pam im Publikum. Es stellt sich heraus, dass er die ersten beiden Bands verpasst hat, weshalb ich anerbiete, diesen Teil des Reviews zu übernehmen. Damit wäre dann auch die Eingangsfrage geklärt.

pam: Ja, da bin ich. Sogar etwas früher, als du mich erspäht hast. Ich hatte noch einen Hockey Match in Olten und kam praktisch direkt von der Dusche ins Kofmehl … und da knurrt auch der Magen noch etwas. Der Reihe nach; als wir – Nicole und ich – im Kofmehl ankommen, sind wie erwartet Stratovarius schon auf der Bühne – und somit gibts von mir leider auch keine Fotos. Da mich die Finnen jedoch schon bei meinem allerersten Aufeinandertreffen irgendwann so Ende der 90er eher enttäuschten und zuletzt auch diesen Sommer am Sweden Rock, bin ich jetzt auch nicht sooooo traurig, dass ich einen Teil von ihrem Auftritt verpasse.

Ab Konserve fand ich die Pioniere des finnischen Powermetals immer ganz passabel und nenne auch ein paar Alben von denen mein eigen. Doch live war mir bisher das Keyboard immer zu dominant und der Gesang eher schwach. Drum bevorzugen wir auch heute einen hammerfeinen Burger vom Food-Truck im Aussenbereich des Kofmehls auf Kosten ein paar Songs von Stratovarius. Die selbstgebackenen Brötchen der Food-Truck-Crew und das Fleisch mit der feinen Sauce dazwischen ist es wert. Doch wir entscheiden uns dann doch, den Burger in der Halle bei Stratovarius zu geniessen. Dazu gibt es noch ein paar Getränke von der Bar … dazu weiter unten mehr.

Nun, ich bin positiv überrascht vom Auftritt von Stratovarius. Von den von Raphi erwähnten Soundproblemen bekommen wir nichts (mehr) mit. Ganz hinten vom proppenvollen Kofmehl war der Sound ganz OK bzw. für einmal auch das Keyboard nicht so dominant. Ich entdecke für mich sogar einen Hammerbassisten. Lauri Porra – seit 2005 dabei – zockt da ganz lässig geniale Bassläufe und wertet für mich den ganzen Sound extremst auf. Einen ersten kleinen Ohrgsamus gibt es, als Keyboard, Gitarre und Bass ein dreistimmiges Solo bringen – DAS ist schon sehr geil.

Und beim Bass-Solo zu «Hunting High And Low» werde ich nicht nur optisch an meinen grössten Bass-Helden aller Zeiten – Cliff Burton – erinnert. Man meint im Solo von Lauri eine kleine Anleihe oder gar Referenz an den Meister zu hören.

Auch wenn der Sound und Songauswahl nicht mehr sehr viel mit Powermetal zu tun hat – sehr viele Balladen und Mid-Tempi-Nummern – so ist dies heute für mich der beste Auftritt von ihnen, bei dem ich dabei war (das ist aber keine wirklich grosse Referenz … denn sooo oft habe ich sie nicht live erlebt). Somit versöhne ich mich endlich ein bisschen mit Stratovarius. So gerne mal wieder.

Kleine Ode ans Kofmehl …

pam: Wenn Konzerte von Bands die ich zwingend immer live sehen will – wie eben Tarja – im Kofmehl angekündigt werden, bin jeweils nicht so euphorisch. Solothurn hört sich für mich als Innerschweizer immer so weit weg an. Bis ich heute realisiere, dass das Kofmehl ja für mich weniger weit ist, als das Z7 in Pratteln … und ich werde heute auch nie geblitzt.

Dann überzeugt mich heute der Food wie oben schon erwähnt extremst. Sie bieten mehr an als nur feine Burger, man hat also die Qual der Wahl – gut die Wahl wird etwas vereinfacht, indem das eine oder andere schon ausverkauft ist. Und überzeugt hat mich auch die Bar. Das Personal ist flink, superfreundlich, gute Auswahl inklusive dem obligaten lokalen «Öufi-Bier» und sogar diversen Sirupen. Dazu kommen faire Preise wie man sie selten mehr kennt: 3dl Offenbier CHF 4 / 5dl CHF 6, halber Liter Mineral CHF 4, 3dl gar nur CHF 2.50.

Das Kofmehl selbst gehört in die Liga der klassischen Locations der mittelgrossen Städte wie die Schüür in Luzern, das KiFF in Aarau, die Chollerhalle/Galvanik in Zug, das KuFa in Lyss … und ist halt schon selbst irgendwie eine Legende. Cool mit der grossen Galerie, wenn auch die Treppe da hoch und die Säulen von hinten die Sicht beeinträchtigen. Und nicht zuletzt soll auch der Backstage sehr cool sein – Tarja schwärmte vor ihrem Auftritt in den sozialen Medien einmal mehr davon.

Während ich mich ein bisschen ins Kofmehl verliebe, hört man aus den Boxen Pantera (Cowboys From Hell) und Slayer (Raining Blood). Ob uns das auf Tarja einstimmen soll? Na ja, dass der Sound der Finnin nicht viel mit Rock zu tun hat – obwohl sie oft so angekündigt wird – beweist sie und ihre Band live immer wieder. Denn Tarja ist definitiv Metal – Opera Metal!

Tarja

Raphi: Der Auftritt von Tarja wird ebenfalls unter einer sehr schlechten Abmischung leiden (die Sängerin weist auf der Bühne mit diskreten Handzeichen selber immer wieder darauf hin), soviel sei vorweggenommen. Das hätten die Finnin und ihre Band nicht verdient, denn auch sie haben ebenso wie Stratovarius mächtig viel Spass an ihrem Konzert, allen voran natürlich Tarja aber insbesondere auch Alex Scholpp und Kevin Chown an Gitarre und Bass. Deshalb übergebe ich nun an unseren Tarja-Experten. Pam, wie siehst du das?

pam: Nun, bei Tarja ist meine Toleranzgrenze natürlich sehr tief. Da muss schon sehr viel passieren, damit meine Review ins Negative kippt. Die Soundprobleme nehme ich nicht ganz gleich war, wie Raphi. Die ersten drei Songs bin ich eh im Graben mit Fötelen und Tarja bewundern beschäftigt und den Rest des Konzerts verbringe ich vorne links. Also soundtechnisch eh nicht 100% ideal platziert. Raphi entdecke ich jedoch an fast perfekter Position und somit sind seinen Aussagen zur Qualität der Musik mehr Gewicht zu schenken.

Wo ich auch absolut einig mit Raphi bin, ist die Spielfreude der Band und natürlich Tarja selbst. Das ist jedoch bei ihr und ihren Jungs Standard. Diesbezüglich wurde ich noch nie enttäuscht, auch wenn deren Auftritt vom Sweden Rock auch für sie heute unerreicht bleibt. Diesen kann man kaum Toppen (siehe Sweden Rock Review).

Doch drei Sachen sind heute zumindest ungewohnt:

  1. Das schwarze Mikrofon. Seit Jahren ist man ein weisses oder auch mal gelbes oder rotes bei ihr gewohnt. Das sie heute wie schon am Sweden Rock auch komplett in Schwarz gekleidet ist, passt das doch ganz gut.
  1. Die gewellten Haare. Normalerweise ist man von der finnischen Beauty schwarze, gerade Haare gewohnt. Heute gibt’s nebst den Wellen noch ein paar rote Strähnen dazu, die perfekt zu ihrem nicht mehr ganz neuen Tattoo auf dem linken Oberarm passen. Vor allem die Wellen vermitteln eine intime Atmosphäre – als wäre die Göttin grad aus ihrem Bett entstiegen und wir erleben ein Schlafzimmerkonzert.
  1. Die zu kurze Setliste. Und das ist jetzt für mich der heute einzige negative Punkt: Ungewohnt kurz ist Tarjas Auftritt heute. Auch wenn es eine Art Doppel-Headliner-Tour ist, so sind 12 Songs und knappe 80 Minuten einfach zu wenig.

Dafür ist das Licht genial und bringt Tarjas einzigartige Ausstrahlung und Mimiken perfekt zu Geltung. Das hatten wir mit dauerrotem Licht schon anders erlebt. Aus dem vollen Repertoire einer Opernsängerin an Mimiken und Gesten schöpft sie passenderweise bei Diva – inklusive Unterstützung von diesen mit einer fetten Krone auf ihrem Haupte.

Das Fanzit 

Raphi: Der heutige Konzertabend hat trotz des unzulänglichen Sounds Spass gemacht. Vor allem Stratovarius haben einen mitreissenden Auftritt hingelegt und durch Spielfreude und Spontanität gepunktet. Es ist einfach sehr sympathisch, wenn man als Zuschauer merkt, dass es sich hier nicht um eine Routineshow handelt, bei der alles wie einstudiert durchgezogen wird. Tarja konnte vor allem mit Ausdruck und Bühnenpräsenz überzeugen, durch den schlechten Sound aber nicht ihr volles Potential entfalten. Serpentyne sind gegenüber den beiden anderen Bands stark abgefallen und haben leider keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und jetzt ab auf den letzten Zug!

pam: Danke Raphi. Da habe ich nichts hinzufügen – sonst verpasst du noch deinen Zug.

Setliste Tarja

  1. Demons In You
  2. 500 Letters
  3. Eagle Eye
  4. Undertaker
  5. Deliverance
  6. Calling From The Wild (mit Band Soli)
  7. Diva (Tarja mit fetter Krone)
  8. Love To Hate
  9. Innocence
  10. I Walk Alone
  11. Victim Of Ritual
  12. Until My Last Breath

Fotos Tarja im Kofmehl 2018 (pam)


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Tarja, Stratovarius, Serpentyne
User Bewertung: 8/10

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