Metalinside.ch - Nightwish - Hallenstadion Zürich 2018 - Foto Kaufi
So, 11. November 2018

Nightwish, Beast in Black

Arena (Genève, CH)
09.01.2019
Metalinside.ch - Nightwish - Hallenstadion Zürich 2018 - Foto Kaufi

„We were in Genf…ähhhh here“

Im Rahmen der Decades Welttournee von Nightwish gibt es in diesem Jahr zwei Besuche in der Schweiz, 11. November in Genf und am 22. November im Hallenstadion in Zürich. Diesbezüglich sei auch noch gleich auf den Referenzbericht aus dem Hallenstadion meinen Kollegen hingewiesen.

An diesem trostlosen Sonntag macht es umso mehr Spass, sich auf den Weg von Bern nach Genf zu machen, im Wissen, dass man im Verlaufe des Abends wieder Zeuge eines Nightwish-Konzertes werden darf. Auf dem Weg nach Genf sinniere ich noch betreffend der Lokalität in Genf: Die Arena habe ich nun schon bei ein paar Konzerten erlebt. Vorteile: Du bist sehr nahe am Geschehen, da die Halle eher breit als lang ist, Nachteil: Die Akustik hat mich bis jetzt nicht wirklich überzeugt. Zudem hatte ich die letzten paar Mal immer das Gefühl, dass die Halle keinen „Platz“ bietet. Man musste sich richtig ins Geschehen quetschen (danach hatte man jedoch erstaunlich viel Platz).

Zudem frage ich mich, wie das Konzerterlebnis wohl heute im Allgemeinen sein wird. Nach dem Überkonzert in Wacken 2013 habe ich Nightwish zwei weitere Male gesehen (letzthin am Wacken 2018) und bis dato blieb das eindrückliche Erlebnis aus dem Jahr 2013 unerreicht. Dies schmälert die Erwartungen jedoch nicht, denn die Finnen stehen ja für hohe Qualität und perfektionierten Live-Performances.

Angekommen geht’s nach einem kurzen Walk vom Parking in die Arena direkt in die Halle, wo auch schon bald die Vorband ihr Feuerwerk startet. Die Halle ist schon sehr gut gefüllt, was mich erstaunt. Aber da Sonntag ist, hatten die Leute aus Nah und Fern natürlich Zeit zum genügend früh Anreisen.

Beast in Black

Zur Kenntnis für alle, welche mit der Bandgeschichte nicht vertraut sind: Die Band wurde von Anton Kabanen 2015 gegründet, nachdem er bei Battle Beast ausgestiegen ist.

Ich kenne weder Battle Beast noch Beast in Black gut, habe vielleicht hier und dort mal einen Song gehört. Was mir aber sofort auffällt ist, dass mich die Aufmachung der Bühne irgendwie an Iron Maiden erinnert, wieso auch immer ich diese Assoziation habe. Diese Verknüpfung existiert jedoch nur solange bis die Finnen loslegen, danach verflüchtigt sich dieser Bezug in Windeseile.

OK, eigentlich reist mich der Start so ziemlich mit, nach ein paar Songs relativiert sich diese Stimmung bei mir aber ziemlich stark, denn die Songs haben ähnliche Muster und driften für mich in eine Richtung, mit welcher ich meine liebe Mühe habe. Was ich damit meine? Für mich ist hier zu viel Pop der mitmischt, vor allem der Song „Crazy, Mad, Insane“ hätte glatt aus einer Werbung für eine neue Brillenmarke stammen können. Wenn scheinbare Metal-Jungs mit Brillen rumlaufen, auf der der Songtitel erscheint und durchläuft, dann kommt mir fast was hoch.

Als Positiv empfinde ich die Stimmgewalt von Fronter Yannis Papadopouloss, obwohl ich mir hier manchmal nicht sicher bin ob alles live daher kommt oder eventuell gewisse Passagen auch Playback sind?

Zusammenfassung: Ich kann mit der Supportband herzlich wenig anfangen. Anders scheint dies das bereits zahlreich angereiste Publikum zu sehen. Jedenfalls ist die Stimmung während des ganzen Gigs überaus prächtig. Diesbezüglich schon jetzt eine Medaille für unsere Westschweiz; Vielleicht war – wie Eingangs zu diesem Bericht erwähnt – nicht immer alles „cool“ in Genf, aber die Stimmung in diesem Teil der Schweiz erlebe ich jeweils als sehr angenehm und gelöst. Auch heute!

Setliste Beast in Black

  1. Beast in Black
  2. Eternal Fire
  3. Blood of a Lion
  4. The Fifth Angel
  5. Born Again
  6. Ghost in the Rain
  7. Crazy, Mad, Insane
  8. Blind and Frozen
  9. End of the World

Nightwish

Während die Bühne geräumt wird und die meisten Zuschauer sich mal ins Foyer verziehen, um sich mit Merch, Bier oder ähnlichem zu beschäftigen, halte ich die Stellung um noch ein wenig, um nach vorne zu kommen und mir einen guten Platz in der Mitte sichern zu können. Das Vorhaben gelingt gut und ich komme ziemlich weit nach vorne.

Genug Zeit noch ein wenig nachzudenken und das wohl meistdiskutierteste Thema kurz aufzunehmen: Die Besetzung am Mikrofon von Nightwish. Hier scheiden sich glaube ich mehrere Geister und Dämonen. Ich bin so ziemlich seit Gründung der Band mit von der Partie und habe alle Hochs und Tiefs miterlebt. Ich spreche natürlich nur für mich, aber denke ich treffe vielleicht auch die eine oder andere Denkhaltung der langjährigen Fans: Tarja bleibt für mich in Bezug auf die stimmliche Gewalt und auf die Prägung von Nightwish für immer unerreicht. Sie hatte grossen Anteil daran, dass die Band heute die geräumigen Hallen füllt und konnte mit ihrer variablen Stimme vom klassischen bis rockigen Anteil alles intonieren. Dann kam Anette Olzon, für mich ein schwieriges Kapitel. Wenn ich einmal einen Gedanken daran hatte, die Segel in Sachen Nightwish zu streichen war es in dieser Ära. Auf CD keine Frage, geil! Aber live? Ich habe einige Konzerte in dieser Besetzung gesehen und war mehrere Male enttäuscht. Punkt, Ende. Dann kam Floor Jansen, 2013, Wacken, erstes Nightwish Konzert in der neuen Besetzung…. Ich kriegte dazumals meinen Kiefer nicht mehr eingerenkt. Ich war noch Tage später in Trance. Eine Darbietung, bei welcher echt alles gestimmt hat, der absolute Golden Shot.

 Seither habe ich die Band wie auch den Gesang nie mehr auf diesem absolut einmaligen Level erlebt, obwohl für mich Floor Jansen genau das Format hat, welches Nightwish braucht. Floor hat ein extrem differenziertes Stimmorgan mit vielen Facetten und ist wohl ein Glücksgriff nach der Olzon-Ära. Um zum Abschluss des Gedankengangs zu kommen: Tarja: Kult, Anette: How much ist he Fish? Floor: Back tot he Future!

So und jetzt geht’s auf der Bühne los – Uhh, ganz schön eng hier zum Stehen in den vorderen Reihen, die Halle ist (zumindest auf den Stehplätzen) zum Bersten gefüllt.

Die Show startet – wie bei allen Konzerten der „Decades“-Tour – mit einem angezeigten Countdown, welcher den Spannungsbogen natürlich zusätzlich noch ankurbelt und die Leute nervös macht. Was mich sehr erstaunt ist, dass die Ansage zum „Nicht-Filmen mit dem Handy“ von vielen in der Halle sehr ernst genommen wird. Natürlich gibt es ein paar Filmer, welche es nicht lassen können, aber ich sehe erstaunlich wenig Handys, welche in die Höhe gehalten werden. Respekt, selten so erlebt.

Nach einem Intro by Troy Donockley geht’s mit dem ersten Kracher los. „Dark Chest of Wonders“ erschüttert die Halle und die Party beginnt. Riesiger Jubel begleitet die Mitglieder der Band auf die Bühne und durch den ersten Song des Abends. „Wish I had an Angel“ wird gleich angehängt. Wer bereits als zweiten Song einen solchen Erfolgstitel rauslassen kann, hat es einfach auf ganzer Linie geschafft. Die Band zeigt sich sehr kompakt und eingespielt und es fällt mir erst heute wieder auf, dass seit 1996 (Gründung der Band) bereits über 22 Jahre vergangen sind. Eine lange Zeit.

Weiter geht’s mit Songs (siehe Setlist) aus eher früheren Dekaden. Mit „Elvenjig“ und „Elvenpath“ kehrt dann für einen kurzen Moment auch wieder ein wenig Ruhe im Publikum ein und ich sehe ein paar nachdenkliche Mienen, aber auch ein paar sehr emotional gerührte Fans, welche Tränen in den Augen haben. Creeepy!

Das Publikum applaudiert nach jedem Song, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Stimmung ist absolut fantastisch und wird von Floor Jansen auch so „zitiert“ und „gelobt“. Mit weiteren Krachern wie „I Want my Tears Back“ werden die Stimmbänder der Fans wieder auf Glühstatus raufgeheizt. „Nemo“ wird von allen Songs wohl am meisten abgefeiert, die Halle brennt wortwörtlich (auch in Pyro-Form).

Empu Vuorinen an der Gitarre macht seine Sache routiniert wie immer, hat immer wieder ein Lächeln für die Fans bereit. Auch Marco Hietala wird seiner Rolle einmal mehr gerecht. Nicht nur als Bassplayer sondern auch als Sänger, Anheizer und Stimmungskanone. Band-Chef Holopainen macht auf mich einen sehr gelassenen Eindruck. Sowieso habe ich das Gefühl, ihn in den letzten Jahren nicht mehr so angespannt zu erleben. Floor Jansen zeigt heute eine sehr gute Performance. Hühnerhaut und Respekt wechseln sich gegenseitig bei mir ab. Tolle Frau. Kai Hahto am Schlagzeug nicht zu vergessen, welcher aber ziemlich im Hintergrund fungiert und nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie der ausgestiegene Jukka.

Was mich persönlich am meisten freut ist, dass der aus meiner Sicht grösste Song aus der Nightwish-Neuzeit trotz seiner immensen Länge den Weg in die Setlist dieser fantastischen Decades-Show gefunden hat. Ich rede vom Epos „Greatest Show on Earth“. Natürlich gibt es wohl auch zu diesem Nightwish-Song verschiedene Meinungen. Für mich beinhaltet dieser Song jedoch alles, was Nightwish zu dem gemacht hat, was die Band heute darstellt. Die verschiedenen Teile des Songs sind für mich eine Reise durch Zeit und Raum. Eine Achterbahnfahrt zwischen laut und leise, Freude und Trauer, Emotionalität in jeder Faser. Unbeschreiblich. OK, ich kriege mich wieder ein, sorry. Es scheint aber auch vielen anderen im Publikum ähnlich zu gehen, denn nach dem finalen „We were here“, gibt es auch von den Sitzreihen „Standing Ovations“. Völlig verdient.

Das Fanzit

Eine Show auf hohem Niveau, welche ich in Genf miterleben durfte. Die Band konnte mich einmal mehr mitziehen und die über zwei Stunden Spielzeit zogen nur so an mir vorüber. Eine Auswahl an Songs, welche keinen Wunsch offenlässt. Jedenfalls für die langjährigen Fans, zu welchen ich mich zähle. Die Kehrseite war sicherlich – auch spürbar im Publikum – das für das  „Gelegenheits-Publikum“ nicht alle Songs den Kennwert von „I want my Tears back“ oder „Nemo“ hatten.

Es war aus meiner Sicht eine riesige Show, aber sie gehört trotzdem nicht zu den besten Shows, welche ich von den Finnen bis jetzt erlebt habe. Dies hat mehrere Gründe: Natürlich ist die Setlist bei einer „Decades“-Tour anders, als bei einer Album-Tour. Zudem hätte ich natürlich auch noch andere favorisierte Songs gerne in der Setlist gesehen. Den Geschmack aller zu treffen ist natürlich sehr schwierig. Floor Jansen sang (und bewegte) sich heute auf hohem Niveau, aber nicht mehr. Es war keine ausgezeichnete Leistung wie auch schon erlebt. Zudem hat die Band heute trotz allen positiven Punkten einen Tick zu routiniert gewirkt.

Das Publikum war heute ein riesen Pluspunkt. Ein riesiges Lob an alle Westschweizer Metalheads. Das nenne ich feiern (da fällt es uns „angereisten“) einiges einfacher mitzuziehen.

Der Ausflug nach Genf hat sich gelohnt und ich kehre zufrieden nach Hause zurück. Bin gespannt wie es mit Nightwish weitergeht und was Tuomas als nächstes aus dem Hut zaubert.

Setliste Nightwish

  1. Dark Chest of Wonders
  2. Wish I Had an Angel
  3. 10th Man Down
  4. Come Cover Me
  5. Gethsemane
  6. Élan
  7. Sacrament of Wilderness
  8. Dead Boy’s Poem
  9. Elvenjig
  10. Elvenpath
  11. I Want My Tears Back
  12. Last Ride of the Day
  13. The Carpenter
  14. The Kinslayer
  15. Devil & the Deep Dark Ocean
  16. Nemo
  17. Slaying the Dreamer
  18. The Greatest Show on Earth
  19. Ghost Love Score

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