Rendezvous Point - Interview - Schuur Luzern 2019
So, 22. September 2019

Rendezvous Point – Interview mit Geirmund Hansen und Baard Kolstad

Schüür (Luzern, CH)
28.10.2019
Rendezvous Point - Interview - Schuur Luzern 2019

Musik machen, weil man Musik liebt

Mit ihrem Debut Album „Solar Storm“ sorgten Rendezvous Point bereits 2015 für Aufregung an der Front für anspruchsvollen Gehörgenuss. Im Mai 2019 legten die Norweger nun mit „Universal Chaos“ eine weitere beeindruckende Scheibe vor und präsentierten das gute Stück auf einer Mammut-Tour mit Vola und Arch Echo. Dass das Konzert nicht im grossen Raum der Schüür (siehe Review) stattfinden sollte, irritierte mich. Das Line-up klang sehr vielversprechend und überzeugte mit drei experimentierfreudigen und musikalisch hervorragenden Bands. Vor dem Konzert nahmen sich Sänger Geirmund Hansen und Baard Kolstad (auch bekannt von Leprous) ausführlich Zeit für einen Austausch.

Metalinside (Liane): Ihr seid gerade auf einer Tour, die ziemlich anstrengend wirkt, weil ihr 21 Aufführungen in knapp einem Monat habt. Wie geht es euch dabei?

Baard Kolstad : Es sind sogar 21 in 3 Wochen.

Geirmund Hansen: Wir haben nur 2 freie Tage. Bis jetzt geht es ganz gut. Es ist jedoch schon ein bisschen ermüdend, aber wir spielen nicht länger als 35 Minuten pro Set. So haben wir die Möglichkeit, uns zu erholen. Wir sind es gewohnt, viel zu spielen und meine Stimme macht auch mit, das ist gut. (lacht)

MI Liane : Wie haltet ihr euch fit während der Tour?

GH: Heute ging unsere Bassistin joggen. Wenn wir die Möglichkeit haben zu trainieren, machen wir das. Baard zum Beispiel ist schon sehr aktiv hinter dem Schlagzeug. Er braucht kein Training.

BK: Es sind kurze Sets aber wir haben nicht immer die komfortabelsten Locations und Umgebungen. Das hier in Luzern ist ziemlich nett. Es ist aber alles sehr repetitiv. Für den Head-liner ist es natürlich härter, da sie eine ganze Show abliefern müssen. Ich habe aber schon schlimmeres erlebt. 27 Shows in 27 Tagen zum Beispiel.

MI Liane: Ihr teilt euch den Bus mit weiteren zwei Bands?

GH: Das geht sehr gut. Aber alle Jungs sind super nett und wir kommen gut miteinander aus. Vola sind super nette Headliners und tolle Menschen. Der Bus ist auch sehr komfortabel.

MI Liane: Eure Bassistin Gunn-Hilde sieht das auch so?

GH: Ja, ihr geht es gut. Sie ist es sich gewohnt. (lacht)

MI Liane: Lasst uns über eure Releases sprechen. Zwischen dem Release von „Solar Storm“ und „Universal Chaos“ vergingen etwas 3.5 Jahre. Was hat Rendezvous Point davon abgehalten, früher etwas zu veröffentlichen?

BK: Jeder hatte unterschiedliche Verpflichtungen und ein paar von uns haben Familie. Es ist schwierig, kontinuierlich dran zu bleiben und es braucht auch viel Zeit, ein Album vorzubereiten. All das hat den Prozess verlangsamt. Ebenso hat es auch Zeit gebraucht, um den Plattenvertrag abzuschliessen, denn wir haben das Label gewechselt. Wir haben uns aber versprochen, dass wir das nächste Album schneller herausbringen werden.

GH: Es muss zukünftig ein bisschen schneller gehen, denn Prog-Fans sind ein bisschen ungeduldig und haben grosse Erwartungen. Zudem möchten wir auch mehr live spielen.

BK: Jetzt sind wir ja mit Vola unterwegs und es ist ihre erste Headliner Tour. Ich kenne die Leute schon von früher und ich war bereits früher mal auf Tour mit Nikolai von Vola. Er war der Ersatz Keyboarder von Agent Fresco. Man kann nicht erwarten, dass jeden Abend 200 Leute kommen, auf einer Tour wie dieser, aber das Publikum ist sehr unterstützend. Die Leute kommen früh und dann ist der Unterschied gar nicht so gross, vor wie vielen Leuten wir spielen, im Vergleich zu Vola. Die Leute unterstützen uns, indem sie Merchchandise kaufen und das ist die beste Art, eine Band zu unterstützen. Geht auf Konzerte und kauft ihre T-Shirts und Platten direkt dort.

MI Liane: Ihr hattet auch ausverkaufte Shows. Kopenhagen, zum Beispiel?

GH: Viele Veranstaltungen waren gut gefüllt. Viele Leute sind zu den Konzerten gekommen. Die Stimmung war sehr energiegeladen und toll. Es ist, glaube ich, ein guter Mix – die Musik von Rendezvous Point und Vola. Das passt super.

MI Liane: Baard, du spielst in zwei Bands. Rendezvous Point und Leprous. Wie bekommst du das unter einen Hut?

BK: Rendezvous Point war die erste Band und wir, ausser Geirmund, gründetenden die Band in 2010. Dann lernte ich den früheren Schlagzeuger von Leprous kennen, welcher ein sehr talentierter und bekannter Schlagzeuger in Norwegen ist. Ich sagte ihm, dass wenn er mal einen Ersatz bräuchte, er mich es wissen lassen sollte. Für ihn einzuspringen wurde dann zu einem Vollzeit-Job. Es war immer ein Traum, in einer Band in diesem Genre zu sein. Voll dabei zu sein, ohne Kompromisse und Leprous war die ideale Band dafür. Ich bin sicher, Rendezvous Point kann sich auch dahin entwickeln.

Das Jonglieren zwischen den beiden Bands funktioniert ziemlich gut. Ich muss einfach Prioritäten setzten, wenn ich nicht auf Tour bin, denn ich bin ein Schlagzeuger, der immer wieder neue Herausforderungen braucht. Ich kann nicht nach100 Auftritten mit Leprous 4 Monate lang zu Hause auf den nächsten Auftritt warten. So brauche ich immer wieder neue Herausforderungen und diese Tour mit Vola war sehr inspirierend. Es gab keine einzige Show, die langweilig zum Spielen war. Auf langen Headline Tourneen mit Leprous kann mir schon mal schnell langweilig werden. Man macht Musik, weil man Musik liebt und dann sollte man einfach seinem Herzen folgen. Nicht zu viel nachdenken. Ich liebe die Abwechslung und daher lässt sich das alles gut kombinieren.

MI Liane: Könntest du dir vorstellen, in einem anderen Genre Schlagzeug zu spielen?

BK: Zu Hause in Norwegen arbeite ich an einem Projekt, das ist ein rockiger Stil, aber mehr im House / Dance Genre. Ich lasse mich da nicht von Genres eingrenzen. Was für mich cool klingt, das spiele ich. In den letzten Jahren habe ich mich aber schon mehr auf meine zwei Bands konzentriert.

MI Liane: Geirmund, lass uns ein bisschen über die Texte reden. Ihr hattet dazu ein bestimmtes Thema ausgewählt: Digitalisierung.

GH: Wenn du den Song „Digital Waste“ nimmst, der bildet ziemlich den Mittelpunkt dieser Thematik. In unserer Zeit sind wir ständig am Handy oder an unseren Computern. Es findet ein stetiger Informationsfluss statt. Ich finde, in vielen Situationen kann das eine gute Sache sein, aber es ist immer so viel auf einmal und es formt uns als Menschen. Es gibt keinen Raum mehr für Entspannung. Es wird immer schwieriger, einen Schritt zurück zu gehen und den Moment zu geniessen.  

Wir sind konstant darauf am Warten, dass noch mehr passiert, etwas Besseres kommt. Ich glaube, Steve Jobs wäre nicht so begeistert von dem Song. (lacht) Aber es ist wichtig, darüber zu reden. Ich sehe auch die 7-/8-Jährigen, die bereits Snapchat und Instagram benutzen. Sie sind so fokussiert auf Likes. Ich glaube, es macht die Menschen unsicher und ich habe selbst die Erfahrung gemacht. Der Druck immer mehr Likes bekommen zu wollen wurde plötzlich immer grösser. Es macht die Leute unsicher und ruhelos. Im schlimmsten Fall kann es in einer Krankheit enden. Ich bin sicher, dass das zukünftig zu viel mehr Depressionen und anderen psychischen Problemen führen wird. Wenn du nicht ins Bad gehen kannst, ohne dein Phone mitzunehmen, ist etwas falsch.

BK: Also, ich kann nicht ins Bad gehen, ohne mein Handy mitzunehmen. Wir haben es gestern gerade besprochen: Wir sind froh, sind wir keine 13-Jährigen die im Jahr 2019 heranwachsen müssen. Vor allem bin ich froh, dass ich kein 13-jähriges Mädchen bin. Die haben so einen grossen Druck. Natürlich gab es schon immer den Wettstreit, wer ist der coolste und der beliebteste etc. aber es ist heute viel einfacher, sich an anderen zu messen. Viele sind so fake auf ihren Online-Plattformen und brauchen Zustimmung von anderen, um ein gutes Leben zu haben.

MI Liane: Auch die Qualität der Kommunikation leidet unter Social Media und den Kommunikationsmöglichkeiten, die wir heute nutzen. Ich merke das selbst bei mir.

GH: Eigentlich verhalten wir uns gleich wie alle anderen, aber wir haben die Möglichkeit, einen Schritt zurück zu gehen und den Leuten zu zeigen, was gerade alles abgeht. Das ist aber nur eines der Themen, welches wir auf dem neuen Album diskutieren. Es geht auch viel um die psychischen Probleme, wie Angst. In Norwegen arbeite ich als Lehrer und ich sehe, wie Kinder immer wieder depressiv werden und immer mehr Probleme bekommen. Ich unterrichte Gesang an der Highschool und Universität. Man kann zuschauen, wie die Leute immer ängstlicher werden und unsicherer. Ich kann meine Rolle als Sänger in dieser Band und als Lehrer nutzen, damit die Leute wieder an sich selbst glauben. Das gefällt mir. Wir schreiben und spielen Musik, damit die Leute etwas fühlen. Wir möchten, dass sich die Leute nach unserer Show besser fühlen, als sie sich fühlten, als sie gekommen sind. Egal ob es ein Metal-Song ist oder ein schöner Instrumental-Song. Wir möchten, dass die Leute etwas fühlen. Ich glaube, Rendezvous Point ist eine Band, die bei den Leuten Gefühle auslöst.

MI Liane: Ich habe euch erst kürzlich entdeckt und war total überrascht. Tolle Musik!

GH: Es ist cool, irgendwie eine Underdog-Band zu sein die Leute immer wieder überrascht.

BK: Das ist auch eine Antwort zur Frage, die wir vorhin hatten. Die Grösse, die Leprous nach 6 Alben und so viele Tourneen bekam war cool. Die Leute unterstützen die Band und mögen die Musik. Sie haben natürlich auch Erwartungen und könnten dadurch enttäuscht werden. Aber sie schenken einem von Anfang an Aufmerksamkeit. Auf einer Tour wie wir sie nun mit Rendezvous Point haben, sind die Leute zu Beginn eher skeptisch und dann mögen sie es trotzdem. Bis jetzt auf der Tournee war es nie schlechter als gut.

(Das Interview wird durch laute Musik und Lärm unterbrochen. Baard grummelt etwas vor sich hin springt sofort auf, um das zu regeln. Das nenne ich mal Einsatz!)

MI Liane: Baard, du bist ein geschätzter Schlagzeuger. Kommen Leute auf diese Tour, weil sie dich von Leprous her kennen?

BK: Vielleicht. Aber ich glaube, alle haben Rendezvous Point schon vorher gekannt.

GH: Es gibt immer ein paar Fanboys und -girls und das ist schon cool.

MI Liane: Gestern haben wir uns mit unserem Schallplatten-Händler unterhalten und meinte, es gibt ca. 100 Veröffentlichungen im Monat alleine im Genre Metal. Was ist die Strategie von Rendezvous Point, um zu überleben?

BK: 100 Releases im Monat? Wow das ist viel. Es gibt so viele Subgenres im Metal. Der Gitarren-Sound spricht für sich selbst. Wir verarbeiten so viel verschiedene musikalische Aspekte.

GH: Wir möchten eigentlich nicht in ein Metalgenre hineingedrängt werden.

BK: Unsere Musik ist nun mal nicht sehr kommerziell. Man muss einfach an der eigenen Ästhetik arbeiten und einen einzigartigen Sound kreieren. Es ist wichtig quer zu denken. Ich glaube, es gibt kein geheimes Schnellzugticket zum Erfolg. Man braucht manchmal einen langfristigen Plan.

GH: Ein bisschen Glück braucht es natürlich auch.

MI Liane: Bestimmt auch gewisse Kontakte.

BK: Natürlich.

GH: Wir müssen beim Performen unser Bestes geben, auch wenn kein grosses Publikum vorhanden ist.

BK: Man weiss nie, wer da ist.

GH: Wenn wir gute Musik schreiben und eine gute Aufführung hinlegen, ist das das Entscheidende. So kann sich unsere Musik fortbewegen und zu den Leuten gelangen, die wirklich zuhören. Wir spielten bis jetzt nie in Chile. Auf Spotify sieht man, dass das einer der Orte ist, wo unsere Musik am meisten angehört wird. Das ist das Gute am Internet. Die Musik kann überall und sofort hingelangen. Das ist ein grosser Vorteil für uns.

MI Liane: Euer Keyboarder Nikolai ist nicht mit auf dieser Tour?

BK: Er wird bei den letzten drei Aufführungen wieder mit dabei sein. Er ist die letzten zwei Wochen mit dem ProgPower Europe Festival beschäftigt. Er hat mehrere andere Projekte, in denen er involviert ist. Mit einem Musiker, mit dem er schon lange arbeitet, fungiert er als Produzent. Ebenfalls arbeitet er als Freelance-Musiker für einen grossen Pop-Musiker in Norwegen.

GH: Manchmal muss man Entscheidungen treffen, die am besten für einen selber sind. Natürlich möchten wir die ursprüngliche Band im Einsatz haben. Aber manchmal muss man Prioritäten setzen.

BK: Diese Tour gibt uns einzelnen keinen wirklichen Profit, wir verdienen hier nicht gross. Aber es ist ein wichtiger Part für die Band. Wenn wir zwischendurch einen Ersatz-Musiker brauchen, ist es kein Problem für die Band. Solange wir im Grossen und Ganzen alle dabei sind.

MI Liane: Wenn ihr 3 Veröffentlichungen nennen müsstet, die euer Leben komplett verändert haben, welche würden es sein?

BK: Das ist ein starker Ausdruck „komplett verändert“. (überlegt)

GH: Ich habe einige Aufnahmen, die sehr bedeutend für mich sind. Mein erstes Album, das ich hatte, war „Thriller“ von Michael Jackson. Das war das Album, welches mich in die rhythmische Musik brachte. Einer meiner grossen Helden ist Jeff Buckley und auch Keith Jarrett mit instrumentaler Musik. Es ist einfach Musik. Zwar komplett verschiedene Genre aber es berührt mich, lässt mich fühlen. Es motiviert mich, Musik zu schrieben, die über mich hinweg leben wird. Das sind meine 3 grössten Releases.

BK: Etwas das mein Leben verändert hat… Die Alben, die mich zum Schlagzeug spielen gebracht haben? Dire Strait’s „Brothers in Arms“ zum Beispiel. Aber auch ZZ Top’s „Greatest Hits“. Das Album hatte einen Song, das war der erste Song, den ich auf dem Schlagzeug gelernt habe, als ich 9 Jahre alt war.  Ich glaube, die Eltern hatten auch einen grossen Einfluss. Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, spielte ich etwa 3-4 Jahre in einer Brass-Band. Da bekam ich die „Rock in Rio“ DVD von Iron Maiden. Das war eine grosse Inspiration. Der 3. Release, der mich dann zum Prog-Metal brachte, ist eher unbekannt. Der neuste Gitarrist Robin Ognedal von Leprous hatte eine Band, die hiess Aspera. Sie hatten 2010 ein Album veröffentlicht und waren damals etwa 19 oder 20 Jahre alt. Ein sehr gut produziertes Album. Das erste, sehr gut produzierte Prog-Metal-Album, das ich gehört hatte. Das war sehr gut arrangiert und hatte ein tolles Songwriting. Ja, ich wähle dieses Album, das wahrscheinlich keiner kennt.

MI Liane: Ich liebe gute Tipps! Werde in jedem Fall mal auf die Suche gehen nach diesem Album von Aspera. Danke euch für das sympathische Interview und weiterhin viel Erfolg.

28.10.2019
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