Blind Guardian Twilight Orchestra - Legacy Of The Dark Lands (CD Cover Artwork)
Fr, 8. November 2019

Blind Guardian Twilight Orchestra – Legacy Of The Dark Lands

Heavy Metal, Opera Metal, Power Metal
Gastbeitrag 11.02.2020
Blind Guardian Twilight Orchestra - Legacy Of The Dark Lands (CD Cover Artwork)

Das beste Album, das nicht existieren sollte

Das neueste Machwerk der Krefelder Barden von Blind Guardian erscheint mit dem Namenszusatz Twilight Orchestra und verzichtet zugunsten eines Orchesters auf die von der Band gewohnten Klänge von E-Gitarren, Bass und Schlagzeug. «Legacy Of The Dark Lands» setzt dabei inhaltlich die Geschichte aus «Die Dunklen Lande» fort, einem Fantasy-Roman von Markus Heitz, der während des 30-jährigen Krieges spielt. Über 20 Jahre werkelte das Komponistenduo André Olbrich und Hansi Kürsch an diesem Epos. Ob sich das Warten auf Blind Guardian Twilight Orchestra – Legacy Of The Dark Lands gelohnt hat?

Eines vorweg: wer partout nicht auf die Klänge verzerrter elektrischer Gitarren und ein treibendes Trommelgewitter vom Schlagzeug verzichten will, der braucht nicht weiterzulesen, denn er wird mit diesem Album nicht glücklich werden. Für alle anderen wagen wir einen detaillierteren Blick auf die Musik der «Dunklen Lande».

Bereits vorab wurden zwei Lieder («Point Of No Return» und «This Storm») online veröffentlicht. Der Gesang schien mir sehr dominant und die Musik überladen, das Orchester schien keinen Raum zum Atmen zu haben. Es war wirklich nicht das, was ich von einem orchestralen Blind Guardian Album erwartet hatte. Entsprechend skeptisch wage ich mich an den ersten vollständigen Hördurchgang.

Die Tracks – Blind Guardian Twilight Orchestra – Legacy Of The Dark Lands

Nach klassischem Vorbild beginnt das Album mit einer (1618) Ouverture, die uns einen Vorgeschmack für die folgende Stunde Musik liefert. Auf ominöses Geflüster folgt der feine Einstieg des FILMharmonic Orchestra aus Prag, der Track gewinnt langsam an Fahrt und findet nach 2.5 Minuten sein pompöses Ende.

Der folgende Track «The Gathering» ist eines von 11 kurzen, gesprochenen Intermezzi, welche Teile der Geschichte erzählen, wie wir das zuletzt auf dem Album «Nightfall In Middle-Earth» geniessen durften. Die Sprecher beherrschen ihr Mundwerk und bringen ihre Parts atmosphärisch rüber. Da ich «Die Dunklen Lande» bisher nicht gelesen habe, kann ich den Inhalt allerdings nicht beurteilen und werde deshalb auch nicht weiter auf diese Zwischenstücke eingehen. Während der Lieder sind die Sprecher nur vereinzelt zu hören.

Nach einem sanften Intro und anschwellenden Streicherklängen bekommen wir in «War Feeds War» erstmals Hansi Kürsch zu hören (zu sehen gibt es ihn im dazu publizierten Musikvideo). Unterstützt wird er dieses Mal nicht nur durch den gewohnten BG Choir, sondern auch durch die Chöre von Vox Futura und des FILMharmonic Orchestra.  Leider lässt das Stück trotz des hymnenhaften Beginns eine klare Struktur vermissen und bleibt so auch nach mehreren Durchgängen eine Art glorifiziertes Intro und damit der schwächste Track der Scheibe.

Mit «Dark Cloud’s Rising» folgt ein verspieltes Stück mit einer leichtfüssigen Melodie. So hätte wohl das Auenland geklungen, wenn sich Blind Guardian für den Soundtrack zu «The Lord Of The Rings» verantwortlich gezeichnet hätten. Sowohl musikalisch als auch textlich wird hier klar der Auszug in die grosse, weite Welt beschrieben. Im düsteren Zwischenteil kann man dann die namensgebende dunkle Wolke vor dem geistigen Auge aufziehen sehen.

In «In The Underworld» beginnt der düstere Abstieg in die Unterwelt, der einen sogleich an Orpheus auf der Suche nach seiner Frau Eurydike denken lässt. Mit der Realisation, wo man sich befindet und dass es kein Entkommen gibt, entfesselt die Musik ihre volle Dramatik. Hier geht Hansi auch stimmlich etwas aggressiver zu Werke wie zuvor.

Als Kontrast stimmt «The Great Ordeal» im Anschluss unerwartet fröhliche Töne mit einem Schuss Melancholie an, wobei der im Kanon gesungene Teil als neues Element heraussticht. Der Refrain ist eine absolute Hymne wie man sie von (neueren) Blind Guardian bereits gewohnt ist. Tatsächlich wird man hier stark an «Ashes Of Eternity» vom Album «Beyond The Red Mirror» erinnert.

Bisher war das Album nett anzuhören, doch nun ist es an der Zeit, alle Bremsen zu lösen. «In The Red Dwarf’s Tower» dreht richtig auf und entfesselt die volle Macht von Solosänger und Orchester. Hier merkt man, dass sich die Komponisten üblicherweise im Metal heimisch fühlen. Das Stück ist düster, aggressiv und hat einen treibenden Rhythmus. «Solomon!», beschwört der Chor und Hansi präsentiert sich mit den Zeilen «But I don’t think / that anyone or anything / can ever be like me» in Topform und beweist einmal mehr, dass er als Sänger tatsächlich ziemlich einzigartig ist.  Ganz grosses Kino! Das Lied endet mit einem ausgedehnten Xylophonpart, der einem in gebannter Erwartung auf mehr hinterlässt. Es klingt, als ob hier die Halbzeitpause eingeläutet wird und siehe da, wir befinden uns in der Mitte der Tracklist.

Mit dem relativ kurzen «Treason» startet die zweite Albumhälfte wieder etwas ruhiger. Hansi und Orchester erschaffen aber auch hier Hühnerhautstimmung und der marschierende Refrain würde sogar im Opernhaus zum Mitsingen animieren. Die exzellente Arbeit der Filmharmoniker erinnert an die Glanztage von Versailles und kulminiert in einem fulminanten Outro.

Es folgt das bereits bekannte «Point Of No Return», welches uns mit einem lüpfigem Einstieg auf Abenteuer schickt und von Beginn an einen Eindruck von Dringlichkeit vermittelt. Auch hier erwarten uns grosse Orchestermomente. «Find the key / to be free / Will it ever be the same?», singt Hansi. Ob dies auch ein Point Of No Return für die Band ist? Wird es alsbald keine Blind Guardian ohne Orchester mehr geben? Wer weiss. Zumindest ist es der Point of No Return für mich, dieses Album trotz anfänglichen Vorbehalten als hörenswert zu erachten.

Schon der Titel «Nephilim» lässt meine Gedanken beim nächsten Stück zu kriegerischen Himmelsscharen oder den Nephalem aus den Diablo-Computerspielen schweifen. Absolut passend dazu bekommen wir choralähnlichen Hintergrundgesang und Trommelmärsche zu hören. Einige von Hansis Gesanglinien würden indes auch perfekt auf die erste Demons & Wizards-Veröffentlichung passen. Das kreiert eine spezielle und auf diesem Album einzigartige Stimmung, die das Lied sofort zu einem meiner Lieblinge werden lässt.

Ein mancher mag sich nun die Frage stellen: «Ist das überhaupt noch Blind Guardian?». «Ja!», lautet meine Antwort – und da liegt auch irgendwie das Problem der Scheibe. Besonders in der zweiten Hälfte frage ich mich regelmässig, wieso dieses Album ohne die reguläre Band stattfinden muss. Viele der Lieder hätten problemlos auch mit E-Gitarren und Schlagzeug funktioniert, vielleicht wären sie damit sogar besser geworden.

Dies realisiert man spätestens bei «Harvester Of Souls». Das längste Stück des Albums ist nichts anderes als eine Neuinterpretation des bereits auf der «Beyond The Red Mirror» veröffentlichten «At The Edge Of Time». Dort handelte es sich um eines der Highlights, hier sticht es weniger hervor. Und so drängen sich mir weitere unangenehme Fragen auf: Wer braucht eine nicht-Metal-Variante von Blind Guardian? Wieso existiert dieses Album in dieser Form? Während ich in philosophische Sphären abdrifte, dreht die Scheibe munter weiter.

Mit «This Storm» folgt eine dramatische Hymne, die nochmals ordentlich aufdreht und deren Refrain die Sturmwolken aus meinen Gedanken vertreibt und die Sonne wieder scheinen lässt.

Das Album schliesst mit dem nicht weniger dramatischen aber deutlich düsteren «Beyond The Wall». Es beginnt ominös mit einigen gesprochenen Zeilen von Hansi, lässt sich im weiteren Verlauf Zeit, um an Fahrt zu gewinnen und zieht anschliessend nochmals alle Register, bis der Chor mit der Wiederholung der Zeile «Beyond the wall they’re damned» das Stück zu Ende bringt.

Das Gesamtwerk – Blind Guardian Twilight Orchestra – Legacy Of The Dark Lands

So bleibt der Ersteindruck sehr durchzogen. Das Gehörte ist nicht schlecht. Das Orchester klingt ausgezeichnet und an Hansis Gesangsleistung gibt es beim besten Willen nichts auszusetzen. Aber war das wirklich schon alles? Ich hatte erwartet, dass dieses Album komplett anders sein würde als alles bisher Dagewesene. Doch nun lässt es mich ein wenig enttäuscht und auch verwirrt zurück. 20 Jahre in der Mache und am Ende ist es «nur» Blind Guardian?

Nicht ganz.

Ich gebe der Scheibe noch eine Chance und mit jedem weiteren Hördurchgang gefällt sie mir besser. Mit etwas Abstand und einer ruhigeren Herangehensweise kann ich das Album jetzt danach beurteilen, was es ist und nicht danach, was ich erwartet hatte. Und mit der Einstellung, dass es sich hier «nur» um Blind Guardian handelt, kommen auch die Stärken von Blind Guardian wieder zum Vorschein. Das Album ist voll von liebevollen Details und grandiosen Momenten. In jedem einzelnen Stück passiert unglaublich viel und was zu Beginn überladen erscheint, entwickelt sich zur wahren Goldgrube, wo es bei jedem Hördurchgang Neues zu entdecken gibt. Es wird jede Menge Abwechslung geboten, da weniger mit dem in der Rockmusik weit verbreiteten starren Schema von Strophe und Refrain gearbeitet, sondern eher auf die Verwendung von Themen und Varianten gesetzt wird.

Strukturierung und Tempo der Lieder sind phänomenal. Jedes durchläuft Höhen und Tiefen und hat einen Spannungsbogen. Dies gilt insbesondere auch für das Album als Ganzes. Und hiermit sind wir bei dem Punkt angelangt, der dieses Werk tatsächlich von der Masse abhebt: musikalisches Geschichtenerzählen. Die Musik allein vermag es, eine Atmosphäre aufzubauen und Emotionen zu kreieren, die eine Geschichte erzählen. Der Text ist geradezu nebensächlich, die Instrumente sind die wahren Erzähler. Diese Eigenschaft lassen die meisten sogenannten Metal-Opern und Konzeptalben schwerlich vermissen und verkommen so zu einer losen Aneinanderreihung von guten Einzelstücken.

Die Erzählqualität von «Legacy Of The Dark Lands» wird umso deutlicher, wenn man sich die im Digi-Pack enthaltene zweite CD zu Gemüte führt, die das Album ohne Zwischenstücke und ohne Gesang präsentiert. Das Ergebnis ist ein einwandfreier Filmsoundtrack und somit eine der seltenen instrumentalen Bonus-CDs, die sich nicht unvollständig anfühlen. Schlussendlich hat das Album also doch seine Nische gefunden und sich seine Existenzberechtigung verdient.

Das Fanzit – Legacy Of The Dark Lands

«Legacy Of The Dark Lands» ist ein wunderschönes Album mit viel Liebe zum Detail. Die Musiker verstehen ihr Handwerk und gesanglich zeigt sich Sänger Hansi Kürsch in Höchstform. Die Scheibe brilliert vor allem mit sehr atmosphärischen, narrativen Kompositionen. Die Musik und das Konzept treffen sicherlich nicht jeden Geschmack. Wer allerdings ein offenes Ohr für Blind Guardian und Filmsoundtracks hat, kommt voll auf seine Kosten. Einzig der harzige Einstieg und die Wiederverwendung von bereits früher veröffentlichtem Songmaterial können bemängelt werden. Somit bekommt das Album von mir 9 von 10 Punkten.

Reinhören und DCD portofrei bestellen

Video Blind Guardian Twilight Orchestra – War Feeds War

 

Gastbeitrag: Cédric Leu


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 9/10



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Gastbeitrag 11.02.2020
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