Let Us Prey - Virtues Of The Vicious (Cover Artwork)
Fr, 24. Juli 2020

Let Us Prey – Virtues Of The Vicious

Death Metal, Power Metal, Progressive Metal, Thrash Metal
23.07.2020
Let Us Prey - Virtues Of The Vicious (Cover Artwork)

Volle Kanne, Hoschi!

Reizüberflutung – anders lässt sich meine erste Begegnung mit „Virtues Of The Vicious“ nicht beschreiben. Wo andere Bands sich zumindest eingangs auf ein Genre konzentrieren und so dem Hörer Zeit und Luft einräumen, sich auf das da Kommende einzustellen, gehen Let Us Prey gleich in die Vollen – Motto: Mehr hilft mehr.

Könnt ihr euch vor dem inneren Auge einen fetten Hummer (gemeint ist der US-Geländewagen) vorstellen, der euch auf einem schmalen Waldweg entgegen brettert? So kam mir das Debutwerk von Let Us Prey beim erstmaligen Hören rüber…

Erinnert ihr euch noch an den dänischen Koch aus der legendären Muppet Show? „Smörrebröd, Smörrebröd, röm pöm pöm pöm“ – Und dann verwechselt der Schussel mit dem schrägen Akzent Prise mit Suppenkelle, und kredenzt als Menu ein Album, bei dem Elemente von Death-, Thrash-, Power- und Progressive-Metal frei ineinander zu zerfliessen scheinen – und das eher nach knallhartem Stahlbeton denn milder Hühnerbrühe schmeckt.

Dieses wilde Potpourri aus diversen Stilrichtungen, gepaart mit krassen Breaks und zuweilen auch etwas ruhigeren Passagen, die nur allzu bald wieder durch abgedrehte Tempowechsel niedergemetzelt werden, weiss – wenn man denn den Zugang zu „Virtues Of The Vicious“ gefunden hat – zu gefallen, auch wenn zugegebenermassen hier und da vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen wird.

Immer mitten in die Fresse rein

Nehmen wir zum Beispiel „Murder Thy Maker“, welches mit ruhigen, etwas schaurigen Pianoklängen beginnt (haben sie sicher aus einer Geisterbahn geklaut), um einem dann umgehend die dröhnende Faust ins Gesicht zu rammen, brachial und düster. Springt man in 30-Sekunden-Skips durch den Song, so steigt von Sprung zu Sprung zudem der Verdacht, gänzlich unterschiedliche Tracks vor sich zu haben.

Oder das melodiöse, wohl geordnet wirkende „In Suffering“, das mit einem grandiosen Refrain aufwartet, in der zweiten Hälfte dann aber ein bis zwei gefühlte Härtegrade höher schaltet, als wolle man ein für alle Mal klarstellen, dass durchgehend gleichbleibende Melodik eher so Poserzeugs ist.

„Halo Crown“ und „Prey“ sind einfach nur Vollgasnummern, welche gradlinig nach vorne losgehen und sich keinen Deut um die Gefühlslage des Zuhörers scheren – ganz im Gegensatz zum Titelsong, welcher gerade im Mittelteil die ruhigere Seite dieser Band zum Vorschein bringt – nur um dann alles im nächsten Moment wieder gnadenlos niederzumähen.

Der finale Track „And Hell Followed With Me“ zündet mit seiner leicht episch anmutenden Länge von über 8 Minuten ein metallenes Feuerwerk, bei welchem die aus Boston stammende Band nochmals so richtig mit der grossen Kelle anrührt, sich klare Gesangsparts mit wilden Screams abwechseln (und dessen Bridge mich irgendwie an „My Ghost“ von Mister Misery erinnert) – sprich all das noch einmal hervorgekramt wird, was den Sound von Let Us Prey schlussendlich ausmacht.

Manowar?

Apropos Gesang – im Promotext steht: „An der Spitze steht der Sänger Marc Lopes, bekannt als Frontmann von Manowar/The Dictators Mitbegründer der Gruppe Ross Friedman. „Wer eine direkte Verbindung zu den Kings Of Metal (aka Manowar) sucht, wird leer ausgehen. Gemeint ist mit diesem etwas umständlich formulierten Satz einfach, dass LUP-Shouter Marc Lopes auch bei der Band des ehemaligen Manowar-Gitarristen Ross The Boss hinter dem Mikro steht. Wäre sicher einfacher zu formulieren gewesen (aber ja, man bringt Leute wie mich dazu, darüber zu schwadronieren).

Und diese Stimme hat es fürwahr in sich: Vom melodiösen Klargesang über klassisch geprägte Metalhöhen bis hin zu erdigem Thrash/Death Metal-Knurren beherrscht Lopes so ziemlich alles, was für dies Art von Musik auf der Must-Have-Liste steht.

Überhaupt ist das gesamte Album sehr klar und dynamisch abgemischt, die Drums kommen enorm druckvoll rüber und die Gitarren hinterlassen mit ihrer Wucht verbrannte Erde, können aber genauso gut mit dichten Harmonien aufwarten.

„Virtues Of The Vicious“ – der Nachfolger der EP „The Saint of Killers“ aus dem Jahr 2016 – wurde von Nick Bellmore (Hatebreed, Toxic Holocaust, Five Finger Death Punch) und Pete Rutcho (Revocation, Havok, Bury Your Dead) aufgenommen, wobei letzterer auch für den Mix sowie das Mastering verantwortlich zeichnet. Neben Jon Donais von Anthrax sind auf dem Album eine Reihe weiterer namhafter Gastmusiker zu hören, darunter der „Metal“-Mike Chlasciak (Halford), Jimi Bell (House of Lords/Autograph) sowie der 2018 verstorbene Oli Herbert (All That Remains).

Das Fanzit Let Us Prey – Virtues Of The Vicious

Den Zugang zu neuer Musik erlange ich am liebsten beim Sport und/oder draussen in der Natur. „Virtues Of The Vicious“ von Let Us Prey (so heisst übrigens auch ein Horrorfilm aus dem Jahre 2014) war der erste Longplayer, welchen ich mir nicht am Stück anhören konnte, sondern in mehrere Tranchen à 2 – 3 Songs aufteilen musste – zu erschlagend haben die Tracks meine auditiven Sinne überflutet.

Wer sich aber etwas Zeit nimmt, das Album und seine facettenreich aufgebauten Songs besser kennen zu lernen, erhält eine Ohrspülung vom Feinsten und wird beim wiederholten Durchhören auf immer neue Detail stossen, welche zuvor unter der schieren Klangfülle verborgen geblieben sind.

„Virtues Of The Vicious“ von Let Us Prey enthält vieles – manchmal wohl auch schlicht zu vieles. Aber wer Bands wie Soilwork, In Flames, Testament, Scar Symmetry, Judas Priest, Iron Maiden, Fear Factory, Darkane und/oder Nevermore mag (wobei hier ein „und“ von Vorteil sein dürfte), wird an Let Us Prey sicher Gefallen finden. Von mir – nach gewissen Anlaufschwierigkeiten – ein klares „Daumen hoch“ und wohl verdiente 8.5 Punkte.

Indes frage ich mich, wie sich das Ganze an Konzerten rüberbringen lässt – kann die enorme Intensität über die ganze Show aufrecht erhalten werden? Und wie wird es gelingen, diesen sehr differenzierten Sound live hinzubekommen, ohne in einem undefinierbaren Soundbrei zu enden? Man darf gespannt sein…

Trackliste Let Us Prey – Virtues Of The Vicious

  1. Above The Vaulted Sky
  2. Virtues of the Vicious
  3. In Suffering
  4. Halo Crown feat. Anthrax’s Jon Donais
  5. Murder Thy Maker
  6. The Saint of Killers
  7. Ghost Echoes
  8. The Cruel Creation of Me
  9. Prey
  10. And Hell Followed With Me

Line Up – Let Us Prey

  • Marc Lopes – Vocals
  • Darin Moyen – Drums
  • Jon Morency – Gitarre
  • Jesse Near – Gitarre

 

Video Let Us Prey – Halo Crown


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 8.5/10



Wie bewertet ihr dieses Album?

23.07.2020