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Vicious Rumors (Promobild)
Mi, 12. August 2020

Vicious Rumors – Interview mit Geoff Thorpe

Power Metal
22.08.2020
Vicious Rumors (Promobild)

Wie ein Hirsch im grellen Scheinwerferlicht

Einundvierzig Jahre Bandhistorie sind ein beeindruckender Wert – Vicious Rumors werden nicht umsonst zu den Speerspitzen des US-geprägten Powermetals gezählt. Und doch – den ultimativen Durchbruch hat die aus dem kalifornischen Santa Rosa stammende Combo nie so wirklich geschafft.

Wir haben uns mit Gründungsvater und Band-Mastermind Geoff Thorpe über das neue Album „Celebration Decay“ (siehe Review), das omnipräsente Thema Corona – sowie die Höhen und Tiefen seiner unglaublichen Karriere unterhalten.

Metalinside (Sandro): Geoff, zuallererst ganz herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst!

Geoff: Ich habe zu danken! Wir freuen uns enorm auf die Veröffentlichung von „Celebration Decay“.

MI: Ich kann mir gut vorstellen, dass die letzten paar Monate wegen Corona ziemlich hart für euch gewesen sein müssen. Was hat dir in dieser Zeit am meisten gefehlt?

Geoff: Es tat sehr weh, grosse Tourneen in Europa, Nordamerika und Japan nach so viel Arbeit, die in dieses Album geflossen ist, abzusagen. Wir sind froh, dass SPV den Veröffentlichungstermin einhalten wollte, sonst wäre das ganze Jahr ein Reinfall gewesen. Ich vermisse alles und jeden… Ich gehöre zu einer Hochrisikogruppe, also halte ich einfach den Kopf unten und versuche, so viel Arbeit wie möglich zu erledigen, ohne krank zu werden. Ich bin halt auch ein wenig verwöhnt und möchte schlicht mein normales Leben zurück!

MI: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber gab es auch den einen oder anderen Lichtblick in dieser ganzen trüben Zeit?

Geoff: Hoffnung gibt es immer. Ich denke aber, dass die Menschlichkeit, resp. das fehlende Mitgefühl eines unserer zentralen Probleme ist.  Die Geschichte der Menschheit ist nicht gerade eine Story über Leute, die zusammenkommen, um sich gegenseitig zu helfen. Aber vor 100 Jahren – nach einer früheren Pandemie – hatten wir die wilden 20er Jahre, also hoffe ich, dass es wieder so sein wird!

MI: Wie hast du die Zeit genutzt, als du zwangsweise weg von der Bühne warst? Hast du zum Beispiel ein neues Hobby für dich entdeckt?

Geoff: Ich koche jetzt zum Beispiel viel besser (lacht). Und ich habe viele lange Spaziergänge gemacht. Es war nicht die kreative Zeit, die ich mir erhofft hatte. Ich fühlte mich einige Monate lang wie ein Hirsch im Scheinwerferlicht und musste alles, woran ich monatelang gearbeitet hatte, absagen, ohne zu wissen, wann es weiter gehen kann. Jetzt versuchen wir, das neue Album auf jede nur erdenkliche Art und Weise zu promoten!

MI: Kam euch nie die Idee, den Release des Albums weiter nach hinten zu schieben, bis sich vielleicht die ganze Geschichte rund um Corona etwas normalisiert hat?

Geoff: Wir haben zwar darüber diskutiert, aber schlussendlich schien uns ein Jahr, in dem gar nichts passiert, einfach keine Option zu sein. Wir hoffen, dass uns unsere Fans unterstützen und das neue Album gut aufnehmen werden, da die Shows und Festivals ja vorerst leider ausfallen. Vicious Rumors haben schon viele Stürme überstanden, und dies ist wohl der schlimmste, der je über uns hinweggefegt ist – aber wir werden bis zum Letzten kämpfen, darauf kannst du dich verlassen!

MI: Den Titel des Albums (Celebration Decay – zu Deutsch: Verfall der Feierlichkeiten) könnte man schon fast als Omen für das Jahr 2020 nehmen. Was steckt dahinter respektive was steckt hinter den Lyrics eurer Songs?

Geoff: Die Idee hinter „Celebration Decay“ ist der Zerfall der Menschheit in einer viel dunkleren Welt, in der wir heute leben. Es sollte nicht von der Pandemie handeln… aber es hat das Album sicher noch schwerer und zeitgemässer gemacht. Als wir mit den Aufnahmen begannen, war Corona etwas, das weit weg geschah… ich hätte mir das so nie vorstellen können. Wir waren im März in Europa auf Tournee, als der Vorhang fiel. Es war ein verrücktes Gedrängel, um zurück zu kommen, die Grenzen schlossen sich und all das Durcheinander – einfach blanker Wahnsinn…

MI: Ihr musstet die Arbeiten an „Celebration Decay“ ja etwas nach hinten schieben, da die 30th Anniversary Tour zu „Digital Dictator“ ein wenig länger als geplant gedauert hat (108 statt der ursprünglich 20 geplanten Gigs aufgrund der grossen Nachfrage). War dies rückblickend ein Problem oder hat es euch auch in gewisser Weise geholfen, da ihr vor dem neuen Album schon intensiv zusammenspielen konntet?

Geoff: Keine Frage, es war ein Glücksfall für das neue Album! Die anderthalb Jahre auf Tournee, bevor wir mit den Aufnahmen begannen, haben die Chemie innerhalb der Band massgebend geprägt und uns klar gemacht, wohin die Reise gehen soll. Deshalb haben wir die Messlatte auch von Beginn weg sehr hoch gelegt. Das intensive Touren davor hat uns zusammen geschweisst und schlussendlich auch jedem die Chance gegeben, sich aktiv einzubringen.

MI: Mit Nick Courtney habt ihr einen neuen Sänger am Start. Hat seine Art zu Singen das Songwriting in irgendeiner Weise beeinflusst?

Geoff: Ja, und wir haben auch bei einigen Songs zusammengearbeitet. Wenn ich Texte und Melodien schreibe, so behalte ich stets den Sänger, mit dem ich arbeite, im Hinterkopf. Es ist definitiv ein harter Job, der Sänger in dieser Band zu sein. Aber Nick bringt alle Qualitäten mit, die es braucht! Er respektiert auch die Tatsache, dass ich selbst viel Songwriting mache. Er beherrscht verschiedene Stile, bringt aber auch viel klassischen Metal mit ein – und er hat eine grossartige Bühnen-Präsenz!

MI: Wie läuft bei euch eigentlich generell das Songwriting ab? Bist du als Gründungsmitglied im Lead oder hat die ganze Band Einfluss darauf, wie ein neues Album klingen wird?

Geoff: Ich führe die Regie und umgebe mich mit Talenten, so dass definitiv kein Mangel an Ideen herrscht! (lacht) Ich liebe es noch immer, Alben vom Anfang bis zum Ende durchzuhören.  Für mich ist es sehr wichtig, wie sich ein Werk als Ganzes anfühlt – es ist, als ob es dich auf eine Reise mitnimmt… die Jungs können das nachfühlen und kennen unseren Sound mittlerweile auch sehr gut, da wir ja viel getourt und jetzt auch zusammen aufgenommen haben! Es macht wirklich enorm Spass, so zu arbeiten!!!

MI: Was hat sich aus deiner Sicht über die Jahre hinweg bei Vicious Rumors am stärksten verändert – und wo seid ihr euch treu geblieben?

Geoff: Die Drinks haben sich verändert, aber der Metal ist immer noch derselbe (lacht). Obwohl ich eigentlich nur noch selten Alkohol trinke. Wir hatten einige Wechsel im Line-Up, wie du ja mitbekommen hast, aber Larry Howes stampfende Drums und mein Gitarrenstil und Songwriting sind die konstanten Elemente bei Vicious Rumors… Und unsere neuen Jungs Nick Courtney und Gunnar Dügrey bringen die Band wieder näher an den Zenit heran! Ich würde „Celebration Decay“ auf dieselbe Stufe wie unsere klassischen Alben stellen.

MI: Stichwort Wechsel im Line-Up. War das rückblickend eher eine negative Sache, da die Kontinuität etwas verloren ging, oder hatte das Ganze vielleicht auch etwas Gutes, so dass zum Beispiel immer wieder neue Ideen die Musik von Vicious Rumors bereichert haben?

Geoff: Es hat wie so vieles seine Licht- und Schattenseiten. Es bremst dich, wenn alles gerade wunderbar rund läuft, hat aber auch seinen ganz besonderen Reiz, wenn jemand grossartig Neues zur Truppe stösst. Ich fände es toll, wenn dieses Line-Up Bestand hat. Es ist nicht so, dass es schwierig ist, mit mir auszukommen. Ich bin einfach sehr fokussiert und weiss genau, wo ich mit Vicious Rumors hin will. Manchmal ändern Menschen aber ihre Richtung im Leben – und das ist auch in Ordnung so! Zuweilen fühle ich mich wie eine Lok, die unbeirrt die Schienen entlang rollt. Es gibt Bands, die sind halb so alt wie VR, haben aber bereits keines ihrer Gründungsmitglieder mehr an Bord. Bitte versteh mich da nicht falsch – ich möchte, dass das Line-Up zusammenbleibt! Aber ich fühle mich noch immer stark genug, um das Ganze morgen wieder neu aufzubauen, sollte es denn nötig sein!

MI: Welcher der neuen Songs liegt dir am meisten am Herzen?

Geoff: „Darkness Divine“ und „Collision Course Disaster“ – letzterer, weil er die klassische Seite von VR repräsentiert, und „Darkness Divine“ zeigt eine andere Seite der Band – zudem habe ich bei diesen beiden mitgesungen. Meine Lieblingslieder mit Nick am Gesang sind „Celebration Decay“, „Pulse Of The Dead“ und „Arrival Of Desolation“ – wobei die anderen auch knallharte Kracher sind (lacht).

MI: Wenn du einen der bisherigen Songs (auch aus früheren Alben) als Blueprint für Vicious Rumors-Songs nennen müsstest, welcher wäre das?

Geoff: Uff, eine sehr gute Frage… (lacht) Ich betrachte die Alben wie Schnappschüsse, die in ihrer jeweiligen Zeit und in ihrem jeweiligen Kontext entstanden sind. Aber wenn ich wählen müsste, dann wäre es aus der klassischen VR-Ära „Don’t Wait For Me“, und von den aktuellen Songs wohl „Pulse Of The Dead“. Aber auch das ist im Prinzip nur eine Momentaufnahme, die morgen wieder anders ausfallen könnte.

MI: Was ist aus deiner Sicht das Besondere an Vicious Rumors, was unterscheidet euch von allen anderen Bands?

Geoff: Wir haben eine sehr intensive Arbeitsethik, die wir uns auch auf unseren Tourneen und in unseren Terminplänen auferlegen – und andere Leute durchaus zum Weinen bringen können (lacht). Das ist uns 2016 auf Tournee mit UDO passiert. Alle Jungs in der aktuellen Bandzusammensetzung sind absolute Fans der Musik, die wir machen. Wir tun das Ganze aus Leidenschaft. Ich weiss nicht, ob wir uns dadurch von anderen Bands unterscheiden, aber so funktionieren wir! Es ist nie zu spät, um dann mal von 9-to-5 zu arbeiten.

MI: Vicious Rumors werden oft als Aushängeschild des US-Power Metal genannt. Wo siehst du den Unterschied zu anderen Power Metal-Unterarten, wie zum Beispiel dem aus Europa?

Geoff: Ich denke, das liegt daran, weil VR einer der Pioniere des amerikanischen Power-/Speed-, Thrashy- und Classic-Metal ist. Wir haben viele verschiedene Stile in der Marke Vicious Rumors vermischt, als die meisten unserer Konkurrenten noch strikt thrashig waren. Wir haben auch härtere Kanten als der europäisch geprägte Power Metal. Es ist aus meiner Sicht einfach eine Kombination aus Power und der Tatsache, dass wir die Prioritäten klar zugunsten des Songs setzen. Der Song ist meiner Meinung nach der mit Abstand wichtigste Teil, wenn man in einer Band spielt. Wir neigen dazu, unsere Songs eingängig, aber dennoch hart und kraftvoll zu halten. Zumindest ist das unser Ziel (lacht)!

MI:  Welche Bands beeindrucken dich aktuell am meisten?

Geoff: Ich mag eigentlich alles von Arch Enemy bis Al Demeolia. Natürlich auch die Klassiker wie Maiden, Priest… von Led Zeppelin zu The Doors, von Korn über Kiss und Dio bis hin zu Sinatra. Aber auch das kann sich von Tag zu Tag etwas ändern.

MI: Du bist nun schon sehr lange im Musikbusiness unterwegs – was hat sich aus deiner Sicht über die Jahre hinweg am meisten verändert?

Geoff: Wahrscheinlich das Mystische, das sich früher um deinen Lieblingskünstler gerankt hat. All die Mystik, das Geheimnisvolle ist heute irgendwie verloren gegangen. Heute googelst du einfach jemanden, wenn du wissen möchtest, was er gestern zu Mittag gegessen hat. Das ist irgendwie schade.

MI: Was sind die persönlichen Höhe- und Tiefpunkte deiner Karriere?

Geoff: Zu den Höhepunkten zählt sicher die Möglichkeit, auf der ganzen Welt Live-Shows spielen zu können. Dann auch, die Bühne mit meinen Lieblingskünstlern teilen zu können, sowie einige sehr ungezogene After-Partys! (lacht) Und natürlich Alben machen zu können sowie die Bewunderung von Fans, der Presse oder auch Kollegen erfahren zu dürfen. Den Delay- und Boost-Schalter auf der Bühne zu betätigen und zu spüren, wie die Kraft durch dein Blut fließt und wie deine Gitarre explodiert… Ja, das liebe ich!! Der einzige schlechte Gig ist der, den du nicht spielst! Und der Tiefpunkt war sicher der Tod von Carl Albert.

MI: Ein Sprichwort besagt, dass jeder Erfolg seinen Preis hat. Was war das Kostbarste, dass du für die Musik opfern musstest?

Geoff: Da hast du absolut Recht! Wenn man in diesem Business bestehen möchte, so muss man bereit sein, fast alles andere zu opfern – für mich waren das zum Beispiel Familienereignisse, Geburtstage, oder auch Beziehungen. Wenn du es auf diesem Level durchziehen willst, dann läuft es von einem bestimmten Punkt an auch darauf hinaus, völlig normale Dinge zu opfern, bis das Opfer dir als selbstverständlich erscheint. Dieses Geschäft ist nicht für jedermann geeignet; auch nicht für diejenigen, die es sich ganz fest wünschen. Denn hey, wenn es einfach wäre, so wäre jeder ein Rockstar und wir hätten kein Publikum (lacht).

MI: Gibt es eine Frage, die du schon immer beantworten wolltest, welche dir aber noch nie gestellt wurde?

Geoff: Ich bin mir fast sicher, dass ihr mich schon so ziemlich alles gefragt habt (lacht). So viele Interviews, so viele Fragen. Ich habe Vicious Rumors anno 1979 mit 1’000 Visitenkarten in der Hand gegründet. Ich hatte noch keine Band zusammen, aber nach etwa 3 oder 4 Monaten, in denen ich die Clubs in der SF Bay Area immer und immer wieder abgeklappert hatte, sahen mich die Leute als den Typen von Vicious Rumors! Ich habe die Band von dort aus aufgebaut! 41 Jahre später bin ich noch immer da, mit dem 13. Studioalbum respektive der 17. offiziellen Veröffentlichung im Gepäck. Ok, vielleicht die Frage, wieso ich das Ganze nach so vielen Jahren noch immer mache… Weil ich die ganze Action noch immer liebe!

MI: Hast du noch eine spezielle Message an eure Fans in der Schweiz?

Geoff: Vielen Dank an so viele tolle Fans und Freunde in der Schweiz, die dazu beitragen, unsere Heavy Metal-Träume wahr werden lassen! Wir freuen uns darauf, auch wieder bei euch spielen zu können. Ohne euch hätten wir nie so lange durchgehalten! Wir wünschen euch allen beste Gesundheit – und viel Metal! Wir hoffen, dass Ihr an „Celebration Decay“ eben so viel Spass haben werdet wie wir.

MI: Geoff, auch dir ganz herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke! Wäre cool, euch möglichst bald wieder auf den Bühnen Europas live erleben zu dürfen!

 

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