Infinitas - Hall of Fame Wetzikon 2020
Sa, 29. August 2020

Infinitas, Tendonitis, Inner Core

Hall of Fame (Wetzikon)
09.09.2020
Infinitas - Hall of Fame Wetzikon 2020

(Fe)male Fronted Metal-Night in Wetzikon 

Zwei Frauenstimmen und ein männliches Lärmorgan gaben am Samstagabend in Wetzikon die Töne an. Insbesondere die Performance des Headliners war mit einigen Emotionen verbunden. Es war schliesslich die Dernière von Andrea Böll. Nach sieben Jahren werden Infinitas und sie getrennte Wege gehen. Ungehindert dessen lieferten sämtliche Akteure überzeugende Auftritte ab.

Trotz Maskenpflicht war das Publikum in bester Feierlaune. Wie sagte es Hall Of Fame-Boss Pasquale doch so schön? «Eine Gesichts-Maske kann nicht verhindern, dass Live-Musik durch die Ohren dringt und das Herz berührt.» 

Boah, bei diesem garstigen Regenwetter würde man eigentlich grundsätzlich lieber in den heimischen vier Wänden hocken und das süsse Nichtstun geniessen. Einzig die Aussichten auf Konzerte sind in der Lage, dies erfolgreich zu ändern. Also runter vom Sofa und nix wie hin ins Zürcher Oberland. Die Wetziker Ruhmeshalle hat sich gestern mit Liquid Bones und Hard Ball Classic aus dem behördlich aufgedrängten Dornröschenschlaf zurückgemeldet und legt heute direkt mit dem zweiten Streich nach. So soll es sein! Da bin ich nur allzu gerne bereit, der Location mit vollem Elan unter die Arme zu greifen. Bleibt zu hoffen, dass etliche andere Leute meinem Beispiel folgen werden.

Was bietet der musikalische Speiseplan überhaupt an? Da wären unter anderem die uns allen bestens bekannten Infinitas aus dem Muotathal. Die Truppe hat in den letzten Jahren eine beachtliche Entwicklung durchlaufen, die man stets gespannt mitverfolgt hat. Dann folgte aus heiterem Himmel im Juli dieses Jahres (getreu nach dem Motto «Fuck 2020!») die Schocknachricht: Sängerin Andrea Böll wird die Schwyzer verlassen. Peng! Ein Hammerschlag mitten in die Kauleiste. Wer hätte jemals damit gerechnet? Das Leben und seine Veränderungen… selten eine angenehme Geschichte. Glücklicherweise wird es kein stiller und klammheimlicher Abgang, denn im Rahmen der heutigen Abschieds-Performance soll die Sängerin ein allerletztes Mal hundertprozentig zelebriert werden. In Zusammenhang mit den «Infinitösen» stellen sich wohl nicht bloss mir die folgenden Fragen: Wer «erbt» den Job am Mikrofon? Und wie steht es um die geplante Europa-Tournee mit Bucovina im Frühjahr 2021, die zweifelsohne eine verdammt grosse und wichtige Chance für die Gruppe sein könnte?

Der Headliner teilt sich die Bühne mit Tendonitis und Inner Core. Erstgenannte Equipe spielt melodiösen Thrash Metal und stammt aus Zürich. Vor drei Jahren waren sie schon einmal in dieser Stätte zu Gast. Allerdings konnten sie mich damals nicht durchgehend überzeugen. Da ich ein Freund der «zweiten Chance» bin, erhalten sie somit Gelegenheit, meine Meinung zu ändern. Abgerundet wird das Package schliesslich durch eine Gast-Kapelle aus dem deutschen Lörrach. Inner Core hüpfen kurz über die Grenze und werden den Reigen mit ihrem Symphonic Metal eröffnen.

Rappelvoll wirkt das Hall Of Fame zwar nicht, aber die 100er-Marke scheint trotzdem geknackt worden zu sein. Beim Betreten des Clubs werden wir nämlich gebeten, Schutzmasken aufzusetzen. Wer keine dabei hat, kann sich am Eingang gratis mit einer eindecken. Nein, ich bin wahrlich kein Anhänger dieser Zensur für die untere Gesichtshälfte und hoffe sehr, dass wir diesen ganzen Spuk in absehbarer Zeit wieder los sind. Momentan ist es einfach ein notwendiges Übel, welches in Kauf genommen werden muss. Deswegen auf alles zu verzichten und die Szene im Regen stehen zu lassen ist für mich schlichtweg keine Option.

Inner Core

Punkt 20 Uhr geht der innere Kern an den Start. Die «Spielwiese» ist mit schönen Kerzenständern dekoriert. Damit man die Hütte nicht gleich abfackelt, wird jedoch vorbildlich auf elektronische Lichtlein gesetzt. Sängerin Anna Rogg agiert zuerst theatralisch mit Mantel und Karnevalsmaske. Bald schon folgt die schrittweise Entblätterung (aber nicht so extrem, wie ihr jetzt möglicherweise denkt. Ihr Schlingel!). Des Weiteren trägt sie auffallendes Schuhwerk, welches mit Sternen und Glitzer verziert ist. Stimmlich passt Anna hervorragend zum Symphonic-Sektor. Eine fantastische Gesangsleistung!

Die Lörracher haben mit «Soultaker» bisher ein Studioalbum veröffentlicht und nutzen ihr Set, um der Zuhörerschaft davon acht Hymnen vorzustellen. Der Track «Keep The Distance» hat sogar in der aktuellen Zeit eine signifikante Bedeutung. Da hat jemand 2017 wohl bereits ein Gespür für die Zukunft gehabt. Massimo Giardiello glänzt regelmässig mit packenden Soli und Artur Schall drückt mit seinem Keyboard dem Melodien-Konstrukt den finalen Stempel auf.

Einmal zeigt das befestigte Mikro plötzlich nach unten. Anna fragt das Teil dann vorwurfsvoll mit ihrem osteuropäischen Akzent, ob es sie etwa nicht liebe. Das sorgt logischerweise für Lacher im Publikum. Mein Gedanke dazu: Selbst die besten Ständer haben einmal einen Durchhänger (öhm ja… das lassen wir jetzt wohl besser einfach einmal so «stehen»).

Nach «Into Eternity» ist dann Schicht im Schacht. Ich meine zu glauben, dass Inner Core gerne noch ein bisschen länger gespielt hätten, aber der Zeitplan muss eben eingehalten werden. Einen weiteren Gig der Deutschen würde ich mir definitiv reinziehen. Mal schauen, ob es irgendwann zu einem Wiedersehen kommen wird.

Tendonitis

Nach einer kurzen Verschnaufpause kommt… ähm… eine Geschlechtskrankheit? Oder Arthritis? Nein, beide Male falsch. Tendonitis übernehmen jetzt das Kommando. Doktor Internet (den man ja strenggenommen nie konsultieren sollte) löst schliesslich auf das Rätsel um den Bandnamen. Die Annahme mit der Krankheit war gar nicht so extrem knapp daneben. «Tendonitis» kann am ehesten als Sehnenentzündung bezeichnet werden. Die Herrschaften aus Zürich dürften meines Erachtens primär die anwesenden Nackenmuskeln an ihre Grenzen bringen – das wird einem nach den ersten paar Tönen schlagartig bewusst. Die Gangart ist ein paar Stufen härter als noch zuvor bei Inner Core.

Angeführt von Fronter Ben (dem «male»-Anteil der heutigen «(Fe)male Fronted Metal Night») jagt uns die Truppe einen Kracher nach dem anderen um die Lauscher. Das Schütteln der eigenen Haarpracht wird absolut obligatorisch. Zögern ist bei diesen Thrash-Attacken sowieso keine Option. Tendonitis mausern sich zur klammheimlichen Überraschung des Abends! Ein willkommener Farbtupfer im Line-Up (nicht zuletzt dank Bens roter Hose und seinem Shirt mit «Super Mario-Pilz»-Aufdruck). Sein Mikrofon erinnert mich dafür an Box-Kämpfe («Let’s get ready to rumble!») oder Elvis. Notfalls kann die Gerätschaft obendrein zur Luftgitarre umfunktioniert werden.

Der Fünfer nutzt seine zweite Chance bei mir unglaublich souverän. Bei dieser Formstärke würde ich jederzeit wieder an eine Show von Tendonitis pilgern. Gemessen an den begeisterten Gesichtern um mich herum, wäre ich bei diesem Vorhaben offenbar garantiert nicht allein.

Infinitas

22.20 Uhr – der Headliner betritt das Feld. Das Gedränge vor der Bühne wird nun ein bisschen intensiver. Wo haben diese Leute bitte während den Darbietungen der anderen beiden Bands gesteckt? Dort waren die Reihen unglücklicherweise deutlich lückenhafter. Aber ja, lassen wir das. Der Fokus gebührt jetzt einzig Infinitas.

Mit «Morrigan» demonstrieren die Zentralschweizer sogleich ihre Fähigkeit, melodiöse und folkige Passagen miteinander zu kombinieren. Die «Sauron»-Maske zum Einstieg darf selbstverständlich keinesfalls fehlen. Sämtliche Künstler gehen gewohnt souverän ans Werk. Ab und an sind zudem wieder Schauspieler mit von der Partie, welche die in den Songs erzählten Geschichten zum Leben erwecken. Aufgepasst! Einmal muss man effektiv herumfliegenden Ping Pong-Bällen ausweichen. Hier wird einiges geboten.

An der Soundqualität gibt’s kaum etwas zu bemängeln. Das Mikro von Trommler Piri Betschart durfte ruhig etwas lauter sein. Ausserdem agiert der Vierer ohne Bassist. Das dürfte wahrscheinlich neben dem Gesangsposten eine zweite, vakante Stelle geben. Bisher hat man diese Position hauptsächlich mit Gastmusikern gefüllt.

Wie geht es überhaupt Andrea bei ihrer Dernière? Nach meinem Befinden schlägt sie sich super und trägt all das mit Fassung. Erst als der endgültige Abschied immer näher rückt, machen sich Tränen bemerkbar. Das ist jedoch absolut legitim und menschlich. Während des «Meet & Greet»-Events hat sie von einem aufmerksamen Fan eine Schokoladenmilch (die sie ja so mag) erhalten – samt Motivations- und Grussbotschaft auf der Flasche. Solche Gesten machen es eben einfach aus. Die Sängerin hat aber auch an uns gedacht. Am Merch-Stand können dann nach der Show kleine Geschenke abgegriffen werden («es hät, solangs hät»).

Insgesamt ist es ein äusserst würdevoller Abschieds-Gig für Andrea. In Zusammenhang mit dieser Thematik möchte ich diskussionslos eine spezielle Szene erwähnen. Bei der Ballade «Rahu» funktionieren die Zuschauer mittels ihren Smartphones ihre Getränkebecher zu leuchtenden Laternen um. Ein wunderbarer Anblick, der perfekt ins Geschehen passt. Eintauchen und geniessen!

Mit «Rudra» und «A New Hope» beenden Infinitas nach gut 85 Minuten ihren Auftritt. Das war’s! Adios Andrea! Danke für all die tollen Momente! Das Team von Metalinside.ch wünscht sowohl dir als auch deinen «Gspönli» von Infinitas alles Gute und viel Erfolg auf euren weiteren Routen. Scheidewege bringen bekanntermassen auch Chancen mit sich. Und man sieht sich mindestens zwei Mal im Leben – das ist ebenfalls Fakt 😉

Das Fanzit – Infinitas, Tendonitis, Inner Core

Exakt so möchte ich meine Samstagabende wieder öfters verbringen: Grossartige Location, überzeugende Performances und viele gute Leute. Merci Hall Of Fame! Der Laden war etwas besser besucht als gestern. Die Maskenpflicht hat ebenfalls funktioniert und die Besucher verhielten sich diszipliniert. Wir werden euch natürlich gerne über die weiteren Reisen von Andrea und Infinitas auf dem Laufenden halten.

Setlist – Inner Core

  1. Intro
  2. Soultaker
  3. Showstorm
  4. Blame
  5. Screw That
  6. Keep The Distance
  7. Sweet Addiction
  8. Ghost Dust
  9. Into Eternity

Setlist – Tendonitis

  1. Vanity
  2. Stormreaper
  3. Bellum Para-Bellum
  4. Reckoning
  5. Eightfold Path
  6. Clandestine
  7. Ship Of Fools
  8. Human Recreation
  9. Borders Of Insanity

Setlist – Infinitas

  1. Morrigan
  2. Samael
  3. Alastor
  4. Afanc
  5. A Manifested Nightmare
  6. Avnas
  7. Utukki
  8. Rahu
  9. Tiamat
  10. Vadatajs
  11. The Seeker Of Truth
  12. Skylla*
  13. Rudra*
  14. A New Hope*

*Zugabe


Wie fandet ihr das Konzert?

09.09.2020
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Autor Bewertung: 8/10