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Silver Lake By Esa Holopainen (Cover Artwork)
Fr, 28. Mai 2021

Silver Lake by Esa Holopainen – Silver Lake by Esa Holopainen

Progressive Metal
30.05.2021
Silver Lake By Esa Holopainen (Cover Artwork)

Zeitloser Silberstreifen

So eine Pandemie – mag sie auch noch so dröge und nervig sein – hat irgendwie doch auch ihr Gutes: Musiker hocken zu Hause rum, langweilen sich, da sie nicht rumtouren können – und beginnen, bisher allenfalls dezent angedachte Ideen konkret, und mit etwas Glück zudem nachhaltig, zu verfolgen. Wie etwa im Falle von „Silver Lake by Esa Holopainen“…

„Alles, was uns widerfährt, ist neutral, unbestimmt. Es ist die Art und Weise, wie wir auf diese Dinge reagieren, damit umgehen, und ob wir den Ereignissen einen positiven oder negativen Anstrich verleihen.“ [Zitat aus einem MI-Interview mit Clémentine Delauney, Visions Of Atlantis]

Als im Frühjahr 2020 bei Amorphis-Gitarrist Esa Holopainen das Telefon klingelt und Nino Laurenne, ein renommierter Musikproduzent und Inhaber der in Helsinki ansässigen Aufnahmeeinrichtung Sonic Pump fragt, ob – wenn nicht nun, wann dann – der passende Zeitpunkt gekommen sei, den lange gehegten Traum eines Solo-Albums in die Tat umzusetzen, muss der Ausnahme-Elektrogitarrist nicht zwei Mal überlegen.

Esa: „Ich meine, als Nino – der das Album schliesslich mischte und produzierte – diese Büchse der Pandora öffnete, hatte die weltweite Pandemie bereits alle Pläne für 2020 zunichte gemacht, und ich war mir der Tatsache, dass ich freie Zeit hatte, sehr bewusst. Es dauerte also nicht lange, bis ich begriff: Das ist es, es ist endlich Zeit, etwas Eigenes zu machen – zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten!“

Geschmiedet in den Wirren von Corona

Stand zu Beginn noch nicht fest, ob Silver Lake rein instrumental ausfallen oder mit Vokalisten besetzt werden wird, so war eines von Anfang an klar: Holopainen würde nicht der Sänger dieses Projektes sein. Und da Esa zu den eher traditionell arbeitenden Liedschreibern zählt (Strophe – Bridge – Refrain usw.), wurde alsbald auch eine Reihe von Vokalakrobaten mit ins Boot geholt, welche zum Teil ihre eigenen Lyrics und Gesangslinien mit einbrachten oder aber auf die Künste des finnischen Axtmannes zurückgriffen.

So entstand denn in einem Jahr, das die meisten als düster und grau in Erinnerung behalten werden, ein musikalisches Kleinod, das ohne Corona vielleicht nie zustande gekommen wäre. Drei der Songs des Albums – „Sentiment“, „Ray of Light“ und „Promising Sun“ – existierten bereits vor dem schicksalsträchtigen Anruf, sechs weitere wurden inmitten einer ungebetenen, aber gewiss nicht unverdienten Auszeit vom üblichen Amorphis-Touralltag geformt.

Die klangliche Vielfalt auf diesem Werk wird bereits beim Betrachten der ausgewählten KünstlerInnen deutlich: Einar Solberg, Jonas Renkse, Anneke van Giersbergen, Björn Strid und einige mehr steuern ihren Kantus bei und sorgen dadurch schon rein stimmlich für willkommene Abwechslung. Holopainen flechtet diese grossartigen Singorgane in eher kurze, aber eindringliche Lieder ein, bei denen man oftmals den Eindruck erhält, als hätte er die Vokalbesetzung bereits im Hinterkopf gehabt, als er die jeweiligen Stücke entwarf.

Emotional aufwühlend und fesselnd

Die Bandbreite reicht dabei vom rein instrumental eingespielten Opening-Track „Silver Lake“, über das eher melancholisch aufwartende, mit seinem donnernden Refrain und den Western-liken Gitarrenlicks die Gezeiten beschwörende „Storm“, dem mit seinem Wechselspiel zwischen Growls und Klargesang aufwartenden „In Her Solitude“, bis hin zum bezaubernden „Fading Moon“ (bei dem mich Anneke irgendwie an Anette Olzon erinnert). Gewissermassen als Kontrastprogramm wartet das mittig in der Trackliste platzierte „Alkusointu“ (finnisch; zu Deutsch: Reim) auf, bei welchem die Lyrics vom finnischen Schauspieler und Musiker Vesa-Matti Vesku“ Loiri gesprochen werden und sich im Verbund mit Holopainens musikalischer Untermalung beinahe schon wie Beschwörungsformeln anhören.

Es ist definitiv keine „Holopainen Show“, in welcher ein weiterer Gitarrero sich und der ganzen Welt beweisen muss, wie virtuos und schnell er sein Instrument zu bedienen weiss. Esas Saitenspiel wirkt nie aufdringlich, drängelt sich nie in den Vordergrund, und weiss vielleicht gerade deswegen durch diesen wunderbar warmen, melodischen Ansatz zu gefallen. Das Ergebnis ist ein emotional aufwühlendes, eher ruhiges, dabei aber nicht minder fesselndes und zeitloses Werk, das ein breites Publikum ansprechen dürfte. Als einzigen Kritikpunkt kann man allenfalls die mit 37 Minuten doch eher bescheidene Länge des Albums ins Felde führen; ansonsten mag mich „Silver Lake by Esa Holopainen“ voll und ganz zu begeistern.

Das selbstbetitelte Debüt wird als CD Digipak, in diversen farbigen Vinyl Editionen, einem streng limitierten CD Boxset (inkl. dem Digipak, signierter Autogrammkarte, Gitarren Pick und Flagge) sowie rein digital erhältlich sein.

Das Fanzit Silver Lake by Esa Holopainen – Silver Lake by Esa Holopainen

Saitenhexer können zuweilen ganz schöne Egomanen sein. Nur zu gut erinnere ich mich etwa an einen Auftritt von Yngwie J. Malmsteen zurück, bei dem Shouter Joe Lynn Turner minutenlang sichtlich gelangweilt auf den Lautsprecherboxen herumhockte, derweil sein Chef Solo um Solo herunterleierte. Esa Holopainen ist da anders, stellt den Song wie auch die gesanglich vortragende Person in den Vordergrund – sympathisch, songdienlich, gut!

Die meisten der auf „Silver Lake by Esa Holopainen“ vertretenen Titel könnten als Single-Auskopplungen herhalten, haben sie doch Hitpotential und Ohrwurmcharakter, ohne dabei anbiedernd oder aufgesetzt zu wirken. Klar erfindet sich Holopainen in seinem Side-Projekt nicht gänzlich neu, doch führt ihn seine musikalische Abenteuerreise an Orte, die er mit seiner Stammband Amorphis schöpferisch wohl eher selten bereisen würde. So ist „Silver Lake“ von Esa Holopainen irgendwie der Silberstreifen am Horizont, den wir momentan doch alle irgendwie gut gebrauchen können.

Fans von Amorphis werden sich sicher begeistert auf das Solo-Projekt „ihres“ Gitarristen stürzen (und dabei wohl kaum enttäuscht werden), aber auch Fans von progressiver, leicht melancholischer Rockmusik dürften Gefallen an Esas „Silver Lake“ finden.

Anspieltipps: Storm, Ray Of Light, In Her Solitude, Fading Moon

Reinhören und Digipak, Box oder Vinyl portofrei bestellen

Trackliste Silver Lake by Esa Holopainen – Silver Lake by Esa Holopainen

  1. Silver Lake (instrumental)
  2. Sentiment (feat. Jonas Renkse – Katatonia)
  3. Storm (feat. Håkan Hemlin – Nordman)
  4. Ray Of Light (feat. Einar Solberg – Leprous)
  5. Alkusointu (feat. Vesa-Matti Loiri)
  6. In Her Solitude (feat Tomi Joutsen – Amorphis)
  7. Promising Sun (feat. Björn ‘Speed’ Strid – Soilwork / The Night Flight Orchestra)
  8. Fading Moon (feat. Anneke Van Giersbergen)
  9. Apprentice (feat. Jonas Renkse – Katatonia)

Line Up – Silver Lake by Esa Holopainen

  • Esa Holopainen – alle Instrumente, Gesang siehe Trackliste

 

Video Silver Lake by Esa Holopainen – Storm (Official Music Video)


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 9/10



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30.05.2021