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Alto Voltaggio, Dead Venus - Old Capitol Langenthal 2022
Sa, 23. April 2022

Alto Voltaggio, Dead Venus

Old Capitol (Langenthal, CH)
12.05.2022
Alto Voltaggio, Dead Venus - Old Capitol Langenthal 2022

Hisst die Horns in die Luft!

Progressives Voranschreiten trifft träumerischen Konservatismus. Coverband – Alto Voltaggio – und Progressiv Metal – Dead Venus – stehen auf derselben Bühne. Heute wird sich zeigen, dass Neues nicht ohne Altes kann und Altes ohne Neues vergessen werden würde.

 Die Tage und Nächte werden wieder wärmer, es zieht die Leute nach draussen. So auch mich. Raus und gleich wieder rein ins Old Capitol im schönen Langenthal. Weder kann ich mich an einen Aufenthalt in diesem Städtchen, noch, und da bin ich mir sicher, an einen Besuch in dieser Bar/Bühne/Whatever erinnern. Für alles gibt es ein erstes Mal. So auch hier.

Der Eingangsbereich erinnert an den Eingang eines gut gealterten Kinos. Das war das Old Capitol auch mal, doch 2012 riss das Kino «Scala» das «Film-Monopol» in Langenthal an sich und aus dem Old Capitol wurde, zum Glück, ein Veranstaltungsraum für diverse Konzerte und was sonst so mit Musik in Zusammenhang steht. Das erklärt dann auch die eigenartige «trichterförmige» Form des Konzertsaales. Eckig und doch rund: perfekt für eine angenehme Akustik.

In einem (ehemaligen) Kino Konzerte zu veranstalten, ist eine wirklich tolle Idee (Anm. von pam: Das gab es vor rund 20 Jahren auch schon mal mit dem ABC in Luzern und wenn man so will, dann könnte man auch den Theater-Saal auf der 70’000 Tons of Metal-Cruise dazu zählen). Der Ton- und Lichtmischer sitzt auf der Tribüne und nimmt so dem Publikum weder Platz weg, noch behindert er die Sicht auf die Bühne. Ein weiterer Pluspunkt für das alte Kino.

Langsam fühle ich mich angekommen, der Ärger über den Busfahrer, der mich mit der laut aufgedrehten «SRF-Musikwelle» folterte, ist verraucht. Ich kann mich nun auch auf anderes als die Geschichte und Architektur des Gebäudes konzentrieren: Die Bar serviert das übliche Alkohol-Arsenal, aus den Lautsprechern dudeln Rock und Metal-Klassiker, um auf die heute performenden Musikgruppen einzuheizen. Zwischendurch gibt’s vom Mixer, oder wer auch immer für die «Pre-Show-Musikunterhaltung» zuständig ist, Publikum-Verwirrung in Form von Trap-Beats. Ja wirklich Trap! Vor einem Metal Konzert!?

Dead Venus

Die Konserven-Musik verschwindet und «Dead Venus» betritt die Bühne. Sofort setzen sie beim Titeltrack ihres neuen Albums «Flowers & Pain» ein. Ein letzter Soundcheck? Bin ich mir von der Gruppe doch ausgefallene Intros ab Band gewohnt, doch der über sechs Minuten lange Song wird tadellos von A bis Z durchgerockt und die Sängerin Seraina Telli heisst uns willkommen. Das Publikum hört zu, scheint sich aber nicht vor die Bühne zu getrauen. Manchmal können ausreichend Sitzmöglichkeiten an und neben der Bar auch ein Fluch sein.

Dead Venus fährt mit ihrem Programm fort. Es ist bemerkenswert, wie es Mike (Drums), Seraina (Gesang, Gitarre, Keyboards) und (neu am Bass) Merlin, vollbringen, die Professionalität, von Platte, auf die Bühne zu bringen. Da sitzt einfach jeder Ton.

Dieser ist leider gerade zu Beginn der Show ein wenig zerquetscht, vielleicht wäre «Flowers & Pain» doch besser ein letzter Soundcheck gewesen. Ich kenn ja die Lieder mittlerweile beinahe auswendig, das Album läuft bei mir rauf und runter, da kann mir denken, was zu hören sein sollte. Aber für Besucher, die gerade das erste Mal «Dead Venus» erleben, werden besonders zu Beginn dieses Auftrittes ihre herausragende Musik nur durch einen Garagenband-Filter zu hören bekommen. Schade.

Seraina kündigt an weniger Ansagen machen zu wollen, die Zeit soll lieber für die langen Lieder verwendet werden; ein weiser Entscheid. Im Gegensatz zu der Performance an sich wirkt Seraina beim Gespräch mit dem Publikum nervös, unvorbereitet. Es fehlt die nötige Spontanität. Anders Mike, der jede Gelegenheit nutzt, einen Spruch ab der Leine zu lassen. Wie so üblich hat auch hier nur die Sängerin ein Mikrofon, backing vocals gibt es keine, und so erreichen Mikes Weisheiten nur die wenigen, die sich nach vorne gewagt haben. Gebt dem Mann ein Mikro!

Auch die fehlende Ausleuchtung sorgt dafür, dass Mike hinter dem Schlagzeug visuell beinahe verschwindet. Sehr bedauerlich. Ist doch seine Gesichtsakrobatik während den Songs den Eintritt allein wert.

Merlin, der Nachfolger für André am Bass, beweist, dass er diesem Platz mehr als gewachsen ist. Heute steht er zum ersten Mal mit Dead Venus auf der Bühne. Ich war ja sehr besorgt darüber, als André ankündigte, die Band zu verlassen und das mit Merlin ein Nachfolger gefunden worden sein. Was sollte nun anstelle Andrés herausragenden Bassspieles zu hören sein? Kann überhaupt jemand anderes seine Stelle in der Band besetzen? Wird der Bass zukünftig in den Hintergrund verband und der Progressiv Metal von Dead Venus weniger progressiv?

Diese Befürchtungen verfliegen gleich, als ich die ersten Töne von Merlin präsentiert bekomme: Gekonnt spielt er André’s Basslines, kopiert ihn aber nicht, bringt seine eigene Persönlichkeit ins Spiel, verzichtet teilweise auf die Gitarre-ähnlichen Verzerrungen seines 5-Seiters, die besonders bei den Songs des ersten Albums «Bird Of Paradise» oft Anwendung fanden.

Kein Ersatz. Nein, ein würdiger Nachfolger von André.

Viel zu schnell ist der viel zu kurze Auftritt zu Ende. Das Publikum fordert mehr, dafür ist leider keine Zeit, der Abend gehört schliesslich dem Headliner.

Alto Voltaggio

Die Jungs von «Alto Voltaggio» betreten die Bühne. Bauen Sachen auf, andere ab. Plötzlich stehen ziemlich viele Leute auf der Bühne, dann wieder weniger. Ähnlich überraschend wie «Dead Venus», quasi aus dem Soundcheck heraus, rockt die Band los. Der Sound ist deutlich klarer und besser abgemischt. Die Lichtshow scheint ebenfalls nochmal Fahrt aufgenommen zu haben. Selbst der Drummer bleibt dem Publikum nicht vorenthalten. Dieses kommt nun auch vermehrt in den vorderen Teil des Saals. Die Songs kennt man schliesslich: Alto Voltaggio spielen ausschliesslich Covers von Klassikern. Was der Bauer kennt das frisst er oder so ähnlich.

Ich weiss noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Eigentlich mag ich es, (neue) Musik von den Interpreten selbst präsentiert zu bekommen. Anderseits weiss «Alto Voltaggio» dem Publikum einzuheizen und beherrscht ihr Handwerk. So spielt sie die Covers auf mindestens dem Niveau wie die Originale. Das Publikum akkreditiert dies mit aktiver Beteiligung am Konzertgeschehen: Klatsch wie befohlen in die Hände, brüllt Vorgebrülltes nach, hisst die «Horns» in die Luft.

Die Stimmung steigt weiter an, als Franco (Gesang) sich in das Publikum begibt und Wagemutige sich an seinem Funkmikrofon mit «Nanana-Gesängen» messen können. Unter ihnen auch die, gerade aus dem Backstage zurückgekehrte, Seraina. So kommt es zu einem wahrscheinlich einmaligen «Quasi-Featuring».

Als kurze Verschnaufpause folgt ein Drumsolo von Francesco, das den Sinn einer Verschnaufpause infragestellt. Egal. Atmen kann man auch nach einem Konzert.

Franco kündigt nun an, «einen guten Freund» auf die Bühne zu holen. Überraschenderweise ist dieser Freund niemand geringeres als Phipu «Bluedog» Gerber, den ich bereits als Gitarristen bei Marc Amacher kenne. Wahrlich ein Monster an der sechsseitigen Waffe.

Passend zu seiner Bartpracht unterstützt er «Alto Voltaggio» bei «Gimme All Your Lovin’» von «ZZ Top». Nach einem weiteren Song verlässt er leider schon wieder die Bühne. Und die Band muss mit nur noch einem Gitarristen auskommen. Kein Problem, wie es scheint.

Das Konzert dauert verhältnismässig lange. Die Setliste ist riesig. Die Songs, werden durch Gitarrensolos und Publikumsspielchen immer weiter gedehnt. Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Doch wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören. Und so wird mit «Ace Of Spades» ein Schlusspunkt gesetzt. Gefolgt von «Thunderstruck» als Nachwort.

Ein kleiner Besuch am Merchstand – anscheinend habe ich schon alles von Dead Venus, «Flowers & Pain» wurde von den Platten-Presswerken noch nicht ausgeliefert – und ich bin raus.

Das war vielleicht mal eine Party!  


Wie fandet ihr das Konzert?

12.05.2022
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