Do, 21. Juni 2012

MÖTLEY CRÜE

St. Jakobshalle (Basel, CH)
22.06.2012

Ich fahre mit gemischten Gefühlen nach Basel. Die notorischsten, wildesten Glam-Rocker der Achtziger spielen heute in der Joggeli-Halle.

Wer deren absolut lesenswerte und kurzweilige Autobiographie «The Dirt» gelesen hat, weiss wovon ich rede. Und wer den wilden Haufen vor fünf Jahren in Winterthur gesehen hat, weiss noch mehr, warum meine Gefühle gemischt sind. Das war damals das schlechteste Konzert, welches ich je gesehen und vor allem gehört habe. Und gesehen habe ich schon einige Konzerte.

Andererseits habe ich eine andere Hammererinnerung ans Joggeli – wenn auch ans alte Stadion – wo ich vor 21 Jahren zusammen mit 50000 anderen die Jungs kurz vor ihrem Abstieg in die orientierungslosen Neunziger erlebte. Sie waren zusammen mit Metallica und AC/DC die Monsters of Rock. Geil und unvergesslich war’s.

Pünktlich auf die Minute startet um 21.00 Uhr das Intro und schon bald schlürfen zwei alte Herren auf die Bühne. Vor allem bei einem hat man das Gefühl er suche noch seinen Rollator. Mick Mars. Viel hat man schon über seine gesundheitlichen Probleme gelesen (seltene Knochenkrankheit), aber dass der Junge sich kaum bewegen kann, ist schon deftig. Seine hohen Plateau-Schuhen mit riesigen Absätzen verbergen nicht, wie klein und schmächtig der Gitarrist ist. Er wirkt wie eine Marionettenpuppe. Mit seinem unter dem typischen Hut weiss-schwarz geschminkten Gesicht, wirkt er wie der aus dem James Bond «Live And Let Die» entflohene Voodoo-Priester oder auch wie Captain Jack Sparrow in Zeitlupe. Wenn es je einmal einen Mötley-Crüe-Film gibt, dann dürfte die Rolle für Mick Mars Part bereits jetzt an Johnny Depp vergeben sein.

Mit dem Opener «Wild Side»  geben die vier Amis den Tarif des heutigen Abends für alle unmissverständlich durch. Imposant ist Tommys ca. acht Meter hohe Achter- bzw. «Nullerbahn». Mehr davon später. Und natürlich dürfen die beiden tanzenden Girls als Pseudo-Backstage-Sängerinnen nicht fehlen. Sie wirken wie aus dem Girls, Girls, Girls Video entsprungen. Was die Mädels betrifft, sind die Jungs seit damals scheinbar ihrem Geschmack treu geblieben. Die männlichen Fans werden es ihnen sicher nicht übel nehmen.

Weiter geht es mit dem wohl schnellsten Crüe-Song: «Live Wire» gefolgt von «Too Fast For Love». Die beiden Girls dürfen wieder runter von der Bühne und eine Kaffeepause einlegen. Erste «Crüe, Crüe» Rufe ertönen. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die beiden wohlgenährten Nikki Sixx und Vince Neil den beiden anderen Spargeln Tommy Lee und Mick Mars das ganze Backstage-Essen wegschnappen. Aber lassen wir solche Mutmassungen mal im Raum stehen.

Vince wendet sich das erste Mal mit einer Ansage direkt an die Fans in der knapp zu drei Vierteln gefüllten Halle. Er macht es uns allen einfach, in dem er uns erklärt, dass wir einfach immer mit «fuck yeah» auf seine glorreichen Fragen wie «lebt ihr noch» antworten sollen. Das F-Wort bleibt uns auch bei jedem Satz der Jungs ein treuer Begleiter des heutigen Abends. Weiter erzählt er uns, dass sie zu Hause in Los Angeles als «The Saints» bekannt sind und somit folgt mit «Saints Of Los Angeles» auch der einzige Song, der nicht mindestens zwanzig Jahre auf dem Buckel hat.

Nikki sieht mit seinem toupierten, schwarzen Haar und breitem Stirnband irgendwie aus wie japanischer Glam-Rock-Fan im besten Teenie-Alter. Mit einem kleinen Unterschied: ER IST DAS ORIGINAL. Trotzdem sind auch seine Bewegungen ein bisschen langsamer und entsprechen nicht ganz seinem jugendlichen Look. Und auch ein bisschen vorsichtiger – beim Rückwärtslaufen schaut man auch ab und zu rückwärts. In anderen Worten es wird nicht mehr alles gnadenlos plattgewalzt. Dass er aber immer noch der wilde, rücksichtslose Rocker ist, beweist er, als er einem Security heimlich auf den Nacken spuckt.

Nach diesem Abstecher ins 21. Jahrhundert geht es zurück in die glorreiche Glam-Rock-Zeit der Achtziger Jahre mit «Shout At The Devil».

Vince meint danach, dass es heute Abend ein paar heisse Bräute im Publikum hat und wir uns glücklich schätzen dürften. Recht hat er. Und die eine oder andere lüpft auch artig das Shirt, wenn er sie mit seinem Blick anvisiert. Aber die Freunde der Bräute müssen keine Angst haben, Vince sagt so gleich, dass sie auch auf der Bühne zwei nette Girls hätten. Die dürfen ihm jetzt auch leichtbekleidet wie immer einen Mikständer und eine Gitarre bringen.

Es folgen mit «Don‘t Go Away Mad (Just Go Away)» und «Same Ol‘ Situation» zwei weitere Songs vom Höhepunkt Ihres Schaffens – vom Dr. Feelgood Album. Bei beiden Songs hängt sich Vince eine Gitarre um und vergisst noch mehr als sonst die eine oder andere Textzeile fertig zu singen. Seine Stimme ist vom Klang her einzigartig. Und sie ist auch eine Gratwanderung zwischen eben dieser Einzigartigkeit und Micky Maus. Er schafft es jedoch knapp, dass sie nie ganz nach Entenhausen kippt. Wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte, wäre er wohl als Micky Maus im Disneyland unterwegs.

Die Songauswahl könnte nicht besser sein. Ich wüsste nicht, welcher Song heute fehlt und keiner war ein Stimmungstöter. So folgen weitere Songs aus den Anfangstagen – «Looks That Kill» und «Piece Of Your Action». Beim Letzteren sagt uns Vince, was wir ja eigentlich alle schon wissen, dass dieser wie die meisten Songs aus den Anfängen der 30jährigen Bandgeschichte über das Mädchen flachlegen handelt. Anyway, ebenfalls zum letzteren Song durften ein paar Fans auf die Bühne – acht Mädels und ein Quotenjunge – und während der Hälfte des Songs vor Tommys Drumkit tanzen.

Die Stimmung im Publikum ist OK, wenn auch nicht berauschend. Viele wollten wohl einfach wieder mal Ihre Idole aus deren Teeniezeit sehen. Das fällt auch Tommy auf, der den anderen mitteilt, dass die Leute auf den Rängen wie zu Hause auf dem Sofa sitzen. Nikki fordert diese dann auch aufzustehen, schliesslich sei man an einem Crüe-Konzert … aber es ist eben auch kein die Ärzte- oder AC/DC-Konzert (siehe die Ärzte Konzertbericht). So bleiben trotz Aufforderung die meisten gemütlich sitzen.

Nach «Primal Scream» folgt mit «Smokin‘ In The Boys Room» eine Zeitreise in die Schulzeit der Jungs. Die Stimmung erreicht ihren bisherigen Höhepunkt. Ich komm nicht drum herum, mir einmal mehr vorzustellen, wie es wohl war, als die vier rotzfrechen Kids ihre ersten Konzerte im Whiskey-A-Go-Go am Sunset Strip spielten. Damals machten sie scheins ihrem Namen als wilder, zusammengewürfelter Haufen alle Ehre. Janu, dafür ist die Bühne ein bisschen grösser und der runde Screen hinter Tommys Rollercoaster ist ziemlich cool.

Ich beobachte wie Mick neben der Bühne, während einer kurzen Verschnaufpause, eine ebenso kurze Treppe runtersteigt. Ein Security leuchtet ihm mit der Taschenlampe den Weg, ein anderer trägt seine Gitarre und schaut, dass er nicht fällt. Schon krasses Bild, ihn so zu sehen. Und trotzdem spielt er heute am besten von allen. Als alleiniger Gitarrist bringt er es fertig, sowohl Lead- als auch Rhythmus-Gitarre zu spielen – und dass mit ganz schön Power. Er galt ja nie als Gitarrengott, aber wurde auf jeden Fall sehr oft unterschätzt. Das sehen wohl auch die anderen drei von Mötley Crüe so und überlassen Mick bei jedem Solo demonstrativ die Mitte der Bühne, während sie sich um Tommys Schlagzeug herum zurückziehen.

So, endlich darf Tommy seine riesige Konstruktion vorführen. Er schwebt zwar nicht mehr über den Köpfen der Fans, aber nicht viel weniger eindrücklich dreht er sich vertikal im Kreis und bleibt auch mehrere Male kopfüber stehen. Was geil aussieht, hört sich leider nicht so gut an. Tommy spielt nicht wirklich ein Drumsolo, sondern begleitet mehr oder weniger einen sehr elektrolastigen Beat. Da kommen Erinnerungen an die After-Show-Party nach dem ominösen Konzert in Winterthur hoch. Tommy legte damals im Q-Club in Zürich auf. Ich sag jetzt mal sehr neutral, es war sehr schräg. Einziger Höhepunkt war Samantha Fox, die gleich neben mir sass.

Nach einer Weile darf dann auch ein glücklicher Fan Namens Timo neben Tommy im Rollercoaster-Platz nehmen und die Tommys Show aus nächster Nähe und teilweise ebenfalls kopfüber erleben.

Wir nähern uns mit «Dr. Feelgood» dem sicheren Ende des heutigen Abends. Doch bevor die vier Bilderbuch-Rockstars die Bühne ohne Zugabe verlassen, spielen sie die beiden nicht nur stimmungsmässigen Höhepunkte des heutigen Abends: «Girls, Girls, Girls» und «Kickstart My Heart». Auf dem Screen fahren wir Achterbahn in endlosen Tunnels – und das optisch mit Tommys Schlagzeug. Am Ende schlägt dann nicht nur das riesige Herz auf dem selbigen Screen mit 180. Geil war’s.

Halt, einen Song habe ich vergessen. Zwischen Girls und Kickstart durfte Tommy noch am Flügel «Home Sweet Home» anstimmen. Während dem Song platzieren alle vier für einen kurzen Moment ihre Fäuste buddymässig übereinander, als wären sie die besten Freunde… Da gibt es ja das eine oder andere Gerücht zu diesem Thema wegen getrennten Hotels und so… lassen wir dies jedoch mal beiseite.

Nun, das war’s. Es fehlt kein Song. Vince sagt es uns nochmals, was wir ja alle schon lange wissen: «We are Mötley Crüe». Mit einem «30 years of Crüe. Danke Basel» auf dem Screen verabschieden sich die vier Überrocker definitiv von dem sehr durchmischten Publikum von jüngeren und älteren Fans.

Meine eher tiefen Erwartungen wurden auf jeden Fall übertroffen. Und ich denke, die meisten haben gehört und gesehen, was sie sich erhofften. Es war ein guter jedoch kein überragender Konzertabend. Ohne grosse Überraschungen. Mit der perfekten Songauswahl zerrt auch Mötley Crüe von ihrer glorreichen Vergangenheit. Und genau wegen dieser Vergangenheit und diesen Songs sind wohl heute auch die meisten in die Joggeli-Halle gepilgert.


Wie fandet ihr das Konzert?

22.06.2012
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