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Therion - Z7 Pratteln 18. Dezember 2013 - Foto: Yänu
Mi, 18. Dezember 2013

THERION, ARKONA, The Devil, Sound Storm

Z7 (Pratteln, CH)
/ 03.01.2014

Arkona

Ich bin leider etwas spät dran. Als ich mich dem Metal-Tempel Z7 nähere, schallt mir bereits russischer Polka-Folk-Death-Metal entgegen. Was nicht grad ein Aufsteller ist, da Arkona nur 50 Minuten spielen und wer die Truppe um die Leaderin Masha-Scream – der growlenden Sängerin – schon mal live gesehen hat, weiss definitiv warum.

Doch ein erster Schocker als ich das Z7 betrete. Zwei der geilsten Live-Bands die ich kenne, spielen heute im Z7 und dieses ist nur zur Hälfte gefüllt. Scheisse Leute, wisst ihr was ihr da verpasst? Oder sind einfach schon alle an Weihnachts-Apéros, Päckli machen oder einfach Konzertfaul nach den vielen Hammer-Shows in den letzten Monaten? Oder waren alle schon drei Tage vorher in Lausanne, wo Therion in Les Docks spielten?

Nun, die das sind, erleben Arkona wie erwartet in Bestform. Ich find die einfach verdammt geil und obwohl sie auf dem Papier nicht das ganz gleiche Publikum wie die heutigen Headliner Therion ansprechen und so auch nicht 100% ins Line-up passen, kommen sie bei den wohl mehrheitlichen Therion-Fans sehr gut an. Nun, es gibt nicht grad wie gewohnt einen Circle-/Polka-Mosh-Pit aber die meisten scheinen von der Russen-Truppe angetan.

Der Folk-Death-Metal mit einer gehörigen Würze Russia ist schon ab Konserve extrem geil, aber live eine unglaubliche Wucht und Power. Eine Kosaken-Armee aus den weiten Russlands, die alles niedertrampelt, was sich denen in den Weg stellt, aber mit wie im Folk-Metal üblich viel Melodie, dass sich auch Nicht-Krieger angesprochen fühlen und man dazu auch noch etwas exzessiver tanzt.

Drei Tage nach Doro steht mit Masha eine ähnlich zierliche Blondine auf derselben Bühne, nur ist die nicht in Watte, sondern martialisch wie sie sich gibt, in ein Fuchsfell gepackt. Immerhin steht sie mit diesem Fell heute nicht unter der brennenden karibischen Sonne, wie Anfang 2013 auf der 70’000 Tons Of Metal-Cruise. Und mit ihren Growls haut sie manchen Death-Metaller Zwei-Meterturm um, um dann gleich wieder eine cleane, schon fast Popstimme zu wechseln. Was bei anderen Female-Fronted-Bands meist der männliche Gegenpart übernimmt – die Growls – macht sie somit auch grad selber. Sozusagen die 2in1-Masha-Scream. Das spart nicht nur Lohnkosten, sondern ergibt eine explosive Mischung, die wohl die meisten, die Arkona vorher noch nie live sahen, so ziemlich überraschen dürfte.

Oh man, Arkona alleine hätte schon ein volles Z7 verdient und nachher spielt ja noch Therion. Aber denen die da sind, muss ich auch ein Kränzchen binden. Wie schon erwähnt, machen die artig mit, nehmen beide Hände hoch, wenn man dazu aufgefordert wird, klatscht schön mit im Takt und nach den Songs. Eigentlich wollte ich mit diesem Worten den Arkona Teil abschliessen, als der Dudler für ein Solo antritt. Mit Dudelsack ist man ja nie falsch und das geht auch den wenigsten auf den Sack. Doch dann steigt der Trommler ein und holy shit, dieser ist ja ein Gott an seinen Kübeln. Der ist verdammt schnell an seinen (Hänge-)Toms, zu den Double-Bass-Attacken hat man ja schon während den Songs genickt, aber was da über die hängenden und stehenden Kübel geht, ist Highspeed-Drumming. Die Russen können halt nicht nur auf dem Eis knebeln. Geil.

Masha fragt uns anschliessend, fast etwas schüchtern in ihrem unnachahmlichen Englisch mit dem so typischen russischen Akzent aus dem Bilderbuch, nach einer Wall of death (WOD). Die Reaktion aus dem Publikum ist gleich null. Hm, habe ich diesem zu früh Kränze gebunden?

„I don’t speak much English, you know. But are you sleeping?“ ist die verständliche Reaktion von Masha darauf. Vielleicht wissen die Therion Fans einfach nicht, was eine WOD ist? Masha gibt jedoch nicht auf und fragt nochmals. Und siehe da, es bewegt sich was im Publikum. Es scheidet sich im vorderen Bereich in der Längsachse wie bei Moses das Meer oder in diesem Falle ein kleiner Tümpel. OK, das Kränzli scheint als doch verdient gewesen zu sein. Es folgt eine, aufgrund der Platzverhältnisse und dem nicht grad pogigen Standard-Therion-Fan, kleine aber feine WOD und damit der definitive letzte Song von Arkona an diesem Abend.

Soundmässig waren das die besten Arkona, die ich bisher erlebte. Dafür war Masha auch schon aktiver auf der Bühne. Aber wieder sind der Platz und das zu einem grossen Teil einfach staunende Publikum ein limitierender Faktor. Alles in allem haben aber Arkona meine hohen Erwartungen einmal mehr erfüllt. Ich leiste mir ein weiteres T-Shirt zu Ehren der und von der Band. Mit „We are Arkona from Russia“ verabschieden sie sich vom Z7 für heute, aber ich bin sicher, sie werde schon bald wieder da sein.

Therion

Die Symphonic Metal Pioniere schlechthin. Zusammen mit Rage (Lingua Mortis) haben sie das Genre – Metal Meets Classic – sozusagen erfunden, etabliert und über die letzten zwei Jahrzehnte geprägt. Therion haben damit wohl nicht nur mir einen Traum wahr gemacht und mich über die ganze Zeit mit Hammerkonzerten und -Alben mehr als nur bei Laune gehalten.

Therion, das sind 3 – 4 der genialsten Stimmen im Metal überhaupt (heute drei, leider ohne DIE wohl genialste Stimme im Metal – Snowy Shaw – davon zwei Sängerinnen und ein Sänger, nicht minder geniale Instrumentalisten – die Griffbretter werden von allen Seiten beackert, die Solis oft zweistimmig gespielt – und vor allem Mastermind Christopher Johnsson, der für die grössten, ausgefeiltesten Metal-Meets-Classic-Meets-Opera-Symphonien sorgt.

Wer Therion hört und sieht, versteht wohl wie ich nicht ganz, warum Nightwish im Hallenstadion spielen und Therion nicht mal das Z7 füllen. Da fehlt bei Therion wohl die Konstanz und vor allem ein Aushängeschild auf der Bühne – wie es bei Nightwish Tarja war. Aber andererseits ist dies auch grad das was Therion ausmacht. Obwohl man alle Therion-Scheiben ab dem absoluten Meisterwerk „Theli“ von 1996 ohne vorher reinzuhören und ohne Risiko kaufen kann – wo Therion drauf steht ist Therion-Qualität enthalten – haben sich die Schweden immer wieder ein bisschen neu erfunden. Jede Scheibe hat ihren eigenen, unverwechselbaren Stil und Sound und fast bei jedem Album sind wieder andere/neue Sänger und Sängerinnen sowie Musiker am Start. Beim Theli-Nachfolger „Vovin“ fehlten die fixen Mitmusiker komplett und so kann man bei diesem Album fast schon von einem Solo-Projekt sprechen. Und sind wir auch bei der einzigen Konstante bei Therion: Christofer Johnsson.

Wie angekündigt, wird heute die ganze Vovin-Scheibe durchgespielt. Die zweite Klassik-Scheibe von Therion und die bis heute meistverkaufte. Chris lässt uns während dem Konzert auch wissen, dass dieses Album für ihn ein ganz spezielles sei. Nach dem ganz grossen Wurf von Theli war plötzlich auch genügend Geld vorhanden, um viele Ideen endliche auch verwirklichen zu können. Bei späteren Alben hiess dies dann zum Beispiel, dass man mit knapp 200 Musikern bzw. Orchester aufnehmen konnte. Und wer Chris kennt, weiss was ihm das bedeutet. Er will in erster Linie Qualität und vor allem seine aussergewöhnlichen Ideen und Symphonien umsetzen können. Letztes Beispiel ist die letztes Jahr veröffentlichte „Fleur Du Mal“ – ein Longplayer, der ausschliesslich aus gecoverten französischen Chansons besteht. Eine Hammerscheibe (siehe Review). Nur glaubte die Plattenfirma nicht dran, so hat Chris diese kurzerhand selber finanziert.

Verdammt ist das heute wieder geil. Perfekter spielen geht nicht (Annihilator haben die Messlatte im 2013 bereits hoch gelegt, aber Therion schaffen sogar diese schon sehr hohe Hürde). Therion stellt vieles in den Schatten. Wer Metal liebt, wer Klassik ebenso mag und einfach auf hochstehende, qualitative Top-Musik steht, der fühlt sich heute im Z7 bestens aufgehoben.

Ich muss mich konzentrieren, dass mein Mund nicht die ganze Zeit offen steht. Wäre also die perfekte Zahnarzt-Musik. Anmerkung am Rande: Schon mal beim Zahnarzt während der Behandlung Metal über Kopfhörer gehört? Ist die beste Abwechslung bzw. Medizin gegen Angst und zu erwartenden Schmerzen.

Zurück ins Z7. Ich vergesse selber jeweils fast immer wieder genial Therion ist. Da darf man wirklich kein Konzert verpassen, auch wenn sie regelmässig in der Schweiz spielen. Ich sollte wieder Mal an meinen Traum arbeiten, Therion ins Kultur- und Kongresszentrum in Luzern (KKL) zu bringen. Therion da mit Orchester … shit, wäre das geil.

Nach Vovin folgen dann ebenfalls wie angekündigt, die ersten fast fertigen Songs der im entstehen begriffenen Rock-Opera. Chris erklärt uns kurz um was es geht: „The coming rock opera will be about the rise and fall of Antichrist and is inspired by and partly (not to be confused with ‚entirely‘) based on Vladimir Soloviev’s ‚A Short Story Of The Anti-Christ‘.“I have been attempting to write a regular opera for some years following the same theme (which is now being therionized to fit in with what we are writing for this rock opera). We don’t have a name for it yet, but for the time being we could humorously give it the working title ‚Antichrist Superstar‘.“We will be performing beta versions of the overture and four excerpts from the opera. An excerpt is a part of something (not to be confused with the concept of a song;) you might consider it torn-out pieces from a puzzle. Here is a list of what we will be performing:

Sie spielen also heute fünf fast fertige Ausschnitte/Szenen der Oper. Sie seien grundsätzlich gespannt auf unsere Reaktion. Anfangen tun sie mit der „Overture“ – einem Instrumental-Stück. Wow, Halleluja, das kommt schon ganz, ganz gut. Schnell wird klar, wenn dies rauskommt, wird Opera-Metal komplett neu definiert. Das könnte ein ähnlich grosser Wurf wie damals Theli werden. Lingua Mortis haben dieses Jahr mit dem Orchester vorgelegt, Therion werden diese – vor allem auch wegen den Sängern/-innen noch toppen. Wer werden unser Bewertungssystem neu definieren müssen …

Immer wieder gibt es Hühnerhaut-Momente. Sängerin Lori Lewis erklärt uns die nächste Szene. Ein Mensch, der nur Gutes tut, kann kein Mensch sein, aber ein zweiter Jesus schon gar nicht. Also muss es nach den Kirchenleuten der Antichrist sein. Und das obwohl durch ihn Kriege beendet wurden und die Welt zu einem besseren Ort wurde. Eine Welt ohne Gut und Böse kann sich die Kirche nicht erlauben. Diese Oper muss definitiv ins KKL! Das wird schlichtweg Metal-/Musikgeschichte schreiben. Da dürfen sich unsere Ohren verdammt drauf freuen.

Hammer ist übrigens auch das schlichte Backdrop, wo zwar nur das Therion Logo/Schriftzug drauf ist, dieses aber je nach Licht immer wieder ganz anders wirkt. Nach den ersten, brandneuen Rock-Opera-Songs geht’s weiter mit Klassikern aus den verschiedenen bereits veröffentlichen Alben von Therion.

Beim zweistimmigen Soli von „Ginnungagap“ haut es mich einmal mehr aus den Socken. Ich glaub, das übertraf soeben alles war ich bisher live sah und hörte. Bisher erging es den meisten im Z7 so wie mir. Man hörte und staunte. Jetzt erwacht das Publikum langsam aus dieser Trance. Vovin war geniessen, die Rock-Opera-Songs staunen und entdecken, jetzt geht es ab mit den Live-Klassikern.

Und genau eine Scheibe wurde noch nicht angespielt – was heisst eine Scheibe? – das grosse Referenzwerk des Genre: Theli. Es folgt die Highspeed-Granate „Invocation Of Naamah“. Ich glaub ich habe heute noch keinen falschen Ton, kein verkacktes Soli oder sonst was Falsches gehört. Gut, ich geb’s zu, ich hätte es auch kaum bemerkt, zu fest war und bin ich in Trance.

Zum Abschluss gibt’s noch standardgemäss „To Mega Therion“ – dem Übersong von Theli und Therion überhaupt. Beim letzten Soli ist dann jedoch fertig mit der Harmonie zwischen den beiden Gitarristen und deren zweistimmigen Solis. Chris fühlt sich von Christian Vidal herausgefordert und spielt seinen Part ab sofort hinter dem Kopf, während Christian sein Ding ab sofort mit der Zunge abspielt. Das gehört schon fix zum Repertoire bei diesem Song, ist aber immer wieder geil anzusehen, wie sich die beiden Ausnahmekönner gegenseitig zu Höchstleistungen und einer guten Show anstacheln. Vor allem bei Chris wirkt das umso mehr, da er sonst immer sehr überlegt und mit schon fast stoischer Ruhe seinen Part spielt. Seine Posen wirken jederzeit kalkuliert und er hat das Geschehen immer im Griff.

Die Halle kocht.

Nach knapp 2 Stunden ist der Spass und Ohrenschmaus vorbei. Die Band verabschiedet sich beim stimmungsmässigen Höhepunkt, wie es sich gehört. Jetzt um 23.30 Uhr sind definitiv alle wach. Ich schreib noch die letzten Zeilen dieser Review bzw. die Notizen dazu … doch was jetzt?

Tatsächlich Therion kommt nochmals auf die Bühne! Wohl nicht ganz fix geplant, weil eigentlich gemäss Setliste Schluss ist und kein weiterer Song draufsteht, aber der guten Stimmung schuldig.

Einer wär jetzt schon noch ziemlich geil … „Lemuria“. Und was folgt? Lemuria! Wow, was ist die Steigerung eines perfekten Abends? Das ist es! Entschuldigt Leute, aber ich kann einfach nicht mehr nur als euphorisch schreiben.

Nach Lemuria ist definitiv Schluss. Wirklich keiner und keine, die jetzt kein fettes Smile auf den Lippen tragen.

Das Fanzit

Mehr geht nicht. Das war definitiv ein weiterer wenn nicht sogar der Höhepunkt eines mit vielen genialen Konzerten und Festivals gespickten 2013. Therion haben einmal mehr bewiesen, dass ihnen im Symphonic, Opera, Gothic etc. Metal keine andere Band das Wasser reichen kann. Sie sind nicht nur die Pioniere, sondern sind und bleiben auch die Speerspitze, die Avantgarde. Untermauern werden sie das mit der Rock Opera. Da dürfen wir uns alle ganz fest drauf freuen. Hoffen wir, dass dann auch ein paar mehr Leute ins Z7 oder KKL (?) pilgern. Verdient hätten es die Schweden allemal und vor allem auch unsere Ohren und Augen sowie Herzen.

Setliste Therion

  1. The Rise Of Sodom And Gomorrah
  2. Birth Of Venus Illegitima
  3. Wine Of Alugah
  4. Clavicula Nox
  5. The Wild Hunt
  6. Eye Of Shiva
  7. Black Sun
  8. Morning Star
  9. Black Diamond
  10. Raven Of Dispersion
  11. Overture*
  12. End Of Dynasty/March*
  13. Who’s Your God?*
  14. Onda Toner*
  15. Sad End*
  16. Flesh Of The Gods
  17. Muspelheim
  18. Ginnungagap
  19. Asgard
  20. Invocation Of Naamah
  21. To Mega Therion
  22. Lemuria**

*Neue, fast fertige Songs der Rock Opera

**Zugabe

Fotos von Yänu


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/ 03.01.2014
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