Metalinside.ch - Lordi - Krempel Buchs 2018 - Foto pam 15
Sa, 3. November 2018

Lordi, Silver Dust, Follow The Cipher

Krempel (Buchs SG, CH)
23.11.2018

Schockrock hart an der Grenze …

Die finnischen Monster-Rocker und Eurovision Song Contest Gewinner Lordi beeren wieder mal die Schweiz – gleich zwei Mal querdurch, einmal ganz im Osten gleich beim Ländle und einmal im Westen im Z7. Mit im Gepäck haben sie die Westschweizer Silver Dust und die neue Band Follow The Cipher aus Schweden. Mein Magnet für die Fahrt in die Ostschweiz sind heute vor allem Letztere.

Man meint ja ab und zu, dass man schon alle relevanten Konzert-Locations der Schweiz kennt. Was natürlich bei den Wenigsten wirklich zutrifft. Auch nicht bei mir. Meine Konzert-Ort-Horizonterweiterung bringt uns nach Buchs in St. Gallen. Weder das Krempel (oder heisst es der Krempel?) noch der Ort selbst gleich an der Grenze zu Liechtenstein sind mir bekannt. Die Fahrt aus der Innerschweiz dorthin ist kürzer als man so denkt. Einmal mehr kürzer als in Z7, was manch einer immer so gerne als Massstab nimmt.

Wir verbinden den samstäglichen Ausflug in den Osten grad mit einem geschäftlichen Treffen und sind somit früh vor Ort – für meine Verhältnisse sehr früh. Also «mit vor Ort» meine ich Buchs. Auf der Webseite und den lokalen vermeintlichem Insiderwissen gibt es widersprüchliche Angaben, wann und wer heute denn zuerst loslegt. Da ich vor allem wegen Follow The Cipher da bin, will ich diese auf keinen Fall verpassen. Da ich mich jedoch auf die Eingeborene-Info verlasse was die Spielzeiten betrifft und davon ausging, dass die Schweden nicht eröffnen werden, sind wir dann doch leicht zu spät vor Ort. Als wir die eher kleinere mehrzweckmässige Location betreten, sind diese schon fleissig dran.

Der die oder das Krempel ist wie erwähnt nicht sonderlich gross. Zusammen mit der Galerie, die für die Besucher offen ist, würde ich jetzt mal so auf ein Fassungsvermögen von 400 – 500 Leuten tippen. Und die sind heute mehr oder weniger auch da. Es ist von Anfang an gut gefüllt – ist ja auch Samstagabend und für die Dorf- oder doch eher schon Städtlijugend sicher auch ein lokales Highlight. So oft wird hier nicht ein Eurovision Song Contest Gewinner auftreten, auch wenn das wohl heute für die wenigsten der Grund sein wird, hier zu sein. Aber für die Bekanntheit der Finnen war der Sieg sicher kein Nachteil. Aber nun genug zu diesem Thema und zurück zum hier und jetzt.

Follow The Cipher

Die 2014 gegründete Band aus Falun – genau, von dort wo auch Sabaton kommen – hatte in diesem Jahr mit dem selbstbetitelten Album über Nuclear Blast ein starkes Debut veröffentlicht. Der Kopf und Gründer der Band ist Ken Kängström. Er hatte auch seinen Einfluss bei Sabaton und unter anderem beim Song «Carolus Rex» seine Finger mit im Spiel. Dementsprechend war das auch einer der ersten (Cover-)Songs, die man von Follow The Cipher wahrgenommen hat und natürlich die Aufmerksamkeit vieler weckte. Mit ihrem Mix zwischen sehr angesagten Bands wie eben Sabaton aber auch Nightwish und vor allem Battle Beast, haben sie zwar das Rad nicht neu erfunden – auch wenn es Ken gerne so kommuniziert («noch nie dagewesene Musik …») – aber doch einen sehr spannenden Mix aus verschiedenen Genres geschaffen. Da mir alle drei Bands und auch das Debut der Schweden – insbesondere auch die die Stimme von Linda Toni Grahn – grundsätzlich gut gefällt, wollte ich mir heute wie schon erwähnt, vor allem diese Band nicht entgehen lassen.

Nun, ganz geschafft hatten wir es nicht, aber es sind immerhin rund eine halbe Stunde, für ein erstes Rendez-vous. Die kleine Bühne wird für die Vorbands noch kleiner, weil bereits die teilweise noch abgedeckten Requisiten des Headliners auf der Bühne stehen. Somit immer ein bisschen schwierig zu beurteilen, wie eine noch unbekannte Band abgeht oder eben abgehen würde, wenn der vorhandene Bewegungsradius der einzelnen Musiker doch sehr eingeschränkt ist. Am ehesten kann sich da jeweils noch der Sänger oder in diesem Fall die Sängerin profilieren. Das tut sie ansatzweise. Ihre warme und leicht dreckige Stimme – irgendwo zwischen Noora Louhimo (Battle Beast) und Anette Olzon (ex-Nightwish) kommt sehr gut rüber, praktisch wie man sie aus der Konserve kennt. Aber sie schafft es noch (nicht), dass der Funken komplett zum Publikum überspringt. Ihre Bewegungen sind sehr bedacht und meilenweit von der Bühnenaktivität eines Joakim (Sabaton) oder eben Noora entfernt. Auch der Rest der Band wird es wohl schwierig haben, ein Rezept für Ritalin zu erhalten.

Wie erwähnt wird es spannend sein, die Band dann mal auf einer etwas grösseren Bühne zu erleben und vielleicht auch noch mit etwas mehr Konzerterfahrung. Dann könnten die schon was reissen. Ich bin gespannt, was Dominik am 23. November vom Z7 berichten wird.

Soundmässig kann man überhaupt nichts bemängeln. Wie Dominik schon in der Review zum Debutalbum geschrieben hat, fällt kein Song wirklich ab, aber es gibt jetzt auch nicht den Superüberflieger; mal von Carolus Rex (der heute natürlich nicht fehlen darf) abgesehen. Den Wow-Effekt wie beim ersten Mal reinhören ihres Albums hatte ich heute definitiv nicht.

Silver Dust

Einen Wow-Effekt habe jetzt jedoch bei den Jurassiern Silver Dust. Ich habe heute meine Feuertaufe mit denen – die ich eigentlich nur vom Namen her kenne. Im Gegensatz zu Follow The Cipher nutzen sie die Bühne maximal aus; mit einer starken Stage-Performance und mindestens so starken Bildern und Visualisierungen. Schon zum Intro läuft im Spiegelbild (ich kann nicht entscheiden, ob ich Bild oder Spiegel schreiben soll …) auf der Bühne ein kleines Horrormovie bzw. die Protagonisten der Videoeinspielungen von heute Abend werden vorgestellt. Ich bin nicht so der Horror-Experte, aber es erinnert einen an Filme wie «The Ring». Einenweg, die Qualität von diesen ist definitiv ganz stark. Wenn ich dabei an das Nightwish-Konzert in drei Wochen im Hallenstadion denke (das war jetzt ein Ausblick in die Zukunft, aber zurück in das geschriebene jetzt von heute), bei dem der maximale Videoscreen mit billig gemacht Videos bespielt wird, dann toppen das Silver Dust locker. Auch von der … aber lassen wir jetzt das mit Zukunft spoilern. Gut, wenn ihr das liest, dann ist das Nightwish Konzert auch schon Geschichte.

Optisch sind die Jungs von Silver Dust ganz gothicmässig unterwegs. Da kann man bei mir fast nie was falsch machen, auch wenn sie nicht konsequenten Dark Rock spielen, sondern durchaus metalrockige Ausflüge unternehmen. Stilmässig gibt’s so ein ziemliches Potpourri aus Dark Rock, Crossover, Fun Thrash à la Anthrax. Bei einem eher melodiöseren Stück singt Mr. Lordi als Schattenmann mit.

Überraschend geil ist das sackstarke Solo vom Frontmann Lord Campbell. Anfangs noch mit einer Orgel bzw. einem orgelspielenden Phantom im Spiegelbild drin als klassisches Saiten-Tasten-Duell zu Bach’s «Toccata and Fugue in D Minor». Das ist grad ganz grosses Kino und einmal mehr sehr geil umgesetzt mit dem Video, das wortwörtlich einen Erzählrahmen zur ganzen Show von Silver Dust liefert. Zu guter Letzt des Soloauftritts leuchtet dem Lord sein Gitarrenhals und natürlich darf dann auch noch die Zunge ran und Saiten streicheln.

Auch wenn jetzt soundmässig nicht ganz alles so mein Ding ist, die Romands wissen mit einer sehr guten Show zu überzeugen. Da scheinen auch die Showmeister Lordi zu würdigen; das ist nicht die erste Tour, bei der sie für Lordi eröffnen dürfen. Und gleich schon vorweg, die Show von Silver Dust find ich stärker, professioneller und die Qualität auf höherem Level als später bei Lordi … gut, das Bandgruppengetrommle müsste jetzt nicht sein. Zu oft gesehen, zu selten wirklich eine Bereicherung. Selbst beim Metallica ging der Schuss in den Ofen. Doch allgemein ist die Stimmung schon ganz gut, inklusive in die Knie gehen und hoch springen … und somit haben sie erfüllt und die Meute heiss gemacht für den Headliner.

Lordi

Nun, wenn ich schon mal da bin … da kann man sich doch auch grad Lordi zum Dessert gönnen. Gut, eigentlich sind es ja die Monster, die heute allerlei gummigs schlitzen und wohl auch fressen werden … das Bühnenbild soll schon mal den Rahmen geben, zu dem was uns heute erwartet. Doch dann schon die erste Ernüchterung als die Monster die Bühne betreten. Ich bin wohl für deren Kostüme im Fotograben zu nah. Denn die sehen live ja sehr kitschig aus. Auf Fotos wirkt das jeweils viel hochwertiger.

Aber schon krass, wie man sich das grad in einem kleinen Klub wie im Krempel mit den Vollmasken (ausser Mr. Lordi selbst) antun kann. Dazu noch schön im Felle gewickelt. So erstaunt es nicht, dass das einzige was Mr. Lordi gemäss eigener Aussage auf Deutsch sagen kann: «Es ist verdammt heiss hier …». Damit meint er wohl nicht die Venue selbst, sondern sich in seinem Kostüm drin.

Wer ab und zu mal eine Review von mir gelesen hat, weiss dass ich Fötzeli-Kanonen nach der Klima-Anlage und Laubbläsern so ziemlich die dümmste Erfindung finde. Vor allem versteh ich nicht, was das im Metal zu suchen hat und Maximum an Dummheit ist deren Einsatz an Open-Air-Konzerten … Da ist es heute schon fast wieder härzig, wie das grosse, böse Monster Mr. Lordi die Fötzeli von Hand aus einem Sack klaubt und so in die Meute wirft. Wann wähnt sich an der Kinderfasnacht.

Doch zu einem Highlight … zumindest anfangs: Das Bass-Solo vom OX ist vom Teufel selbst geritten. Das Tier zupft und slappt was die Saiten ertragen … bis meine Ohren dies eben nicht mehr tun und mit dem Einsetzen des Technobeats kapitulieren. Warum um Gotteswillen oder von mir aus Teufelswillen wird das jetzt so verhunzt? Ob er darum so sauer wird und eine unschuldige Nonne aufschlitzt?

Als ich mir noch notiere, dass Lordi mehr Metal als gedacht bringen und es im Pit doch schon ordentlich zu und her geht (die einzige Lordi-Scheibe die ich mein eigen nenne – The Arockalypse – ist doch schon eher im hardrockigen unterwegs … oder ich hab sie schon zu lange nicht mehr gehört …), wird’s immer mehr zu Gestampfe Richtung Neue Deutsche Härte mit donnerndem Technobeat. Ähhhm, muss das sein?

Gegen Ende wird’s dann wieder gemütlicher bis zum obligaten Abschluss mit «Hardrock Hallelujah» – sicher zusammen mit den sich ausbreitenden mächtigen Flügel von Mr. Lordi das Highlight. Und so abrupt wie diese Review endet, endet auch der Auftritt von Lordi.

Das Fanzit

Hauptmotivation in den Krempel zu pilgern waren Follow The Cipher. Die haben jedoch die etwas hohen Erwartungen (noch) nicht erfüllen können. Bei Lordi war ich ziemlich neutral und so ist auch das Fanzit. Wem der Sound grundsätzlich gefällt, dem bietet Lordi ein guter Auftritt. In meinem Falle konnte die doch auch etwas kitschige Horrorshow jedoch den doch etwas limitierten Sound nicht ganz kompensieren. Einmal gesehen ist gut, aber reicht mir dann auch für die Zukunft. Überraschung des Abends waren jedoch die Westschweizer Silver Dust. Die lieferten aus meiner Sicht die beste Performance von allen und soundmässig war es teilweise eine Neuentdeckung für mich.

Fotos Lordi, Silver Dust, Follow The Cipher – Krempel 2018 (pam)


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Lordi, Silver Dust, Follow The Cipher
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