Metalinside.ch - KISS - Hallenstadion Zürich 2019 - Foto Andy
Do, 4. Juli 2019

KISS

Hallenstadion (Zürich, CH)
16.07.2019

KISS erreichen das «End Of The Road» 

«Starchild», «Demon», «Spaceman» und «Catman» zelebrierten am Donnerstagabend ihren (voraussichtlich) letzten Auftritt auf helvetischem Boden. Und dies taten die vier Glam Rocker von KISS im ganz grossen Stil. Alter Schwede, sämtliche Show-Elemente konnten sich effektiv sehen lassen. Doch wie stand es um die musikalische Leistung? Welche Songs kamen im Zuge dieser Dernière zum Handkuss? Die nachfolgenden Zeilen liefern die Antworten. 

Nach über 45 Karrierejahren soll nun also endgültig Schuss sein. KISS möchten ihre Instrumente und die Plateaustiefel an den Nagel hängen. Eine echte Rock-Legende tritt ab. Dazu haben die vier US-Amerikaner die «End Of The Road»-Tour ins Leben gerufen. Aber ist dieser Abschied definitiv? Heutzutage kann man sich dessen bekanntermassen nicht immer hundertprozentig sicher sein. Im Falle von KISS ist mein Bauchgefühl allerdings der Meinung, dass es sich um den richtigen Zeitpunkt handelt. Die Shows bieten zwar nach wie vor allerbeste Unterhaltung, aber beim Gesang bekundete speziell Paul Stanley in letzter Zeit zunehmend mehr Mühe in den hohen Tonlagen. Das passende Timing für den Absprung hat in der Vergangenheit schon so mancher Truppe Schwierigkeiten bereitet. Einige von ihnen befinden sich inzwischen sogar auf ausgedehnten, langjährigen, nicht mehr enden wollenden Abschiedstourneen. Was man davon halten soll, ist am Ende jedem selbst überlassen.

Man könnte meinen, dass rund um das Hallenstadion das Fasnachtsfieber ausgebrochen sei. Etliche Fans haben sich «in Schale» geworfen und sehen ihren Idolen teilweise zum Verwechseln ähnlich. Bei dieser Hitze würde ich persönlich nur äussert ungern in einem solchen Outfit herumrennen müssen. Das Publikum ist bunt gemischt. Scheinbar bewegt das finale KISS-Konzert hierzulande sämtliche Generationen. Die Warteschlangen an den Eingangspforten sind beachtlich. Heute wird es zweifelsohne verdammt voll werden. Die «Kiss Army» ist eben treu. Die Location kommt sowieso nicht zur Ruhe, denn gestern sind hier ja bereits die britischen Progressive Rocker Muse aufgetreten.

Im Innern genehmigen wir uns zuerst einmal die eine oder andere Blondine an der Foyer-Bar. Danach folgen ausführliche Gespräche und die Vorfreude steigt von Minute zu Minute. Den Support-Act lassen wir jedoch sausen, da er in unserer Gruppe im Vorfeld zu wenig Interesse geweckt hat. Die Rede ist von David Garibaldi, einem Maler (ja, richtig gelesen), der für die rasche Kreation von Portraits berühmter Rock-Stars bekannt ist. Mir persönlich wäre eine Band ehrlich gesagt lieber gewesen.

Als uns dann in der Pause die ersten Besucher entgegen kommen, sind die Rückmeldungen allerdings durchaus positiv. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass der Headliner schon bald das Zepter übernehmen wird. Für meine Gruppe bedeutet dies eine Aufspaltung: Während sich die Mehrheit einen Weg zu den Stehplätzen bahnt, suche ich gemächlich meinen Sitzplatz im Mediensektor auf. Hui, von hier hat man tatsächlich eine fantastische Sicht auf das Geschehen. In der Hallenmitte sieht es ziemlich nach Sardinenbüchse aus. Hoffentlich haben meine Kollegen trotzdem irgendwie die Bühne im Blick.

KISS

Für das Intro kommen erstmals die gigantischen Bildschirme an den Seiten und im Zentrum der Bühne zum Einsatz. Zu sehen ist das altbekannte Video. Paul Stanley (Gesang, Rhythmus-Gitarre), Gene Simmons (Bass, Gesang), Tommy Thayer (Lead-Gitarre, Gesang) und Eric Singer (Drums, Gesang) schreiten durch die Katakomben. Danach dröhnt die Stimme des Speakers mit den folgenden Worten aus den Boxen: «ALLLLLRRRIIGGGHHTTT Zurich, you wanted the best, you got the best! KISS!!!». Direkt im Anschluss mutiert ganz Oerlikon zur «Rock City». Die ersten Pyro-Effekte lassen nicht lange auf sich warten. Alter Falter, das kracht aber ordentlich. Haben die Herrschaften etwa ihr persönliches «Fourth of July»-Feuerwerk mitgebracht? Schliesslich dürfen sie den Nationalfeiertag ihres Landes heute Abend bei uns in der Schweiz feiern.

Unglaublich, wie galant die vier Rocker auf ihren hohen Hacken durch die Gegend stolzieren. Das kennt man(n) sonst primär nur von weiblichen Pornosternchen. Ich wäre wohl diverse Male ungeschickt gestolpert. An Genes Stiefeln ist passenderweise ein Drachen- oder Dämonenkopf zu erkennen. Das hat durchaus Stil. Selbstverständlich streckt er uns wie gewohnt regelmässig seinen gigantischen Leck-Lappen entgegen. Wie viele Mädels er damit in seiner langen (hach, welch Wortwitz) Karriere tatsächlich beglückt hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Die Zuhörerschaft wird regelmässig eingebunden und zum Mitmachen animiert – wie beispielsweise bei der Nummer «Say Yeah» vom 2009er-Silberling «Sonic Boom». Aus meiner Sicht übertreibt es Paul jedoch nicht mit den Publikumsinteraktionen. Metalinside-Boss pam war davon am Sweden Rock offenbar nämlich alles andere als begeistert (pam: Ja, vor allem von seiner hohen Stimme bei den Ansagen, aber lassen wir es. KISS war nie und wird wohl nie mein Ding).

Showtechnisch ist das ganz grosses Kino, was uns die Glam Rocker zeigen. Das liegt den Amis halt im Blut. Klar, wenn man KISS schon das eine oder andere Mal live erlebt hat, kennt man gewisse Nummern sicherlich in- und auswendig. Doch das ist ja beispielsweise bei Alice Cooper ähnlich. Irgendwann kommen einfach das XXL-Frankensteinmonster, die Zwangsjacke oder die Guillotine zum Zug. Allerdings wird das Ganze stets auf hohem Niveau vorgetragen und droht deshalb keinesfalls langweilig zu werden. Dasselbe gilt für diejenigen Parts, welche uns Gene Simmons und Co. heute vorführen. Hauptsächlich ist effektiv «Demon» für die meiste Action verantwortlich: Bei «War Machine» speit er Feuer, zum Auftakt von «God Of Thunder» gibt’s ein Bass-Solo, bei welchem ihm Blut aus dem Mund tropft und beim Song selbst schwebt Gene mittels Plattform bis zur Hallendecke hinauf. Tommy Thayer darf dafür während «Cold Gin» Funken aus seiner Klampfe sprühen lassen und Drummer Eric Singer hat bei «Beth» am Piano seinen grossen Auftritt. Dass alle KISS-Mitglieder auch beim Gesang mitwirken, hat mich sowieso schon immer beeindruckt. Wer fehlt noch? Genau, Kollege Paul. Der düst mittels Seilrutsche plötzlich über das Publikum hinweg zu einer Mini-Bühne im hinteren Bereich des Hallenstadions und besingt am neuen Ort schliesslich «seine» Liebeskanone und haut anschliessend den Über-Hit schlechthin heraus: «I Was Made For Lovin‘ You». Wie gesagt, die hohen Töne hat er in der Vergangenheit auch schon besser getroffen.

Inzwischen sind wir im Zugaben-Block abgekommen. Dieser setzt sich neben «Beth» aus «Crazy Crazy Nights» und «Rock And Roll All Nite» zusammen. Abermals gibt’s nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch jede Menge Dinge für die Augen. Die riesigen Luftballons erwecken im Stehplatzsektor sämtliche Hobby-Volleyballer/-innen zum Leben. Bei der finalen Nummer machen Gene und Tommy auf gigantischen Kranarmen eine kleine Rundreise durchs Hallenstation. Der Lead-Gitarrist bewegt sich dabei so nahe an meinem Platz vorbei, dass schon beinahe ein «High-Five» möglich wäre. Die Putzequipe der Location dürfte hingegen am gigantischen Konfettiregen, den die Amis auf uns loslassen, ihre wahre Freude haben. Ohje, das wird mühsame und schweisstreibende Aufräumarbeiten mit sich bringen. Zum endgültigen Abschluss dröhnt dann noch «God Gave Rock ‚N‘ Roll To You II» als Outro aus den Boxen. Zudem erscheint auf dem Bildschirm in der Mitte folgende Botschaft: «Kiss Loves You, Zurich».

Das Fanzit – KISS

KISS haben sich absolut würdevoll verabschiedet – keine Frage. Für das Finale hat man nochmals vollen Einsatz gegeben. Dieser Gig war definitiv besser als derjenige vor vier Jahren. Während ihres über zwei Stunden dauernden Spektakels haben es Paul, Gene, Tommy und Eric im wahrsten Sinne des Wortes krachen lassen. Manch einer behaupte sogar, dass dies besser gewesen sei als bei Rammstein. Andere waren unsicher, ob KISS nach dieser atemberaubenden Performance wirklich aufhören sollten. Ich bleibe bei meiner Meinung und sage ja. Jetzt ist einfach der richtige Zeitpunkt. So werde ich das Quartett wirklich in bester Erinnerung behalten. Den Herrschaften ist es gelungen, dass mir abermals einige ihrer Hymnen in den Gehörgängen kleben geblieben sind. «Psycho Circus» werde ich beispielsweise kaum mehr los. Adieu KISS, ihr werdet uns und Rock-Szene fehlen…!

Setliste – KISS

  1. Intro – Rock And Roll (Led Zeppelin-Song)
  2. Detroit Rock City
  3. Shout It Out Loud
  4. Deuce
  5. Say Yeah
  6. Heaven’s On Fire
  7. I Love It Loud
  8. War Machine (inkl. Feuer speiendem Gene Simmons)
  9. Lick It Up
  10. Calling Dr. Love
  11. 100,000 Years (mit Drum-Solo von Eric Singer auf erhöhtem Podest)
  12. Cold Gin (mit Tommy Thayers Gitarren-Raketen-Pyro-Effekten)
  13. God Of Thunder (mit Bass-Solo und Blut spuckendem Gene Simmons zu Beginn)
  14. Psycho Circus
  15. Let Me Go, Rock ‚N‘ Roll
  16. Love Gun (mit Paul Stanley auf Mini-Bühne im Publikum)
  17. I Was Made For Lovin‘ You (mit Paul Stanley auf Mini-Bühne im Publikum)
  18. Black Diamond (mit aufsteigender Drum Set-Plattform von Eric Singer)
  19. Beth (mit Eric Singer am Piano)*
  20. Crazy Crazy Nights (mit grossen, aufblasbaren Ballons im Publikum)*
  21. Rock And Roll All Nite (mit Gene Simmons und Tommy Thayer auf sich bewegenden Kranarm-Plattformen)*
  22. Outro – God Gave Rock ‚N‘ Roll To You II*

Fotos KISS – Hallenstadion Zürich 2019 (Andy Gaggioli)


Wie fandet ihr das Konzert?

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