Metalinside.ch - Porcupine Tree - Halle 622 Zürich 2022 - Foto Liane
Mi, 9. November 2022

Porcupine Tree

Halle 622 (Zürich-Oerlikon, CH)

Das Warten hat ein Ende

Erstaunlich, wenn auch nicht ganz unerwartet, war die Tatsache, dass eine weitere Show der Porcupine Tree Tour ausverkauft war. Dabei reden wir nicht von einem Kellergewölbe, in das gerade mal 100 Leute reinpassen, sondern einer doch ein wenig grösseren Location, die 3’500 Leuten Platz bietet.

Nach zwölf Jahren Abstinenz, während der sich Porcupine Tree Fans nie sicher waren, ob die Band jemals wieder auftreten würde, wunderte es also nicht, dass selbst konzertfaule PT-Hörer den Weg nach Zürich fanden. Manch einer buchte sich gleich eine ganze Konzertreihe und pilgerte zu acht Konzerten in ganz Europa. Im Vergleich dazu wirkt unsere Fotografin mit drei Porcupine Tree Konzerten vergleichsweise harmlos.

Nüchtern betrachtet lohnt es sich tatsächlich die Band mehrmals anzuschauen. Nicht nur weil man die letzten 12 Jahre auf sie warten musste, sondern weil Porcupine Tree ihr Schaffen durchaus als wertvolles musikalisches Kulturgut bezeichnen dürfen. Dieses zu präsentieren, galt es nun in der Halle 622, die einmal mehr Gastgeberin für einen besonderen Act war.

Gegenwert inbegriffen

Eine 3 Stunden-Show mit einer 20 Minütigen Pause wurde durch Steven Wilson, Mastermind und Kopf der Band, angekündigt. Im Gegensatz zu anderen Konzerten will man dem Publikum offenbar einen wahren Gegenwert zu den immer teurer werdenden Konzerttickets erbringen. Hat es sich nun gelohnt? Definitiv Ja! Selbst drei Stunden reichen nicht aus, um das musikalische Werk von Porcupine Tree nur ansatzweise zu verdeutlichen, aber dennoch war die Songauswahl (20 Nummern) gut über alle Alben verteilt und gab weniger versierten Zuschauern, oder auch Neulingen, die Möglichkeit, einen akustischen Überblick über die 11 Alben zu bekommen.

Soundtechnisch hat man das rausgeholt, was die Halle 622 zu bieten hat. Sicher kein akustisches Wunderwerk, aber je nach Hör- bzw. Steh- oder Sitz-Position kann gesagt werden, dass der Sound ganz gut war. Ich liess mir sagen, dass Berlin dagegen eine Katastrophe gewesen sei.

Einer weg – zwei dazu

Die Band stellte sich recht breit auf der Bühne auf, wobei die beiden Neuzugänge Randy McStine und Nate Navarro, beide aus den USA, die Aussenpositionen einnahmen und sich die «eigentliche» Band in der Mitte positionierte. Der langjährige Mitstreiter am Tieftöner, Colin Edwin, ist weder auf dem neuesten Album «Closure/Continuation» zu finden noch auf der Bühne. Die Gründe dafür lagen längere Zeit im Dunkeln, doch brach Edwin im Juli 22 sein Schweigen und zeigte sich erstaunt über die Entwicklung von Porcupine Tree und dass er aussen vor gelassen wurde. Man habe ihn per E-Mail informiert, dass die Aufnahmen abgeschlossen seien und man für die Tour einen Bassisten engagiert hätte. Warum genau, bleibt aber nach wie vor unbekannt.

Nichtdestotrotz waren Porcupine Tree mit einem mehr als nur passablen Bassisten am Werk. Nate Navarro lieferte auf hohem Level ab. Ein Level, von dem auch eine anderer hochrespektabler Musiker Gebrauch machte. Auf dem neuesten Album von Devin Townsend spiet Nate in den meisten Songs den Tieftöner.

McStine seinerseits kann auf das vor zwei Jahren veröffentlichte Album mit Marco Minnemann, ein exzellenter und hoch geachteter Drummer, zurückblicken. Dieser hat ja bekanntlich schon mit Steven Wilson an seinem Solo-Projekt gearbeitet. Die Leistung McStines war top, was angesichts der Besetzung von Porcupine Tree eh Pflicht ist. Wie sich das Line-Up in den kommenden Jahren allerdings verändert, bleibt abzuwarten. Wilson wechselt bei seinen Solo-Sachen immer wieder Musiker aus.

Meiner Meinung nach war das erste Set eine wenig schwachbrüstig. So hatte man einige ruhigere Nummern eingebaut, welche zwar genug Abwechslung bot, aber das Publikum eher ein wenig zur Ruhe brachten, als es aufzupeitschen. Dies gelang im zweiten Set dagegen vorzüglich. Apropos vorzüglich – für mich musikalisch absolut herausragend war Gavin Harrison, der einmal mehr mit exzellenten Drumming brillierte.

Weg mit dem Handy!

Steven Wilson, Gründer und Mastermind von Porcupine Tree und wohl Rechte-Besitzer der meisten Songs, kann man auch einfach als Chef bezeichnen. Nicht nur weil er Sänger und Frontmann zugleich ist – er ist einfach der Boss und das sah man schon visuell. Trugen Barbieri und Co. alle schwarz, so hob sich Wilson mit einem hellen Oberteil ab. Auch scheint man ein relativ streng agierendes Management zu haben. Man bat das Publikum auf die Verwendung ihrer Handy zu verzichten und bis auf die üblichen Ignoranten, liess das Zürcher Publikum ihre Smartphones dort, wo es an einem Konzert hingehört – in der Tasche. Was für ein wunderbares Erlebnis! Endlich keinen Vollpfosten vor sich zu haben, der unbedingt einen ganzen Song lang die Band filmen will, um es eine Woche später wieder zu löschen. Als Ausgleich, liess man dafür keine Fotografen in den Fotograben, was zur Folge hatte, dass die anwesenden Knipser die Band von der Galerie aus fotografieren musste. Wohl dem, der ein Mörder-Objektiv sein Eigen nennen konnte. Auch bestand das Management darauf, die Fotos zuerst zu sichten. Interessanterweise wurden Bilder, die Gavin Harrison zeigten nicht bewilligt. Ein Schelm, der was Böses denkt..

Der immer barfüssige auftretende britische Veganer Wilson war teilweise sogar tierisch lustig und verwendete sogar mehrfach das bei den Amis gleichermassen geliebte und verpönte F-Word. In Stuttgart stellte er McStine und Nate Navarro, aus den USA stammend vor, was ja der Tatsache entspricht. Allerdings fragte er dann das Publikum, ob man denn die USA möge… Das üblicherweise US orientierte deutsche Publikum, hielt sich angesichts der weltpolitischen Lage eher zurückhaltend und liess den sonst «obligaten» Applaus vornehm aus. In Zürich hingegen stellte es die beiden Mitmusiker verschmitzt aus United Kingdom stammend vor – also zwei Witze in Einem. Ach, ist das ein lustiges Kerlchen, dieser Wilson…

Das Fanzit – Porcupine Tree

Licht gut, Sound gut, Band gut und Publikum gut – ergo: alles gut. Auch wenn Porcupine Tree musikalisch extrem viel zu bieten hat, und viele der Shows ausverkauft waren, so werden sie wohl kaum ein Hallenstadion füllen können. Dafür ist ihre Musik einfach nicht kommerziell genug. Das ist eigentlich auch gut so, denn so bleibt ihre Musik einer anspruchsvollen Hörerschaft erhalten. Abgesehen davon, bei der derzeitigen Flut an Konzerten und einer ebenso grossen Anzahl von abgesagten Shows ist es dennoch beachtlich, dass die Band die Halle 622 restlos ausverkauft hat.

Set 1

  1. Even Less / Stupid Dream intro
  2. Blackest Eyes
  3. Harridan
  4. Of the New Day
  5. Rats Return
  6. Even Less
  7. Drown With Me
  8. Dignity
  9. The Sound of Muzak
  10. Last Chance to Evacuate Planet Earth Before It Is Recycled
  11. Chimera‘s Wreck

Set 2

  1. Fear of a Blank Planet / Sentimental intro
  2. Fear of a Blank Planet
  3. Buying New Soul
  4. Walk the Plank
  5. Herd Culling
  6. Anesthetize
  7. I Drive the Hearse
  8. Sleep Together

Encore

  1. Collapse the Light Into Earth
  2. Halo
  3. Trains

Line-up Porcupine Tree

  • Richard Babieri / Keyboards
  • Gavin Harrison / Drums
  • Randy McStine / Gitarre, Voclas
  • Nate Navarro / Bass
  • Steven Wilson / Gitarre, Keyboards, Lead-Vocals

Fotos Porcupine Tree (Liane)


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