Molllust - Mother Universe (Cover Artwork)
Fr, 25. November 2022

Molllust – Mother Universe

Opera Metal
10.02.2023
Molllust - Mother Universe (Cover Artwork)

Kosmische Verträumtheit

Die Leipziger Combo Molllust hat im vergangenen November ihr neuestes Opus „Mother Universe“ veröffentlicht. Die musikalische Reise durch unser Sonnensystem soll dabei nicht nur unterhalten, sondern gleichwohl auch zum Nachdenken anregen. Ob dieses fraglos ambitionierte Unterfangen von Erfolg gekrönt ist, wird sich beim Durchhören weisen müssen. Und so begeben wir uns auf unsere ganz persönliche Entdeckungsreise. Musik, unendliche Weiten …

Sieben lange Jahre sind seit dem Erscheinen des Vorgängers „In Deep Waters“ vergangen. In unserer schnelllebigen Zeit eine eher ungewöhnliche Zeitspanne. Und doch bewahrheitet sich wieder einmal die alte Weisheit, dass gut Ding Weile haben will. Molllust entführen uns in „Mother Universe“ auf einen knapp 80-minütigen Streifzug zu unseren stellaren Nachbarn und unserem Trabanten, dem Mond. Was astronomisch Interessierten beim Blick auf die Tracklist allerdings sofort ins Auge springen dürfte, ist die leicht durcheinander gewirbelte Reihenfolge der Himmelskörper. So würde der Merkur als sonnennächster Wandelstern streng genommen direkt der Sonne folgen, während sich der für sein prachtvolles Ringsystem bekannte Saturn zwischen Jupiter und Uranus einreihen müsste. Jänu, das ist eben künstlerische Freiheit! Umso erfreulicher, dass der 2006 zum Zwergplaneten degradierte Pluto im himmlisch-musikalischen Reigen Unterschlupf findet (erinnert sich noch jemand an die schrillen Autoaufkleber „Hupe, wenn Pluto noch ein Planet ist“?).

Planetare Vielfalt

Musikalisch gestaltet sich unsere Expedition zu den Sternen äusserst abwechslungsreich, verspielt und opulent, so dass sich gerade zu Beginn leicht ein Gefühl der mentalen Übersättigung bzw. Überforderung einstellen kann. Da die einzelnen Himmelskörper sowohl musikalisch als auch inhaltlich eine ganz eigene Dynamik entfalten, ähnelt die vielschichtige Inszenierung stark der Aufführung eines Theaterstücks bzw. einer Oper – Opera Metal eben! So treffen bereits bei „Sun – Journey Of Icarus“ fett ausgearbeitete, mächtige Orchesterklänge auf treibende Drums und knackige Riffs und legen mit diesem Klangteppich ein solides, tragendes Fundament. Darüber schwebt Sopranistin Janika Gross stimmlich meist in höchsten Sphären, während ihr männliches Pendant Frank Schumacher (beide musizieren übrigens auch in der deutschen Klassik-Mittelalter-Metal-Band Haggard“) die eher tiefen, manchmal leicht roboterhaft anmutenden Parts beisteuert.

So vielfältig sich die Planeten am Firmament präsentieren, so unterschiedlich sind auch die weiteren Songs. Mal roh, kraftvoll und fast maschinenhaft stampfend wie „Saturn – Human Clockwork“, mal melancholisch und schwermütig („Mercury – The Desert Inside“ oder „Moon – Ostracised Companions“, wobei letzteres im Refrain an Bond-Filme erinnert).

„Earth – Beauty Of Diversity“ gibt sich abwechslungsreich und hat eine deutlich klassische Schlagseite, wogegen „Jupiter – When Divine Winds Rage“ fröhlich, lebensfroh und laut in die Ohren springt. Fast schon poppig und mitreissend kommt dann „Uranus – The Butterfly And The Spider“ daher, während „Neptune – Wrath Of The Sea“ zunächst verspielt und beschwingt beginnt, um dann in einen wahren Sirenengesang überzugehen.

„Pluto – The Raven’s Lullaby“ pendelt irgendwo zwischen Wiegenlied und Kriegsgesang, derweil sich unsere direkten Sternnachbarn kaum gegensätzlicher präsentieren könnten: Hier die zerbrechliche, in intime, balladeske Töne gehüllte Venus (Poems Of Love), dort der düstere, brachial stürmende Mars (The Game Is Over).

Interplanetare Mythologie

Die einzelnen Lieder werden durch sogenannte Promenaden verbunden, musikalische Übergänge, die mit der interplanetaren Reise der Raumsonde Voyager von Wandelstern zu Wandelstern verglichen werden können. Eingerahmt wird die Ode an die solaren Planeten von einer Ouvertüre und einem Epilog, die die Themen der Songs aufgreifen und so den ekliptischen Kreis vollenden. Die Durchsicht der kompletten Trackliste gestaltet sich dementsprechend … nun ja, speziell bzw. auch etwas sperrig (siehe unten).

Textlich stehen allerdings nicht die Himmelskörper selbst im Mittelpunkt, sondern ihre Namens spendenden Gottheiten aus der griechischen und römischen Mythologie. So porträtiert „Sun – Journey of Icarus“ eine narzisstische Künstlerpersönlichkeit, die zwischen dem grossen Auftritt als Star auf der Bühne und Einsamkeit, Minderwertigkeitsgefühlen sowie Drogenkonsum hinter der Bühne schwankt und sich durch die Aufmerksamkeit der Fans psychisch zu stabilisieren versucht. „Mars – The Game is Over“ prangert die Sinnlosigkeit und Zerstörungskraft des Krieges an, während „Earth – Beauty of Diversity“ die Vielfalt unserer Kulturen feiert. Besonders hier: In diesem Song kommen Menschen aus aller Welt zu Wort, die den Satz „Ich bin ein Kind dieser Erde“ in ihrer jeweiligen Muttersprache einfliessen lassen.

Das Fanzit Molllust – Mother Universe

Zugegeben, Symphonic Metal in all seinen Spielarten ist heutzutage ein viel strapazierter Begriff. Doch die ausdrucksstarke Mischung aus klassisch geprägten Klängen und rauen, metallischen Riffs, wie sie die in Leipzig beheimatete Band inszeniert, geht weit über den branchenüblichen Standard hinaus. Damit dringen sie in musikalische Galaxien vor, die kaum eine Metalband zuvor erkundet hat. Wo Opera Metal draufsteht, ist im Falle von Molllust eben wirklich auch Opera Metal drin!

In Zeiten von Spotify bildet die deutsche Truppe mit ihrer tiefgründigen, dramaturgisch vielschichtigen und nicht auf Nebenbei-Berieselung ausgelegten Klangwelt somit eine zu Noten gewordene Antithese zum sprunghaften, auf Schnelllebigkeit getrimmten Musikkonsum.

Wer auf der Suche nach der nahezu perfekten Symbiose von Oper und Metal ist und Bands wie Haggard, Therion oder die eher klassische Seite von Tarja mag, dürfte bei dieser Scheibe fündig werden. Wem jedoch hoch experimentelle, weit über Genregrenzen hinausgehende Klänge einen natürlichen Fluchtreflex auslösen, der wird wohl schon nach den ersten Tönen entnervt das Handtuch werfen.

Anspieltipps: Venus – Poems Of Love, Uranus – The Butterfly And The Spider, Pluto – The Raven’s Lullaby

Trackliste Molllust – Mother Universe

  1. Cosmic Ouverture
  2. Sun – Journey Of Icarus incl. Cosmic Promenade
  3. Saturn – Human Clockwork incl. Cosmic Promenade
  4. Venus – Poems Of Love incl. Cosmic Promenade
  5. Earth – Beauty Of Diversity incl. Cosmic Promenade
  6. Mars – The Game Is Over incl. Cosmic Promenade
  7. Mercury – The Desert Inside incl. Cosmic Promenade
  8. Moon – Ostracised Companions incl. Cosmic Promenade
  9. Jupiter – When Divine Winds Rage incl. Cosmic Promenade
  10. Uranus – The Butterfly And The Spider incl. Cosmic Promenade
  11. Neptune – Wrath Of The Sea incl. Cosmic Promenade
  12. Pluto – The Raven’s Lullaby incl. Cosmic Promenade
  13. Cosmic Epilogue

Line Up – Molllust

  • Janika Gross – Vocals, Keys (Piano, Organ, Celesta), Orchestration
  • Frank Schumacher – Rhythm Guitar, Vocals
  • Lisa Hellmich – First Violin
  • Julian Jönck – Lead Guitar, Orchestration
  • Simon Johanning – Bass Guitar
  • Andrea Zannin – Drums
  • Manuel Toc – Live Viola, Studio Second Violin

Additional Studio Musicians:

  • Anne Eberlein – Viola
  • Alejandro Barria – Cello
  • Imki Niemeier – Doublebass
  • Frank Schumacher – E-Bass, Acoustic Guitar
  • Janika Gross – Tenor recorder
  • Choir Vocals: Janika Gross, Cosima Heinz, Süntje Kozlowski, Eva Morlang, Amelie Rex, Frank Schumacher, Simon Johanning, Julius Sattler, Mario Hartwig, Albian Shoshi, Leonard Kutzera, Tobias Klenke, Ferdinand Jurczok

Video Molllust – Venus – Poems of Love

 

Video Molllust – Mars – The Game is Over


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 9/10



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10.02.2023
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