Fr–Sa, 4.–5. September 2015

20 Wahre Jahre Jubiläumsfestival mit In Extremo, Eluveitie, Schandmaul, Eisbrecher u.v.m.

Freilichtbühne Loreley (Sankt Goarshausen, DE)
/ 07.09.2015

20 Wahre Jahre In Extremo

Vor 20 Jahren fanden sich sieben Spielmänner zusammen und gründeten eine der erfolgreichsten Bands ihres Genres: In Extremo.

Vor ein paar Monaten fanden sich fünf verrückte Schweizer und ein Quotendeutscher zusammen und gründeten die WhatsApp Gruppe: In Extremo Festival. Da das 20 jährige Jubiläum schon vor einem Jahr angekündigt worden war, hatte man viel Zeit für die Vorfreude und für eine richtige Planung samt Organigramm, wer für was zuständig ist und samt Fahrschema, wer wen wann mit was wohin mitbringt. Eine gute Planung ist wie immer Alles; vor allem wenn man dann zum entscheidenden – Aaah, jetzt eine warme Nudelsuppe kochen – Zeitpunkt feststellt, dass der Gaskocher leer ist.

Los ging das Festival aber nicht mit dem Bedürfnis nach einer heissen Suppe, sondern mit der Suche nach einem schönen Zeltplatz. Trotz ausverkauftem Festival und zahlreichen überdimensionalen Zelten fand man bis zum Schluss noch reichlich Platz. Die Anfänger parkierten ihr Zelt beim schrägen Hang oder direkt neben dem kostenpflichtigen Shit & Shower, wo es die ganze Zeit hiess: Single Shit? Oder Flat rate?

Barfuss mit Orphaned Land

Da wir durch die „Slow Motion Zone“ zum Konzertgelände mussten und wir uns gemäss der Anleitung der quasi ansässigen Festivalbesucher nur in Zeitlupentempo bewegen durften, erreichten wir die Bühne erst als Orphaned Land bereits losgelegt haben. Die israelische Band lockte sehr wenige Besucher ins Konzertgelände. Sehr speziell fand ich die Musik und die Show nicht: Sänger Kobi Farhi tänzelte barfuss herum und wurde am helllichten Tag auf der Bühne eingenebelt. Das 35-minütige Set ging Flugs vorbei, gerade lange genug, um sich ein Bild vom Metal mit den orientalischen Klängen zu machen. Den Leuten in den vorderen Reihen schien es aber zu gefallen, denn am Schluss schwangen sie brav die Arme im Takt hin und her.

Damit während den Umbauphasen keine Langweile aufkam, gab es ein kleines Unterhaltungsprogramm mit zwei mittelalterlichen Spassvögeln. Mit Gitarre und Leier bewaffnet brachten sie Witze und Sprüche rund ums Festival, die bis unter die Gürtellinie gingen: Wie erkennt man eine männliche Meerjungfrau? – Na an den Schuppen am Schwanz.

Omnia verzauberten die Loreley

Diese beiden Gaukler hätte es aber vor Omnia gar nicht gebraucht, denn schon ihr langandauernder Soundcheck war sehr unterhaltsam. Die Niederländer brachten viele ungewöhnliche, handgemachte Instrumente mit und kamen mit einem unverwechselbaren Kleidungsstil mit Fell und wunderschönen Accessoires auf die Bühne. Dass sie neben Pagan Folk auch etwas Reggae im Blut haben, erfreute auch einige Zuschauer. Leider war der mystische Spass bereits nach 35 Minuten zu Ende.

Riesensause mit Russkaja und Korpiklaani

Als nächstes standen dann Russkaja und darauf Korpiklaani auf dem Programm. Beides zwei wilde tanzfreudige Bands, welche die Leute zum Feiern animierten. Man erkannte dabei schnell die Tücken eines Amphitheaters: Es bestand die Wahl zwischen auf den steinernen sitzen herumzuturnen mit der Gefahr herunter zu stürzen oder unten auf dem Boden zu bleiben und nichts zu sehen. Da der Turbopolka und der finnische Folk Metal nur mit einer ordentlichen Pogorunde funktionieren, musste man sich entweder auf die Zwischenterrasse weiter oben verziehen oder sich in die ersten 3 ½ Reihen direkt vor der Bühne kämpfen. Viel Platz blieb dort vorne aber leider nicht. Für ein tanzfreudiges Festival etwas schade.

Schandmaul überzeugten

So viel Bewegung am frühen Nachmittag machte hungrig und durstig. Gespannt machten wir uns darum zum gross angekündigten Mittelalterfest auf. Leider fiel das mit rund 20 Ständen sehr klein aus, aber immerhin gab es feine Falafeln und feines, vollsüsses Kirschbier.

Ziemlich verspätet, weil man die Gläser und Becher nicht vom Mittelaltermarkt ins Konzertgelände mitbringen durfte und man einen Umweg laufen musste, trafen wir dann bei Schandmaul ein. Etwas geschockt und mit einem kleinen Herzstillstand stellte ich fest, dass das Amphitheater sich mittlerweile extrem gefüllt hatte. In die erste Reihe bei In Extremo zu kommen, wurde zu einem sportlichen Ziel. Immerhin schafften wir es aber auf die zweitvorderste Sitzbankreihe. Was eigentlich perfekt war, da man genau auf Bühnenhöhe und immer noch schön nah dran war.

Von Schandmaul war ich positiv beeindruckt. Ich dachte immer, diese Folkrockband sei mir zu langweilig, aber die lebenslustige, sympathische Truppe war live wie eine Wundertüte und brachte ganz viele musikalische und unterhaltsame Facetten zu Tage. Beim Song Der Teufel hat den Schnaps gebracht, unterstützen wie beim offiziellen Videoclip auch nochmals die Saufkumpanen von Russkaja. Und als der sympathische Frontmann Thomas Lindner sich bei In Extremo für all die guten Tipps und Notfalltelefonate bei heisseren Stimmen oder sonstigen Problemen bedankte, bekam man wirklich das Gefühl, an einem grossen Familienfest zu sein.

Nostalgie bei In Extremo

Ganz so familiär ging es dann vor der Bühne nicht mehr überall zu und her, da jeder einen guten Platz für die erste Show von In Extremo ergattern wollte. Die Helden des Wochenendes legten mit einem riesen Knaller – mit dem Song Erdbeermund los. Die Stimmung im Publikum kochte sofort und erhöhte sich beim zweiten Song Frei zu sein noch ein Stückchen mehr bis ins endlose. Die Zuschauer sangen darauf für In Extremo ein Geburtstagsständchen, was die Band sichtlich rührte. Das letzte Einhorn kündigte an, dass an diesem Abend vor allem die alten Gassenhauer zum Zuge kämen und so fuhren sie mit Stetit Puella weiter. Es war echt genial, mal wieder die alten Kracher zu hören. Live kommen die meisten In Extremo Songs einfach noch ein Spürchen intensiver. So viel andauerndes Herzblut und Harmonie habe ich bei kaum einer anderen Band bisher erlebt und auch an diesem Abend boten die Sieben wieder alles, um mein Herz zu öffnen: Die Spielmänner zeigten sich gewohnt motiviert und alberten leidenschaftlich auf der Bühne herum. Allen voran Yellow Pfeiffer und Flex der Biegsame, welche gekonnt mit ihren Dudelsäcken, Flöten und Leiern auf der Bühne herumwirbelten oder Schere, Stein, Papier spielten. Dr. Pymonte sorgte mit seinen traumhaften Soloeinlagen auf der Harfe für kurze Verschnaufpausen im eher wilden Set. Das Einhorn verlor insgesamt wenig Zeit für Ansagen, bedankte sich aber mehrmals bei allen Bands, Helfern und natürlich den Zuschauern. Unterstützt wurde die unterhaltsame Show mit vielen heissen Pyroeffekten, unzähligen Konfettischnipseln und sogar einem brennenden Galgen. Das Wikingerschiff als Bühnendeko passte wunderbar zum Schifffahrtsmotto auf der Loreley. Das zweistündige Set verging wie im Fluge. Mit dem Spielmannsfluch schlossen In Extremo den ersten Abend.

Fotos vom Festival Tag 1 (Friedemann)

Tag zwei

Trotz der eisig kalten Nacht, trug ich am nächsten Morgen immer noch ein Dauergrinsen spazieren. Den Start in den zweiten Festivaltag durften die Bandcontest Gewinner machen: Haggefugg. Ganz in rot-schwarz gekleidet, wuchteten sie ihren Sound der kleinen Runde im Amphi entgegen. Naja, gewonnen haben sie vielleicht, aber üben dürfen sie noch weiter.

Auch die nächste Band darf sich gerne in Etwas üben: Schweigen. Der Frontmann von C.O.R. vergeudete endlos viel Zeit mit Ansagen und Tipps fürs ein gutes Leben: Boykottiert die Musikindustrie, boykottiert das Radio, kauft einen Schrebergarten, Kommerz ist Scheisse… Bei so vielen Aggressionen und Prologehabe lockte der heisse Met.

Pogo bei Dritte Wahl

Zusammen mit dem Met und dem wilden Herumspringen bei Dritte Wahl wurde es endlich wärmer. Die deutsche Punkrockband sorgte für grossartige Stimmung bei den wenigen Zuschauern. Ich bin aber ganz überzeugt, dass die Leute in der riesengrossen Schlange vor dem Merchandise Stand auch ganz viel Spass hatten. Eine Stunde sich die Beine in den Bauch stehen versus einer schönen Erinnerung an das Konzert – eine Entscheidung, die mir persönlich nicht schwer fällt.

Folk is not dead mit Fiddler’s Green

Energieladen ging es mit Fiddler’s Green weiter. Die Irish Speedfolk Band spielte sich auf der Bühne die Finger wund und das Publikum tanzte sich die Füsse blau. Eines wurde an diesem Abend klar: Folk is not dead. Mit dem Woohoo immer in den Po Gröhlsong, der anscheinend aus einem Missverständnis mit In Extremo entstand, blieben die Fiddlers allen Festival Besuchern in guter Erinnerung.

Die Wummers – Krupps

Ein ungünstiges Missverständnis oder auch ein technisches Problem in Kombination mit Sturheit hat dann auch das schlechteste Konzert ever beschert. Die Krupps spielten ihr 45 minütiges Set komplett ohne Gitarre. Nach dem dritten Song brüllte der Sänger ins Mikro, dass die Mischpultleute den Sound aufdrehen sollen, was vor allem mehr Bass verursachte. Nach einem weiteren Song hatte er dann wenigstens gemerkt, dass lauter nicht gleich besser ist und befahl die Gitarre lauter zu stellen. Diese Ansage wiederholte sich mit diversen Fluchworte bestückt vor jedem Song den ganzen Auftritt lang. Dass das Problem eventuell, vielleicht, wohlmöglich, allenfalls auf der Bühne liegen könnte, kam ihm und der Band offensichtlich nicht in den Sinn. Einmal richtig in die Saiten greifen, Soundcheck während dem Konzert machen, wäre bestimmt besser gewesen, als stur weiter zu spielen. Schade!

De Ruef vo de Berge.. von Eluveitie

Mit einem weiteren Donnerschlag, aber mit allen notwendigen Instrumenten ging es dann mit Eluveitie weiter. Die Masse erhob sich und feierte die Schweizer schon nach dem ersten Song. Leadsänger Chrigel Glanzmann meinte, dass sie normalweise an Metal Festivals spielen, aber sie wüssten, dass das Publikum hier tanzen könne und wolle. Von dem merkte man dann zwar nur vereinzelt etwas, aber das lag wohl eher an den schon beschriebenen Umständen mit den Steinbänken. Und ein weiteres Mal wurde the call of the mountain in Schweizerdeutsch Version gesungen. Was die Deutschen wenig beeindruckte. Insgesamt ein durchschnittliches Eluveitie Konzert – gewohnt auf hohem Niveau – mit eher ruhigeren Songs.

Entertainer mit Herzblut: Eisbrecher

Durchschnittlich war auch der Auftritt von Eisbrecher. Comedy und Unterhaltung auf sehr hohem Niveau gepaart mit Musik, die zum mit machen und tanzen animiert. Das Set und die Bühnenshow kamen direkt aus der letzten Schock Tour. Es wurden darum sehr viele neue Stücke gespielt. Trotz einsetzendem Regen brachten Eisbrecher das Amphib zum Kochen und zeigten dafür aufrichtigen Dank.

In Extremo habe er in der Zeit, als er noch mit Megaherz unterwegs war, kennen gelernt, meine Alexx. Als er die Sieben mit ihren Holzschuhen gesehen habe, wusste er schon damals, Mittelaltermucke hat keinen Erfolg, erzählte er grinsend und doppelte nach: Naja das eine ist Geschmack, das andere Respekt. Der Checker weiss einfach, wie er das Publikum um den Finger wickeln kann. Seine Ansagen sitzen immer perfekt, auch wenn es mal politisch und ernst wird. Und welches Mädel hätte nicht auch gerne einen Stofftier-Eisbär von ihm am Schluss erhalten?

Hühnerhaut bei In Extremo

Völlig chribelig und gespannt erwartete ich den zweiten Auftritt von In Extremo. Kurz bevor es losging, stieg die ganze Masse auf die Steinbänke, so dass jeder nachziehen musste. Schade, am Boden unten hätte es sich besser und sicherer mitgetanzt. Aber schon beim ersten Song Sängerkrieg gab es kein Halten mehr. Für meinen Geschmack, waren wir an diesem Abend viel zu weit von der Bühne weg und ich wäre am liebsten auf die Bühne gesegelt, so wie das Plüschtier, welches Yellow Pfeiffer zugeworfen wurde. Ich musste erneut feststellen, live toppen die glorreichen Sieben einfach Alles. Die Bässe gehen so schön richtig unter die Haut und die abwechslungsreichen Melodien der Bläser und der Gitarre sowie die zarten Klänge der Harfe treffen mitten ins Herz. Bei so viel Liebe zum Detail auch was die Outfits, Bühnendeko und speziell gebauten Instrumente angeht, öffnet sich so manches Herz. Ganz speziell schön fand ich auch, dass sie meinen Favorit Vollmond am ersten Tag und dann am zweiten Tag zum sogar zum Abschluss spielten. Wenn man sieht, wie 12‘000 In Extremo Fans begeistert mitsingen, kommt das Hühnerhautfeeling und das Glückstränchen automatisch. Zusammen mit dem Feuerwerk war dies ein ehrwürdiger Abschluss von einem grandiosen weltbesten Konzert.

Fotos vom Festival Tag 2 (Friedemann)


Wie fandet ihr das Festival?

/ 07.09.2015
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