Sa, 23. Juni 2012

Earthshaker Day

Earthshaker Days (Basel)
26.06.2012

Es braucht schon ein ziemlich überzeugendes Line-up, damit man an einem schönen Samstag-Nachmittag an ein Festival geht, welches Indoor über die Bühne geht. Mit 24 Bands und einem eben solchen Line-up scheint es bei der ersten Earshaker-Ausgabe in der Basler Joggeli-Halle aufzugehen.

Ich bin eigentlich kein Freund von Festivals mit möglichst vielen Bands, wobei jede im Schnitt nur 45 Minuten spielt. Die stetigen Auf- und Abbauten inkl. mühsamen Soundchecks machen das Ganze auch nicht grad spannender. Es kommt mir vor wie bei einem All-You-Can-Eat-Buffet, wo man sich eigentlich für gar nichts richtig entscheiden kann und schlussendlich den Teller so überhäuft, dass sich die eigentlich feinen, einzelnen Speisen zu einem Einheitsbrei vermischen. Ich bevorzuge weniger Auswahl, dafür kommt ein Gang bzw. eine Band nach der anderen. Angefangen bei einem Gruss aus der Küche, dann ein paar Häppchen und Vorspeisen, zwei, drei Hauptmahlzeiten mit deftigem Fleisch und zum Schluss Dessert und ein paar Verdauerlis. So kann ich jeden Gang einzeln und ausgiebig geniessen und verpasse auch nichts.

Bei 24 Bands an einem Tag geht es leider nicht anders, dass eigentlich immer zwei Bands gleichzeitig spielen und meist sind es grad zwei Bands, die man eigentlich beide sehen möchte. Drum fand ich das diesjährige Sonisphere auch ganz nach meinem Geschmack.

Da ich der Einladung Many Mauers und seiner Crew während deren Soundtraxx-Studio-Eröffnungsparty im Sedel Luzern nicht widerstehen kann und prompt auch bei der wirklich lustigen Lesung der beiden Casting-Promis Martin Kesici und Markus Grimm (nomen est omen) hänge bleibe, schaffe ich knapp auf 19.15 Uhr in die Joggeli-Halle. Lacuna Coil habe ich somit leider verpasst (nebst diversen anderen), zumindest aber bin ich rechtzeitig für meinen persönlichen Hauptgang – Amon Amarth – vor Ort. D.h. schlussendlich zu früh, denn die Running Order ist mit 30 Minuten verspätet. Dann reicht es ja sogar noch für ein Bierchen.

Und ich frage mich einmal mehr, wieso die eigentlich so früh spielen. Für mich sind die fünf Schweden das Zugpferd am Earshaker, was sich auch gleich bestätigten sollte. Ich sehe mit Abstand am meisten Amon Amarth Shirts – gut ich trag auch eines und so spielt sicher auch der «Chaissenwagen»-Effekt mit (Kinderwagen-Effekt) – und von all den Bands, die heute sehen werde, haben sie das grösste Publikum.

Anyway, jedem das seine und ich glaub, jeder kriegt heute auch das, was er sich wünscht.

Als ich das Hammer-Backpicture – Surtur Rising – und die weiteren Steller mit Wikinger Darstellungen sehe, frage ich mich einmal mehr, wieso sich Amon Amarth selber nicht als Viking-Metaller sehen. Drum erlaube ich mir, deren Hammersound weiterhin als Viking-Death-Metal zu bezeichnen. Die Jungs mit ihrem Übervater Johan Hegg geben gleich von Beginn weg mit «War Of The Gods» und anschliessend «Death In Fire» richtig Gas. Schon immer wieder beindruckend, mit welcher Präzision sie ihre genialen und superschnellen Riffs mit gleichzeitigem, gemeinsamen Synchron-Heli-Headbanging uns entgegenschleudern. Und dieses Mal stimmt – nicht wie beim letzten Mal im Komplex 457 in Zürich – die Abmischung.

Der charismatische Johan sieht ziemlich fit aus. Er scheint ein bisschen abgenommen zu haben, aber er ist immer noch eine imposante Erscheinung. Wenn er mit voller Wuchte seine Grunts und Growls mit stechendem Blick ins Mikrofon singt, würde wohl manches Grosi die Flucht ergreifen. Aber kaum macht er eine Ansage und lächelt ein bisschen, so dass seine Bäckchen (rot) glühen und schon würde man ihm sein eigenes Kind anvertrauen. So ein richtiger Samichlaus halt.

Bevor wir jetzt anfangen Nüssli zu essen, zurück zum Metal. Johan ist für mich der James Hetfield der 00er Jahre. Sein Stil ist Vorgabe und prägend für eine ganze Generation an neuen Metalheads.

Weiter geht’s mit «Destroyer Of The Universe» und anschliessend zur Frage von Johan: «Can you hear the cry of the black birds?» folgt dieser entsprechende Song («Cry Of The Black Birds»).

Wie gehabt, folgen weitere Viking-Themen-Songs – da wären wir wieder beim Thema (Viking-Death-Metal oder einfach nur Death Metal?) – «For Victory Or Death» und «Pursuit Of Viking». Beim Letzterem fordert uns Johan zum mit singen auf. Dabei kommt bereits sein legendärer Spruch den wir auch schon bei anderen Konzerten von ihm hörten: «It doesn‘t matter if you don‘t know the lyrics. It‘s Death Metal and nobody understands anyway.». Wie wahr.

Johan bedankt sich mit Danke, Merci beaucoup und Grazie in drei Landessprachen. Das nächste Mal bitte auch auf Rätoromanisch (Grazia fitg).

Leider ist die viel zu kurze Zeit für Amon Amarth schon fast abgelaufen und auch Johan meint, dass sie gerne länger spielen würden, aber so seien die Regeln und so gilt es, die beiden letzten Songs noch einmal richtig zu geniessen.

Mit den beiden absoluten Highlights und für mich zwei der besten Amon Amarth Songs «Twilight Of The Thunder God» und «Guardians Of Asgaard» fällt uns das auch nicht wirklich schwer.

Wie sympathisch die fünf Schweden und insbesondere Johan ist, zeigt sich auch am Ende derer Show. Er hört fast nicht auf, sich links und rechts sowie in der Mitte der Bühne auf alle Seiten immer und immer wieder zu verneigen.

Schön, dass es auch ohne ständiges «Fuck you motherfuckers» geht und es auch cool ist, wenn man seine Fans respektiert und mit Anstand behandelt.

Dies im Gegensatz zu Children Of Bodom. Sänger und Lead-Gitarrist Alexi Laiho ging mir schon auf der Metal Cruise Anfangs Jahr bei deren Auftritt mit seinem Rockstargetue auf den Sack. Das passt vielleicht zu einer Glam-Rock-Band, aber wer wirklich hart und heavy ist, beweist dies mit seiner Härte in der Musik. Dass er es aber mit dem Einsatz des F-Worts schafft sogar die Jungs von Mötley Crüe zu toppen, ist schon gewaltig. Unglaublich was alles verfickt sein kann. Man lernt immer wieder dazu.

Der Unterschied zu Johan ist frappant. Mir gefällt grundsätzlich die Musik von Children Of Bodom, aber kein Vergleich mit der Bühnenpräsenz eines Johan und seinem Mitkämpfern.

Und dann kommt für mich ein weiteres No-Go im Metal dazu: Keyboards sind ja OK, um Orchester, Atmosphäre und vielleicht auch mal ein bisschen Piano und Piraten-Handorgel einzubringen. Wenn dann aber die Keyboards Gitarrensolis übernehmen, hört für mich der Spass auf.

Sorry, ich werde mit COB live einfach nicht richtig warum. Aber wie gesagt, es hat ja für jeden was und drum pilgere ich rüber in die angrenzende Halle für die zweite Bühne. Dort spielt jetzt Soulfly. Als Sepultura-Fan bereits aus der Zeit von Schizophrenia/Beneath The Remains, sind die Cavaleras für mich eigentlich meist Pflicht. Vor allem eben Max mit seinen stets wechselnden Mitmusiker, welche immer wieder extrem genial sind.

Die Halle und die sehr spartanische Bühne sind eigentlich einem der Godfather des Thrash-Metals nicht wirklich würdig. Das Ganze wirkt ein bisschen wie früher bei uns auf dem Lande, als die Blasmusik-Truppe ein Dorffest organisierte und dabei irgendwelche Flipper und Galimeros und wie die immer hiessen auftraten. Damit es so richtig echt wirkte und sich die Disco-Fox-Tänzer so richtig im Element fühlten, hatte man damals noch ein, zwei Scheinwerfer aufgestellt. Heute waren es zwei, drei mehr – aber das war‘s.

Aber vielleicht grad deswegen, war es einer der besten Auftritte von Soulfly/Max und vor allem auch dieses Festivals. Max schien richtig gut drauf zu sein und nicht wie sonst üblich die halbe Welt zu verachten und die anderen zu hassen. Er hat doch glatt auch mal gelacht.

In seiner Kampfuniform ist er wie gehabt der Máximo Líder des Thrash-Metals Marke Sepultura. Schon gewaltig, welche Wandlung er optisch durchmachte. Zu Zeiten Beneath The Remains noch mit wallender Rock-Mähne und heute Dreadlocks und eine wachsende Körperfülle. Der Guerilla direkt aus dem tiefen Amazonas-Dschungel.

Highlights eines Soulfly-Konzerts sind weiterhin die Sepultura-Songs. Mit einem Lächeln im Gesicht befiehlt uns der General: «Destroy this fucking place. Refuse. Resist.» («Refuse/Resist»). Der Boden bebt. Kein Scheiss, das hatte ich selber auch noch nie erlebt, dass an einem Konzert der Boden anfing zu beben. Auch wenn man selber ruhig stand, hüpfte man irgendwie automatisch mit. Der Schlagzeuger sagte nach dem Konzert, dass die ganze Bühne wankte und er mit seinem ganzen Schlagzeug. Da war wohl selbst Max überrascht von der Wirkung seines Befehls.

An der einen Klampfe bzw. Bass spielt ein Kerry King-Verschnitt. Gleicher Look – Glatze, Giant-Goatie, fette Oberarme – und gleiche Moves inkl. Kopf tendenziell tief, so dass der Goatie irgendwann die Schwerkraft überwand und einen auf Rockabilly unterm Kinn machte.

Immer wieder fordert uns Max auf, Platz für einen Circle Pit zu machen. Dieser kommt in kleinerem Ausmasse dann auch immer wieder zustande.

Zu «Back To The Primitive» («Fuck politics») kamen zwei Cavaleras der nächsten Generation (Max‘ Söhne Richie und Igor Jr.) auf die Bühne, um ihren Vater beim Gesang zu unterstützen. Und die beiden Spränzel gaben auch ganz schön Gas. Richie war dann später am Merchandise Stand am T-Shirts verkaufen. Max will wohl, dass sein Nachwuchs das Business von der Pike auf lernt. Der 26jährige Richie ist ziemlich cool drauf und so schafft er es locker, dass ich ihm ein Soulfly-Shirt abkaufe und als Bonus auch noch die Debut-CD seiner eigenen Band (Incite – The Slaugther – Review folgt, erster Eindruck ist sehr vielversprechend).

Bei «Roots Bloody Roots» erreicht das gegumpe («Jump, everybody jump with me, Switzerland») und somit der shakende Boden seinen Höhepunkt. Hätte ich jetzt ein Glas Rahm in der Hand, es wäre jetzt wohl Butter. Max schüttelt seine fetten Zotteln mit voller Wucht – sieht ein bisschen aus, aus würde ein Tintenfisch mit seinem Armen durch die Luft gewirbelt.

Auch unser «Kerry King» geht jetzt voll ab und seine Moves nehmen mehr und mehr die von Scott Ian an – sprich sein Mosh-Radius nimmt exponentiell zu.

Beim letzten Song schnappt sich Max eine Schweizer Fahne mit einem Soulfly-Icon drauf aus dem Publikum und legt sich diese über seine Schultern. Er feuert die Massen mit einen «Olé, Olé, Olé Soulfly» an – welches auch 15 Minuten nach dem Konzert von den Fans noch gesungen wird. Im engen Verbindungsgang der beiden Hallen sorgt dies für eine Hühnerhaut-Atmosphäre mit Fangesang wie bei einem Eishockey-Match.

Soulfly mit seinem El Comandante Max haben mich heute restlos überzeugt. Wie schon erwähnt, schien es so, als konnte auch er das Konzert in vollen Zügen geniessen. Sein Sohn Richie hat mir dann später auch bestätigt, dass sie sich alle sehr auf dieses Festival freuten – insbesondere weil mit Napalm Death, Devildriver, Machine Head etc. viele befreundete Bands auch da seien.

Mit dem Soulfly-Fangesang in meinen Ohren bin ich für Killswitch Engage zurück in der Haupthalle. Die Ami-Metalcore Band wurde mir für ihre gute Live-Performance empfohlen.

Doch um Gotteswillen, hat den beiden Gitarristen noch keiner gesagt, dass im Metal die Gitarre unter und nicht über dem Bauchnabel hängen sollte? Von welcher Jazz-Kapelle sind den die entsprungen? Bela B. von die Ärzte singt ja in seinem Lied «Gitarre runter» so treffend: «Nimm die Gitarre runter, wir wollen deinen Sack nicht sehen.» Es sieht schon sehr schräg aus, vor allem bei dem einem knapp Zwei-Meter-Typen: Kurze Jeans die nicht mal zu den Knien reichen, Kopftuch und die Gitarren unter seinen Achseln. Irgendwie stelle ich mir so eine Hausfrauen-Metal-Karaoke-Band vor.

Aber jetzt mal abgesehen von diesem aus meiner Sicht «Geht-gar-nicht» war der Sound ziemlich cool. Leider kann ich nur 3 – 4 Lieder mithören, da ich schon wieder zurück zur «Dorffest-Halle» muss. Dort spielen jetzt Paradise Lost. Die Gothic-Veteranen will ich auf keinen Fall verpassen.

Und das mit gutem Grund. Die Briten sind soundmässig top und Nick Holmes Hammerstimme ist auch live einfach genial. Es entspricht wohl dem Stil der Band, dass es auf der Bühne nicht allzu fest abgeht. Nick’s melancholischer Gesichtsausdruck und grundsätzliche Erscheinung würden eigentlich mehr zu einer Band bzw. Sound wie Coldplay passen. Das Konzert der Gothic-Metal-Mitbegründer ist nicht so stark besucht, hat wohl auch damit zu tun, dass sie vom Stil her sich doch ein bisschen vom restlichen Line-up des Festivals abgrenzen. Dafür sind die die gekommen sind, wohl schon länger Fans der Band. Was sich einerseits bei der im Allgemeinen guten Stimmung und andererseits auch darin zeigt, in dem vor allem grad auch ältere Titel bei deren Ankündigung stark bejubelt werden.

Einer der Höhepunkte ist «Erased» aus dem 2002er Album «Symbol Of Life». Die eingespielte Piano-Melodie wird gemäss Holmes von einem «invisible piano player» gespielt. Zehn Jahre älter ist das ebenfalls stark bejubelte «As I Die». Gut kam auch der neue Song «Tragic Idol» vom gleichnamigen Album an. Ich hab mir gleich vermerkt, dass ich mir unbedingt den neuen Longplayer anhören muss, nachdem ich diesen geilen Song zum ersten Mal hörte.

Sympathisch ist der eine Gitarrist – Aaron Aedy – der jeweils am Ende von jedem Song selbst heftig applaudiert und mit einem riesen Lachen die Songs scheinbar mindestens so wie die Fans geniesst.

Nicht nur die Musik, sondern auf viel Bier hat wohl der eine oder andere Metalhead während diesem Tag genossen. Bemerkbar machen dies die immer deftigeren Bierfürze, welche sich in der stickigen Hallenluft so richtig wohl fühlen und nachhaltig verbreiten können.

Nicht wegen diesen Fürzen, sondern weil ich meine persönlichen Highlights alle gesehen habe, beschliesse ich, für mich hiermit den Earshaker Day zu beenden.

Es hat Spass gemacht. Das Line-up ist kaum zu toppen und für ein Bier musste man auch nicht ewig anstehen. Was das Thema Festivals in der Halle oder draussen betrifft, gibt’s bei mir ein Unentschieden. Ich bevorzuge grundsätzlich soundmässig Indoor-Konzerte, aber ein richtiges Festival macht auf einer grünen Wiese halt schon mehr Spass. Für mich würde es jedoch wie bereits erwähnt an der Attraktivität eines Metalfestivals keinen Abstrich tun, wenn es weniger Bands hätte, die dafür länger spielen. Für eine bessere Welt mit weniger Umbaupausen.


Wie fandet ihr das Festival?

26.06.2012
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