Metalinside.ch - Cavalera Conspiracy - Beneath Arise - Komplex 457 Zürich 2019 - Foto pam
Mi, 27. November 2019

Max & Iggor Cavalera, Healing Magic

Komplex 457 (Zürich, CH)
/ 12.05.2020

Geschichtsstunde mit Max und Iggor

(Domi The Stick) Sepultura haben eine spannende Bandgeschichte, in welcher nicht alles wie gewünscht lief. Einen Sprung zurück in alte Zeiten – ins erste Jahrzehnt des Bestehens der brasilianischen Kultband – erlaubten die Brüder Max und Iggor Cavalera im vergangenen Winter.

«Bleed», «Prophecy», «Eye For An Eye»…? Gemäss der Setliste, die mir ein Roadie nach der Show in die Hand drückte, haben Max und Iggor Cavalera im November ausschliesslich Soulfly-Songs gespielt. In Tat und Wahrheit stimmt dies natürlich nicht; stattdessen wurden konsequent Sepultura-Titel aus der Zeit vor 1994 präsentiert. Wie der Name der Tour («Return Beneath Arise») verrät, bedienten die Metal-Brüder hauptsächlich die beiden Alben «Beneath The Remains» von 1989 und «Arise» von 1991 und damit zwei der ganz wichtigen Scheiben aus der vom Thrash Metal dominierten Epoche der Bandgeschichte. Zuvor wurde «Roots» von 1996 ja bereits 2016 und 2017 auf der «Return To Roots»-Tour gewürdigt.

(pam) Ja, ihr wisst es inzwischen. Ich und meine Jugenderinnerungen. Grad auch im Kontext mit Sepultura wirds bei mir immer wieder emotional (siehe auch letzte Alben-Review zu Sepultura’s Quadra). Drum hol ich jetzt nicht wieder ewig lang aus – bzw. da könnt ihr bei dem Link vorher nachlesen. Aber als die beiden Cavaleras damals in Wacken die ganze Roots-Scheibe durchspielten, war ich noch Stunden später nach dem Konzert geflashed wie selten. Und ich hab mir dann so gewünscht, das Gleiche noch mit den legendären Alben Beneath The Remains und Arise zu erleben. Das wurde dann tatsächlich während der 70’000 Tons of Metal Cruise im Februar 2019 angekündigt. Als uns dann Good News für eine Medienpartnerschaft für das Konzert heute in Zürich angefragt hatte, war ich komplett aus dem Häuschen. Und dementsprechend hibblig steh ich jetzt grad im Fotograben und kann es kaum erwarten, bis es losgeht. So hibbilig war ich schon lange nicht mehr vor einem Konzert. Gut, bevor jetzt jemand was anderes behauptet … Also, ganz ehrlich, sprinte ich jetzt dann grad aus dem Büro und bin noch unterwegs, wenn Healing Magic spielt. Im Graben bin ich also erst ein paar Zeilen später …

Healing Magic

(Domi The Stick) ‘Blending old school metal with atmospheric jamming’ versprechen die US-amerikanischen Thrasher Healing Magic auf ihrer Facebook-Seite. Sie begleiten die Gebrüder Cavalera auf der gesamten Europa / UK-Tour und passen wie die Faust aufs Auge ins Vorprogramm von dem, was uns heute Abend noch bevorsteht. Wie die Band aus «rural Arizona» zum Hauptact steht? Nun, Fronter, Sänger und Bassist der Band ist Igor A. Cavalera, einer von Max’ Söhnen. Einigen dürfte Igor Jr. von seinen Mitwirkungen bei Cavalera Conspiracy oder Soulfly bekannt sein. Bei Letzteren sitzt übrigens Zyon Cavalera, ein weiterer Max-Sohn, am Schlagzeug.

Doch genug von familiären Verstrickungen; kommen wir zur musikalischen Leistung des Trios! Auch wenn der Einfluss von Papa Max und Onkel Iggor nicht abzustreiten ist, hat die 2018 gegründete Band einen eigenen, weiterentwickelten Stil gefunden. Zum angepriesenen Old School (Thrash) Metal und dem von Sepultura bekannten Groove wird etwas angenehm Modernes beigemischt. Ich finde das Dargebotene sehr hörenswert und bin damit zum Glück auch nicht der Einzige, doch an Platz vor der Bühne mangelt es leider nicht. Da scheinen wohl viele Fans erst für den Headliner vorbeizuschauen. Nach circa einer halben Stunde ist das Warm Up zu Ende und der Umbau beginnt…

(pam) So, jetzt bin auch da. Hab die Vorband also grad verpasst. Schade, das liest sich spannend. Aber die Cavalera Familie hat mich auch mit den anderen Söhnen und Neffen nie enttäuscht. Die haben den Groove von den Vätern miterhalten.

Max & Iggor Cavalera – Cavalera Conspiracy

(Domi The Stick) …und siehe da, tatsächlich füllt sich der Komplex während der Pause mehr und mehr. Der zweite Teil des Abends beginnt mit «Beneath The Remains». Auf das akustische Intro folgt dann unweigerlich das erste Riff; und die Menge tobt (pam: Und ich hab schon die erste Träne in meinen Augen und etwas Pippi in der Hose)! In der beachtlichen Geschwindigkeit des Tracks werden Fäuste gereckt, Köpfe geschwungen, Mit-Moshpitter angerempelt. ‘Who-o-o… has won? Who-o-o… has died?’ Max und Iggor zeigen sich heute zusammen mit ihren Mitstreitern eingängig, groovig und gnadenlos. Namentlich werden die beiden von Mike Leon und Marc Rizzo unterstützt, welche ebenfalls, neben weiteren Engagements, unter der Flagge von Soulfly und Cavalera Conspiracy mitsegeln.

Es folgen fünf weitere Kracher vom 1989er-Werk. Dass es bei einer zwei Alben umfassenden Setliste nicht für die kompletten Tracklists reicht, ist leider klar. Das würde – inklusive Pausen, Ansagen und dem einen oder anderen weiteren Song – wohl nur in einer Extended Show funktionieren. Doch bei der Selektion der Titel treffen die Brüder aus Belo Horizonte sicherlich keine schlechte Wahl. Ich persönlich vermisse unter anderem «A hora e a vez do cabelo nascer».

Mit «Arise» wird der Wechsel zu einem zweiten Teil des Sets angekündigt. Wir springen in der Zeit also zwei Jahre nach vorne. Auch von diesem Meilenstein gibt es total sechs Songs auf die Ohren. Die Stimmung im Saal ist noch immer ungebrochen: Es wird gemosht und mitgegrölt, was das Zeug hält. Auch das Bier fliesst reichlich, weswegen es auch an der Bar zu kurzen Wartezeiten kommt und man das eine oder andere Mal etwas Hopfenflüssigkeit abbekommt. Weiter schlimm ist dies jedoch nicht, denn trocken verlässt die Zürcher Lokalität sowieso niemand mehr.

Was mich am heute am meisten stört, ist die Abmischung der Bassdrums. Zumindest zeitweise sind mir diese viel zu wenig druckvoll, was einigen von Iggor gespielten Rhythmen leider den Wind aus den Segeln nimmt. Trotzdem bin ich zufrieden mit der gesamten Abmischung; denn für Komplex-Verhältnisse ist diese sehr gut!

Nach nur 12 Songs ist natürlich nicht Schluss. Es folgen mit «Ace Of Spades» ein ausgezeichnet gespieltes Motörhead-Cover und mit «Troops Of Doom» ein Vertreter des Debütalbums «Morbid Visions». Nach einer kleinen Pause folgt als Zugabe «Refuse/Resist», der jüngste Song des heutigen Sets. Für jene, die sich im ewigen «Beneath The Remains»-«Arise»-Duell einen abschliessende Meinung bilden wollen, werden abschliessend beide Titelsongs nochmals kurz angespielt. Das Publikum gibt dabei noch einmal alles!

Das Fanzit

Healing Magic durften leider nicht vor einem allzu grossen, dafür aber stetig wachsenden Publikum spielen und haben zumindest mich keineswegs enttäuscht. Danach folgte eine wahrhaftige Zelebrierung zwei der wichtigsten Alben einer der wichtigsten Thrash Metal-Bands der Welt. Sowohl für die jüngere als auch für die ältere Generation der Fans stellt dieser Abend wohl ein Stück Metal-Geschichte dar. Abgesehen vom Schlagzeug-Sound gibt es nicht viel zu meckern. Nach diesem wunschlos glücklich stellenden Konzert freuen wir uns auf das nächste Kapitel in der Aufarbeitung der Cavalera-Geschichte!

(pam) Joooa, da gibt es nicht mehr viel anzumerken. Ich bin immer noch hibbelig und es war einfach der Hammer. Beim Lesen dieser Review von Dominik krieg ich grad wieder Hühnerhaut. Für mich definitiv eines der absoluten Konzert-Highlights im 2019!

Setliste Max & Iggor Cavalera

  1. Beneath The Remains
  2. Inner Self
  3. Stronger Than Hate
  4. Mass Hypnosis
  5. Slaves Of Pain
  6. Primitive Future
  7. Arise
  8. Dead Embryonic Cells
  9. Desparate Cry
  10. Altered State
  11. Infected Voice
  12. Orgasmatron
  13. Ace Of Spades
  14. Troops of Doom
  15. Refuse*
  16. Beneath The Remains / Arise*

*Zugaben

Fotos Max & Iggor Cavalera – Komplex 457 Zürich 2019 (pam)


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/ 12.05.2020
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