Therion - Leviathan (Cover Artwork)
Fr, 22. Januar 2021

Therion – Leviathan

Opera Metal, Symphonic Metal
17.01.2021
Therion - Leviathan (Cover Artwork)

Auf den Wellen der Zeit

Therion werden nicht umsonst als Urväter des Symphonic-Metals verehrt. Mit „Leviathan“ veröffentlicht die 1987 rund um Bandleader und Gitarrist Christofer Johnsson gründete Combo bereits ihr 17. Studioalbum. Gelingt es den Schweden, die selbst auferlegten, hohen Erwartungen zu erfüllen, oder droht – Ikarus gleich – der Sturz ins Mittelmass?

Vorneweg: Wer eine Neuauflage des 2018 erschienenen kompositorischen Meisterwerkes „Beloved Antichrist“ (siehe Review) erwartet, wird wohl enttäuscht werden – derweil meine Wenigkeit offen gestanden erleichtert aufatmet. BA war vieles – ein aussergewöhnliches Opus, das gerade in erzählerischer Hinsicht neue Akzente zu setzen vermochte, ein in seiner Gesamtheit wahres Kunstwerk der Sinne – aber eben auch verdammt schwere Kost, die mit einer Spielzeit von rund drei Stunden (verteilt auf sage und schreibe 46 Tracks) und viel opernhaften Elementen wahrlich verdient werden wollte. „Leviathan“ ist da anders…

Natürlich lassen die beiden vorab veröffentlichten Singles „Leviathan“ und „Wellen der Zeit“ erahnen, dass Therion auf ihrem neusten Studioalbum musikalisch keinen drastischen Kurswechsel vollziehen werden. Der Sound wogt nach wie vor episch-bombastisch, von choralen Einlagen durchzogen, daher und lässt Johnssons Vorliebe für Richard Wagner nur allzu gut erkennen. Lustigerweise ist bei den Wellen der Zeit die Betonung des in Deutsch verfassten Refrains etwas gar eigenwillig ausgefallen, so dass man schon sehr genau hinhören muss, um das Gesungene als Muttersprache der grossen deutschen Komponisten wiederzuerkennen (nennt sich dann wohl „Aussprache folgt dem Rhythmus“).

Zu den zwei erwähnten symphonisch Meisterwerken gesellen sich in stilistischer Hinsicht noch „Nocturnal Light“, „El Primo Sol“ (das übrigens als Fortsetzung von „Quetzalcoatl“ betrachtet werden kann) sowie „Ten Courts Of Diyu“ hinzu – was nicht weiter verwundern dürfte, ist es doch gerade diese wiederholte Vermischung von Metal und Oper, Sopran und monumentalen Choreinlagen, die dem Therion-Sound diese ganz spezielle, unverwechselbare Note verleiht.

Gesanglich überragend

Und doch präsentiert sich das neuste Werk überraschend abwechslungsreich. So kommt etwa der hörbar vom Heavy Metal der 80er Jahre beeinflusste Opener „The Leaf On The Oak Of Far“ auffallend forsch und direkt daher, „Aži Dahāka“ entführt einen klanglich in die Gefilde des Orients, derweil bei der hitverdächtigen Midtemponummer „Tuonela“ kein Geringerer als Ex-Nightwishs Marko Hietala als Gastsänger einen sehr starken Auftritt hat.

Überhaupt: Gesangstechnisch wird einmal mehr eher geklotzt denn gekleckert – zu den mehr oder minder eng an Therion gebundenen Gesangskünstlerinnen- und Künstlern gesellen sich so illustre Namen wie Mats Levén (Ex-Candlemass; bei „Psalm Of Retribution“), Noa Gruman (Scardust), Taida Nazraić (The Loudest Silence; auf „Wellen der Zeit“) und eben Marko hinzu, was „Leviathan“ zu einem echten Ohrenschmaus werden lässt. (Nebenbemerkung: Irgendwie wäre es noch spannend, eine so aussergewöhnliche Sopranistin wie Floor Jansen hier einmal am Mikrofon erleben zu dürfen).

Einer meiner persönlichen Lieblingssongs des Albums ist „Great Marquis Of Hell“, ein an und für sich gradliniger Rocker mit rauem, eindringlichem Gesang, der aber mit Nightwish-typischen Gesangseinwürfen aufgelockert wird und von der Spieldauer (2:36) her durchaus etwas länger hätte ausfallen dürfen. In „Ten Courts Of Diyu“ schlussendlich verschlägt es und nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich nach China. Von der Stimme her fühle ich mich in den Strophen etwas an Sharon Den Adel zu „Mother Earth“-Tagen erinnert, derweil im Refrain die weiche Klangfarbe einem das Herz aufgehen lässt. Eine tolle – wie auch die einzig wirkliche (zählt man denn „Wellen der Zeit“ nicht dazu) – Ballade der Scheibe.

Crashkurs in Mythologie

Apropos Inhalt: Textuell (verfasst wurden die Lyrics von Per Albinsson) gibt es einen Crashkurs in Sachen Mythologie. Bezieht sich der Name des Albums (sowie des gleichnamigen Songs) „Leviathan“ auf ein Seeungeheuer der jüdischen Überlieferung (der Beschreibung zufolge eine Mischung aus Krokodil, Drache, Schlange sowie Wal… Nun, das Cover schaut ja cool aus, aber mich erinnert das darauf abgebildete Tierchen eher an den Basilisken aus Harry Potters „Kammer des Schreckens“), so beschreibt „Tuonela“ das Totenreich bzw. die Unterwelt in der finnischen Mythologie (dass hier ausgerechnet der bärtige Finne Marko die männlichen Vocals übernimmt… Zufall? Ich denke nicht *g*). Azhi Dahaka (auch Aži Dahāka geschrieben, siehe Trackliste unten) ist ein Erzdämon aus der persischen Sagenwelt, und als Diyu (chinesisch 地獄 / 地狱, Pinyin dìyù – „Erdgefängnis“, jap. Jigoku) wird im Buddhismus die Unterwelt bezeichnet, in der Yánluó bzw. Yama (jap. Enma) herrscht.

Alles in allem ist „Leviathan“ ein richtig, richtig gutes Album geworden, das trotz seines unverkennbaren Hangs zu Bombast und Pathos frisch und modern daher kommt – etwas, das man so nicht unbedingt hatte erwarten können. Diese Orientierung in Richtung – ich nenne es mal sehr vorsichtig – Mainstream manifestiert sich auch in der Spielzeit der Tracks, welche durchgängig drei bis maximal etwas über fünf Minuten aus den Boxen schallen und somit weit weg sind von einer epischen Länge, die Titel wie „Forgive Me“ oder „The Siren Of The Woods“ aus früheren Tagen noch innehatten (wobei fairerweise angefügt werden muss, dass „Les Fleurs Du Mal“ mit noch weit kompakteren Liedern aufzuwarten wusste – diese ja aber auch gecoverte Chansons waren).

Christofer Johnsson begründet die Zuwendung hin zu eher eingängigeren Klängen übrigens wie folgt: „Wir nahmen das Einzige in Angriff, was wir bis anhin noch nicht ausprobiert hatten. Wir beschlossen, den Fans das zu geben, nach dem sie schon so lange fragten. „Leviathan“ ist das erste Album, das wir ganz bewusst mit Therion-Hits vollgepackt haben.“

Trivia

Aufgenommen wurde das Werk in insgesamt neun verschiedenen Ländern. Die Violine war dabei das einzige nicht digitale Instrument, das bei der Orchestrierung von „Leviathan“ verwendet wurde. Und da Therion – fleissig wie sie nun mal sind – an die 30 Songs komponiert haben, dürfen wir uns wohl schon jetzt auf „Leviathan 2 und 3“ freuen!!

Nebst den üblichen digitalen und physischen Veröffentlichungen wird zudem eine „Producers Edition“ in Form einer Digipak-CD erhältlich sein, welche 5 Bonustracks mit Instrumental- und alternativen Gesangsversionen umfasst.

Johnsson: „Das Ziel dieser Edition ist es, nicht einfach nur Bonusmaterial zu präsentieren, sondern auch einige „Was wäre wenn?“-Fragen zu beantworten. Im Booklet wird alles im Detail erklärt, aber es sei schon mal verraten, dass ich zum Beispiel ursprünglich einen der Songs mit Lori aufgenommen, mich dann aber aus bestimmten Gründen dafür entschieden habe, ihn mit einer anderen Sängerin zu besetzen. Die Lori-Version klingt natürlich grossartig (ich meine, wer mag Lori nicht, oder?), aber der Part in dem Song erforderte doch irgendwie eine „unschuldigere“ Klangfarbe, weswegen ich als Produzent diese Entscheidung getroffen habe.

Normalerweise bekommt man nur das jeweilige Endprodukt zu hören und weiss nicht, auf welchem Weg die Band dorthin gelangt ist. Aufgrund der aussergewöhnlichen Umstände bei der Aufnahme dieses Albums existieren zu vielen Tracks alternative Ideen und Versuche in professioneller Qualität, welche wir hier gerne mit euch teilen möchten. Eine Version gibt zudem auch einen Einblick in die enorme Arbeit, die in die Details der Orchestrierung gesteckt wurde – etwas, das leider beim Mischen eines Albums geopfert werden muss und schmerzhafte Kompromisse erfordert.“

Das Fanzit Therion – Leviathan

„Leviathan“ ist das erste Album von Therion, das mich von A bis Z zu packen vermag – nicht, dass die Vorgänger schlecht gewesen wären, Beileibe nicht. Aber für mich schafft es Christofer Johansson hier zum ersten Mal, künstlerische Aussergewöhnlichkeit mit eingängiger Leichtigkeit zu vermengen.

Und was will man schon gross an einem Werk herummäkeln, das sich über den grössten Teil der Songs hinweg nahe der Perfektion bewegt, zudem gut ins Ohr geht und sich dort nachhaltig festzukrallen weiss?

Wer auf symphonische Klänge, orchestrale Elemente sowie zuweilen opernhaft arrangierte Vocallines steht, kann mit diesem Album eigentlich nichts verkehrt machen. Wenn 2021 hält, was „Leviathan“ verspricht, so dürfte es – zumindest musikalisch, aber hoffentlich nicht nur – ein wirklich geiles Jahr werden. Ich bin auf alle Fälle bereits mächtig darauf gespannt, wie Therion dieses Opus live umsetzen werden. Volle Punktzahl!

Anspieltipps: Tuonela, Die Wellen der Zeit, Nocturnal Light, Great Marquise Of Hell, Ten Courts Of Diyu

Ab Release reinhören und Digipak mit Bonustracks portofrei bestellen

Trackliste Therion – Leviathan

  1. The Leaf On The Oak Of Far
  2. Tuonela
  3. Leviathan
  4. Die Wellen der Zeit
  5. Aži Dahāka
  6. Eye Of Algol
  7. Nocturnal Light
  8. Great Marquis Of Hell
  9. Psalm Of Retribution
  10. El Primer Sol
  11. Ten Courts Of Diyu

Line Up – Therion

  • Christofer Johnsson (Guitars)
  • Christian Vidal (Guitars)
  • Nalle Phalsson (Bass)
  • Thomas Vikström (Vocals)
  • Lori Lewis (Vocals)
  • Chiara Malvestit (Vocals)
  • Rosalía Sairem (Vocals)
  • Sami Karppinen (Vocals)
  • Johan Koleberg (Drums)

 

Video Therion – Leviathan


Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 10/10



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17.01.2021
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