W:O:A Metal Battle - Kufa Lyss 2022
Fr, 27. Mai 2022

W:O:A Metal Battle 2022 – Final

KuFa (Lyss, CH)
/ 06.06.2022
W:O:A Metal Battle - Kufa Lyss 2022

Auf nach Wacken!

Zum Wacken Open Air gehört jedes Jahr auch der Metal Battle, bei welchem internationale Newcomer-Bands gegeneinander antreten. Am 27. Mai fand in der KuFa Lyss das Finale des Schweizer Vorentscheids statt. Der Gewinner wird unser Land im August vertreten dürfen…

Es wird knapp…

Der Metal Battle ist für viele ein Mitgrund, Jahr für Jahr nach Wacken zu pilgern. Die aus Dutzenden Ländern anreisenden Newcomer-Bands sorgen zwar dafür, dass sich der untere Teil des Line Ups mit vielen nie gesehenen Logos füllt. Doch ist es jedes Mal aufs Neue erfrischend, im Bullhead City Circus neue Bands aus aller Welt zu entdecken. Vor allem Teamkollege Dutti frönt gerne den dort präsentierten Gruppen und zieht diese auch oft den bekannteren Namen auf den grösseren Bühnen vor.

Auch die Schweiz ist in der Finalrunde in Wacken regelmässig vertreten. Die definitive Entscheidung, wer unser Land auf dem Holy Ground repräsentierten darf, wurde am 27. Mai in Lyss gefällt. Zum Schluss standen die vier Bands Hellvetica, Tyrmfar, Irony Of Fate und Almøst Human zur Auswahl. Allesamt hatten sie sich in den Vorrunden gegen jeweils drei weitere Schweizer Acts durchgesetzt.

Egal, für wen sich die Jury entscheiden würde, bereits im Vorfeld war klar: Die Schweiz sendet dieses Jahr einen sackstarken Kandidaten gen Norden! Dieser Meinung war auch unser pam, der als Jurymitglied bei der Entscheidung ein Wörtchen mitzureden hatte. Doch kommen wir vor der finalen Auflösung zu den einzelnen Auftritten…

Der genaue Zeitplan wird am Vormittag des Konzerttags veröffentlicht. Hellvetica eröffnen um 19:30. Nach jeweils 30 Minuten Spielzeit und 20 Minuten Umbaupause sind dann Tyrmfar und Irony Of Fate dran, bevor Almøst Human um 22:30 ein Ende setzen. Nach einer kurzen Beratung durch die Jury soll dann um 22:45 der Gewinner bekanntgegeben werden.

Hellvetica

Die aargauischen Hardcore Punker Hellvetica übernehmen die etwas undankbare Aufgabe, als erste von vier gleichgestellten Bands aufzutreten. Dabei hat sie ihre verständliche Mühe, die bereits im Club-Teil der KuFa anwesenden Metalheads von Anfang an mitzureissen. Dies liegt jedoch kein bisschen am Einsatz des Fronters Roman. Wirklich nicht! Dieser nutzt die 30 Spielminuten nämlich von Beginn weg und fordert die Menge unermüdlich zum Mitmachen auf. Das könnte auch im Bullhead City Circus funktionieren…

Leider – und das ist in meinen Augen ein grosser Negativpunkt – tritt die Band nicht sehr einheitlich auf. Auf der einen Seite stehen ein wenig vor dem Drumset eingequetscht die Bassistin und einer der beiden Gitarristen, während der andere Gitarrist auf der anderen Seite auf Schlagzeughöhe steht. Den Rest des Raumes nutzt Roman auch wirklich gut (und trotzdem benötigt er Auslauf bis ins Publikum runter), doch wirkt das Ganze einfach ein wenig zu heterogen. Ansonsten ist der Auftritt sehr solide! Zumal man wirklich beachten muss, dass auch die anderen drei Bands Vollgas hätten geben müssen, um schon im ersten Slot gut anzukommen.

Setlist – Hellvetica

  1. Deadly Eyes
  2. BFJ
  3. Forever Revolution
  4. Mohawk Spikes
  5. Liberty
  6. Gate To Hell
  7. Wake Up The Dead
  8. Against The Odds

Tyrmfar

Mit Vollgas ist erstmal nichts… Die für den Umbau eingeplanten 20 Minuten reichen aufgrund technischer Probleme nicht aus. Mit den Kopfhörern des Drummers ist etwas nicht in Ordnung. Nach einigen Behebungsversuchen bekommt dieser das Headset des Fronters, welcher sich seinerseits mit der Abmischung über die Monitore begnügen wird. Also nochmal alles richtig einstellen (schon das Soundcheck-Getrommel haut das Publikum weg!), und los…

Hä?! Wenn doch schon über ein Drittel der Spielzeit vergangen ist, dürfte ja eigentlich auf das mehrere Minuten lange Intro verzichtet werden, oder? Nun, anscheinend ist die Spielzeit fix und wird auch bei länger dauernden Umbaupausen nicht gekürzt. Finde ich fair! Die Walliser nutzen die Intro-Klänge, um noch einmal Kraft zu tanken, bevor es richtig los geht.

Diese werden sie brauchen! Mit ihrem stark von Black Metal geprägten Stil geben auch Tyrmfar einfach alles! Eindrücklich sind dabei insbesondere der Sänger, der sich wie von Dämonen besessen zwischen den Monitoren windet und am Boden rumzuckt sowie der Drummer. Dieser zieht mit seinen abartigen Geschwindigkeiten, der sauberen (wenn auch nicht ganz präzisen) Spieltechnik sowie dem simultanen Background-Growlen wohl nicht nur mich, sondern auch den einen oder anderen Nicht-Schlagzeuger in den Bann. Würde er nur nicht nach dem Konzert noch auf dem Set rumturnen und runterfallen…

Setlist – Tyrmfar

  1. Supreme
  2. Of Ice
  3. Inner
  4. Dying
  5. Dark Hours
  6. Altar

Irony Of Fate

Zugegeben, ich bin heute eindeutig biased. Nicht nur habe ich die dritte Band des Abends schon x-fach live erlebt (während der Count für alle anderen Bands bei Null lag), auch ist Melodic Death Metal so richtig meins! Alleine in diesem Jahr sehe ich die Berner heute zum dritten Mal. Wobei, sehen ist irgendwie übertrieben: Viel mehr kann ich es nicht lassen, den Grossteil der Show mit geschlossenen Augen und kreisendem Kopf zu verbringen.

Mannomann, was Fronterin Cveti, Drummer Greg und die drei Herren an den Saiten heute bieten, toppt auch viele vergangene Auftritte. Dabei kann ich auch gut darüber hinweg sehen, dass gerade Cvetis Stimme etwas zu leise abgemischt ist und der eine oder andere Drumstick ausser Kontrolle gerät. Mit vier Songs des aktuellen Albums «Wicked & Divine» sowie «Oceans Of Doom» vom Debütalbum präsentieren uns die Melodeather eine starke Auswahl! Damit ist der Auftritt leider viel zu kurz, aber das wäre ja dann in Wacken nicht anders.

Setlist – Irony Of Fate

  1. Vengeance
  2. We, The Damned
  3. Mayhem
  4. Wicked & Divine
  5. Oceans Of Doom

Almøst Human

Die vierte und letzte Band ist wohl die, deren Stil heute am schwierigsten zu beschreiben ist. Alternative, Doom, Sludge, Progressive. Mit der Zeit erscheinen mir Auftritt und Musik auch zunehmend psychedelisch. Aber man muss ja auch gar nicht immer alles in Genre-Schubladen würgen!

Nach der krassen Eskalation bei Irony Of Fate hätte ich nicht gedacht, dass ich heute auch nur noch einen Muskel bewegen würde. Doch ein Fläschen Aare Bier und die in den Bann ziehende Performance von Almøst Human wirken Wunder! Besonders in der zweiten Hälfte lasse ich mich vermehrt dazu verleiten, doch noch meine Haare zu schwingen, allerdings (auch der Musik geschuldet) gemächlicher als noch bei den Bernern.

Es geht jedoch nicht allen so wie mir: Abgesehen davon, dass sich in der letzten Pause schon viele Besucher nach draussen oder gar nach Hause verzogen haben, sind auch die noch Anwesenden nicht rundum begeistert. Oder einfach ausgelaugt. Oder fasziniert. Who knows?

Setlist – Almøst Human

  1. Welcome 2 Neverland
  2. Nørmøsis
  3. System Of Beliefs
  4. In The Name(s) Of God(s)

And the winner is…

Alle Prognosen deuteten darauf hin, dass die Entscheidung für die Jury so richtig schwer werden würde. Auch ich hätte meine liebe Mühe damit, mich definitiv für einen der vier Kandidaten zu entscheiden. Hellvetica haben zwar stark geliefert und insbesondere der Fronter hat das Anfangsloch äusserst erfolgreich bekämpft. Nichtsdestotrotz waren die anderen drei Bands – meiner Meinung nach – ein Stück besser. Persönlich hätte ich natürlich liebend gerne Irony Of Fate auf der Wackener Zeltbühne gesehen. Doch auch Tyrmfar hätten da möglicherweise reelle Chancen auf einen Sieg gehabt. Mit Almøst Human hingegen hätte die Schweiz die Sicherheit, aus dem beim Metal Battle üblichen Death/Thrash/Black-Sumpf herauszustechen.

Doch wen interessiert eigentlich meine Meinung? Was zählt, ist, was die Jury entscheidet. Dabei hat wohl die zuletzt erwähnte Überlegung mitgespielt, denn nach nicht allzu langer Zeit wird auf der Bühne Almøst Human als der Gewinner des Finals verkündet. Die Jungs aus Yverdon dürfen also im August in den hohen Norden fahren und unser Land dort vertreten. Wenn sich dabei keine doofen Überschneidungen ergeben, werde ich unsere Landesmänner dann im Bullhead-Zelt sehr gerne unterstützen!

Das Fanzit – W:O:A Metal Battle 2022 Final

Alle vier Bands haben einfach nur geliefert. Jede einzelne Truppe hätte das Ticket nach Wacken mehr als verdient. Doch zumindest in den Augen der Jury lag Almøst Human minim vorne, was ihnen dann den finalen Sieg beschert hat.

pam’s (Jury) Fanzit: Da ich schon im Halbfinal in der Schüür dabei war, wo Almøst Human ihr Billett für den Final abholten, und schon geniale Auftritte von Hellvetica (Greenfield 2019 war der legendäre Abriss!) und von Irony of Fate erleben durfte, war mir schon vor dem Final klar, es wird eine verdammt schwierige Entscheidung. Als dann Tyrmfar den wohl deftigsten Abriss des heutigen Abends lieferten, hatte ich dann schon vier Favoriten. Was die Entscheidung bei vier Bands nicht wirklich vereinfacht … Hellvetica haben definitiv und erwatungsgemäss geliefert. Ich denke, keine der vier Bands hätte den undankbaren Startslot so gut genutzt. Roman ist der Robbie Williams des Metals, der geborene Entertainer für Hardcore-Thrash. Wie gerne hätte ich Hellvetica im Bullhead City Circus gesehen, wie die das ganze Zelt zu einem riesigen Moshpit verwandelt hätten. Aber ich bin mit Domi einig, es ist ein bisschen eine einseitige Sache auf der Bühne. Doch der Rest der Band liefert den Teppich, den Roman zum fliegen braucht. Soundmässig so oder so absolut mein Ding.

Was auf dem Papier bei Tyrmfar bei mir nicht so zutrifft; ich bin nicht so der Black Metaller. Und als dann noch die technischen Probleme am Anfang waren, da hatte ich die Band insgeheim schon abgeschrieben. Doch ich wurde kurz später eines Besseren belehrt. Halleluja, die Energie, die von den Wallisern ausgeht, ist schlichtweg ansteckend und ich war schon lange nicht mehr nach einem Konzert Minuten später immer noch völlig hibbelig und auf 180. Ui, das Bullhead City Circus würde von ihnen niedergemäht. Das war ebenfalls sackstark!

Auf ein Wiedersehen von Irony of Fate freute ich mich schon länger, da ich u.a. deren Release Show verpasste. Doch leider konnten sie meine hohen Erwartungen heute am wenigsten erfüllen. Der Mix war wirklich schlecht. Ich stand neben dem Mischpult (!) und hörte Cveti und auch die Gitarren kaum. Und irgendwie ging mir auf der Bühne zu wenig. Cveti ist eine starke Frontfrau und das sowas aktuell zieht beweisen Bands wie Jinjer, Spiritbox oder Infected Rain, aber sie konnte da mit den beiden anderen Frontmännern vorher nicht mithalten. Die gönnten sich keine Pausen und waren dauernd aktiv, auch wenn sie grad nicht am Singen, Shouten, Growlen waren. Cveti stellte sich dabei jeweils  wortwörtlich ins Abseits. Einmal Front, immer Front. Vielleicht haben sich Irony of Fate zu viel vorgenommen und wollten zu viel? Ich kann mir vorstellen, dass keine der vier Bands den Sieg mehr wollte als sie. Und das machte am Ende wohl den Unterschied. Die anderen haben einfach geliefert, während Irony of Fate zu fest das Schicksal beinflussen wollten. Ich hätte Irony of Fate die Reise nach Wacken von Herzen gegönnt, aber heute waren die anderen Auftritte stärker. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, wenn sie so weitermachen, mehr Erfahrung sammeln, werden sie ganz organisch eines Tages auf dem Holy Ground spielen. Die Türe zu Wacken steht für die noch junge Band auch in Zukunft weit offen.

Almøst Human hatten mich damals in der Schüür schlichtweg umgehauen. Unglaublich welche Soundeffekte die aus ihren Gitarren rausholen. Die Pink Floyd des Metals. Und wen wir schon am Vergleichen sind, Ben Plüss ist optisch –  jedoch die stimmlich deftigere – Variante von Anthony Kiedis. Auch seine Verrenkungen erinnern an den Red Hot Chili Peppers Sänger. Dennoch war das erste Mal mit ihnen spannender. Auch wenn die Braut immer noch superattraktiv und einzigartig ist, verliert sie ein bisschen den Reiz. Die ersten drei Bands würde ich mir bei jeder Gelegenheit immer wieder gerne reinziehen, die Romands Almøst Human jedoch eher nach längeren Pausen dazwischen, es braucht länger, um deren komplexe Musik zu verdauen. Das war auch in der Jury mein Dilemma. Sie sind auch im internationalen Kontext am einzigartigsten. Die anderen drei Bands erfinden die Musik nicht wirklich neu, sind aber starke Vertreter ihres jeweiligen Genres, während Almøst Human ein eigenes Genre definiert. Darum stechen sie in Wacken wohl auch am meisten aus der Masse der vielen genialen Bands aus aller Welt raus. Andererseits würden die anderen mit ihren Live-Darbietungen überzeugen. Was jedoch auch Almøst Human tut. Ich denke, ihr könnt nachfühlen, dass es nicht einfach war, die Punkte zu vergeben.

Nun, ich will nicht zu viel aus der Jury plaudern, nur dass der Entscheid äusserts knapp für Almøst Human ausfiel. Zwei andere Bands hatten jeweils nur eine Stimme weniger. Jury Fazit, mindestens 3 der 4 Bands (aus meiner Sicht alle) hätten den Auftritt in Wacken verdient. Wir haben heute ein extrem hohes Niveau geboten erhalten. Was mich als Gründer von Metalinside.ch auch stolz macht. Die Schweizer Metalszene lebt. Besser denn je.


Wie fandet ihr das Konzert?

/ 06.06.2022
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