Metalinside.ch - Heilung - Halle 622 Zürich 2022 - Foto Liane
Di, 8. November 2022

Heilung, Lili Refrain

Halle 622 (Zürich-Oerlikon, CH)
/ 18.01.2023

Mit Verstärkern vorgetragene Geschichte

Die Rituale von Heilung sind weit mehr als nur simple Konzerte. Man darf zurecht von prägenden Erlebnissen für Körper und Geist sprechen. Für beinahe zwei Stunden unternehmen die Seelen der Zuhörerschaft eine Reise zurück in die Ära der Wikinger und zu anderen nordischen Sagen und Mythen. Am Dienstagabend durften sich die helvetischen Musikliebhaber in der Halle 622 auf diesen Trip einlassen.

Während andere dem Elvis-Metal von Volbeat im Hallenstadion lauschen oder im Z7 gerade von Decapitated ordentlich durchgenudelt werden, versuche ich die Schmerzen meines gepeinigten Inneren mit einem Abstecher in den «Oerliker-Schlauch» (euch wahrscheinlich eher unter dem Namen «Halle 622» geläufig) zu lindern. Erlösung verspreche ich mir von der dänisch-deutschen Formation Heilung. Das Motto «nomen est omen» trifft absolut auf sie zu. Davon konnte man sich schliesslich schon vor drei Jahren im Zürcher Volkshaus überzeugen. Hand hoch, wer war damals schon mit von der Partie? Ich weiss bis heute nicht, wie Metalinside-Kollege Dani das Ganze überhaupt in Worte fassen konnte (siehe Review). Mir blieb nach diesem grandiosen Spektakel schlichtweg die Spucke weg. Aber ja, es hilft alles nix. Nun stehe ich hier und heute in Oerlikon, um mich dieser Herausforderung zu stellen. Ein Bericht über ein Heilung-Konzert. Auf das mir die Schreiberling-Götter hold sein mögen!

Völlig allein bin ich allerdings trotzdem nicht. Metalinside-Kollegin Liane ist ebenfalls mit von der Partie und geht mit ihrer Kamera auf die Jagd nach fantastischen Lichtbildern. Da sie selbiges bereits im Volkshaus gemacht hat, dürfte eine gewisse Erfahrung im Umgang mit dieser alles anderen als alltäglichen Performance fraglos vorhanden sein. Zuerst möchte uns aber noch ein Support-Act sein Können beweisen. Leider handelt es sich dabei nicht um die von mir favorisierten Gaahls Wyrd, aber ich bin selbstverständlich bereit, Lili Refrain eine faire Chance einzuräumen.

Lili Refrain

Die aus der Ewigen Stadt Rom stammende Experimental-Künstlerin startet um Punkt 20 Uhr mit ihrer «One-Woman-Show». Ein kleines Technik-Tischlein, eine Trommel und eine Gitarre – mehr Utensilien benötigt die Dame nicht für ihre Kunst. Zum Einstieg ist jede Menge Gebimmel zu hören. Sind wir etwa auf einer Kuhweide gelandet? Ist Lili die italienische Antwort auf unsere Heidi? Sie arbeitet jedenfalls viel mit sogenannten Loops und lässt uns dadurch live an der Entstehung ihrer Stücke teilhaben. Etappenweise zeichnet sie die einzelnen Schritte (wie beispielsweise das Gitarrenspiel) auf und lässt diese danach in einer Endlosschlaufe munter weiterlaufen. Nach und nach kombiniert sie die einzelnen Fragmente zu einem grossen Ganzen.

So etwas habe ich persönlich so noch nie gesehen respektive erlebt. Aber es hat fraglos seinen Reiz und vermag die gespannt lauschenden Besucher freilich zu fesseln. Mich fasziniert hauptsächlich Lilis grossartige Stimme. Allerdings mutiert «meine» Heidi immer mehr zu einer Hexe, die uns mit irgendwelchen Zaubern belegt. Als Kontrast schimmert dafür während den Ansagen ein liebenswerter italo-englischer Akzent durch.

Soundtechnisch passt dieser bunte Cocktail Folk, Psychedelic, Blues, Rock und Metal hervorragend zu Heilung. Einige Lieder könnten obendrein locker für irgendwelche Soundtracks herhalten. Am Ende wird’s sogar noch opernhaft und theatralisch. Mit einer solchen «Wundertüte» hätte ich in keiner Weise gerechnet. Das schreit irgendwann in Zukunft nach einer Wiederholung. Aber da soll ruhig zuerst ein bisschen Zeit verstreichen. Würde man sich diese Auftritte in zu kurzen Abständen mehrmals reinziehen, droht meines Erachtens mit grosser Wahrscheinlichkeit deren Wirkung zu verfliegen (dasselbe befürchte ich übrigens auch für die Zeremonie des Headliners).

Heilung

In der Pause, welche ich für eine Toiletteninspektion und das Nachfüllen meines Hopfenteevorrates nutze, begegne ich zahlreichen Personen in Wikingerklamotten. Einige haben sich bei ihren Verkleidungen wirklich viel Mühe gegeben. Da steckt sichtlich Herzblut drin. Damit zollen sie ihren Idolen auf der Bühne fraglos Respekt. Passion wird schliesslich ebenfalls von den Musikern erwartet. Wobei ich bei Heilung diesbezüglich keine Angst habe. Sollte die anstehende Darbietung nur halb so gut werden, wie diejenige damals im Volkshaus, wäre es trotzdem immer noch eine unfassbar mitreissende Angelegenheit.

Inzwischen hat sich die «Spielwiese» in eine kleine Waldlichtung verwandelt. Die kleinen Bäume und vor allem die zwitschernden Vögel lassen einen fast vergessen, dass man sich eigentlich in einer grossen Konzerthalle befindet. An Requisiten mangelt es überhaupt nicht. Schilde, Knochen, Speere und noch gefühlt 100 weitere Artefakte liegen beziehungsweise stehen da herum. Logischerweise können nicht sämtliche Kabel und modernen Einrichtungen verborgen bleiben, aber zum Grossteil funktioniert die erschaffene Illusion. Plötzlich taucht eine kostümierte Gestalt auf, deren Gesicht komplett hinter einer Kapuze versteckt ist, und deckt die gesamte Bühne mit Weihrauch ein. Oh ja, dieser markante Duft findet rasch den Weg in alle anwesenden Nasen. Damit wäre der erste Gratis-Rausch des heutigen Abends gesichert.

Kurz darauf betritt die komplette Belegschaft – geschätzt mindestens ein Dutzend Personen – die Bildfläche und bildet in der Bühnenmitte einen Reigen. Die Eröffnungszeremonie beginnt! Es werden zahlreiche Geweihe in die Höhe gereckt und die nächste Räucherung lässt nicht lange auf sich warten. Im Anschluss spricht die Gemeinschaft folgende Zeilen: «Remember, we are all brothers. All people, beasts, tree and stone and wind, we all descend from the one great being that was always there, before people lived and named it, before the first seed sprouted.»

Danach enden die gemächlichen Sequenzen und weichen den wilden, nie mehr enden wollenden Trommel-Rhythmen. Jetzt geht’s zur Sache! In rekordverdächtiger Geschwindigkeit wird das Publikum in Ekstase versetzt. Es wird getanzt, gestampft, geschrien, gejubelt und phasenweise gar Wolfsgeheul imitiert. Sirenengesang der weissgekleideten Schamanin Maria Franz trifft auf die kehligen Laute ihres Kollegen Kai Uwe Faust. All das lässt die Wände der Location förmlich erzittern. Mein Körper ist von oben bis unten mit Hühnerhaut übersät. Schier unbeschreiblich, was in diesen Augenblicken gerade alles geschieht. Wäre ich damals in der Eisenzeit als Mitglied eines feindlichen Trupps durch die Wälder marschiert und hätte aus der Ferne die Geräuschkulisse und die Trommeln vernommen, wäre ich garantiert schlagartig geflüchtet.

Die in der fast ausverkauften Halle 622 entstandene Hitze wird von den Akteuren mit gewissen Aktionen zusätzlich befeuert. Nackte Haut kann ebenfalls bestaunt werden. Doch die Kriegerin, welche ihre Oberweite zur Schau stellt, erlebt eine waschechte Achterbahnfahrt der Gefühle. Zuerst wird sie als Opfergabe abgemurkst und anschliessend von Maria Franz wieder zum Leben erweckt. Dann kommen obendrein noch Fackeln zum Einsatz. Brennende Geweihe sieht man jetzt auch nicht alle Tage. Und wenn einmal kein Feuer im Einsatz ist, sorgen die Scheinwerfer für faszinierende Lichtspiele.

Zum Abschluss folgt mit der Nummer «Hamrer Hippyer» die Wikinger-Antwort auf sämtliche Street Parade-Hymnen. Das ist effektiv die ultimative Eskalation! Alle flippen aus. Auf der Bühne wird in wilder, besessener Manier getanzt und seitens Publikum werden plötzlich zahlreiche Crowdsurfer mit A-Post nach vorne gehievt. Dass nicht gleich noch irgendwelche Personen ihren Liebesakt hemmungslos ausleben, grenzt beinahe schon an ein Wunder. Unterschätzt niemals die Wirkung der von Heilung vorgetragenen Kompositionen!

Den endgültigen Schlusspunkt setzt dann die «Closing Ceremony». Der Kreis schliesst sich – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir erhalten nochmals eine Ladung Weihrauch für den Heimweg. Die Protagonisten ziehen kommentarlos von dannen. Ganz ehrlich, nach solch einer umwerfenden Performance habe ich eh keinen Bedarf nach Abschiedsworten. Es ist alles gesagt. Das muss man nun zuerst einmal sacken lassen. Ob wir jemals den Weg zurück in die Realität finden werden? Wollen wir das überhaupt? So oder so sorgt das erneut aufkommende Vogelgezwitscher für eine erste Entspannung. Alles Weitere muss wohl oder übel das Feierabendbier regeln.

Das Fanzit – Heilung, Lili Refrain

Da fehlen einem schlichtweg die Worte (im positiven Sinne). Das war Weltklasse! Mein zweites Heilung-Ritual war erneut ein prägendes, aussergewöhnliches Erlebnis. Von der Einstimmung durch Lili Refrain bis hin zum Headliner-Gig war das ein hundertprozentig gelungener Abend. Da gebührt Veranstalter actnews diskussionslos ein dickes Dankeschön!

Setliste – Heilung

  1. Opening Ceremony
  2. In Maidjan
  3. Alfadhirhaiti
  4. Asja
  5. Krigsgaldr
  6. Hakkerskaldyr
  7. Svanrand
  8. Norupo
  9. Othan
  10. Traust
  11. Anoana
  12. Galgaldr
  13. Elddansurin
  14. Hamrer Hippyer
  15. Closing Ceremony

Fotos Heilung, Lili Refrain – Halle 622 Zürich 2022 (Liane)


Wie fandet ihr das Konzert?

/ 18.01.2023
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