molllust - Promobild 2022 (002)
Mo, 20. März 2023

Molllust – Interview mit Janika und Frank

Opera Metal
15.04.2023
molllust - Promobild 2022 (002)

… wo Pluto noch Planet sein darf …

Wie kaum einer anderen Band gelingt es der Leipziger Combo Molllust, opernhafte Arrangements und Tonfolgen mit der brachialen Welt des Metals zu verbinden. So ist der Begriff „Opera Metal“ nicht nur ein hübsches, trendiges Etikett, sondern Programm, wie auch ihr neuestes Werk Mother Universe unmissverständlich unter Beweis stellt (zur Review)! 

Schon als Kind übten die Bewegungen der Himmelskörper eine grosse Faszination auf mich aus. Und so stand Anfang der 80er-Jahre eine folgenschwere Entscheidung an – die Wahl zwischen einem Teleskop von Celestron oder einer Spielkonsole von Mattel Intellivison. Kurzum, die Spielmaschine mit den ausgefallenen Controllern bekam den Zuschlag, und so mühe ich mich nun eben mit meist etwas störrischen Datenbanken ab, statt als erster Mensch meine Stiefel in den rötlichen Staub des Mars zu setzen (alternative Realitäten, weisch … ).

Umso erfreuter war ich natürlich, als Molllust mit Mother Universe ein Opus über die Planeten unseres Sonnensystems veröffentlichten. Und mein Lieblingsplanet Pluto dort noch immer als solcher geführt wurde. Was lag also näher, als mich via Zoom mit Janika und Frank über Themen wie die Lust auf Moll (ja genau …), künstlerische Freiheit, die Bedeutung des Storytellings, anstehende Konzert – und natürlich das Interesse an der Astronomie auszutauschen. Lift off …

MI: Herzlichen Dank für dieses Gespräch! Vielleicht gleich zu Beginn die Frage: Habt ihr ein eher trauriges Naturell?

Janika: Ein trauriges Naturell… Ich würde sagen, ein die Welt mit einem kritischen Auge betrachtendes Naturell. Also… [lächelt] Ich würde mich nicht als traurig oder depressiv bezeichnen, aber ich sehe schon mit Sorge, was manchmal passiert.

Frank: Ich glaube, eher düster als fröhlich, ja [beide lachen].

MI: Die Tonart Moll – welche sich ja auch in eurem Bandnamen widerspiegelt – wird oft mit trist, traurig assoziiert, während Dur als eher fröhlich wahrgenommen wird [Schul-Musikunterricht lässt grüssen].

Janika: Wobei ich Moll auch als tiefgehender, tiefgründiger empfinde. Und Dur eher als ein wenig oberflächlicher. Und gerade, wenn man etwas ernstere oder tiefgreifendere Themen hat, dann finde ich die Moll-Tonalität häufig passender.

MI: Bevor wir uns näher mit den Nuancen eurer Musik beschäftigen – könnt ihr unseren Lesern bitte einen kurzen Einblick in das Konzept hinter Molllust geben?

Janika:  Man nehme ein bisschen Klassik, man nehme ein bisschen Metal, man mische beides kräftig durch, würze das Ganze noch mit einer Prise Gesellschaftskritik und einem wachen Auge – und was dabei herauskommt, ist unsere Musik. Für die Live-Shows wird dann noch ein wenig theatralischer Opernpathos beigefügt. Manche Passagen klingen vielleicht etwas klassischer, andere etwas metallischer und wieder andere haben beides.

Frank: Klassik ist ein sehr weiter Begriff. Es ist eher die Romantik, also die romantische Epoche der Klassik. Nicht, dass ich mich damit besonders gut auskenne, aber ich habe es das eine oder andere Mal gehört [Janika lacht]. Nicht unbedingt so präzise wie z.B. im Barock, wo alles sehr klar strukturiert ist. Eher emotional und etwas übersprudelnd.

MI: Ihr klassifiziert eure Musik als Opera Metal. Spielt die Reihenfolge der beiden Begriffe eine besondere Rolle, oder wäre auch eine umgekehrte Anordnung denkbar?

Janika: Als Metal Opera würde ich jetzt eher eine richtige Oper im Metal-Kontext bezeichnen. Also wo es wirklich eine grosse Handlung gibt, im Sinne eines Bühnen- oder Theaterstücks. Aber das würde ich jetzt nicht als Überschrift über unser Gesamtwerk schreiben. Opera Metal ist für mich eher die Genrebezeichnung. Einfach um ganz klar zu sagen, dass wir Klassik mit Metal mischen und eine klassische Stimme mit dabei haben.

Frank: Am Anfang haben wir tatsächlich nach einem geeigneten Begriff für das Genre gesucht. Meiner Meinung nach macht es jetzt wenig Sinn, ein neues Genre zu erfinden, denn Genres sind dazu da, dass die Leute etwas damit anfangen, dass sie es einordnen können. Und tatsächlich haben wir dieses Opera Metal in Wikipedia gefunden, auch wenn es nicht sehr verbreitet zu sein scheint. Denn die Sache ist die … Symphonic Metal ist auch etwas, woran wir uns gerne orientieren. Allerdings sind wir etwas klassischer unterwegs, während der übliche Symphonic Metal eher auf Orchester und Streicherflächen setzt. Aber wie gesagt, wichtig ist, dass die Leute eine Ahnung haben, was sie erwartet. Und da ist es wenig zielführend, etwas zu verwenden, das niemand greifen kann.

MI: Wie schwierig ist es für euch beim Songwriting den Spagat zwischen künstlerischer Freiheit und – sagen wir mal – dem Mitnehmen der Leute zu schaffen? Dass sie sich trotz der sehr starken Klassiklastigkeit noch irgendwie mit den Songs identifizieren können?

Janika: Ich fühle mich da immer wie eine Seiltänzerin, die versucht, irgendwie die Balance zu finden. Ich würde auf jeden Fall keine Songs schreiben, bei denen ich das Gefühl habe, künstlerisch nicht dahinterstehen zu können. Da gibt es eine klare rote Linie, die ich nicht überschreite. Umgekehrt versuche ich aber auch, nicht einfach wild drauflos zu schreiben und mich kompositorisch auszutoben. Da achte ich schon drauf. Und diese beiden Aspekte sind natürlich auch von Lied zu Lied unterschiedlich stark ausgeprägt. Es gibt Songs, da lasse ich der reinen Kreativität etwas mehr freien Lauf. Und es gibt Songs, da schaue ich ein wenig gezielter drauf, dass es jetzt nicht wieder acht Minuten mit jeder Menge durcheinanderlaufenden Unterstimmen und einer komplexen Tonalität werden. Sodass man gewissermassen alle Stufen abdeckt und Stücke hat, an die man etwas leichter rankommt. Songs, die ein bisschen schwerer verdaulich sind und für mich dann ungefähr in der Mitte liegen, und welche, bei denen ich sage, ok, das ist jetzt irgendwie so echt meins [lacht]. Aber ich glaube, unbewusst trägt das auch ein wenig dazu bei, dass man sich nie ganz von äusseren Einflüssen lösen kann.

Frank: Für mich ist es immer wichtig, eine gute Mischung zu haben. Gerade bei vielen modernen Produktionen ertappe ich mich dabei, dass sie für mich sehr ähnlich klingen und ich nicht so recht weiss, ob das noch der alte Song ist oder bereits der nächste. Deshalb halte ich es für wichtig, ein paar eingängige Sachen zu haben, bei denen man sich schnell zurechtfindet, aber dann auch welche, bei denen man dranbleiben und sich damit beschäftigen muss. Bei denen man erst beim dritten, vierten, fünften Mal Hören feststellt, ach so funktioniert das.

Ein sehr gutes Beispiel ist für mich die Band Tool. Wenn man so etwas wie Lateralus zum ersten Mal hört, benötigt man eine gewisse Zeit, um sich darauf einzulassen. Und dann ist natürlich auch eine gewisse Motivation von Nöten, um bei der Sache zu bleiben. Speziell heutzutage, wo alles sehr schnelllebig ist und nebenbei konsumiert wird. Gerade deshalb ist es wichtig, dass man erst einmal ein paar eingängige Lieder hat, damit sich die Leute überhaupt zurechtfinden und sich die Zeit nehmen, tiefer in unsere Klangwelt einzutauchen.

Janika: Aber ohne seine Kunst zu verstümmeln. Ich habe schon Leute sagen hören, ob zehn Sekunden für ein Intro zu lang seien? Ob man es nicht lieber auf fünf Sekunden kürzen sollte? Mein Gedanke war da, ich beschneide ein Intro sicher nicht, nur damit es Spotify-tauglich ist. Irgendwie muss es immer noch Musik sein. Musik, die mir gefällt!

Frank: Bei Voices Of The Dead vom Vorgängeralbum In Deep Waters hatten wir ein Intro, das sich langsam aufbaut und immer wieder eine Schippe drauflegt. Wir fanden das cool und wollten es auch so belassen, aber dann haben wir daraus einen „Radio Edit“ gemacht [Blick zu Janika], die entsprechend kürzer ist und schneller einsteigt, auf den Punkt kommt. Die Idee dahinter war, dass wenn die Leute den Song cool finden, sie sich das Album holen und sich auf das ganze Intro und diesen langsamen, sich steigernden Aufbau einlassen.

MI: So ne Art Appetizer.

Frank: Genau.

MI: Was würdet ihr als eure musikalischen Einflüsse bezeichnen?

Janika: Ursprünglich war es bei mir die klassische Musik. Ich hatte Klavierunterricht, bin auch viel mit den Komponisten der Romantik in Berührung gekommen, Rachmaninow, Dvorák, Brahms. Das war meine Welt. Und dann ging es ziemlich schnell … Nightwish, Therion, Apocalyptica … die kamen auf, als ich ein Teenager war, und das hat mich fasziniert. Ich dachte damals, ok, diese Richtung würde mich auch noch interessieren. Aber mit meinem Hintergrund war klar, dass da halt schon ein bisschen mehr Klassik reingehört. Daraus habe ich meine eigene Vision entwickelt. Und wenn ich jetzt an das aktuelle Album denke, dann hatte ich in dessen Entstehung immer ein offenes Ohr für viele verschiedene Acts und Genres, querbeet von Klassik bis Metal. Irgendwo wird man einen kurzen Igor-Einfluss raushören, die Inspiration für diese Promenaden stammt wiederum von Mussorgski. Ich versuche stets, nicht nur in meinem eigenen Saft zu kochen, sondern auch neue Inspirationen einfliessen zu lassen.

Frank: Naja, ich bin nicht ganz so jung wie Janika [beide schmunzeln], bin aber in den 90ern mit Grunge und Alternative Metal aufgewachsen. Mit Sachen wie Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains, so in der Richtung. Das sind so meine Einflüsse, die eher etwas düsterer, dunkler sind. Und über Machine Head habe ich dann eher zu dieser klassischeren Metalrichtung gefunden.

MI: Molllust gibt es bereits seit 2011, und gerade in den ersten Jahren wart ihr ja mit den Veröffentlichungen von Schuld [2012], Bach Con Fuoco [2013] sowie In Deep Waters [2015] sehr aktiv. Danach hat es einige Jahre gedauert, bis nun 2022 Mother Universe das Licht der Welt erblickte. Was war der Grund für die lange Wartezeit?

Janika: Es war eine Zeit der Orientierung. Am Anfang habe ich einfach wild drauflos geschrieben. Bis ich an einen Punkt kam, wo ich mir sagte, ok, jetzt ist der Moment gekommen, alles ein bisschen zu professionalisieren. Zu überlegen, wie ich das Ganze musikalisch weiterentwickeln möchte. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich in Richtung Orchestermusiker weitergebildete. Ausserdem habe ich gnadenlos unterschätzt, wie aufwendig es tatsächlich ist, ein ganzes Orchester auf eine Platte zu bringen. Auch das hat wieder Zeit gekostet. Und dann mussten wir uns plötzlich mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Wie veröffentlicht man so etwas sinnvoll? Bei In Deep Waters hatte ich die etwas naive Vorstellung, dass wir ein tolles Album aufnehmen, ein schönes Video dazu drehen, damit zu einem Label gehen und die das dann veröffentlichen und gut promoten. Das hat überhaupt nicht funktioniert.

Da habe ich mir gedacht, ok, selbst ist die Frau, dann müssen wir uns eben was anderes überlegen. Ich hatte mich vorher noch nie mit dem ganzen Businesskram beschäftigt und musste erst mal verstehen lernen, was alles dazugehört, um ein Album in einem sinnvollen Kontext herauszubringen. Denn am Ende ist es doch total schade, wenn man unendlich viel Zeit und Energie in seine Kompositionen investiert, die dann aber keiner hört, weil man einfach keine Ahnung hat, wie man das veröffentlichen soll. Auch das hat wieder einige Zeit in Anspruch genommen.

Und zu guter Letzt gab es auch noch Veränderungen im Bandgefüge. Jemand wurde schwanger, jemand fing an, ein Haus zu bauen, was auch immer. Und die Leute sind älter geworden, haben im Beruf Fuss gefasst. Ausserdem haben wir uns, wie bereits erwähnt, weiter professionalisiert und dieses höhere Niveau auch von unseren Musikern eingefordert. Das alles hat zu einigen internen Umwälzungen und weiteren Verzögerungen geführt. Und dann kam ja auch noch so ne Pandemie [lacht]. Es waren viele Faktoren, die da hineingespielt haben. Ursprünglich wollte ich das Album zwei oder drei Jahre früher rausbringen, aber nein, das ging nicht [lacht].

MI: Wie seid ihr auf die Thematik Universum respektive Sonnensystem gekommen? Gab’s da eine gewisse Affinität bei euch? Und nebenbei bemerkt finde ich es klasse, dass ihr Pluto noch immer als Planeten führt.

Janika: Ich muss zugeben, dass ich schon als Jugendliche Spass an der Astronomie hatte und auch zu den Mädchen gehörte, die freiwillig in den Physikunterricht gingen und das auch interessant fanden [grinst]. Diese Faszination für den Weltraum hat mich also schon immer begleitet. Und abends, wenn ich so gegen 22 Uhr denke, jetzt musst du wirklich irgendwann mal Feierabend machen, ist so eine Astronomie-Dokumentation durchaus ein Mittel meiner Wahl, um abzuschalten. Und ich schaue mir in meiner Freizeit auch gerne Reportagen über Schwarze Löcher oder Quantentheorie an. Ich finde das einfach faszinierend.

Frank: Nach In Deep Waters haben wir uns überlegt, was wir auf der nächsten Platte machen wollen – gerade auch thematisch. Eine Idee war, uns auf die Planeten zu beziehen, die ja alle mit Göttern verbunden sind. Das sollte sozusagen den roten Faden bilden. Und was uns zudem sehr viel Flexibilität einräumt, weil jeder Gott wieder für ein anderes Thema steht. Wie bei Neptun, dem Gott des Meeres – da ist es relativ einfach. Und auch bei Venus und Mars war schnell klar, worum es inhaltlich gehen wird. Ausserdem bietet diese Herangehensweise natürlich auch eine grosse atmosphärische Vielfalt. Denn wenn ich immerzu nur über ein Thema schreibe, ist auch die Stimmung immer die gleiche. So hat man mit Venus ein schmachtendes Liebeslied, mit Mars einen wuchtigen Monumentalsong mit drauf. Und da wir persönlich Krieg nicht so toll finden …

Janika: … ihm eher kritisch gegenüberstehen … [lacht]. Ästhetik kann aber auch dann eingesetzt werden, wenn man Kritik übt.

Frank: Genau. Und daraus entstand dann die Idee, die einzelnen Götter auf eine moderne Art und Weise zu thematisieren. Natürlich sind sie in der Antike verwurzelt und haben dort eine ganz andere Bedeutung, aber wir haben sie für unseren Zweck ein bisschen in die Neuzeit geholt. Und damit auch die aktuellen Probleme aufgegriffen, mit denen die Welt zu kämpfen hat, und die aus unserer Sicht angesprochen werden sollten [Janika nickt].

Janika: Eigentlich würde das Sonnensystem noch Stoff für mindestens ein weiteres Album bieten.

Frank: Ist das so?

Janika: Ja, auf jeden Fall! Auch die Monde tragen eine ganze Reihe von Götternamen. Der Zwergplanet, wegen dem Pluto der Status eines vollwertigen Planeten aberkannt wurde, gefällt mir besonders gut. Er wurde nach der Göttin der Zwietracht benannt [Eris – in der griechischen Mythologie die Göttin der Zwietracht und des Streits – Anm. des Verf.], weil sich die ganze Wissenschaft darüber gestritten hat [lacht herzhaft]. Aus meiner Sicht eigentlich eine wunderbare Inspiration, die man aufgreifen könnte. Aber das müssen wir uns noch überlegen [lacht].

MI: Was mich an Mother Universe besonders fasziniert, ist diese Vielschichtigkeit. Die Planeten, die damit verflochtenen Götter, die Transformation in die Gegenwart. Wie wichtig ist euch das Storytelling?

Janika: Sehr wichtig! Für mich ist es stets ein Gesamtwerk! Wenn ich zu schreiben beginne, habe ich nicht nur eine Melodie, sondern auch immer ein Bild oder eine Geschichte im Kopf, die ich musikalisch ausgestalten möchte. Und selbst wenn ich nicht bei jedem Song von vorneherein die genauen Lyrics fertig habe, so weiss ich am Beispiel von Pluto doch bereits, dass am Anfang ein Schlaflied stehen wird. Danach sollen Bomben fallen. Und später taucht die Mutter wieder auf, stirbt und kommt in die Unterwelt. Das alles baue ich musikalisch auf und fülle es dann mit den entsprechenden Worten. So entsteht eine sehr, sehr enge Verzahnung, wo die Musik wirklich auch zur Handlung beiträgt und auf einer anderen Ebene die Geschichte emotional erzählt.

Frank: Musik hat für mich auch sehr viel mit der Vermittlung von Emotionen zu tun. Und da ist es schon so, dass das Thema eines Liedes auch stark mit der Stimmung des Stückes verknüpft ist. Der Text eines Songs ist mir daher sehr wichtig, weil ich immer etwas verwirrt bin, wenn die Lyrics von etwas anderem handeln, als ich fühle. Aber natürlich nimmt jeder Musik auch anders wahr, hat ein anderes Empfinden. So gibt es etwa Stücke, die den einen entspannt, mich aber aggressiv macht und umgekehrt. Letztlich halte ich es für wichtig, dass man eine Geschichte erzählt oder zumindest ein Thema aufgreift und nicht nur schöne Worte aneinanderreiht. Das ist stets eine Gratwanderung, denn die Worte sollen ja auch gut klingen. Denn man will ja nicht einfach einen sinnvollen Text haben, der dann aber vielleicht zu hölzern oder zu wenig eingängig ist. Im Idealfall findet man gut klingende Worte, die das, was man ausdrücken will, sehr kompakt und möglichst bildhaft darstellen können.

MI: Woher nehmt ihr die Inspirationen für eure Texte?

Janika: Vom Blick in die Welt! Ich schaue jeden Abend die Nachrichten, sehe mir regelmässig Dokumentationen zu verschiedenen Themen an. Und wenn es irgendwo klick macht und ich eine Verbindung herstellen kann, dann wird es vielleicht ein Thema.

Frank: Bei mir ist es ganz unterschiedlich. Ich habe das Gefühl, dass ich viele Dinge aufnehme, die dann irgendwann in irgendeinem Zusammenhang wieder hochkommen. Und ich dann nicht so genau weiss, woher ich das alles habe. Vieles geschieht spontan. Es gibt aber auch Stellen, an denen wir uns stundenlang den Kopf zerbrechen [beide schmunzeln]. Wo wir versuchen, irgendeine gute Lösung zu finden, einen Kompromiss zwischen Inhalt, schönen Worten und Klang.

MI: Letzte Frage zu Mother Universe – gibt es einen Song, der euch besonders am Herzen liegt?

Janika: Einen zu wählen, ist immer schwierig! Übergeordnet finde ich die „bitte haut euch nicht gegenseitig auf den Kopf, sondern begegnet euch mit Toleranz“ – Message ziemlich wichtig. Der Videodreh zu Earth hat mich sehr bewegt, muss ich sagen. Dass die Leute da mitgemacht haben, und diese Message so um die Welt geht. Das war ein Highlight für mich. Und rein musikalisch hat mir Jupiter kompositorisch, Neptun gesanglich wie erzählerisch sehr, sehr viel Spass gemacht.

Frank: Jedes Lied hat etwas Spezielles an sich. Etwas, das es zu etwas Besonderem macht, das Freude und Spass an ihm weckt. Wenn ich mir eines aussuchen müsste, dann wäre es wohl Mars. Einfach weil … Allein was die Menschheit erreichen könnte, wenn sie aufhören würde, sich gegenseitig umzubringen. Was das für einen Schritt nach vorne bedeuten könnte, um die anderen Probleme, die wir auf dieser Welt haben, zu lösen. Und dann finde ich das Lied mit den massiven Chören auch von der Stimmung her super. Aber wie zuvor erwähnt, jedes Lied hat für mich seine ganz besondere Qualität, die mir gefällt.

Janika: Ich finde es zudem sehr schwierig, sie miteinander zu vergleichen, weil sie so unterschiedlich sind. Für jeden Moment oder jede Situation gibt es einen passenden Song.

MI: Zu etwas anderem. Im April spielt ihr einige Konzerte, unter anderem auch im Vorprogramm von Mayan. Ihr schreibt selbst auf eurer Homepage, dass es aufgrund der Nähe zur Klassik und zum klassischen Gesang kaum Mitsingparts gäbe. Worauf lässt man sich also ein, auf was kann man sich freuen, wenn man ein Konzert von Molllust besucht?

Janika: Wir bringen zweifelsfrei etwas von dieser Operntheatralik auf die Bühne. Kleine spielerische Elemente hier und da. Und im Gegensatz zu vielen anderen Bands haben wir auch einige klassische Musiker mit an Bord. Und viel Spielfreude, gerade auch untereinander. Denn es macht einfach Spass, in so einer grossen Gruppe zusammen Musik zu machen. Wir sind eben mehr als nur drei Leute auf der Bühne. Und das hat schon seinen eigenen Reiz [blickt zu Frank]. Was fällt dir noch ein?

Frank: Ich persönlich finde Mother Universe viel eingängiger und einprägsamer als viele unserer alten Sachen, bei denen der Zugang eher schwieriger war [eifriges Nicken von meiner Seite]. Live hat man natürlich immer ein wenig das Problem, einen guten Sound hinzubekommen, und erreicht dabei wohl nie ganz die gut ausgefeilte und detailliert ausgearbeitete Qualität einer Studioproduktion. Aber ich denke, wir haben inzwischen auch ein paar Songs wie Mars im Set, bei denen man meiner Meinung nach den Refrain gut mitsingen kann.

Janika: Was man auf jeden Fall auch kann, ist headbangen [beide lachen]. Bei unserem ersten Album haben wir festgestellt, dass sich Elf-Achtel sehr schlecht zum Headbangen eignet. Deshalb habe ich mich bei meinen Taktverschiebungen mehr auf die Viertel konzentriert, sodass man jetzt auch mitbangen kann, ohne ständig rauszufliegen.

MI: Die Konzerte finden in Deutschland und den Niederlanden statt. Meinen Recherchen zufolge habt ihr zum letzten Mal 2015 live in der Schweiz gespielt. Besteht die Chance, euch in absehbarer Zeit wieder mal auf helvetischem Boden erleben zu dürfen?

Janika: Wir hoffen es! Wir sind gerade dabei, die Shows für den Herbst zu buchen und schauen, ob wir auch die Schweiz da reinbekommen. Versprechen können wir noch nichts, aber wir würden uns sehr freuen, wenn es klappen würde!

Frank: Es gibt bereits ein paar konkrete Kontakte, die über ein schau-ma-mal hinausgehen. Insofern hoffen wir, dass … gerade das Z7 ….

Janika: … ist toll, ja. Es macht sehr viel Spass, dort zu spielen!

Frank: Für mich ist es so ziemlich der beste Club der Welt. Also rein von den Leuten, die da mit viel Freude arbeiten, vom Publikum, von der Ausstattung und der grossen Bühne. Deshalb würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn wir dort wieder auftreten könnten. Was [schaut zu Janika]?

Janika: Wir sagen erst mal noch gar nichts [lacht]. Aber wenn es feststeht, werdet ihr es erfahren!

Frank: Wir würden uns jedenfalls sehr freuen! Wir haben die Schweiz auch durch Haggard kennengelernt und da waren immer total nette, entspannte Leute, sodass es einfach Spass gemacht hat.

Janika: Wir sind auf jeden Fall voll dran. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir spätestens im Frühling 2024 in die Schweiz kommen werden.

MI: Was natürlich klasse wäre! Ihr spielt Ende April ja auch noch zwei Konzerte zusammen mit Haggard. Wie sieht es da mit einem neuen Album aus?

Janika: Ich fürchte, da haben wir nicht so viele Einflussmöglichkeiten. Da musst du den grossen Master fragen [lacht – gemeint ist Sänger, Songwriter und Gitarrist Asis Nasseri].

Frank: Was jetzt auf jeden Fall ansteht, ist die Lateinamerika-Tour, die demnächst angekündigt wird. Und Haggard ist ja noch grösser als Molllust, das heisst…

Janika: … organisatorisch nicht ganz einfach.

Frank: Respektive eine noch grössere Herausforderung, bis alles mit Tournee und Studio-Aufnahmen zusammenpasst.

MI: Letzte Frage: Was hat euch das Musikbusiness bisher gelehrt? Oder anders formuliert: Wenn ihr die Zeit zurückdrehen könntet und eurem 20 Jahre jüngeren Ich einen Tipp, einen Rat geben könntet – was wäre das?

Janika: Der erste Rat, den ich meinem jungen, gerade durchstartenden Ich geben würde, wäre: Erwarte nicht zu viel Perfektion von deiner eigenen Leistung. Du kannst auch ein bisschen früher anfangen, es dauert ohnehin alles.

Frank: Ich hätte jetzt gedacht, du sagst, du solltest auf Frank hören [beide lachen].

Janika: Und dann als Zweites: Sich am Anfang nicht nur mit der Musik zu beschäftigen, sondern parallel auch damit, wie man das Ganze vorantreibt. Denn es ist ein Irrglaube, dass die Strukturen im Business so sind, dass, wenn man professionell abliefert, alles so funktioniert, dass es auch vorangeht. Damals habe ich noch sehr daran geglaubt und gedacht, dass es Leute gibt, die einem entsprechend helfen. Aber die muss man mit der Lupe suchen. Und die nehmen einem auch nicht einfach alles ab. Selbst dann ist es noch sehr viel Hilfe zur Selbsthilfe! Man muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen!

Frank: Man ist erst mal Musiker und hat einfach keine grosse Lust auf den ganzen Business-Kram, auf das ganze technische Drumherum. Aber du hast keine Wahl. Es gibt niemanden, der dich bei der Hand nimmt und sagt, wir machen das jetzt so und so. Aber es ist unheimlich wertvoll, wenn man selbst weiss, was man machen muss, wie man mit Zahlen und Statistiken umzugehen hat und wie sie zu interpretieren sind. Und wie man das Ganze so optimiert, dass man die Leute auch erreicht.

Janika: Oder wie man eine gut funktionierende Werbung auf die Beine stellt, um den Leuten zu sagen, hey, wir haben einen neuen Song veröffentlicht, oder hey, wir kommen in eure Stadt und spielen bei euch. Und sich dabei nicht irgendwie auf einen Manager zu verlassen und zu hoffen, dass es schon klappt. Das tut es in der Regel nämlich nicht. Das sind einfach Grundlagen, über die man sich erst mal keine Gedanken macht, wenn man anfängt, Songs zu schreiben. Aber irgendwann merkt man, dass man ohne sowas nicht weiterkommt. Denn es ist einfach schade, wenn man so vor sich hin kocht und keiner bekommt es mit.

MI: Janika, Frank, vielen Dank für das tolle Gespräch.

Video Molllust – Pluto

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15.04.2023
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