Meh Suff! Winter-Festival 2026 – Ensiferum, Ellende u.v.m.
Dynamo (Zürich, CH)Metallischer Jahresstart
Die Feiertage und das Essen-bis-zum-umkippen sind vorbei und es ist wieder an der Zeit für Live Musik. Das Meh Suff! Winter Festival bietet sich einmal mehr als optimaler Einstieg in das neue Konzertjahr an.
Roman: Das Meh Suff! Team hat für die diesjährige Ausgabe einmal mehr ein Line-up zusammengestellt, welches sich definitiv sehen lassen kann. Auch neben den beiden Headlinern, Ensiferum und Rotting Christ, bietet das Programm einige Perlen und mit Dragony und Freedom Call für Meh Suff! eher ungewöhnliche Kapellen. Es ist also alles angerichtet.
Dutti: Vereinzelte Locations wie das Ebrietas haben bereits Konzerte im neuen Jahr durchgeführt, aber die ersten, grossen «Härtetests» folgen nun an diesem Wochenende. Sei es mit dem Ice Rock im verschneiten Emmental oder eben dem Meh Suff! Winter-Festival in Zürich. Zweitgenannter Veranstaltung wohnen Roman und ich (Dutti) als passionierte Schreiberlinge bei. Wir möchten euch, werte Leser, schliesslich auch 2026 rasch wieder mit viel unterhaltsamer Lektüre versorgen.
Bei «Meh Suff!» weiss der Fan in der Regel, was er bekommt. Genügend Gerstensaft und dazu grobe, diabolische Klänge aus den Tiefen der Szene.
Freitag, 09.01.2026 – «Heavy Metal Happycore»
Dutti: Doch der heutige Freitag kommt mit einem «sozialen Experiment» um die Ecke, auf welches ich überaus gespannt bin. Wie werden die Besucher auf die beiden «Programm-Exoten» Freedom Call und Dragony reagieren? Power Metal ist ein für dieses Festival doch eher atypisches Genre. Da beide Equipen mit den ebenfalls aufspielenden Ensiferum unterwegs sind, mussten die Organisatoren aber wahrscheinlich direkt das gesamte Tour-Package buchen.
Ob ich aufgrund der furchtbaren Feuer-Tragödie in Crans-Montana Angst habe? Nein, denn einerseits fühle ich mich in der Metal-Szene ohnehin weitgehend pudelwohl und auf der anderen Seite ist hier ein Veranstalter am Werk, der seit Jahren einen erstklassigen Job erledigt. Das Flammeninferno im Wallis war fraglos schrecklich, aber als Konzertgänger hatte ich persönlich damals 2015 nach dem Terroranschlag im Pariser Bataclan bedeutend mulmigere Gefühle in der Magengegend…
Haben im Vorfeld eigentlich alle noch Eintritte für heute gewonnen?! Zumindest liest man etliche solcher Beiträge in den sozialen Netzwerken. Eventuell eine Strategie, um für den Freitag doch noch irgendwie den «Sold Out»-Status zu erreichen? Obschon der Vorverkauf bei «Meh Suff!»-Events normalerweise hervorragend läuft. Falls irgendwelche glückliche Ticketbesitzer für den Weg in Richtung Dynamo auf ein verschneites, verzuckertes «Winter-Wunderland» gehofft haben, werden sie bitter enttäuscht. Der Regen hat die weisse Pracht in der Stadt Zürich mehrheitlich weggeschwemmt. Den Göttern sei Dank muss man bei einer Indoor-Sause aber sowieso nicht zu lange über das Wetter sinnieren.
Asphagor
Dutti: Der erste Tanz gebührt den Tirolern Asphagor. Im Oktober des vergangenen Jahres haben sie mit «The Aphotic Vortex» eine neue Scheibe unter das Volk gebracht und sind nun verständlicherweise daran interessiert, dem Schweizer Publikum das eine oder andere «Schmankerl» davon darbieten zu können. In Sachen Bühnendeko setzen die Österreicher auf grosse Laternen und Material aus der Knochenabteilung. Den Mikrofonständer des Frontmannes Morgoth schmückt beispielsweise ein Skelett und an seinem Beinkleid sind ebenfalls ein auffallender Totenschädel und Ketten erkennbar. Die uns entgegendonnernden Trommel-Salven bilden den optimalen Einstieg in den Abend. Das frische Liedgut bleibt gut in den Gehörgängen kleben, mich lässt aber trotzdem der letzte Track «Aurora Nocturna» (von der 2018er-Platte «The Cleansing») besonders anerkennend Nicken. Eine verflucht facettenreiche Komposition!
Die Setlist – Asphagor
- Intro – Procession
- Gates Of Manifested Hell
- Into The Storm
- Conditio Inhumana
- Ghost Of Aphelion
- Aurora Nocturna
Dragony
Dutti: Bereit für die ultimative Kontrast-Sequenz? Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Dragony und Asphagor ist effektiv die Nationalität. Ansonsten bläst der Wind musikalisch nun in eine völlig andere Richtung. Melodiöser und symphonischer Power Metal steht auf dem (Speise-)Plan. 2025 haben die Wiener Zuwachs an der Gesangs-Front erhalten. Blondine Maria Nesh (unter anderem auch bei Red Eye Temple tätig) unterstützt fortan Siegfried «Sigi» Samer bei der «Trällerei». Dank ihrer langen Mähne und dem frechen Outfit ist sie fürwahr eine Augenweide. Aber aufgepasst (und nicht zu sehr von den Reizen ablenken lassen), stimmlich schwirrt da durchaus Potenzial herum. Selbst Growl-Einheiten liegen gelegentlich drin. Passend zum Album «Hic Svnt Dracones» könnte Maria somit fraglos als knackige Walküre durchgehen.
In den Zuschauerreihen können derweil gemischte Reaktionen beobachtet werden. Während die einen artig mitklatschen, blicken andere Gäste doch eher skeptisch in die Landschaft. Meine Wenigkeit vermisst lediglich die «Schwarzenegger-Hommage-Hymne» namens «If It Bleeds We Can Kill It». Ungeachtet dessen zeigen Dragony eine solide Leistung und haben für ihre Verhältnisse (wahrscheinlich speziell für diesen Anlass) eher «härtere», rasante Stücke mitgebracht. Dennoch muss ich anmerken, dass der werte Sigi schon stärker gesungen hat (möglicherweise muss er sich ja, wie zurzeit leider viele Personen, mit irgendwelchen Erkältungsviren herumschlagen).
Roman: Es gibt zwar wie von Dutti erwähnt, einige skeptische Gesichter im Publikum, doch grösstenteils scheinen Dragony hier gar nicht so schlecht anzukommen. Was ebenfalls dafür spricht, ist, dass nach der Umbaupause auch die meisten wieder zurück in den Saal gekommen sind und Dragony somit ebenfalls auf ordentlich Publikum zählen dürfen. Anders als zuvor bei Asphagor kommt nun auch zum ersten Mal etwas Bewegung in die Hütte. Beim Intro von «The Einherja (What Dreams May Come)” greift Drummer Christoph Auckenthaler zur Unterhaltung gleich selbst zur Flöte, bevor er sich wieder hinter die Schiessbude setzt. Für meinen Geschmack war das ein unterhaltsamer Auftritt, und der Stilbruch hat die Stimmung wohl eher angeheizt als geknickt. Für die Skeptiker im Publikum geht es nach der nächsten Pause ja bereits wieder härter zur Sache.
Die Setlist – Dragony
- Twilight Of The Gods
- Gods Of War
- Lords Of The Hunt
- The World Serpent
- The Einherjar (What Dreams May Come)
- Beyond The Rainbow Bridge
- The Untold Story (Albion Online)
Ereb Altor
Roman: Denn nun ballern uns Ereb Altor ihren Viking Metal um die Ohren. Hatten die zwei vorherigen Bands etwa noch Bühnendeko, Backdrop oder Kostüme, verzichten Ereb Altor auf all das und setzen stattdessen rein auf ihren Sound. Damit wissen die vier Schweden durchaus zu überzeugen. Zudem scheinen sie richtig Freude zu haben, auf der Bühne zu stehen, und auch das Publikum macht mit der gleichen Energie wie beim vorherigen Auftritt weiter.
Dutti: Die von Dragony erzählten Geschichten aus der nordischen Mythologie dürften Ereb Altor massgeschneidert in den Kram passen, denn schliesslich haben die Schweden das Wikinger-Dasein im Blut! Ihr Liedgut kommt hingegen wieder grober, mystischer und düsterer daher. Mats’ Gesang ist gleichwohl ein absoluter Hühnerhaut-Garant. Der Vierer bietet eine überzeugende Performance dar und erinnert stellenweise ohne Zweifel an die Finnen von Moonsorrow. Ende dieses Monats werden die Hünen in die USA pilgern, um an der «70’000 Tons Of Metal»-Kreuzfahrt teilzunehmen. Anschliessend geht es nach der Rückkehr vom Schiff auf Europatournee. Wer Ereb Altor allerdings auf helvetischem Grund erleben möchte, müsste just exakt in diesem Augenblick hier neben mir im Dynamo stehen. Andernfalls hat man Pech gehabt… Mit dieser Show meldet das Quartett definitiv Ansprüche auf den Tagessieg an. Das war eines Headliners würdig! Einzig «I Have The Sky» vom 2022er-Eisen «Vargtimman» hätte meine Glücksgefühle noch weiter gesteigert.
Freedom Call
Roman: Mit Freedom Call folgt nun die wohl grösste Überraschung auf dem diesjährigen Meh Suff! Line-up. Zwar waren auch Dragony vorhin schon etwas Exoten, Freedom Call sind mit ihrem Happy Metal aber nochmals eine andere Nummer. Aber was soll’s. Mich freut das Gastspiel der Deutschen und der grosse Rest des Publikums scheint ebenfalls nichts dagegen zu haben. Denn beim Soundcheck kurz vor dem Auftritt wird bereits lauthals nach Zugaben verlangt. Kollege Pöch meint hierzu: «Freedom Call haben heute einen Song und acht Zugaben gespielt». So kann man das auch sehen.
Dutti: Nun folgt der ultimative Gradmesser für jeden Meh Suff!-Besucher: Kitschiger «Happy Metal» (damit «Metalinside-Bibliothekar» Raphi zufrieden ist, müssen wir jedoch von Power Metal sprechen und sollten keine neuen Genres erfinden) à la Freedom Call! Angeführt von einem breit grinsenden Chris Bay lancieren die Nürnberger mit «Hammer Of The Gods» ihre fröhliche Party. Was den Herrschaften noch fehlt, ist ein Live-Keyboarder. Da kommt derb viel ab Tonband. Das gilt auch für die Fanfaren während «Tears Of Babylon». Die erhoffte Wirkung entfaltet sich trotzdem. Die Meute hüpft, tanzt und lacht. Wegen dieser Aspekte kann ich hervorragend nachvollziehen, weshalb Ensiferum die Deutschen auf ihre gemeinsame Rundreise eingeladen haben. Das sind einfach waschechte Stimmungskanonen!
Womöglich ist daran aber auch die neue «Teufelei» Schuld, welche Freedom Call zusammen mit Petri Lindroos aufgenommen haben. Die Single hört auf den Namen «Heavy Metal Happycore», geht schnurstracks in die Gehörgänge und dürfte (trotz Petris Schreien) der unbezwingbare Endgegner für jeden Black- oder Death-Metaller sein. Am Ende gilt allerdings nach wie vor der Slogan «Metal Is For Everyone», korrekt? Des Weiteren muss man den deutschen Frohnaturen hoch anrechnen, dass sie als bisher einzige Gruppe des Tages die Massen erfolgreich zu einem Circle Pit animieren konnten. Traditionsgemäss gehören die letzten Minuten dann dem «Hüpfburg-Track» (besser bekannt als «Land Of Light»). Der würde glasklar wunderbar zu der morgigen «90s-Aftershow-Fete» im Werk 21 passen. Haben Freedom Call etwa gerade das Meh Suff! gerockt? Staunend und positiv überrascht muss ich diese Frage mit einem lauten «Ja!» beantworten.
Roman: Ja, Freedom Call haben das Meh Suff! Publikum definitiv auf ihre Seite gezogen. Insbesondere Pöch und Dutti, die gerade neben mir stehen und bei den abschliessenden «Metal Is For Everyone» und «Land Of Light» gesanglich fast schon Fronter Chris Bay übertönen (Anm. Dutti: Hat man das so gut gehört? Upsi…!).
Die Setlist – Freedom Call
- Hammer Of The Gods
- Tears Of Babylon
- Union Of The Strong
- Heavy Metal Happycore
- Power & Glory
- Warriors
- Metal Is For Everyone
- Land Of Light
Ensiferum
Dutti: Sind die Festlichkeiten damit beendet? Keinesfalls, denn es steht noch eine gewisse Equipe aus Finnland in den Startlöchern. Ensiferum sind regelmässig an Meh Suff!-Veranstaltungen zu Gast und hinterliessen bisher durchwegs positive Eindrücke. Das dürfte sich dieses Mal kaum ändern. Die Herrschaften haben ein paar Stunden vor der Türöffnung noch eine coole Aktion durchgeführt. Nahe der Location wurden Merchandise-Artikel versteckt und die Finder erhielten als Belohnung obendrein Eintritte für den heutigen Festivaltag. Feine Sache! Musikalisch lassen die Nordmänner nichts anbrennen. In gekonnter Manier zocken sie sich durch ihr Set und setzen auf sichere, gut funktionierende Songs. Klarsänger und Tasten-Klimperer Pekka Montin ist neuerdings mit auffallendem «Porno-Schnäuzer» unterwegs. Getragen von der ausgezeichneten Stimmung folge ich den Folk Metallern zum x-ten Mal ohne zu zögern «Into Battle». Stets im Wissen, dass ich mich jederzeit auf meine Klinge verlassen kann («In My Sword I Trust»). Kiitos, Ensiferum!
Roman: Wenn Ensiferum zum Tanz einladen, kocht die Stimmung eigentlich immer, ganz egal wann und wo. Für die Finnen gebe ich auch meinen Platz auf der Seite auf und begebe mich wortwörtlich in die Schlacht. Im Pit geht es von Beginn an ordentlich los und wer bis jetzt noch nicht warm geworden ist, tut das spätestens jetzt. Nachdem Kollege Raphi in seiner Review zum Auftritt am letztjährigen Rock The Lakes erwähnt hat, dass «Stone Cold Metal» auf der Setlist gelandet ist, habe ich mich bereits darauf gefreut, diesen heute ebenfalls live zu hören. Leider wurde der Song aber wieder von der Setlist gestrichen. Abgesehen davon haben Ensiferum aber definitiv alle Wünsche erfüllt und einmal mehr abgeliefert.
Am nächsten Tag habe ich auf Facebook eine Anzeige gesehen, in der jemand sein Samstags-Ticket verkauft, weil er sich im Moshpit bei Ensiferum anscheinend den Fuss gebrochen hat. An dieser Stelle also noch gute Besserung!
Die Setlist – Ensiferum
- Intro – Aurora
- Winter Storm Vigilantes
- Guardians Of Fate
- Heathen Horde
- Fatherland
- Long Cold Winter Of Sorrow And Strife
- Token Of Time
- From Afar
- Andromeda
- Into Battle
- In My Sword I Trust*
- Two Of Spades*
*Zugabe
Das Fanzit – Freitag
Roman: Neben dem Abriss von Ensiferum waren Ereb Altor aus musikalischer und Freedom Call aus stimmungsmässiger Sicht meine Highlights. Aber auch die restlichen, aufspielenden Kapellen wussten zu überzeugen und ich war erstaunt, wie gut das Publikum auf die etwas ungewohnten Stilbrüche reagiert hat. Zusammen mit vielen bekannten Gesichtern war das ein gelungener Auftakt ins Konzertjahr 2026.
Dutti: Waren Asphagor tatsächlich die härteste Band dieses ersten Festivaltages? Mein Highlight war freilich die saustarke Performance von Ereb Altor! Mit dem überraschenden Triumphzug von Freedom Call hätte ich dagegen nicht gerechnet, aber die Deutschen haben wohl die für sie ideale Besucher-Gattung in die Hütte gelockt. Sollte ich noch erwähnen, dass etliche Biere die Kehlen hinuntergeflossen sind? Ach komm, die daraus resultierenden Brummschädel und Details sparen wir uns lieber für einen anderen Tag auf.
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Samstag, 10.01.2026 – Die schier unaufhaltsame Legion der Verdammten
Roman: Heute passt das Wetter schon besser zum Festival-Namen. Da ist ja auf einmal tiefster Winter in Zürich und Umgebung. Etwas naiv habe ich die Strassenverhältnisse ziemlich unterschätzt und meine Geduld wird schon ordentlich auf die Probe gestellt. Eigentlich war die Anreise gut geplant, damit ich in Thalwil früh genug den Zug erwische und somit pünktlich im Dynamo antanze. Dieser Planung wird aber gerade ein grober Strich durch die Rechnung gemacht. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch noch an den Bahnhof und sogar mehr oder weniger pünktlich zum Ort des Geschehens. Immerhin ist auf Dutti Verlass, der zu den ersten Klängen schon wieder brav im Saal steht.
Dutti: Auch der zweite Festivaltag steht primär im Zeichen eines Tour-Pakets. Firtan, Karg und Ellende bereisen in diesem noch äusserst jungfräulichen 2026 gemeinsam Europa. Letztgenannte Truppe hat just am 02. Januar mit «Zerfall» eine nagelneue Scheibe rausgehauen und man darf sicherlich gespannt auf diese frischen, tristen Klangwelten sein. Für meine Person stellt sich ausserdem die Frage, ob mich Rotting Christ wieder einmal vollends aus den Latschen kippen lassen können. Zweifellos eine grandiose Band, aber die letzten Darbietungen, welchen ich beigewohnt habe, waren blöderweise eher aus der Sparte «berechenbarer Dienst nach Vorschrift»… Weitaus optimistischer blicke ich da der Show der holländischen Haudegen Legion Of The Damned entgegen.
Auf dem Weg in Richtung des Dynamo-Gebäudes pflanzen mir die heute effektiv winterlichen Witterungen Auszüge eines Kinderliedes in die Ohren: «Es schneielet, es beielet, es gaht en chüehle Wind…» – aber die verkaterten Metaller schleppen sich trotzdem erneut ihrem Ziel entgegen, um weiteren „Hopfen-Abenteuern“ und Lärm-Exzessen zu frönen. Egal, ob man sich elend – oder «ellende» – fühlt. Sozusagen «Ellende im Gelände!». Okay, nein, Stopp! Es soll ja nicht schon am Anfang in hoffnungslosen Wortspielen ausarten.
Firtan
Dutti: Die Lörracher Firtan starten um 15.30 Uhr in ihr Set – und tun dies direkt mit einem «special guest». Die Komposition «Hrenga» wird gemeinsam mit J.J. (den ihr wahrscheinlich primär von Harakiri For The Sky oder den später aufspielenden Karg kennt) präsentiert. Ein schwungvoller Beginn! Dem Riff-Gewitter gegenüber stehen die gefühlvollen Geigen-Abschnitte von Klara Bachmair, welche regelmässig für Begeisterungsstürme sorgen. Kaum zu bremsen ist währenddessen der eigentliche Mikrofon-Hüter Phillip Thienger. Ein wilder Hund, der auf hasserfüllte Krächz-Attacken setzt (und darüber hinaus gelegentlich selbst zur Klampfe greift). Holla, die Waldfee! Ich erlebe hier gerade fürwahr den besten Firtan-Gig, dem ich bisher je beiwohnen durfte. Das ist bahnbrechend! Dem 2024er-Album «Ethos» muss ich bei Gelegenheit unbedingt ausgiebig Aufmerksamkeit schenken. Abgerundet wird dieser abwechslungsreiche Ritt durch ein märchenhaftes «Streich-Duett» von Klara und ihrem Kollegen Chris S. Da bleibt einem regelrecht die Spucke weg! Bitte einmal innehalten und geniessen, wow!
Die Setlist – Firtan
- Hrenga
- Nacht Verweil
- Arkanum
- Wermut, Hoch am Firmament
- Amor Fati
- Komm herbei, schwarze Nacht
- Wenn sich mir einst alle Ringe schliessen
Karg
Dutti: Vor dem nächsten Auftritt sind wir abermals bei irgendwelchen Reimen angekommen, die unter anderem die Wörter «Karg», «Varg» und «Sarg» umfassen. Ehe sich unsere Matschbirnen zu sehr darin verstricken, lenken wir den Fokus dann doch lieber wieder auf Live-Musik. Turm J.J. hat sich ja bereits zuvor bei Firtan warm gesungen. Jetzt darf er mit seinem eigenen Projekt ran.
Der einlullende Sound strotzt nur so vor Melancholie. Im Hintergrund knallen die Drums von Paul Färber. Oh, siehe da – auch dieser Gig wartet mit einer kleinen Überraschung auf! Firtan-Geigerin Klara findet Zeit für ein kurzes Gastspiel. Schön zu sehen, dass innerhalb dieses Tour-Packages eine grossartige Harmonie zu herrschen scheint, welche immer wieder zu gemeinsamen Einsätzen führt. Der Frontmann besitzt übrigens auch ohne Mikrofon viel Kraft und Emotionen in seiner Stimme. Ab und an erhält er Unterstützung von Seiten seines kahlköpfigen Axtmannes. Teile des Publikums wirken ein bisschen schläfrig. Eventuell kommt dieses schwerfällige Material für gewisse Leute zu früh. Ich persönlich kann mich jedoch problemlos darauf einlassen.
Roman: Ich bin dann wohl eher einer von den Personen, denen das etwas zu früh kommt. Irgendwie können mich Karg nicht so richtig abholen und so kundschafte ich lieber mal das Grillzelt aus. Denn neben den Gerstensäften ist hier natürlich auch für feste Nahrung gesorgt.
Beheaded
Dutti: Malteser (oder viel mehr «Maltesers») kennen wir hierzulande hauptsächlich als kleine, leckere Schokoladenkügelchen. Mit süssen Versuchungen hat die nun wütende Abrissbirne herzlich wenig am Hut. Beheaded haben uns gnadenlosen Brutal Death Metal mitgebracht, sodass es bloss noch rumpelt und kracht! Wir werden dauerhaft mit «Trommel-Maschinengewehrfeuer» eingedeckt. Auf die melancholischen Karg folgt somit ein extrem wachrüttelnder Faustschlag, der schnörkellos auf die anwesenden Kauleisten abzielt. Lediglich der Gesang von Fronter Frank Calleja dürfte noch minim kräftiger aus den Boxen dröhnen. Die Künstler agieren technisch unfassbar versiert, aber gegen Ende droht die Geschichte – zumindest nach meinem Gusto – phasenweise etwas eintönig zu werden. Im Vergleich zum gestrigen «Heavy Metal Happycore» ist das fraglos ein Kontrastprogramm! Zudem scheint heute sowieso der eher übliche Meh Suff!-Besucher präsent zu sein. Das war gestern schon anders.
Einige Nummern stammen vom letztjährigen Werk «Għadam», auf welches ich noch kurz genauer zu sprechen kommen möchte. Die darauf verewigten Songs wurden nämlich allesamt in der maltesischen Sprache verfasst. Frank meint dazu trocken: «You might not understand what we are saying, but Google Translate can help.» Gut, bei diesen bitterbösen Growls dürfte selbst der virtuelle Übersetzer an seine Grenzen stossen. Dass Beheaded mit dieser Platte eine Hommage an ihre Wurzeln und Kultur fabriziert haben, ist wahrlich eine lobenswerte Angelegenheit. Allenfalls kann ich mir ein Exemplar dieser CD später am Merchandise-Stand sichern.
Die Setlist – Beheaded
- Iħirsa
- The Charlatan’s Enunciation
- Xtrajt l-infern
- Għadam
- Il-Kittieb
- Embrace Your Messiah
- Resurgence of Oblivion
- B’niket inħabbru l-mewt
- Outro – Irmied
Legion Of The Damned
Dutti: Nehmt Abschied von euren Nackenmuskeln, die Legion der Verdammten ist im Haus und startet sogleich mit ihrer namensgebenden Hymne. Lägo mio! Wer verfällt dabei bitteschön nicht in eine wilde Headbanger-Raserei! Die Niederländer drücken auf die Tube und nehmen keine Gefangenen. Was mich hingegen fürchterlich ärgert, ist die Tatsache, dass die Misch-Abteilung ausgerechnet in diesem Augenblick schwache Momente einzieht… Im Mikrofon-Bereich müsste noch geschraubt werden.
Lassen sich Legion Of The Damned davon aufhalten? Pustekuchen! Die Death-Thrash-Metal-Combo fegt über alles und jeden hinweg. Frontmann Maurice Swinkels speit auch mit über 50 Lenzen nach wie vor teuflisch Gift und Galle. Dazwischen sammelt er mit hochdeutschen Ansagen fleissig Sympathiepunkte. Die Setlist ist zum Niederknien: «Slaughtering The Pigs», «Beheading Of The Godhead», «Werewolf Corpse» und als furioses Finale noch «Son Of The Jackal» – was will man mehr? Der Moshpit tobt und die Mähnen fliegen rhythmisch durch die Gegend. Wer hat hier gerade «Headliner» gerufen?
Roman: Dieser Auftritt hatte wahrlich Headliner Qualitäten. Die fünf Niederländer legen hier gerade alles in Schutt und Asche. Im Moshpit geht es derweil ziemlich ordentlich zur Sache und auch die ersten Violent Dancer sind im Dynamo angekommen. Da haben die noch anstehenden Truppen keinen leichten Stand, diesen Auftritt noch zu toppen.
Ellende
Dutti: Abermals bewegen wir uns in den Sphären der Gegensätze, denn jetzt folgt Post-Black Metal aus der Steiermark und somit werden sowohl Tempo als auch Härtegrad heruntergefahren. In Form von «Zerfall» haben Ellende direkt zu Beginn des neuen Jahres eine erste Duftmarke gesetzt. Es würde mich nicht wundern, wenn wir diesen Silberling Ende 2026 in mehreren «Best Of»-Hitparaden erneut antreffen werden. Doch können die neuen Stücke der Grazer auch im Live-Gewand überzeugen? Absolut! Zwar wirken die zu Beginn aufleuchtenden, farbenfrohen «Disco-Scheinwerfer» etwas irritierend, aber mit geschlossenen Augen kann man sich vollends auf die misanthropischen Botschaften einlassen. Es ist ein Eintauchen in eine depressive, schmerzerfüllte, gepeinigte Traumwelt. Nun wird mir schlagartig klar, woher die helvetische Gruppe Bedrängnis ihre Inspiration zu tanken scheint. Im Verlauf des Sets kommt Firtan-Geigerin Klara zu ihrem zweiten Gastauftritt am heutigen Tag und meistert diesen abermals bravourös.
Rotting Christ
Dutti: Ui, Rotting Christ auf dem Prüfstand. Werden sie mich wieder in ihre Galeere holen können? Bereits nach den ersten Minuten kann ich diese Frage sorglos bejahen. Links und rechts aussen «propellern» Kostis Foukarakis und Kostas Heliotis munter um die Wette. Das könnte geradeso gut als Schwarzkopf- oder L’Oréal-Werbung mit folgendem Slogan durchgehen: Meh Suff! Winter-Festival 2026. Zeitpunkt: 21.53 Uhr. Die Frisur sitzt! Selbst nach hemmungslosen Headbang-Einlagen. Themis Tolis trommelt astrein im Hintergrund, während sein Bruder Sakis an der Front die Meute dirigiert und entfesselt agiert. Alles «Siebegrieche!». Obschon sie nur zu viert sind. Die getroffene Lied-Auswahl sorgt für ein kurzweiliges Vergnügen. Die Stimmung kocht! In dieser Verfassung sind Rotting Christ diskussionslos eine Macht! Ihre gekonnte, souveräne Demonstration beenden sie schliesslich mit «Grandis Spiritus Diavolos».
Roman: Das war durchaus ein sehr überzeugender Auftritt. Die Spielfreude war den Griechen förmlich anzumerken und auch die wiederholten Dankesworte an das Publikum spielten zusätzliche Sympathiepunkte auf das Konto von Rotting Christ. Das epische «Like Father, Like Son» geht mir so schnell wohl nicht mehr aus dem Kopf.
Alkaloid
Dutti: Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an welchem den Zuschauern drei Optionen offenstehen. Man kann sich entweder auf den Heimweg machen, sich an die Bar zurückziehen und seelische (respektive flüssige) Vorkehrungen für die später folgende 90s-Party treffen oder der Darbietung der letzten Truppe Alkaloid lauschen. Die klaffenden Lücken im Saal lassen darauf schliessen, dass die dritte Option für einige Personen nicht mehr infrage kommt. Schade, denn grundsätzlich würde jede Formation eine ansprechende Kulisse verdienen. Ich harre allerdings wacker aus – bis zum bitteren Ende (welches sich noch arg in die Länge ziehen wird – aber davon weiss ich momentan ja noch nichts).
Das Quintett besteht aus erfahrenen Künstlern, die unter anderem schon für Gruppen wie Triptykon, Dark Fortress, Obscura oder Thulcandra tätig gewesen sind. Es geht variantenreich und progressiv zu und her (mit Death Metal-Spuren). Sänger Morean meint dazu mit frechem Eigenwitz: «Wir werden euch nun ein paar seltsame Schlaflieder spielen.» Ein Beschrieb, der das Gezeigte tatsächlich ziemlich gut widerspiegelt. Für diverse Mitmenschen dürfte das definitiv ein zu anspruchsvoller Rausschmeisser sein. Meine Wenigkeit findet den Sound zwar spannend, aber ebenfalls nicht sonderlich leicht verträglich. Stellenweise müsste man beinahe von irgendwelchen «Jazz-Experimenten» sprechen. Allfälligen Musikern unter den Zuhörern mag das sicherlich interessant erscheinen. Die Nummer «Clusterfuck» kriege ich wohl nicht mehr so schnell aus dem Schädel. An einem reinen Prog-Konzertabend müsste man sich Alkaloid wahrscheinlich nochmals geben, um das Ganze besser fassen zu können.
Die Setlist – Alkaloid
- Clusterfuck
- Azagthoth
- Cthulhu
- Numen
- Qliphosis
- The Fungi From Yuggoth
90s Party im Werk 21
Dutti: Kurz und knapp: Ja, es ist passiert. Ich bin tatsächlich im Gewölbe an dieser sagenumwobenen 90s-Aftershow-Sause gelandet (zusammen mit anderen «Überlebenden»). Ausgerüstet mit hypnotisch wirkenden Leuchtstäben und begleitet von kultiger «Bumm-Bumm-Mucke» wird dann bis in die frühen Morgenstunden weitergefeiert und getanzt. Der eine oder andere Gerstensaft entpuppt sich dabei als ausserordentlich gute Stütze. Okay, es macht schon auch ein bisschen Spass – ich gebe es ja zu. Trotzdem fühle ich mich im metallischen Bereich deutlich wohler. Aber immerhin existiert nun ein schriftlicher Beweis, dass ich an dieser Party teilgenommen habe (allfällige Bilder oder Schnappschüsse könnt ihr gerne behalten).
Das Fanzit – Samstag
Roman: Das Streich-Duett bei Firtan war in der düsteren Klangwelt wie eine Blume im Beton. Ansonsten präsentierte sich das heutige Tagesprogramm eher als Beton wie als Blume (was keineswegs negativ gemeint ist). Für mich waren vor allem die Auftritte von Beheaded und Rotting Christ sehr stark, während Legion Of The Damned mit ihrem kompletten Abriss meine Tagessieger sind.
Dutti: Firtan sorgten an diesem zweiten Festivaltag bereits früh für eine imponierende Eröffnungszeremonie. Den Titel des Abrisskommandos konnten sich derweil Legion Of The Damned sichern. Was für eine bombastische Setlist! Selbst Schwierigkeiten bei der Abmischung vermochten die Niederländer nicht auszubremsen. Rotting Christ brillierten ebenfalls und spielten ihre ganze Erfahrung gekonnt aus.
Wer – wie ich – gerne weit vorausschauend plant, darf sich sonst gerne die inzwischen bekannt gegebenen Daten für das Meh Suff! Winter-Festival 2027 notieren. Dieses wird nämlich am 08. und 09. Januar über die Bühne gehen. Austragungsort wird erneut das Jugendkulturhaus Dynamo sein.

