The Barilla Boys mit White Monster und Sonnenbrille am Baggersee
Am 22. Januar begaben sich gleichermassen Metalheads und Nicht-Metalheads zur heiligen Pilgerstätte – dem Z7 in Pratteln. Nicht selten standen Mann mit Death-Metal-Kutte und Mann in farbiger 80er-Jahre-Trainerhose nebeneinander. Welche Band mag wohl solch breites Publikum angezogen haben? Es sind The Butcher Sisters – TBS – mit der Vorband Callejon im Rahmen ihrer Zaubershow-Tour 2026. Dabei stand der Schweizer Besuch als erstes auf der Liste und – ohne bereits zu viel vorwegzunehmen – es war ein wahrlich würdiger Start.
Um 19:00 Uhr öffnen sich die Türen des Z7. Ich tuckerle derweil noch auf der Autobahn und finde mich langsam ein. Vor der Abendkasse eine lange Schlange. Wollen all diese Personen ihr Ticket abholen oder gar noch kaufen? Zu diesem Zeitpunkt ist das Z7 nicht ausverkauft, aber anhand der Menge an Menschen vor dem Eingang vermute ich, dass es bald sehr kuschlig wird. Nach zehn Minuten Anstehen und nochmals einigen Minuten beim Eingang bin ich endlich drin. Doch kein Grund zur Hektik: Die Vorband, die deutschen Callejon, fangen erst um 20:00 Uhr an. Genügend Zeit, um all die Leute zu grüssen, die man kennt, und das sind an diesem Abend einige. Aufgrund der Vielfalt an Menschen, die TBS begeistern, ergibt sich eine buntgemischte Gruppe.
Callejon
Wie so oft finden wir uns vorne links bei den Spiegeln ein. Dort hat es erfahrungsgemäss immer ein Plätzchen frei für uns. Lieder von den Backstreet Boys und Queen bringen Laune und man sieht wieder, wie textsicher das Z7-Publikum sein kann. Um Punkt 20:00 Uhr stürmen Callejon aus Düsseldorf die Bühne. Man merkt den Jungs an, dass dies der Tourstart ist und sie Bock haben. Nach den ersten Liedern erklärt Sänger Bastian, dass er Applaus bräuchte, da er ansonsten nicht trinken kann. Diesen muss er nicht gross suchen, denn die Musik kommt beim Publikum an. Gar bei der ersten Aufforderung zum Circle Pit antwortet die Meute und rennt brav im Kreis. Im Set der Jungs finden sich einige Covers, darunter «Was du Liebe nennst». Dies liegt daran, dass sie auf ihrem Album «Hartgeld im Club» diverse Lieder gecovert haben. Mit «Porn from Spain II» ist der kurzweilige Auftritt bereits vorbei. Ganze 45 Minuten durften sie uns bespielen. Nun schnell die nötigen To-dos abhaken, bevor es mit dem Headliner weitergeht. Der ironischerweise weisse Vorhang zu ihrem schwarzen Album inklusive ihrem Logo wartet bereits.
The Butcher Sisters
Die Pause zwischen Callejon und TBS ist wild. Ich weiss nicht, ob das Z7 oder der Techniker von TBS Musik auflegt, aber props an diese Person. Mein Highlight ist, als 20:57 eine Art Technoversion der Titelmelodie von Jim Knopf läuft. Waaaaas? Ich bin begeistert und auch der Grossteil unserer Gruppe feiert es. Eine Stimme aus dem Off kündigt an, dass wir uns bereit machen sollen, und fragt uns, ob wir Magie wollen. Ja natürlich! Der Vorhang fällt und hervor kommt … nicht TBS.
Mit einem kleinen Zaubertrick geht es aber ganz schnell, bis die Jungs aus Mannheim vor uns stehen. Und sie ziehen uns von Anfang an in ihren Bann: Als erstes Lied wählen sie «Bierosaufus Ex» und der grosse Pit in der Mitte ist eröffnet. Hier werden Energien freigesetzt, die echt beeindruckend sind. Wir befinden uns immer noch vorne links und sind somit ziemlich am Pitrand. Sänger Alex beklagt sich, dass es ihm nicht gutgehe, womit sie dann mit «Uga Uga Bam Bam» ins nächste Lied springen. Sänger Stroppo wedelt mit einer aufgeblasenen Keule auf der Bühne herum und schlägt damit auch ab und zu Personen in der ersten Reihe auf den Kopf. Dieses Lied wird ebenfalls nicht fertiggespielt, weil sich Alex immer noch nicht gutfühlt. Zeit, den Doktor zu rufen: Zu Beginn fliegt ein aufblausbares Telefon zu «Herr Doktor» ins Publikum. Dieses ist bei allen drei Liedern erstaunlich textsicher. Da haben manche heimlich zu Hause geübt.
Nun steht ein weiterer Zaubertrick an: Wir raten gespannt mit, was wohl aus dem Hut gezaubert wird. Ein Dosibier! Ich murmle zu Domi the Stick, dass das wohl gegen seinen Bierdurst helfe, und – zack – erklingen die ersten Töne von «Bierdurst». So naheliegend und doch so gut. Stroppo will auch nicht, dass seine Fans Bierdurst erleiden müssen. Deshalb öffnet er eine Dose und verteilt einzelne Spritzer in den ersten Reihen. What a thoughtful thing to do! An dieser Stelle kann man noch erwähnen, dass TBS ihr eigenes Dosibier mitgenommen haben (respektive, einen «TBS Bier»-Dosibier-Sticker auf Schweizer Bier geklebt haben). Von diesen sind auch diverse immer wieder Richtung Publikum geflogen. Die Meute feiert es, der Pit bebt. Sehr schön zu beobachten. Kurz darauf wird endlich aufgelöst, was sich unter dem schwarzen Tuch im Fotograben versteckt: Ein riesiges aufgeblasenes Baby. In Wacken hatten sie damals eine Babypuppe, die von Alex geboren wurde. Aber halt! Auch heute passiert das und neben dem grossen Baby fliegt zudem noch ein kleines umher. Ja klar, «Reiner» wird gespielt.
Die Pause zwischen diesem und dem nächsten Song wird genutzt, um Werbung zu machen. TBS bringen ein eigenes Spiel heraus und wenn man jetzt den QR-Code scannt, kann man das eine Outfit von Stroppo als Avatar gewinnen. Nice, machen wir! Ebenjenes Game wird in Videoform beim nächsten Lied als Backdrop genutzt. Es sieht nach einem Jump-and-Run-Spiel aus, bei dem man Bierdosen sammeln muss. Dazu erklingen die mitreissenden Melodien von «Sonnenbrille». Es ist Sonnenbrillenpflicht – und niemand von uns trägt eine. Doch andere Zuschauer sind da besser vorbereitet: Soeben wird ein Crowdsurfer mit Sonnenbrille nach vorne getragen. Um ehrlich zu sein, weiss ich nicht, was zwischen dem Ende von «Sonnenbrille» und dem Anfang von «White Monster» passiert ist, aber plötzlich höre ich die Melodien eines meiner Lieblingslieder von ihnen und da ist es um mich geschehen: Praktisch magnetisch und ohne Willen will es mich zum Pit ziehen. Der Breakdown kommt näher, kommt näher, ist da … und wir werden gerickrollt? Anstelle des Techno-Beats erklingt «Never Gonna Give You Up» von Rick Astley inklusive Video als Backdrop. Grosses Gelächter und innerhalb einer Sekunde erfolgt der Drop dann doch: Die Wall of Death klappt in sich zusammen und ich bin mitten drin. Ich muss sagen, dass es ein sehr angenehmer, hüpfiger Pit ist. Einzig die Leute in der ersten Reihe, die bestimmt flacher aus dem Konzert gehen, als sie reingekommen sind, tun mir leid. Das Lied neigt sich langsam dem Ende zu und der Pit spuckt mich wieder in Richtung meiner Truppe aus. Ein sehr schönes Detail ist das Backdrop, auf dem «Freundschaft gewins» steht. Toll!
TBS erklären dann, dass sie für uns Vieles tun – sogar eine Ballade singen würden. Diese wollen sie aber nicht auf der Bühne zum Besten geben und gehen deshalb mit ihren «magischen Booten» zum Mischpult. Damit es für uns spannender wird, gibt es ein Wettrennen. Jene Hälfte, die den entsprechenden Sänger nicht zuerst nach vorne befördert, muss das Z7 leider verlassen. Das Publikum lässt sich das nicht zweimal sagen und die beiden Sänger fliegen praktisch über die Köpfe der Leute hinweg – so sehr, dass beide bereits nach kurzer Zeit kentern und das Boot separiert von ihnen zum Mischpult getragen wird. Sie schütteln dann Hände auf dem Mischpult und merken erst später, dass zwei Zuschauer standfest auf dem einen Boot stehen und bis zur Bühne getragen werden.
Die versprochene Ballade erfolgt dann auch: Mit Cowboy-Hut und Akkustikgitarre wird… – Na? Wisst ihr es? – «Klettergerüst» performt. Ein Meisterwerk, das erst vor wenigen Wochen das Licht der Welt erblickte. Anschliessen müssen die beiden wieder zurück, ist ja klar. Nachdem sie das Publikum gebeten haben, einen Gang freizugeben, düsen sie mit dem passenden Fortbewegungsmittel zur Bühne: Einem Cityroller (oder Cittyrolläär, wie sie es aussprechen). Witzig find ich, dass sie als Backdrop eine Ego-Shooter-Perspektive mit einem Cityroller auf der Strasse laufen lassen und dieser sogar bei einer Pause im Lied anhält. Es sind genau diese kleinen Details, die dieses Konzert für mich so intensiv und geniessbar machen. Während des Liedes erblickt Domi the Stick plötzlich die Kamerafrau von TBS. Sie schiesst crowdsurfend Fotos von dem Publikum. Was für ein Einsatz und eine dafür respektable Körperspannung.
Nach dem Ausflug auf dem Cityroller ist es Zeit für einen weiteren Zaubertrick. Eine Box wird herangefahren und Stroppo nimmt Platz. Oh nein, Sänger Alex wird ihn wohl nicht halbieren? Oh doch! Zuerst wird der Block halbiert und dann wieder zusammengefügt. Stroppo scheint keinen Schaden davongetragen zu haben und selbst die Füsse, die noch aus dem Block herausschauen, bewegen sich weiterhin munter.
Die obligate Bauchtasche wird als Nächstes ausgepackt und das Publikum huldigt dem schicken Modeaccessoire. Als wäre das noch nicht Eskalation genug, packen TBS dann «Der Nudelsong» aus. Man kann Nudeln machen warm, man kann Nudeln machen kalt. So ist es. Und die Energie durch die Portion Nudeln scheint auch dem Pit gutzutun: Die Meute bewegt sich, als wären nicht bereits seit über einer Stunde TBS an einem Donnerstag auf der Bühne am Eskalieren. Um ein wenig runterzukommen folgt ein weiterer Zaubertrick – ja klar, ist ja auch eine Zaubershow. Sie kündigen das Tuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuch an. Wider Erwarten finden sie am Ende nicht, was sie gesucht haben, aber Sänger Bastian von Callejon steht auf der Bühne und zusammen spielen sie «Detlef D Soost». Es fällt ein Tuch und Bastian ist so schnell wieder weg, wie er gekommen ist.
Was fehlt noch für eine grossartige Show? Genau: ein Werbeblock. Alex und Stroppo scrollen durch ein Smartphone und fügen jegliches Merch in den Warenkorb. Das erinnert mich gerade daran: Weder TBS noch Callejon haben Merch mitgebracht. Sehr schade, wäre ich doch heute bestimmt mit einem Kleidungsstück oder einer Tasse mehr nach Hause gegangen (Sidenote: Habt ihr die Katzentasse auch gesehen, auf der steht, dass das mit dem Klettergerüst schon stimmt, aber der Rest nicht – cute!).
Doch keine Zeit für weitere Gedanken ans Merch, denn TBS haben ein Lied nur für uns geschrieben: «Freitag». Und Domi the Stick antwortet dankbarerweise auf die Frage, wann denn wieder Freitag sei: «Na, in zwei Stunden». Wäre das also auch geklärt. So, was fehlt denn jetzt noch? Uns kommen sofort ein halbes Dutzend Songs in den Sinn, aber so lange werden die Jungs aus Mannheim wohl nicht mehr spielen. Alex überrascht mit einem Akkoustik-Teil des Liedes «Genie In A Bottle» von Christina Aguilera und hier sind viele Metalheads einmal mehr wieder erstaunlich textsicher. Das Highlight ist dabei ein gut platzierter Rülpser. Nahtlos gehen sie in ein eigenes Lied über: «Mein Stern». Die Leute liegen sich in den Armen und zücken die Feuerzeuge. Hier und da sehe ich sogar ein feuchtes Äuglein. Stroppo lässt sich durch das Menschenmeer tragen und wird relativ lange an Ort und Stelle gehalten. Auf dem Rückweg wird ihm von einem Zuschauer eine Minigurke in die Hand gelegt. Diese verschenkt er bald darauf jedoch wieder einer Person. The circle of life.
Nach einem Foto mit der Crowd verschwindet die Band. Ist die Show denn bereits zu Ende? Auf keinen Fall! Der Drache ist noch nicht tot. Also los, ruft den Drachentöter und los gehts. So ist es dann auch: Stroppo im Drachenkostüm wird von Alex in Ritterrüstung und mit einem langen Schwert getötet. In der Mitte bildet sich ein grosser und schöner Circle Pit. Domi the Stick und mich reisst es mit und wir laufen einige Runden.
Einen Letzten haben TBS dann doch noch für uns. Saisongerecht ist es zwar nicht, aber wir begeben uns an den Baggersee. Begleitet wird das Ganze durch den XXL-Wasserball, der vom Publikum getragen wird.
Damit ist dann endgültig Schluss. Woah, was haben wir hier gerade über die letzten neunzig Minuten erlebt? Sowohl die Band als auch das Publikum waren voller Energie und bereit, zu eskalieren. Ich weiss, dass es immer schwierig ist, bereits jetzt über das Konzert des Jahres zu reden, aber die Konzerte im Januar haben jeweils einfach eine Energie, die mit anderen Monaten nicht zwingend zu vergleichen ist – als wolle man den dunklen Monaten bei einem Konzert entfliehen. So oder so bin ich mega happy und dankbar, dass ich das erleben durfte. TBS, kommt gerne wieder!
Das Fanzit – The Butcher Sisters, Callejon
So, nun bin ich massiv ausgeschweift und habe das Konzert in all seinen kleinen und grossen Highlights erzählt. Ich hoffe, dass jene, die nicht dabei waren einen intensiven Einblick erhalten haben und selbst animiert werden, ein TBS-Konzert zu besuchen und jene, die an diesem ereignisreichen Abend dabei waren, nochmals in Erinnerungen schwelgen konnten. Ich hatte eine grossartige Zeit. Ihr hoffentlich auch.


