Metalinside.ch - Amaranthe - Pont-Rouge - Monthey 2020 – Foto-Sandro
Fr, 11. September 2020

Amaranthe – Interview mit Elize Ryd und Olof Mörck

Modern Melodic Metal
24.09.2020
Metalinside.ch - Amaranthe - Pont-Rouge - Monthey 2020 – Foto-Sandro

«Amaranthe ist für mich ein Metal-Musical» – Elize Ryd

Bei unserem letzten Treffen – damals im Februar 2020, also gefühlt in einer anderen Welt – sprach Amaranthe Mastermind Olof Mörck davon (siehe Interview), dass ihr nächstes Studiowerk ein grosser Schritt nach vorne werden würde. Nun steht ihre sechste Scheibe „Manifest“ in den Startlöchern (siehe Review).

Wir haben uns mit ihm – sowie Sängerin Elize Ryd – über kryptische Skype-Adressen, die Bedeutung des Wortes „perfect“, ihre neuen Songs sowie die geplante Tournee zusammen mit Beyond The Black unterhalten. Enjoy!

Metalinside (Sandro): Zuallererst ganz herzlichen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt. Nun, seit unserem letzten Gespräch anfangs Februar in Monthey ist so einiges passiert. Corona hat vieles durcheinander gewirbelt, ihr habt es gerade noch geschafft, rechtzeitig aus Schweden auszureisen, um in die Hanse Studios zu gelangen, und ihr musstet eure Tour mit Beyond The Black verschieben. Abgesehen von allem Negativen, das in den letzten Monaten auf euch herab geprasselt ist – gab es in dieser düsteren Zeit auch den einen oder anderen Lichtblick trotz – oder vielleicht auch gerade – wegen Corona?

Olof: Das war damals auf diesem kleinen Dachboden im Pont Rouge, daran kann ich mich noch gut erinnern, auch wenn es viel länger her zu sein scheint. Um ehrlich zu sein, wir hatten alles in allem wirklich Glück, wenn man bedenkt, wie schlimm es für alle in der Branche lief. Wir konnten unsere Tournee beenden, im Gegensatz zum Beispiel zu Sabaton oder Powerwolf, welche mitten drin abbrechen und nach Hause fliegen mussten. Und wie du richtig erwähnt hast, war Eile geboten, um aus Schweden raus und nach Dänemark rein zu kommen, da wir nur einen Tag vor den Grenzschliessungen davon erfuhren. Allerdings war es nicht ganz so dramatisch, wie es zuweilen dargestellt wird, da das Ganze nur zwei Tage früher als geplant stattfand und das Meiste daher bereits gepackt und ready war.

Wenn du dir aber rein hypothetisch vorstellst, das Ganze wäre nur zwei oder drei Wochen zuvor passiert, so wären die halbe Sabaton-Tour mit uns gecancelt und unsere Aufnahmen für das neue Album wohl verschoben worden. Klar hätte rein technisch die Möglichkeit bestanden, ein anderes Studio zu buchen, aber es wäre nicht dasselbe gewesen – und ich bin mir auch nicht sicher, ob wir das wirklich riskiert hätten… Unser sechstes Album – das erste mit Nuclear Blast – also ein wirklich wichtiges, und dann einfach auf gut Glück ein neues Studio zu wählen… ich denke, ich wäre darüber nicht all zu begeistert gewesen. Was oft vergessen wird ist auch, dass es nebst uns Musikern auch die ganze Entertainment Crew sehr hart getroffen hat; sie sitzen jetzt einfach zu Hause rum, eine furchtbare Situation.

Aber wenn ich dem Ganzen etwas Positives abgewinnen möchte, dann sicher das, dass alle sehr kreativ waren, von den Musikern über die Lichttechniker bis hin zum Leiter der Bühnenproduktion. Ich bin mir sicher, dass wir 2021 einen richtiggehenden Babyboom an neuen Alben und Stage-Shows erleben werden.

MI: Wie hat sich das Ganze bei dir ausgewirkt, Elize?

Elize: Ich habe nun mehr Zeit für Alltagsdinge, jetzt da wir wieder in Schweden sind. Ich bekomme viel intensiver mit, wie es meiner Mutter und Schwester geht – ich werde zum ersten Mal Tante und freue mich sehr darüber. Das Gute ist auch, dass ich zu Hause sein werde, wenn sie zur Welt kommt – etwas, das ich andernfalls verpasst hätte. Und ich empfinde es auch als sehr positiv, jetzt zum ersten Mal seit Jahren das Leben daheim geniessen zu können.

Ein sehr trauriger Moment für mich war der Tod meiner Grossmutter, als wir gerade in Dänemark im Studio waren. Sie durfte nicht gleich beerdigt werden, so dass ich es nach den Aufnahmen dann noch nach Hause zu meiner Familie geschafft habe. Das ist ohnehin etwas vom Schlimmsten – wenn du deine Angehörigen nicht besuchen kannst. Als Musiker ist das etwas, woran du dich gewöhnst, du vergisst einfach alles um dich herum. Aber du hast dich entschieden, diesen Weg zu gehen und musst dann auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Klar, sowas passiert nicht jeden Tag, aber wenn doch, dann wird man sich dessen wieder so richtig bewusst.

Ansonsten versuche ich mir bewusst zu werden, dass ich wirklich ein Teil von dem bin, was da gerade alles passiert. Ich denke, dass ich gut mit unangenehmen Dingen umgehen kann, aber normalerweise ist immer was los und auf einmal habe ich Zeit… Ich denke, es ist auch eine Chance, mehr über mich selbst zu lernen, mich zu erden – und das ohne all die aufregenden Abenteuer, die ich sonst rund um den Globus so erlebe (lacht).

MI: Elize, du hast einen sehr kryptischen Skype-Account – was mich zur nächsten Frage führt: Kann es sein, dass deine grosse Bekanntheit auch Schattenseiten hat? Dass du zum Beispiel an einem Festival nicht einfach so auf dem Gelände herumspazieren kannst wie das zum Beispiel Olof und Henrik letztes Jahr am Greenfield getan haben? Oder eben aufpassen musst, um auf solchen Kanälen nicht belästigt zu werden? Wie gehst du damit um?

Elize: Ou, eine sehr interessante Frage. Es ist nicht so, dass ich mich davor fürchte, mit Fremden zu sprechen, um es mal so zu formulieren (lacht). Aber es ist in der Tat nicht mehr so wie früher. Wenn du dir einfach nur kurz etwas zu Essen holen oder sonst was erledigen möchtest, kann es leicht passieren, dass du unterwegs für längere Zeit hängen bleibst und es nicht mehr rechtzeitig zum Tourbus zurück schaffst – oder du ohne deine erhoffte Mahlzeit zurück kommst – was dazu führen kann, dass dein Immunsystem geschwächt und du im schlimmsten Fall krank wirst. [Kleine Zwischenbemerkung: Eine sehr ähnliche Aussage erhielt ich auch schon von Clémentine Delauney (Visions Of Atlantis – siehe Interview) – scheint also definitiv ein Thema bei Vokalisten zu sein]. Ich bin sehr gerne unter Leuten, und habe auch kein Problem damit, versteh das bitte nicht falsch. Die Zeit ist einfach oftmals das Problem.

Zudem wusste ich bereits vor der Pandemie, wie schnell sich ein Virus ausbreiten kann – wenn du mit jemandem sprichst und dabei zu nahe stehst… Social Distancing existiert bei solchen Festivals eher weniger – daher ist stets meine grösste Sorge, krank zu werden. Eine Erkältung einzufangen ist nie toll, schon gar nicht, wenn man Sängerin ist, darum trage ich dem auch speziell Sorge.

Und ja, ich hatte früher einen Skype-Account mit meinem Namen, aber der wurde von Nachrichten schier überschwemmt, so dass ich schlicht den Überblick verlor, wer eine seriöse Anfrage stellt und wer sich einfach nur mit mir unterhalten möchte. Aber ich erachte es definitiv auch als ein Privileg, dass mir so viel Aufmerksamkeit und Liebe zuteilwird.

MI: Du scheinst viele Facetten in dir zu vereinen: Die sexy Rockqueen auf der Bühne, das fröhliche Dancing-Girl bei den Aufnahmen zu 82nd All The Way, um nur zwei zu nennen. Ich habe mich diesbezüglich auch schon mit Fabienne Erni (Eluveitie / Illumishade) unterhalten… Sie meinte, das Bühnenoutfit und die Schminke würden einen riesigen Unterschied ausmachen, respektive einen in eine andere Person verwandeln. Wie viel Elize Ryd bekommt man auf der Bühne zu sehen?

Elize: Da hast du absolut Recht, ich trage ganz klar viele verschiedene Seiten in mir, und ich mag es auch sehr, diese zu zeigen. Ich denke, je nach Song sieht man auch diesen oder jenen Aspekt von mir deutlich durchschimmern. Und ja, das Stage-Outfit hat sicher auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Ich habe auch keine Angst davor, mal theatralisch oder provokativ aufzutreten, und ich bin sehr froh darüber, mich auch so selbstbewusst geben zu können. Dass ich die Gelegenheit erhalte, diejenige Person zu sein, die ich zu sein fühle – und dafür nicht verurteilt zu werden, wie das im Alltag wohl geschähe. Ich meine, auf der Bühne darf man sein, wer man möchte, und ich denke, dies trifft auch auf das Publikum zu, wenn es zu einem Konzert kommt – das hoffe ich zumindest. Musik bringt bei mir Seiten zum Vorschein, die ich stärker, bewusster ausleben kann als ohne.

MI: Und man erkennt auch, wie viel Spass du dabei hast. Bei eurer letzten Show auf der Sabaton-Tour habt ihr ja mit ihnen zusammen „82nd All The Way“ bestritten – und so einige Sabaton-Fans wünschten sich auf YouTube ein Duett mit dir und Joakim. Ist da schon was geplant – ein gemeinsamer Auftritt am Eurovision Song Contest wäre doch ne coole Sache.

Elize: Oh ich liebe deine Idee (lacht). Geplant ist noch nichts, aber ich würde extrem gerne mit ihm zusammen ein Duett singen. Ich liebe ihre Musik, und die gemeinsame Tour hat enorm Spass gemacht. Sie kommen ja auch aus Schweden, und wir verstehen uns einfach super. Sie machen schlussendlich auch einen unglaublich guten Job, wie sie ernste Themen mit Unterhaltung und positiver Energie verbinden. Ich denke, wir würden bei sowas sehr gut zusammenpassen. Also ja, ich wäre dabei (lacht).

MI: Jetzt liegt der Ball also bei Joakim…

Elize: Genau (lacht)

MI: Kommen wir auf euer neues Album „Manifest“ zu sprechen. Olof, bei unserem letzten Interview im Februar hast du erwähnt, dass ihr versuchen würdet, etwas Neues zu kreieren, dabei aber euren musikalischen Wurzeln treu zu bleiben. Wenn du dir „Manifest“ nun anhörst, wie gut ist es euch gelungen, diese Vision umzusetzen?

Olof:  Ich denke, es lief ziemlich genau so, wie wir uns das vorgestellt haben: Hier und da neue Wege beschreiten, aber dennoch zu dem zu stehen, was Amaranthe ausmacht. Lass es mich so sagen: Der Definition nach ist dieses Album unser Manifest, es steht für das, was wir heute sind. Seit der Veröffentlichung unseres ersten Longplayers sind zehn Jahre vergangen, und wir haben in dieser Zeit viel erlebt. Mit „Manifest“ wollten wir etwas erschaffen, das kraftvoller ist als alles zuvor, das bei den Gitarren heavier daher kommt – kurz: wieder klar in Richtung Metal geht. Wir haben über eine längere Zeit hinweg ziemlich extensiv mit Dance- und Pop- Einflüssen experimentiert, all dem eben. Aber wir sind in erster Linie eine Metalband, und diesen Anspruch wollten wir mit „Manifest“ deutlich unterstreichen.

MI: Wir habt ihr es fertiggebracht, euch so präzise an eure Vorgaben zu halten? Wie lief dieses Mal das Songwriting ab – und hatte Corona resp. euer Exil in den Hansen Studios in Dänemark irgend einen Einfluss darauf?

Olof: Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, hatten wir so 20, 25 oder 30 Basisskizzen oder Ideen für Songs beisammen, die wir nach dem Abschluss unserer Tour mit Sabaton fertigstellen wollten. Das wirklich Lustige daran war dann aber, dass wir in einer wirklich enthusiastischen, kreativen und leidenschaftlichen Stimmung waren, als wir von dieser Tournee zurückgekommen sind – sehr, sehr inspiriert. Also haben wir so ziemlich alles bereits Bestehende verworfen, uns hingesetzt und neue Songs geschrieben (lacht). Daraus entstanden sieben, acht Lieder, die es auch alle aufs Album geschafft haben. Ich denke, es war eine wirklich gute Sache, dass das Songwriting uns so schnell von der Hand gegangen ist, denn was bei einem Amaranthe-Song wirklich Zeit verschlingt, ist das Arrangement. Wenn du aber weisst, dass du einen tollen Song mit coolen Gesangslinien hast, bei dem die Akkordfolgen passen und das Intro-Riff ein Killer ist, dann kannst du dir sicher sein, dass er auch in der Endproduktion nicht scheitern wird.

Und inwiefern uns die aktuelle Situation beeinflusst hat… Ich bin mir sicher, dass jeder Künstler, sei es Musiker, Komponist oder auch Maler, ein bisschen wie eine Antenne funktioniert, die die aktuelle Stimmungslage um sich herum aufnimmt. Wir haben den Song „Viral“ – also Text und Lyrics – bereits vor der Pandemie geschrieben. Das Ganze war fast schon ein wenig prophetisch: Wir mussten den Text nur ein kleines bisschen anpassen, damit er perfekt in die ganze Situation hineinpasste. Ich denke, dieses Album ist gerade auch von den Lyrics her etwas ernster ausgefallen als die vorherigen, und ich bin davon überzeugt, dass das auch eine Auseinandersetzung mit den Dingen ist, die momentan so passieren.

MI: Wie bei „Do Or Die“ oder „Boom!1“ zum Beispiel?

Olof: Genau. „Boom“ ist ziemlich ernst, hat aber auch einige wirklich humoristische Aspekte. Aber nimm Songs wie „Make It Better“, „Strong“ oder eben „Viral“… Es geht etwas weniger um reine Unterhaltung oder den Leuten Energie zu geben; wir verarbeiten in unseren Liedern nun auch etwas ernstere Thematiken, versuchen das aber von der positiven Seite her zu tun.

MI: Bei „Manifest“ habe ich das Gefühl, dass die Gesangsparts viel ausgewogener sind und speziell Nils mehr in den Fokus gerückt ist. Wie hat sich das ergeben?

Olof: Bei „Helix“ war Nils eben erst neu zur Band gestossen, und wir haben versucht, ihn als neuen Sänger der Band langsam, aber stetig zu integrieren. Er hatte einige wirklich starke Vocal-Parts auf diesem Album, war aber doch klar weniger präsent als nun auf „Manifest“. Das liegt in erster Linie daran, dass wir damals noch nicht so genau abschätzen konnten, wie wir für ihn komponieren sollten. Die meisten Gesangslinien stammen ja aus der Feder von Elize, uns so musste sie ihn erst viel besser kennen lernen, sowohl als Person als auch als Sänger, um genau auf ihn zugeschnittene Vocallines schreiben zu können. Er ist zweifelsfrei ein sagenhaft guter Sänger, und so hatten wir auf dem neuen Longplayer das erklärte Ziel, die Gesangsparts zwischen Elize und ihm möglichst ausgeglichen aufzuteilen.

MI: Elize, was schätzt du an Nils als Sänger besonders?

Elize: Die Emotionen, die er in seine Stimme legt, seinen enorm grossen Stimmumfang sowie die enorme Leidenschaft, die er in einen Song mit einbringt.

MI: Ein Thema in Monthey war auch die zentrale Rolle von Elize im Gesamtgefüge von Amaranthe. Und ob du, Olof, dir auch einen Song mit nur den beiden männlichen Stimmen vorstellen könntest. Nun, auf „Manifest“ gibt es nun gleich zwei Tracks ohne Elize – „Boom“ sowie die Neuaufnahme von „Do Or Die“. War das von Anfang an so geplant – also auch schon, als ihr das Duett von Angela und Elize aufgenommen habt?

Olof: „Do Or Die“ war ursprünglich nicht zu 100% für das Album vorgesehen. Und als wir die anderen 11 Tracks zusammen hatten standen wir vor der Wahl, eines der anderen 20 – 25 Lieder zu nehmen, das wir noch in der Pipeline hatten – und da war wirklich noch der eine oder andere Killer-Track darunter – oder eben „Do Or Die“ mit drauf zu packen. Wir fühlten aber, dass es bei einem dermassen starken Song einfach auch ein bisschen eine Schande wäre, wenn er ein Waisenkind bliebe, wenn du verstehst, was ich meine. Allerdings wollten wir es uns auch nicht zu einfach machen, und so haben wir den gesamten Song nochmals neu aufgenommen, die Gitarren, den Bass, die Drums – mit Ausnahme der beiden Gitarrensolos.

Zudem gab es damals auf YouTube so einige Kommentare, dass „Do Or Die“ zwar ein grossartiger Song sei, man aber doch Nils und Henrik vermisse. Also dachten wir uns, machen wir nach der Girls-Version doch eine nur mit den Jungs (lacht). Ich finde, die beiden haben einen super Job gemacht. Aber es stimmt schon was du sagst, Elize ist seit der ersten Stunde ein sehr zentraler Teil der Band. Sie hat nicht diese typische weibliche Metal-Stimme, ihre Klangfarbe geht eher in Richtung Pop, was es halt auch irgendwie einmalig macht – und daher sicher auch den Sound von Amaranthe enorm mitprägt.

Aber allein durch die Tatsache, dass die Vocal-Lines von ihr stammen, ist „Do Or Die“ in der neuen Variante nach wie vor zu 100% ein Amaranathe-Song – und das auch ohne ihre Stimme.  Daher denke ich, dass ihr Songwriting für Amaranthe mindestens ebenso wichtig ist. Und auf Boom ist sie ja ebenfalls nicht vertreten. Ok, man hört sie ein ganz klein wenig im Background Chor…

MI: … sowie die Sprecheinlage „Oh wow, that’s so cool GG, what else goes Boom?“

Olof: … die in Tat und Wahrheit aber von Heidi von den Butcher Babies stammt (lacht).

MI: Ups… (grinst) Elize, war es etwas komisch für dich, auf „Manifest“ nicht bei jedem Song mitzusingen?

Elize: Gar nicht, nein, schliesslich war es ja auch meine Idee. Ich möchte nicht, dass mein Mitwirken zu einem Muss wird, weil dem schlichtweg nicht so ist. Ich fokussiere mich je länger je mehr aufs Schreiben von Songs, und da ist es nur natürlich, dass mein Gesangsanteil etwas weniger wird. Das Songwriting ist etwas, das ich wirklich liebe, und es ist dann toll zu beobachten, was Nils und Henrik daraus machen – wie eben bei „Do Or Die“. Und speziell bei „Boom“ dachte ich mir, dass es auch aus kreativer Sicht einfach fantastisch wäre, wenn die beiden Jungs ein Team bilden würden. Zudem ergibt sich dadurch gerade auch bei Live-Shows die Möglichkeit, eine zusätzliche Dynamik mit ins Spiel zu bringen. Hinter der Umsetzung, der Art und Weise, wie wir es gemacht haben, stecken noch einige Ideen, die jetzt vielleicht noch nicht so offensichtlich sind. Und ich singe ja noch immer bei den Harmonien mit (lacht) – was auch einen grossen Teil unseres Sounds ausmacht, diese „harmony packages“, und ja, ohne meine Stimme würden diese nicht unbedingt nach Amaranthe klingen. Ich habe früher viel als Begleitsängerin gearbeitet, und das Ganze fühlt sich für mich absolut stimmig an. Für das nächste Album hätte ich auch nichts dagegen, mich beim Gesang noch ein wenig mehr zurück zu nehmen und die Jungs die Arbeit erledigen zu lassen (lacht).

MI: Wenn wir gerade vom Songwriting sprechen – Olof hat in der Pont Rouge erwähnt, dass du eine Art Hitgarant seist. Wie gehst du die Arbeit an einem neuen Song an, mit was beginnst du? Mit den Lyrics, der Musik, einem einzelnen Akkord?

Elize:  Es geschieht in meinem Kopf – ich muss da eigentlich gar nichts dafür tun (lacht). Die Songs kommen einfach, und das üblicherweise mitten in der Nacht, oder wenn ich gerade am Einschlafen bin.  Einfach, wenn ich mich entspannen kann. Ich höre eine Melodie und muss diese dann gleich auf meinem Handy aufnehmen.

MI: Ihr habt „Boom“ erwähnt – für mich ist es der überraschendste Song auf „Manifest“. Speziell der Break, dieses Slow Down vor dem Refrain, finde ich sehr speziell. Wie ist er entstanden und gibt es zu diesem Song eine spezielle Geschichte?

Olof: Henrik und ich haben seit den letztjährigen Festivals mit dieser Idee herumgespielt. Du schaust dir auf YouTube die Clips deiner eigenen Auftritte an, und gerade in Finnland hatten, wir wie auch ein paar weitere Bands, jede Menge Pyro dabei. Uns wurde da so richtig bewusst, wie cool es doch wäre, einen Song zu konstruieren, der quasi um die Live-Show herum konzipiert ist. Ich bin überzeugt, dass gerade dieser Track live ein richtiggehendes Eigenleben entwickeln wird, wenn Henrik „Boom!“ schreit und wir die halbe Bühne abfackeln – Feuer und Bomben passen da einfach perfekt (lacht). Auf „Helix“ hatten wir ja bereits mit „GG6“ einen Track am Start, bei dem Henrik im Mittelpunkt stand – so etwas in der Art wollten wir auch auf „Manifest“ machen, dieses Mal aber den Einsatz nochmals deutlich erhöhen, was Technik und Geschwindigkeit der Growls anbelangt – sie wurden in der Tat denn auch ultra-technisch. Wir haben uns – und das mag sich jetzt für einige echte Metalfans vielleicht grauenhaft anhören – von verschiedenen Hip-Hop-Künstler wie Yelawolf oder Eminem inspirieren lassen, einfach aus dem Grund, weil sie einen wirklich grossartigen Speed bei ihren Reimen haben. „Boom“ sollte genau in diese Richtung gehen, einfach mit Growls.

MI: Was auch wirklich perfekt geklappt hat! Ein anderer neuer Song, den ich sehr mag, ist „Crystalline“, die Ballade auf „Manifest“. Der Anfang klingt für mich etwas wie aus einem Musical entliehen. Mögt ihr auch klassische Sachen wie Musicals oder Opern?

Olof: Absolut! Ich bin zu 100% mit klassischer Musik aufgewachsen, und auch in meiner Freizeit beschäftige ich mich momentan vorwiegend mit Filmmusik und Klassik. Und ich finde es toll, diese Einflüsse in unsere Musik mit einfliessen zu lassen. Elize ist ja eine ausgebildete Musicalsängerin und solche Dinge scheinen dann halt von Zeit zu Zeit etwas durch. Aber wir hatten von Beginn weg eigentlich so etwas wie eine stille Übereinkunft – noch bevor wir mit dem Songwriting zu unserem allerersten Album begannen -, dass wir das extrem klassische oder opernhafte Zeugs aussen vor lassen würden. Dies halt auch aus dem einfachen Grund, da es zu jener Zeit schon genügend Bands gab, die genau diese Art von Musik gemacht haben. Ich finde es sehr cool, diesen sehr modernen Sound zu haben, aber ab und zu brechen wir aus und lassen auch etwas mehr klassische Töne zu.

Elize: Wie Olof bereits erwähnt hat, bin ich voll ausgebildete Musical-Sängerin und habe mich auch sehr stark mit dieser Art von Musik befasst. Ich weiss so ziemlich alles darüber, die Geschichte, kenne alle Songs von so ziemlich jedem Musical – ich bin da ein ziemlicher Nerd (lacht). Was aus meiner Sicht auch Amaranthe sehr zugute kommt. Ich habe unsere Band stets als eine Art Musical gesehen, mit verschiedenen Charakteren, unterschiedlichen Stimmern, die diese verkörpern. Für mich besteht da eine grosse Ähnlichkeit. Viele Leute versuchen, uns ein Etikett aufzudrücken, was naturgemäss ziemlich schwierig sein kann. Aber für mich ist es ein Metal-Musical. Zudem liebe ich klassische Musik, und ich bin auch oft zu Ballettaufführungen und in Opern gegangen, als ich jünger war.

MI: Letztes Mal wurde auch erwähnt, dass das kommende Album ein grosser Schritt nach vorne sein soll. Wenn ihr euch „Manifest“ nun anhört, welche Songs würdet ihr als diesen big step forward bezeichnen?

Elize: Eine schwierige Frage… „Archangel“ zum Beispiel, und „Boom“, weil wir da so richtig abgehen. Gerade diesen Track empfinde ich als sehr verspielt, er erinnert mich ein wenig an das Erzählen einer Geschichte. Es sind sehr unterschiedliche Typen von Songs auf „Manifest“ vertreten. Ja, ich würde sagen, diese beiden sind unsere grössten Schritte nach vorn. In meinen Augen stehen alle Songs für eine Entwicklung, die wir durchlaufen haben, und weshalb sich die neuen Sachen auch von den älteren Songs unterscheiden.

Olof: Ich denke, es ist mehr die Vision selbst. Denn was wir wirklich, wirklich versucht haben – und das ist etwas, was ich noch nicht erwähnt habe – war es Songs zu schreiben, welche dann auch zu 100% live funktionieren werden. Deswegen haben wir auf unserer letzten Tour auch sehr genau darauf geachtet, wie Songs wirken – nicht nur bei uns, sondern auch bei Sabaton. Nicht unbedingt aus musikalischer Sicht, sondern eher, welches Tempo wann am besten ankommt, welche Grooves am meisten wirken, welche Tempowechsel, solche Dinge halt. Wie ein Publikum wirklich tickt. Was aber nicht zwangsweise bedeuten muss, dass du alles über den Haufen wirfst oder vereinfachst.

Manchmal schreibst du einen Song, der in deinem Kopf unglaublich gut klingt und vom dem du felsenfest überzeugt bist, dass es das Publikum umhauen wird – aber du kannst dir dessen nie sicher sein. Deshalb stand dies bei unserem Songwriting zu „Manifest“ klar im Fokus. Wir sind mit Amaranthe viel auf Tournee und in einigen Ländern haben wir bereits einen sehr beachtlichen Schritt nach vorn getan. Wie in Finnland zum Beispiel sowie einigen anderen Ländern auch. Daher ist es für uns enorm wichtig, dass Amaranthe diesen nächsten Schritt als eine Einheit vollziehen kann. Wie soll ich das formulieren – wir sind bei Streaming-Diensten wie Spotify oder YouTube etwas übervertreten. Wenn du Schweden nimmst, wo es zwischen 100 und 300 relativ grosse Metal Bands gibt, dann sind wir da bereits in den Top-3 mit rund 1.2 Millionen Zuhörern pro Monat. Vergleichst du das mit Arch Enemy, so haben sie vielleicht die Hälfte unserer Streams auf Spotify, sind aber mindestens doppelt so erfolgreich, was den Live-Markt anbelangt. Wir fühlen, dass unser nächster Schritt auch entschieden in diese Richtung gehen muss – eben, grössere Live-Shows zu spielen.

MI: Wenn wir gerade von Live-Shows sprechen – habt ihr bereits eine Vorstellung davon, welche Songs von „Manifest“ es auf die Bühne schaffen werden?

Olof: Es werden wohl so einige sein, da wir ja auch stark davon ausgehen, dass sie live wirklich sehr gut funktionieren werden. So auf die Schnelle würde ich sicher „Fearless“ nennen, definitiv auch „Viral… „Archangel“, der garantiert ein Killer-Livesong werden wird… „Boom“ mit ziemlicher Sicherheit auch…

MI: Welches sind denn so eure Favoriten auf „Manifest“?

Elize: Momentan gefällt mir „The Game“ sehr. Dann natürlich „Crystalline“, da ich eine grosse Schwäche für Balladen habe. Und „Scream My Name“, von dem ich es kaum erwarten kann, den live zu performen (lacht). Generell ist sowas natürlich auch immer sehr stimmungsabhängig, ändert sich etwas von Tag zu Tag. Aber ich weiss von einigen Leuten, die „Manifest“ bereits gehört haben, dass „Viral“, „Crystalline“ und „Boom“ zu deren Favoriten zählen. „Adrenaline“ liebe ich ebenfalls, da es eine etwas pfiffigere Seite von uns zeigt. Vor langer Zeit haben wir mal einen Song namens „Automatic“ geschrieben, und da haben wir meiner Meinung nach zum letzten Mal diese spezielle Ausstrahlung rübergebracht. Solch unterschiedliche Stimmungen mit rein zu bringen, nicht nur auf einer festzukleben – das war auch eines meiner zentralen Ziele für dieses Album.

Olof: Ich denke, es hängt auch ein wenig davon ab, von welcher Warte aus man es betrachtet. Ich hatte stets eine kleine Schwäche für „Fearless“, denn er umspannt irgendwie die ganze Geschichte dieser Band. Einerseits bringt er etwas von diesem frühen Technischen mit ein, ist sehr heavy, und er hat diesen super catchy Refrain. Dann sicher „Archangel“, bei dem ich die Stimmung und die Lyrics sehr mag – und der dann auch unsere nächste Single inklusive Videoclip sein wird. Das Musikvideo, welches wir in Polen zusammen mit einer Produktionsfirma namens „Group 13* aufgenommen haben, ist wirklich sehr cool geworden. Sie haben zuvor bereits mit Behemoth und ähnlichen Bands gearbeitet und es dürfte ein ziemlicher Kracher werden!

MI: Amaranthe scheinen ein goldenes Händchen dafür zu haben, Gast-Musiker einbindet – nicht einfach nur für ein paar Töne, sondern voll und ganz, in den Versen wie auch im Refrain – wie in „Do Or Die“ mit Angela Gossow oder in „Strong“ mit Noora gesehen. Braucht das eine gewisse Überwindung, um einen Schritt zurück zu treten und einem Gast so viel Raum zu lassen?

Olof: Wir sind es uns gewohnt, mit unterschiedlichen Stimmen zu arbeiten. Ganz zu Beginn hatten wir ja zwei andere Sänger dabei, das ergibt fünf unterschiedliche Stimmen während der letzten acht, neun Jahre. Wir haben also eine gewisse Erfahrung darin, uns an verschiedene Stimmen anzupassen. Als wir „Do Or Die“ mit Angela angegangen sind, haben wir uns die Frage gestellt, wie wir den Song schreiben würden, wenn sie ein neues Mitglied von Amaranthe wäre. Und bei Noora war es nicht gross anders. Wir versuchen, mit den Stärken der jeweiligen Person zu spielen. Im Falle von Noora hörten wir uns einige Sachen von Battle Beast an – sie klingt da wirklich grossartig, insbesondere in den hohen Tönen oder mit ihrer rauen Art zu singen. Also wollten wir ihr gerecht werden und sie nicht dazu zwingen, wie Elize zu klingen.

MI: Stichwort „Strong“: In der ersten Strophe des Songs singt Elize „I’m not perfect in any way“ – ein Statement, dem viele Fans auf YouTube ziemlich heftig widersprochen haben. Olof, wo ortest du so die Stärken und Schwächen von Elize?

Olof: (lacht) Ich denke, ihre Stärken sind offensichtlich. Sie ist eine sehr gut aussehende, sehr talentierte Sängerin. Und auch beim Komponieren macht ihr so schnell niemand was vor. Ich kenne keine andere Person, die so viele Vocal-Lines in einer so kurzen Zeit produzieren kann. Und was ich auch erwähnen möchte: Sie ist eine sehr, sehr gute Freundin und das schon seit 15 Jahren. Sie hat bei meiner Frau und mir in unserem Sommerhaus die Ferien verbracht und heute Abend kommt sie zum Essen vorbei. Ich meine, nur weil wir Bandkollegen sind und sehr viel Zeit gemeinsam auf Tour verbringen, bedeutet das nicht, dass wir weniger gute Freunde sind.

Und ihre Schwächen… Sie kann zuweilen eine absolute Perfektionisten sein, was ihre Liveperformance anbelangt. So kann sie nach einem Auftritt vor 30’000 Leuten – wie in der Tschechischen Republik – wo wirklich alles gepasst hat und alle einfach nur überglücklich waren, dazu neigen, allen von einem klitzekleinen Fehler zu erzählen, der sonst niemand bemerkt hat. Das ist sehr, sehr typisch für sie. Man kann das natürlich als Stärke werten, aber manchmal sollte sie einfach etwas schneller loslassen können. (lacht)

Elize: Die andere Sache ist, dass viele Leute die Bedeutung des Wortes „perfekt“ missverstehen. Eigentlich ist damit gemeint – wenn man sich zum Beispiel auf die Bibel bezieht – „ganz“ respektive „vollständig“ zu sein. Dahingehend, dass man keine Möglichkeit hat, sich noch weiter zu entwickeln. Daher denke ich auch, dass es eine gute Idee war, „Strong“ mit genau diesen Worten zu eröffnen. Ich selbst bin noch lange nicht „perfekt“, nicht „vollständig“, da es noch so vieles gibt, das ich erfahren möchte. Irgendwann mal Mutter zu werden zum Beispiel. Oder wenn man mir negative Kommentare  an den Kopf schmeisst und ich deswegen traurig bin… Wäre ich „perfekt“, dann dränge das gar nicht erst zu mir durch, dann würde diese ganze negative Energie einfach an mir abprallen – eben, weil ich dann „strong enough“ wäre, um solche Einflüsse von mir fern zu halten, um es mal so zu formulieren. Ich sehe das eher aus dieser Perspektive. „Perfekt“ zu sein hat nichts mit deiner Karriere oder deinem Aussehen zu tun – das sind schlussendlich nur Oberflächlichkeiten.

MI: Nach der Veröffentlichung eines neues Albums geht ihr für gewöhnlich auf Tour. Jetzt aber fällt das ja erst mal flach und ihr habt sehr viel Zeit, fast ein halbes Jahr. Wie plant ihr diesen Break zu nutzen?

Olof: Wir haben ja quasi zum Start der Corona-Pandemie mit den Aufnahmen zu „Manifest“ begonnen, und seither eigentlich stets auf die eine oder andere Weise beschäftigt. Die Arbeiten im Studio waren das eine, danach kam die ganze PR-Kampagne, die primär Elize und ich bestreiten. Dann die Drehs der Musikvideos, Foto-Shootings. Voraussichtlich werden wir mindestens sieben Clips aus „Manifest“ veröffentlichen. Zudem haben wir noch einen kleinen Promo-Trip nach Polen, Deutschland, Frankreich und Helsinki in Finnland unternommen – was uns organisatorisch einiges abverlangt hat. Wir wollten das Ganze so sicher wie möglich gestalten, so dass wir nur Flüge buchten, die nahezu menschenleer waren. Die Interviews selbst haben wir in grossen Suiten leerstehender Hotels durchgeführt, wo das Social Distancing optimal eingehalten werden konnte.

Aber generell betrachtet hat sich der Rummel in den letzten ein, zwei Wochen doch etwas gelegt – was uns wiederum Zeit gibt, vermehrt über unsere zukünftigen Live-Shows nachzudenken, und wie wir diese auf das nächste Level hieven können. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um genau solche Dinge anzugehen. Wäre diese spezielle Situation nicht eingetreten, so hätten wir uns darüber während den Studioaufnahmen Gedanken machen müssen.

Für uns ist es natürlich auch sehr tragisch, dass wir die ganzen Sommerfestivals sowie die US- und Europatour nicht bestreiten konnten, aber wenn man das Positive daran sehen möchte, dann wird es aus meiner Sicht nicht mehr allzu lange dauern, bis wir zur… sagen wir zu einer relativen Normalität zurückkehren können. Und ich bin überzeugt, dass wir – sowie ein riesiger Haufen anderer Bands – gestärkt aus dieser ganzen Situation hervorgehen werden. Uns allen wurde in den letzten Monaten vor Augen geführt, was wir vermissen – halt auch, weil wir das alles in der Vergangenheit irgendwie ein ganz klein wenig als selbstverständlich erachtet haben – sowohl die Bands als auch die Konzertbesucher. Früher konntest du zu einem Event gehen, wann immer du wolltest; jetzt ist es zu etwas Speziellem, ja Einzigartigen geworden.

MI: Wie wahr! Nichtsdestotrotz plant ihr im kommenden Frühjahr zusammen mit Beyond The Black auf eine Co-Headlinertournee zu gehen. Ich hatte vor rund drei Wochen die Gelegenheit, mich mit Jennifer zu unterhalten, und auch sie brennt richtiggehend darauf, endlich wieder live durchstarten zu können (siehe Review). Wie beurteilst du dieses Package, wie gut passen Amaranthe und BtB zusammen?

Olof: Ich bin mir sicher, dass diese Kombination sehr gut passen wird, da wir vieles gemeinsam haben. Wir beide teilen diese eher modernere Vorstellung davon, wie das Songwriting und die Produktion ablaufen soll. Beyond The Black ist meiner Meinung nach eine sehr fortschrittliche Band, vorausschauend, in welche Richtung sie sich bewegen möchten. Ihre Musik enthält zwar recht viele Symphonic-Elemente, aber sie versuchen nicht, sich als Nightwish-Clone zu positionieren. Sie ziehen ihr eigenes, sehr spezielles Ding durch. Zudem bin ich davon überzeugt, dass wir auch persönlich sehr gut miteinander auskommen werden. Wir haben sie bei zwei Shows in Finnland getroffen, davor vielleicht noch vier oder fünf Mal – sie sind sehr nett. Jennifer ist zudem eine sehr talentierte Sängerin und sie sind auch sehr gut im Songwriting respektive Arrangieren ihrer Lieder. Ich kann wirklich nur Gutes über sie erzählen und auch wir freuen uns extrem darauf, zusammen diese Tournee bestreiten zu können.

MI: Elize, du hattest mit „Wounded Healer“ ja einen Gastauftritt auf ihrem aktuellen Album „Horizons“. Eure Stimmen scheinen sich nahezu perfekt zu ergänzen – wie war die Zusammenarbeit?

Elize: Vielen Dank für das Kompliment! Wir haben uns beide enorm auf diese Tour gefreut, die aus bekannten Gründen ja dann auf kommendes Jahr verschoben wurde. Ich habe die Vocals unmittelbar nach der Rückkehr von unserer Tour mit Sabaton eingesungen. Ich war damals in Göteborg, sie haben mir die Dateien geschickt, und ich habe mich gleich in diesen Song verliebt. Es sind Vocalmelodien, wie ich sie selbst wohl nie schreiben werde und es war wirklich sehr, sehr aufregend für mich, das Ganze für einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben – schliesslich war es ja ihr Song. Ich mag Jennifers Stimme sehr und denke, „Wounded Healer“ ist uns wirklich gelungen – umso mehr freue ich mich darauf, diesen Song dann mit ihr zusammen auf der Bühne singen zu können.

MI: Gibt es eigentlich Songs, die ihr live besonders gerne spielt?

Olof: Ich habe so meine Favoriten. (lacht) So gibt es zum Beispiel auf unserem allerersten Album einen Track namens „Call Out My Name“, der schon sehr lange der erste Song der Zugabe oder der letzte davor ist. Es liegt irgendwie am Tempo dieses Songs, am Groove oder an der Stimmung, die er ausstrahlt, der ihn für mich so speziell macht und die Leute dazu bringt, wie wild herum zu hüpfen und total auszuflippen. Und dann natürlich „Drop Dead Cynical“, den wir schon sehr, sehr lange als Rausschmeisser verwenden und jedes einzelne Mal wirklich sagenhaft funktioniert. Aber wenn ich jetzt gerade so darüber nachdenke, so würde ich eigentlich ziemlich jeden Song gerne live spielen (lacht).

Elize: „Drop Dead Cynical“ funktioniert wirklich immer und überall. Aber er ist live auch furchtbar schwierig zu singen. Somit ist er sowohl mein Lieblingssong als auch derjenige, vor dem ich mich live am meisten fürchte. Er enthält sehr viel hohe Töne, immer voll geradeheraus, wenn du weisst, was ich meine (singt den Refrain). Es ist eigentlich paradox – ich mag es, mich selbst mit diesem Song herauszufordern, und wenn ich gesund bin, ist es auch überhaupt kein Problem. Aber wenn ich mir zum Beispiel nur eine kleine Erkältung eingefangen habe, ist „Drop Dead Cynical“ eine echte Herausforderung.

Und sonst… ich finde es immer toll, die neuen Songs zu spielen – nach dem Release eines Albums kann ich es jeweils kaum erwarten, da raus zu gehen und die neuen Sachen zu performen und zu schauen, wie sie ankommen und aufs Publikum wirken. Und dann gibt es natürlich Songs, bei denen ich es bereue, sie je geschrieben zu haben, wie zum Beispiel „Countdown“, welcher live extrem schwierig zu singen ist – speziell, wenn man gleichzeitig dazu noch auf und ab hüpft (lacht). Diesbezüglich habe ich mir im Hinblick auf „Manifest“ auch so meine Gedanken gemacht, und ich denke ich weiss jetzt, auf was ich inskünftig achten muss. Und dann noch „Electro Heart“, welcher zu meinen absoluten Lieblingssongs zählt, den wir aber schon eine ganze Weile nicht mehr im Set hatten.

MI: Gibt es handkehrum auch Songs, die ihr am liebsten aus dem Programm kippen würdet, die von den Fans aber nach wie vor gefordert werden?

Olof: Ich weiss nicht – diese Frage ist wirklich schwierig zu beantworten… Es gibt Songs, die wir nun schon während unserer ganzen Karriere mit Amaranthe spielen, wie „Hunger“ und „Amaranthine“ vom ersten Album, aber die Sache ist die, dass sich die Songs jeweils völlig unterschiedlich entfalten, wenn du sie live spielst… So macht es zum Beispiel einen gewaltigen Unterschied, ob wir in sehr grossen Hallen oder aber in diesem wirklich kleinen Club [gemeint ist die Pont Rouge in Monthey – siehe Review] in der Schweiz spielen, der an unserem Day-Off von der Sabaton-Tour perfekt gelegen war. Wenn wir „Amaranthine“ dort spielen, entsteht eine magische Atmosphäre, da wirklich jeder mitsingt, jeder den Song kennt. Performen wir ihn aber im Wembley, dann hören ihn viele Leute zum allerersten Mal… Als Komponist oder generell als Künstler erlebst du dein Lied so jedes Mal auch aus einem völlig neuen Blickwinkel. Von dem her gibt es momentan keinen Song, den ich aus dem Set schmeissen möchte – aber frag mich das doch noch einmal in zehn Jahren (lacht).

Elize: Nun, vielleicht „Hunger“ und „Amaranthine“… ich habe die schon so oft gesungen, mit der Zeit wird es dann einfach etwas langweilig…

MI: Würdet ihr sagen, dass ihr in der Schweiz populär seid?

Olof: Ich weiss nicht so recht… ich denke, dass unsere Live-Shows bei euch eigentlich immer recht gut angekommen sind. Wir haben im Z7 vielleicht fünf oder sechs Mal gespielt, und bei jedem Gig kamen mehr und mehr Leute, und wir hatten auch ein tolles Feedback vom Merchandise-Stand. Von dem her denke ich, dass die Schweiz sehr gut zu uns war. Und wenn ich mir die Ticketverkäufe für die Co-Headlinertour zusammen mit Beyond The Black ansehe, bevor sie wegen Corona verschoben werden musste, so lief es da bereits besser als je zuvor bei euch – wofür wir wirklich sehr dankbar sind!

MI: Kommen wir nochmals auf euer neues Album „Manifest“ zurück. Am Ende des Videoclips von „Viral“ ist euer Logo als Bat-Symbol zu sehen. Mal angenommen, ihr hättet die Chance, im Remake eines Films mitspielen zu können, welcher wäre das? Und welche Rolle würdet ihr gerne spielen?

Olof: Eine sehr gute Frage, der Remake eines Films… Ich denke, dass Amaranthe – also die ganze Band – perfekt zu „Matrix“ passen würde. (lacht) Musikalisch wäre das eine perfekte Kombination mit diesem ganzen Electric-Touch. Und mit diesen Matrix-Brillen sowie dem ganzen Outfit würden wir einfach knallhart aussehen.

Elize: Ich möchte Catwoman in Batman spielen… was sonst (lacht herzhaft).. Und Simone Simons soll dann die Rolle von Poison Ivy übernehmen.

MI: Zum Abschluss: Gibt es eine Frage, die ihr schon immer beantworten wolltet, welche euch aber noch nie gestellt wurde?

Elize: Oh mein Gott, du bringst mich mit deinen Fragen wirklich ins Schwitzen… (lacht) Gestern ist mir irgendetwas in der Art im Kopf herumgegeistert, aber natürlich habe ich es in der Zwischenzeit wieder vergessen. Nej… Ich denke, mir wurden im Verlauf meiner Karriere bereits so viele Fragen gestellt, dass mir gerade keine einfällt, die nun superwichtig wäre – zumindest für den Moment. Vielleicht fällt mir aber was ein, wenn wir das nächste Mal miteinander sprechen.

Olof: Hmmmmm… Du machst das sehr clever und lässt mich deine Arbeit erledigen (lacht). Ich denke, ich wurde noch nie gefragt, welches mein Lieblingsbuch sei. Und wenn man mich das fragen würde, so wäre meine Antwort: „Paradise Lost“ von John Milton. Bevor wir „Manifest“ aufgenommen haben, habe ich diese Buch zum wiederholten Male gelesen, und meiner Meinung nach ist Milton hinter Shakespeare nach wie vor der wahrscheinlich brillanteste Autor, der je etwas in englischer Sprache verfasst hat. Es ist ein wirklich, wirklich, wirklich anspruchsvolles Buch, da es in Versen geschrieben und die Sprache recht antiquiert ist… Aber als ich es dieses Mal verschlungen habe, tat ich es mit mehr geschichtlichem Hintergrundwissen, speziell was England im 17. Jahrhundert anbelangt. Ich hatte lange Zeit Mühe damit zu erfassen, um was es in dieser Geschichte wirklich geht, und genau das haben wir jetzt textlich auf unserer nächsten Single „Archangel“ – und in gewissem Sinne auch im Videoclip – eingefangen. Dieser Song ist also quasi meine kleine Hommage an John Milton.

MI: Elize, Olof – ganz herzlichen Dank für dieses sehr spannende Interview, und ich freue mich schon jetzt darauf, euch am 27. April 2021 dann hoffentlich live in Zürich sehen zu können.

Nachtrag: Interviews benötigen in der Regel keiner grossen Erklärung – in diesem Fall sind jedoch ein paar einleitende Worte sicher nicht verkehrt. Die Gespräche mit Olof Mörck (08.09.2020) und Elize Ryd (11.09.2020) fanden via Skype einzeln an zwei unterschiedlichen Tagen statt. Die Fragen wurden dabei so gewählt, dass allgemeingültige Themen an beide, spezifische Punkte nur an die entsprechende Person gingen. Die nachfolgende Niederschrift ist also ein Mix beider Gespräche – ohne dabei jedoch den Wortlaut der jeweiligen Aussagen anzupassen.

Amaranthe – Manifesto ab Release reinhören und Mediabook portofrei (vor-)bestellen

 

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24.09.2020
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