Metalinside.ch - Jinjer - Hall of Fame Zürich 2020 - Foto Shariah
Fr–Sa, 18.–19. September 2020

Jinjer, Sickret, I Cut Out Your Name

Hall of Fame (Wetzikon)Musigburg (Aarburg, CH)
/ 28.09.2020

Ukrainische Delegation in der Schweiz 

Lange war das Schicksal der beiden Konzerte von Jinjer in unseren Gefilden unklar – natürlich aus den bekannten Gründen. Doch dann folgte eines Tages die gute Nachricht: Durchführung klappt! Ich habe der Show in der Musigburg beigewohnt. Erlebnisse und Eindrücke findet ihr in den nachfolgenden Zeilen. 

Die Band um Frontfrau Tatiana Shmailyuk zeigt der vorherrschenden Seuche den Mittelfinger. Mit einer Mini-Tour durch Deutschland und die Schweiz wollen sie die Durststrecke beenden und endlich wieder in den Genuss des Live-Feelings kommen. Eine goldene Nase werden sich die Musiker mit diesen sechs Stationen sicherlich nicht verdienen, aber von den Fans wird die Aktion trotzdem extrem geschätzt. Die Vorfreude ist überall ausgezeichnet spürbar.

Für einmal lande ich nicht in der Wetziker Ruhmeshalle (da spielen Jinjer nämlich morgen), sondern in der Musigburg in Aarburg. Der letzte Aufenthalt liegt auch schon eine Weile zurück. Das müsste wahrscheinlich bei Killer und Piranha irgendwann Ende Februar dieses Jahres der Fall gewesen sein. Da war die Welt schliesslich noch halbwegs in Ordnung…

Die Location ist in zwei Sektoren aufgeteilt. Vor der Bühne tummeln sich diejenigen Leute, welche ihre Tickets via eventfrog.ch erworben haben. Aufgrund meiner See-Tickets (ehemals Startticket) landet meine Wenigkeit im hinteren Bereich des Saals. Absperrgitter in der Mitte lassen eine dezente Knastatmosphäre aufkommen. Hier findet man übrigens den kleinen Merch-Stand. Jede Zone verfügt zudem über eigene sanitäre Anlagen und separater Bars. Insgesamt handelt es sich also um eine vertretbare Lösung, welche die Veranstalter da anbieten. Des Weiteren können wir im nahegelegenen Aussenbereich jederzeit frische Luft schnappen.

Allein müssen die Osteuropäer den Laden keinesfalls schmeissen. Unterstützung gibt’s einerseits von Sickret (unserer Antwort auf Limp Bizkit) und I Cut Out Your Name. So, ist alles angerichtet? Dann können wir ja loslegen, oder?

I Cut Out Your Name

Akteur numero uno stammt aus dem Südwesten Deutschlands und ist scheinbar ebenfalls irgendwie mit Basel verwurzelt. Die Jungs sind im Hardcore-Genre angesiedelt und agieren mit zwei Sängern. Dank Christian und Johnny kommt die ganze Geschichte fraglos wuchtig ums Eck. Erwähnenswert sind zudem die ausschliesslich deutschen Texte. Ich bezeichne sie deshalb spasseshalber als «Hardcore-Varg». Logischerweise haben sie mit den deutschen Pagan Metallern nicht viel am Hut, aber wenn man auf der Hinfahrt fleissig die neue Scheibe der Wölfe rauf und runter gehört hat, setzt sich da eben einfach etwas im eigenen Schädel fest.

Das Publikum agiert ziemlich passiv und lässt sich – bis auf ein paar wenige Ausnahmen – kaum zu grossartigen Bewegungsübungen animieren. Dadurch bleibt ein allfälliger Warm-Up-Effekt bedauerlicherweise mehrheitlich aus. Trotz der verhältnismässig kurzen Spielzeit von 25 Minuten findet der Sechser noch Zeit für witzige Anekdoten. So lernen wir beispielsweise, dass man bei Tinder-Dates stets wohl oben als auch unten herum eine Maske tragen sollte. Obendrein sorgt einer der Klampfer mit seinen Tennis-Klamotten für Lacher.

Sickret

Die Nu Metaller aus Sursee platzieren den Fuss brav auf dem Gaspedal und dürfen sich ausserdem an einer etwas aktiveren Zuhörerschaft erfreuen. Einzig Fronter Timmy wirkt gesanglich – vor allem bei den Growls – nicht so souverän wie sonst. Oder liegt’s eventuell an der Abmischung? Diese scheint in dieser Hütte nämlich auch keineswegs konstant lupenrein zu sein. Dass dies dann der Headliner ebenfalls zu spüren bekommen wird, wussten wir zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich noch nicht.

Mit «Heavy Shadow» hat das Quartett einen brandneuen Track im Gepäck. Wir seien die ersten, die dieses Liedgut zu hören bekommen. Klingt diskussionslos vielversprechend. Altbewährte Nummern wie «Pomme de Terre» funktionieren jedoch genauso. Beim nächsten Mal bringe ich eventuell tatsächliche eine Kartoffel als Gag mit. «Mon dieu!», diese Virus-Ära hat meiner kreativen Denkzentrale offenbar geschadet. Das sind verhältnismässig schon komische Ideen.

Nach einer guten halben Stunde räumen Sickret das Feld und machen Platz für den Headliner. Bei dessen Performance dürfte schliesslich das Drum Set in der Bühnenmitte zum Einsatz kommen. Die Trommler beider Vorgruppen wurden nämlich mit ihren Klopf-Küchen jeweils in die Ecke gepfercht.

Jinjer

Drei rechteckige LED-Bildschirme im Hintergrund werden zusätzliche Animationselemente für den Gig von Jinjer liefern. Zurzeit ist darauf ein Countdown zu sehen, dessen Ende die Fans sehnlichst erwarten. Dieses Element kam bereits beim letzten Schweizer Gastspiel im Dezember des vergangenen Jahres zum Handkuss (den dazugehörigen Bericht von Kollege Domi könnt ihr übrigens gerne hier studieren). Jetzt ist die Musigburg sowieso rappelvoll. Ausverkaufte Bude! Es möge beginnen!

Begleitet von zahlreichen Jubelrufen schreiten die Künstler die Treppe hinunter zu ihrer «Spielweise». Yes! Die Ukrainer werden wirklich auftreten. Jetzt kann überhaupt nix mehr schief gehen. Spätestens mit «Teacher, Teacher!» verfliegen auch die allerletzten Zweifler-Gedanken.

Nach meinem persönlichen Gusto agieren die Osteuropäer klar besser als damals im Dynamo. Das Gemisch aus Groove und Progressive Metal gepaart mit Metalcore verfehlt seine Wirkung auf gar keinen Fall. Hapern tut es lediglich – wie zuvor angetönt – unglücklicherweise bei der Gesangsabmischung. Die unzufriedenen Blicke und Gesten seitens Frau Shmailyuk in Richtung der Technik-Abteilung sind völlig nachvollziehbar. Ungefähr nach der Hälfte des Auftritts scheinen die richtigen Knöpfe endlich gefunden worden zu sein. Diese facettenreiche Stimme, welche den Spagat zwischen Growls und Klargesang wunderbar auf die Reihe kriegt, will logischerweise würdevoll in Szene gesetzt werden. Optisch ist Tatiana eh ein Hingucker. Ihre Hosen setzen die «richtigen» Körperstellen in den Fokus und sind aufgrund dessen auch nicht komplett jugendfrei.

Im Zentrum des Interesses steht die aktuelle Platte «Macro» mit der Jinjer eine echte Duftmarke gesetzt haben. Diese Songs zeigen deutlich, dass man diese Truppe nicht unterschätzen sollte und ihr Höhenflug durchaus eine Weile weitergehen könnte. Vladislav Ulasevich prügelt engagiert auf seine Felle ein, Roman Ibramkhalilov haut bockstarke Riffs raus und Eugene Abdiukhanov ist zweifelsohne ein Bass-Maestro. Macht also nicht den Fehler, die Gruppe bloss auf ihre Frontdame zu reduzieren. Die drei Herren sind nämlich ebenfalls essenzielle Elemente für dieses Gefüge.

Ausgelassene Stimmung und geniale Musik lassen einen vieles vergessen  – dazu gehören unter anderem auch die Zeigerumdrehungen an der eigenen Uhr. Doch ohne Zugaben muss niemand den Heimweg antreten. Mit «Pisces» und «The Prophecy» dreht der Headliner eine gefeierte Ehrenrunde. Nach diesen gelungenen 75 Minuten sind der Feierabend und ein bisschen Entspannung fraglos hundertprozentig verdient. Merci Jinjer!

Das Fanzit – Jinjer, Sickret, I Cut Out Your Name

Sickret und insbesondere Jinjer gaben heute Abend klar den Ton an. Die Musigburg hat die von Auflagen geprägte Organisation gut hinbekommen. Der Gesang hätte jedoch ungeniert besser abgemischt sein können – ja sogar müssen! Dafür war mir der Zeitplan absolut sympathisch, denn ich wäre mit dem öffentlichen Verkehr noch locker zurück nach Winterthur gekommen.

Von mir findet ihr zu diesem Event bloss Text. Aber morgen in Wetzikon könnte allenfalls Kollegin Shariah Bilder aus dem Hall Of Fame liefern (Anm. d. Red.: Aber klar, doch siehe nachfolgend). Falls ihr auf Illustrationsentzug sein solltet.

Abschliessend kann ich euch das Interview von Jinjer mit dem deutschen Radio Rockantenne empfehlen. Dort sprechen Tatiana und Eugene unter anderem über die Bürokratie-Hölle, welche sie durchleben mussten, um diese Mini-Tour überhaupt durchführen zu können. Da leidet man regelrecht mit und ist ihnen gleich nochmals dankbarer für ihre Performances.

Setlist – Sickret

  1. Tortured
  2. Pressure
  3. So Sick
  4. Revelation
  5. Heavy Shadow (neuer Song!)
  6. Greetings From Babylon
  7. Pomme de Terre
  8. 420

Setlist – Jinjer

  1. Intro
  2. Teacher, Teacher!
  3. Sit Stay Roll Over
  4. Ape
  5. Judgement (& Punishment)
  6. I Speak Astronomy
  7. Who Is Gonna Be The One
  8. Noah
  9. Retrospection
  10. On The top
  11. Pit Of Consciousness
  12. Home Back
  13. Words Of Wisdom
  14. Pisces*
  15. The Prophecy*
  16. *Zugabe

Fotos Jinjer, Sickret, I Cut Out Your Name – Hall of Fame (Shariah)


Wie fandet ihr das Konzert?

/ 28.09.2020
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