Eye Of Melian – Interview mit Johanna Kurkela und Martijn Westerholt
O.S.T., Symphonic Rock
Eine Reise in das Herz des mystischen Klangwalds
Wenn sich die orchestrale Handschrift von Delain-Gründer Martijn Westerholt mit der ätherischen Stimme der finnischen Ausnahmesängerin Johanna Kurkela verbindet, entsteht weit mehr als nur ein Album – es öffnet sich ein Refugium jenseits des Alltags.
Mit ihrer neuesten Schöpfung «Forest of Forgetting» (siehe Review) laden Eye Of Melian dazu ein, die Realität für einen Moment hinter sich zu lassen und tief in ein sagenumwobenes Klangreich einzutauchen. Wir haben mit dem Duo über die heilende Kraft der Melancholie, den bewussten Verzicht auf Gitarren und das tiefe Vertrauen gesprochen, das diese Tonkunst durchzieht.
Das Tolkien-Universum ist reich an Legenden, doch nur wenige Figuren verkörpern die Macht des Gesangs so eindrucksvoll wie die Maia Melian. Dass Johanna und Martijn ihr gemeinsames Herzensprojekt nach ihr benannt haben, ist daher alles andere als Zufall. Was einst als spielerisches Experiment begann, hat sich über die Jahre zu einer festen Grösse im Bereich des Cinematic Folk entwickelt – getragen von Atmosphäre, Emotion und erzählerischer Tiefe.
Im Vorfeld der Veröffentlichung von «Forest of Forgetting» trafen wir uns per Video-Call zu einem Gespräch, das ebenso offen und warmherzig war wie die Klänge von Eye Of Melian selbst. Vom ersten kreativen Funken bis hin zu einer überraschenden Hommage an eine Heavy-Metal-Legende: Dieses Interview gewährt Einblicke in das Reifen eines Opus, das das Potenzial hat, zu einem der zauberhaftesten Highlights des Jahres zu werden.
Dass die Faszination von Eye Of Melian auch ohne orchestralen Pomp funktioniert, zeigte sich bereits beim digitalen Vorgeplänkel. Es herrschte augenblicklich eine wohlige Vertrautheit, als sässe man gemeinsam am Lagerfeuer im Auenland statt vor kalten Bildschirmen. Als Martijn schliesslich mit einer charmanten «typisch-Musiker-Verspätung» in den Video-Call stolperte, war die Runde komplett und bereit für den Sprung in fremde Sphären.
Ein musikalisches Puzzle ohne Kompass
Metalinside (Sandro): Eure Band ist nach einer der musikalischsten und mächtigsten Figuren aus Tolkiens Legendarium benannt. Wenn jemand Eye Of Melian noch nicht kennt und zum ersten Mal «Forest of Forgetting» hört – welches Bild sollte dabei vor dem inneren Auge entstehen?
Martijn: Ich glaube, das ist eine Frage für dich, Johanna.
Johanna: Für mich ist es ganz klar eine visuelle Vorstellung. Ich sehe vor mir, wie man einen mystischen Wald betritt – einen Ort, an dem man seine Lebensgeschichte, all die Sorgen, die man jahrelang mit sich herumgetragen hat, für einen Moment vergessen darf. Man lässt sich treiben und fühlt sich in seiner seelischen Essenz neugeboren. Es geht darum, sich an das zu erinnern, was im Leben wirklich zählt. Ein Ort wie Bruchtal oder die Elbenwälder aus «Der Herr der Ringe» wäre das optimale Sinnbild, das wir vermitteln möchten.
MI: Das Album beginnt mit «Of Willows and Shadows» – sehr sanft, fast wie ein Tor zu dieser Welt. Warum war dieser Song der richtige Einstieg in eure akustische Reise?
Martijn: Das ist eine gute Frage. Wenn alle Tracks fertig sind, fängt man an, sie in eine Sequenz zu bringen und zu schauen, wie sie fliessen. Dieses Lied ist ein grossartiger Botschafter für das gesamte Werk. Es ist sehr sanft, besitzt aber auch diese epischen Momente und vereint viele Elemente, die man später wiederfindet. Zudem muss der Übergang zum nächsten Stück passen – es ist wie ein Puzzle. Manche Bands ordnen die Tracks nach der Reihenfolge ihrer Entstehung an, aber das haben wir hier vermieden. «Of Willows and Shadows» setzt mit seiner Mischung aus Sensibilität und Erhabenheit das ideale Fundament.
MI: Gab es während des Songwriting-Prozesses ein Stück, bei dem ihr wusstet: Das ist der Schlüssel zum gesamten Album?
Martijn: Ich habe das persönlich nicht so empfunden. Es gab Titel, die anspruchsvoller waren als andere – «Dawn of Avatars» zum Beispiel. Manche Stücke brauchen Zeit, man legt sie beiseite und kehrt später zu ihnen zurück, während andere fast wie von selbst entstehen. Es gibt für mich nicht den einen Ankerpunkt, der alles zusammenhält. Wenn man erst einmal fünf Songs beisammen hat, erkennt man ohnehin den roten Faden, an dem sich das Opus orientiert.
Johanna: Ich möchte noch ergänzen: Da dies erst unser zweiter Longplayer ist, haben wir noch keine allzu lange Geschichte. Ich erinnere mich aber, wie aufgeregt ich war, mit der Arbeit an «Forest of Forgetting» zu beginnen. Die erste Platte war eine so grosse Offenbarung für uns – diese Welt zu entdecken und greifbar zu machen. Darauf aufzubauen, war ein Abenteuer, auf das ich mich sehr gefreut habe. Es ist immer ein Privileg, neue Kompositionen von Martijn zu erhalten und zu hören, wohin sie einen führen.
MI: Welcher Song hat euch musikalisch oder emotional am stärksten aus eurer Komfortzone gelockt?
Martijn [überlegt]: Überraschenderweise gab es bei Eye Of Melian keine solchen Momente des Widerstands. Ich meine das absolut positiv: Der Entstehungsprozess war so organisch, dass ich nie das Gefühl hatte, gegen Mauern zu rennen. Wo andere Produktionen oft ein hartes Stück Arbeit sind, liessen wir uns hier treiben. Es war ein reiner Flow – die Zusammenarbeit mit Johanna, Mikko [P. Mustonen, Orchesterarrangements] und Robin [La Joy, Lyrics] war für mich fast schon wie Balsam für die Seele.
Johanna: Mir geht es absolut genauso. Ich weiss tief im Inneren, dass dies die Musik ist, für die ich geboren wurde. Alles an ihr fühlt sich in meinem Körper und in meiner Stimme harmonisch an. Auch wenn Martijn die Songs schreibt, scheinen sie direkt aus meinem eigenen Herzen zu entspringen. Wir haben hier einen sicheren Hafen gefunden. Die Lieder sind gross, und der Stimmumfang ist anspruchsvoll, aber wenn es eine Hürde gab, dann war es immer eine positive Erfahrung.
Nuancen statt Riffs: Die Architektur der Emotionen
MI: Es gibt Personen, die Klänge wie Farben sehen. Welche Nuance dominiert in «Forest of Forgetting»? Ist es das tiefe Grün des Waldes oder eher das kühle Blau von «Blackthorn Winter»?
Johanna: Ich wünschte, ich könnte Farben so klar wahrnehmen wie manche Menschen mit Synästhesie. Ich bin eher ein Typ für visuelle Landschaften. Bei «Forest of Forgetting» sind es aber definitiv Grün- und Blautöne – mystisch leuchtend und vibrierend.
MI: Martijn, bei Delain arbeitest du oft mit schweren Gitarren. Hier fehlen sie komplett. Wie schwierig war es, dieselbe Epik nur mit Klavier, Streichern und Gesang zu erzeugen? Und was hast du dabei über dich als Komponist gelernt?
Martijn: Eine spannende Frage. Ehrlich gesagt habe ich die Gitarren nie vermisst. Die orchestralen Arrangements tragen wesentlich zur Atmosphäre bei. Da muss ich Mikko ein Kränzchen winden – er beherrscht dieses Handwerk meisterhaft. Mit Instrumenten und Gesang kann man unglaublich viel Energie und Dynamik erzeugen. Es war befreiend, sich ganz diesem cineastischen Ansatz hinzugeben. Zudem ist Johannas Stimme wie ein Massanzug für diese Töne. Ich musste mir nie Sorgen machen, ob sie einen Song versteht. Jedes Mal, wenn ich ihre Gesangsaufnahmen zurückbekommen habe, war das für mich wie ein kleines Weihnachtsfest.
Johanna: Das empfinde ich ganz genauso. Wenn Martijn neues Material schickte, konnte ich es kaum erwarten, es zu singen. Es ist ein rares Glück, musikalisch so sehr im Einklang zu sein, dass jedes Wort zu viel wäre. Diese tiefe Verbundenheit ist etwas ganz Besonderes.
MI: Was war rückblickend die grösste Herausforderung bei diesem Album?
Martijn: Die Zeit. Zu wissen, wann ein Werk wirklich fertig ist, bleibt schwierig. Bei «Forest of Forgetting» gab es erstmals einen Zeitplan, Live-Pläne und ein Label im Hintergrund. Man möchte nichts überstürzen, aber auch nicht endlos feilen. Den richtigen Moment zu finden, war die eigentliche Aufgabe – und ich denke, wir haben sie gut gemeistert. Für die Zukunft wünsche ich mir einfach noch etwas mehr Raum, um diesen Prozess bewusst geniessen zu können.
MI: Hand aufs Herz: Wenn ihr das Album jetzt hört – würdet ihr eine Kleinigkeit ändern wollen?
Johanna [lacht]: Es sind immer diese feinen Nuancen, nicht wahr, Martijn? Wir entwickeln uns als Menschen ständig weiter, und damit wandelt sich auch unsere Wahrnehmung. Genau deshalb schätze ich die Live-Shows so sehr: Dort bekommt die Musik den Raum, um mit uns zu atmen und sich stetig zu verwandeln.
Ein Massanzug für die Stimme und das Tüpfelchen auf dem i
MI: Mit Troy Donockley und Patty Gurdy hattet ihr zwei starke Folk-Gäste dabei. Wie sehr haben die Pipes und die Drehleier die Seele von Songs wie «Dawn of Avatars» beeinflusst?
Martijn: Ich betrachte sie als das Tüpfelchen auf dem i. Die Songs standen bereits, aber diese Instrumente haben sie intensiver gemacht. Die Hurdy-Gurdy und die Violine ergänzen sich hervorragend und geben dem Ganzen diese Folk-Kante. Wir sind mit unseren Geigenspielern ohnehin verwöhnt – Johanna spielt fantastisch, und wir hatten Unterstützung von Frank van Essen. Patty liebte das Stück sofort. Und Troy ist ein enger Freund von uns beiden. Er hat sich quasi selbst eingeladen! Er ist ein Genie an so vielen Instrumenten, da komme ich mir mit meinem Klavier fast bescheiden vor. Er macht den Sound unglaublich reich.
MI: Martijn, was hat dich an Johannas Stimme auf diesem Album am meisten überrascht?
Martijn: Ihre Vielseitigkeit. Es war weniger eine Überraschung als vielmehr eine erneute Bestätigung. Sie legt so viel Herz in die Musik – es klingt wie ein Klischee, aber es ist wahr. Mich fasziniert vor allem, wie tief sie die Kompositionen versteht. Dass wir uns ohne grosse Erklärungen blind verstehen, empfinde ich immer noch als ein kleines Wunder.
MI: Johanna, welche Entscheidung von Martijn hat einen Song in eine Richtung gelenkt, die du so nicht erwartet hättest?
Johanna: Ich bin immer wieder beeindruckt von Martijns Songwriting. Es wirkt, als würde er Klänge aus anderen Sphären kanalisieren. Besonders die Intensität von Stücken wie «Child of Twilight» oder «Dawn of Avatars» hat mich begeistert. Aber auch diese winterliche Walzerenergie in «Blackthorn Winter» war wundervoll. Er schafft es, dass alles unverkennbar nach Eye Of Melian klingt, aber dennoch so viele verschiedene Facetten erkundet. Wir hoffen, dass diese Liebe, die wir beim Erschaffen spüren, auch bei den Zuhörern ankommt. In der heutigen Zeit ist es so wichtig, sich verbunden zu fühlen. Wenn man weit genug wegzoomt, sind wir alle nur ein winziger blauer Punkt im Universum.
MI: Und genau diese Resonanz hört man dem Album an. Es ist fantastisch.
Johanna [strahlt]: Vielen Dank!
MI: Die mythologische Melian verliess die Gärten von Lórien, um die Stille der Welt mit Musik zu füllen. Fühlt ihr eine ähnliche Mission? Ist Eye Of Melian mittlerweile mehr als nur ein Nebenprojekt?
Martijn: Es hat sich definitiv gewandelt. Es begann als Experiment, aber heute ist es ein zentraler Teil unseres Lebens. Wir sind voll und ganz dabei und wollen mit dieser Band die Welt betouren. Das Gefüge ist für uns längst zu einer zweiten Familie geworden.
Johanna: Dem habe ich kaum etwas hinzuzufügen. Das Projekt ist für mich zu einer absoluten Herzensangelegenheit geworden. Wir sind mit ganz leisen, bescheidenen Schritten aufgebrochen, aber die Pfade, die wir auf dieser Reise entdeckt haben, haben all unsere Erwartungen übertroffen.
Drachentränen und der Blick Richtung Schweiz
MI: Den Abschluss bildet mit «Tears of the Dragon» eine Coverversion von Bruce Dickinson. Wie kam es dazu, dass dieser Song von 1994 seinen Weg in die Welt von Eye Of Melian gefunden hat?
Martijn: Das war ein schöner Zufall. Wir sassen zusammen und überlegten, welcher Song eine spannende Coverversion abgeben würde. Mikko brachte schliesslich «Tears of the Dragon» ins Spiel. Um ehrlich zu sein, war mir das Stück bis dahin völlig unbekannt – und dir auch, Johanna, oder?
Johanna: Stimmt, ich kannte es vorher ebenso wenig. Aber ich bin unheimlich froh, dass Mikko es uns vorgestellt hat. Der Titel ist einfach wunderschön und fügt sich durch Mikkos Arrangement nahtlos in unser Klanguniversum ein. Und seien wir ehrlich: Dass Drachen im Text vorkommen, ist für uns Nerds natürlich ein unschlagbares Argument [lacht].
Martijn: Da wir alle aus dem Metal kommen, wollten wir dem Genre auf unsere Weise Tribut zollen. Wir sind ja auch ganz bewusst bei einem Metal-Label gelandet. Wir haben gemerkt, dass Fans dieses Genres oft dieselben Leidenschaften teilen – sei es Fantasy, Sci-Fi oder Gaming. Und wenn wir selbst keine harte Musik spielen, erreichen wir dort genau die Menschen, die unsere Ästhetik verstehen. Bruce Dickinson hat da einen absolut zeitlosen, fast schon poetischen Song geschaffen.
Johanna: Genau diese lyrische Tiefe suche ich auch in meinen eigenen Texten. Bei Eye Of Melian nutzen wir zwar oft diese «elbische» Bildsprache, aber sie darf niemals blosse Fassade bleiben – sie muss immer einer echten, rohen Emotion entspringen. Bei diesem Werk habe ich diese Verbindung sofort gespürt.
MI: Unsere Zeit ist leider fast um. Besteht die Chance, dass wir euch mit dem neuen Album in diesem Jahr auch in der Schweiz live erleben dürfen?
Martijn: Wir würden liebend gerne kommen! Aktuell stecken wir mitten in der Planung der nächsten Etappen. Wir haben die Schweiz definitiv auf dem Schirm, womöglich gegen Ende des Jahres im Rahmen einer Art Weihnachtstour. Das wäre grossartig!
MI: Ein schöneres Schlusswort könnte es kaum geben – das wäre in der Tat das perfekte Geschenk zum Jahresausklang. Herzlichen Dank an euch beide für die Einblicke. «Forest of Forgetting» ist eine intensive Reise geworden, für die ich euch am 20. Februar einen erfolgreichen Start wünsche.
Johanna: Vielen Dank für das Interview, Sandro. Es hat uns sehr gefreut.
Martijn: Danke für das Gespräch und bis zum nächsten Mal!
Das Gespräch mit Martijn und Johanna macht deutlich: Eye Of Melian ist längst über den Status eines blossen Projekts hinausgewachsen. Es ist eine eigenständige, lebendige Welt entstanden, getragen von tiefem Vertrauen und einer künstlerischen Synergie, die in der heutigen Kulturlandschaft eine seltene Ausnahme darstellt. Wenn dieses Meisterwerk Ende Februar seine Pforten öffnet, erwartet die Lauschenden weit mehr als nur Musik – es ist eine Einladung, den Alltag für einen Moment gegen die zeitlose Magie des Auenlands einzutauschen.
Die Köpfe hinter dem Projekt: Eine Allianz der Träumer
Johanna Kurkela: In ihrer Heimat Finnland ist Johanna Kurkela längst eine feste Grösse. Mit ihrer glasklaren, fast ätherischen Stimme verzaubert sie seit Jahren ein Millionenpublikum. Internationale Bekanntheit erlangte sie – neben ihrer erfolgreichen Solokarriere – vor allem als Frontfrau von Auri (gemeinsam mit Tuomas Holopainen und Troy Donockley). Es ist ihre seltene Gabe, tiefgehende Emotionen in hauchzarte, fliessende Melodien zu hüllen, die sie zur idealen Verkörperung der Welt von Melian macht.
Martijn Westerholt: Als Gründer und Mastermind der Symphonic-Metal-Institution Delain ist der Niederländer normalerweise für opulente Arrangements und kraftvolle Riffs bekannt. Bei Eye Of Melian tauscht er die verzerrten Gitarren gegen die feinen Nuancen des Pianos und weit ausladende, orchestrale Klanglandschaften ein. Hier lebt Westerholt seine Leidenschaft für klassisches Songwriting und cineastische Soundtracks aus, wobei er sein Gespür für anspruchsvolle, hochemotionale Kompositionen meisterhaft unter Beweis stellt.
Video Eye Of Melian – Tears of the Dragon

