Ein Abend in der Met-Bar
Eingespieltes und Einspielendes trifft sich in Form von den Bands HAK und NoCaps an einem Freitagabend in der Met-Bar.
RockFM auf den Boxen, ein Bier in der Hand. Respektive für mich einen alkoholfreien Energy. Ich bin morgen am Arbeiten und heute müde. Ein Blick auf den Merch – dieser ist mal wieder jenseits von Gut und Böse eingepreist: Verdienen HAK 2026 mit ihren Shirts überhaupt noch irgendwas? Sich noch einmal am Kopf kratzen. Müsste jetzt nicht das Konzert starten? Ein guter Künstler beginnt immer verspätet, weiss man ja …
NoCaps – Der Auftritt
Bevor die Berndeutschen die Lautsprecher auslasten, gehört die Bühne den englischen Fricktalern. Zumindest vermeintlich englisch. NoCaps haben sich lokal bereits einen kleinen Namen gemacht. Das zeigt das vermutlich hauptsächlich für die Vorband angereiste Publikum, welches sich etwa in einem ähnlich jungen Alter befindet, wie die Bandmitglieder selbst.
Wer sich bisher nicht mit der Band vertraut gemacht hat, steht erstmal nur da und wartet auf den Hauptact: ein jeweils schweres Los für eine erste Band des Abends. Kann die heutige das Publikum aus seinem Dornröschenschlaf holen? Allzu viel Bühnenerfahrung können die Jungs, altersbedingt, ja noch nicht haben.
Doch dann …
Was ist ein NoCaps?
Core scheint das Subgenre der Stunde zu sein. Ob Hard- oder Metal-, ihre neuen Vertreter spriessen wie Löwenzahn aus der Erde. Wie soll man sich hier noch von den anderen unterscheiden? NoCaps spielen ihre Stilrichtung, Metalcore, wie viele andere. Etwa so wie die Tomatensauce zu den Spaghetti: Im Grund ist jede identisch, den Unterschied machen die Kniffe und beigefügten Gewürze. NoCaps nehmen Rap, die Leichtigkeit des Punks, ein Potpourri des Pops der 80er bis in die 2000er und eine kleine Prise Hardcore aus dem Gewürzregal. Diese Suppe schmeckt.
Eigener Anstrich
Das menschliche Gehirn sucht immer nach bekannten Mustern. Solchen, die an positive Erinnerungen und bekannte Erfahrungen geknüpft sind, vertraut es schneller. Umso mehr bietet es sich an, als Band Anklang zu suchen mit dem neurologischen Trick der Coverversionen. Klassiker gibt es viele. Klassiker sind Klassiker, da sie viele kennen. Bekannte Muster. Warum also nicht das hundertste Mal «In The End» von Linkin Park aufwärmen?
Fernab von unterbewusster Wahrnehmung lauert nachgespielten Songs inne, dass stets Vergleiche mit dem Original gezogen werden. Erreicht die Präsentation also nicht mindestens das Niveau des Originals, wird man, je nach Einschätzung des Hörers, schnell von der «Band, die diesen coolen Song gecovert hat» zur «Band, die an diesem coolen Song gescheitert ist».
NoCaps‘ Repertoire an eigenen Tracks ist für eine ausgefeilte Setlist vermutlich noch zu klein. Vielleicht auch deswegen, entscheidet man sich dafür, einige Eigeninterpretationen zu spielen. Die Ärzte – Schrei nach Liebe, Papa Roach – Last Resort … alles bekannt, alles beinahe totgehört. All das hätte bereits vor dem Auftritt auf RockFM laufen können – doch nicht in der Form in der dies nun vorgetragen wird. Selbstbewusst, dafür hat man Grund genug, growlt man ruhige Passagen und verzichtet auf Synthi-Backingtracks an Stellen, an denen diese zu erwarten wären. Etwa bei der Nachahmung der Keyboard-Rocker Linkin Park, wo man ansonsten, gerade bei eigenen Songs, nicht am Einsatz dieses, für Metalcore beinahe unerlässlichen Werkzeugs spart. Und trotzdem, oder gerade deswegen, funktioniert es. Die eigene Identität ist definitiv hör- und spürbar, bei den Covern sowieso. Dies beweist sich spätestens, nachdem eine eigene eigenartige Version von «Major Tom» auf der Setlist erscheint.
HAK
Bei Diskussionen über die Wegbereiter des Mundart-Raps kommt man nicht am Kollektiv Chlyklass vorbei. Seit die von der Bevölkerung finanzierten Medien vor rund zehn Jahren erfahren haben, dass Rap ein populäres Genre ist, werden diese immer mal wieder erwähnt, wenn die Schweizer Geschichte dieser Kunstform zur Sprache kommt. Ausgeklammert werden dabei die Erfinder des selbstbetitelten «Mundartcores», wie so oft, wenn sich etwas dem Überbegriff «Metal» unterordnet.
Dabei sind HAK alles andere als eine Neuerscheinung. Seit zwanzig Jahren zieht die Band durch die Schweiz und präsentiert Crossover Metal, der erstaunlicherweise auf Berndeutsch funktioniert.
HAK – Der Auftritt
Wenn in einer kleinen Musikbar im Aargau «Bärn City» mitgegrölt wird, steht ausser Frage, ob man als Band zu überzeugen vermag. HAK betreten die Bühne ohne Intro, ohne auf die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums zu warten. Lange dauert es nicht, bis sie diese haben. Vorerst steht die Musik für sich allein. Dann kommt Bewegung ins Publikum und auf die Bühne. Energie wird von der Band auf die Zuschauer und von diesen zurück auf die Bühne geschleudert. Die Intensität steigt im Verlauf immer weiter an. Den begrenzten Platz der Met-Bar ausreizend versuchen Zuschauer zu Mitwirkern zu werden und probieren sich an Pogotanz und Moshpit. Die Distanz zwischen Performance und Besucher verringert sich – nicht nur emotional. Funksender ausnutzend unternehmen die Gitarristen Hauser und Kramer Ausflüge ins Publikum und auf die Catwalk-Bartheke. Selbst als eine Saite reist, ist dies kein Grund nervös zu werden. Mit nichtssagenden, aber unterhaltsamen Erzählungen überbrückend wird das Instrument schnell ausgetauscht.
Gigufucker
Kraftausdrücke sind in der Musik eine viel verwendete Methode, um brachial Wut zum Ausdruck zu bringen. Fuck you, shut the fuck up, motherfucker … und was Pantera, Rage Against The Machine und sonst noch wer so herumfluchen. Schweizerdeutsch, insbesondere das sanfte Berndeutsch, scheint kaum ein Äquivalent zu diesem Stilmittel zu haben. Belächelt werden Videos von Schweizer Bauern, die ihre Kühe anschreien: Was für eine süsse Sprache, die versucht Aggression nachzuahmen.
HAK belehren eines Besseren. In ihren Texten wird auf Anglizismen verzichtet. Verwendete Kraftausdrücke tragen das «Aus der Region für die Region»-Signet. Warum ein ausgelaugtes «Hurensohn» einem «Gigu» vorziehen? «Schnurä zue» oder in der Variation «Haut d Schnurä» hat im Vergleich zu einem überbenutzten «Fuck you» beinahe einen poetischen Klang und erreicht noch dazu problemlos, die angestrebte Brutalität zu erhalten – trotz Berndeutsch.
Züri West auf Crossover
Wo bei NoCaps viele Einflüsse zu hören sind, hechten HAK hörbar geradlinig den Wegbereitern des Crossovers hinterher, aber ohne in der Masse zu ertrinken. Wo HAK draufsteht, ist auch HAK drin und kein Pantera. Trotzdem nicht verschleiert wird, wo die Inspirationsquelle herausquillt.
Durch die Geradlinigkeit zeigt sich umso mehr, wie sich diese Interpretation von Crossover vom klassischen Rap unterscheidet, insbesondere wenn man zuvor eine Band gehört hat, die sich am klassischen Hiphop bediente. Sicherlich auch der Berner Mundart geschuldet, klingt der (Sprech-) Gesang von HAK, fernab der Inhalte und Darbietung, deutlich kantenloser, weicher. So dass sich, besonders in langsamen Parts, Vergleiche zu Schweizer Pop-Rock Ikonen wie Züri West, bei denen oft Geschichten mehr erzählt als gesungen werden, beinahe aufdrängen.
Die anarchischen Texte und der rhythmische Gesang bilden gemeinsam mit der Musik – der rauen, einen Boden bildenden Gitarre, dem taktgebenden Bass und den hämmernden Drums – eine Symbiose, sodass die (teils kontroversen) Inhalte weniger herausstechend die Vorhut bilden, obwohl diese für ein Schweizerdeutsch sprechendes Publikum leicht verständlich sind.
Das Fanzit – HAK, NoCaps
Mit dem unerlässlichen, in der Grössenordnung von HAK beinahe Über-Hit «Schnurä zuä» wird der Schlusspunkt gesetzt.
Nachdem die letzten Konzerte, die ich in der Met-Bar besuchte, unter der Passivität des Publikums beinahe litten, kam heute endlich mal wieder Leben vor die Bühne. Möglicherweise darf man sich dafür bedanken bei einer für die Met-Bar doch eher hohen Anzahl an Besuchern der Gen Z und den Millennials.
Nebst einem tollen Publikum vor standen heute zwei tolle Bands auf der Bühne. Von HAK habe ich nichts anderes erwartet, die zwanzigjährige Existenz hat definitiv zur Erfahrung und nicht zur Vergrauung beigetragen.
Noch eine Stunde auf die nächste direkte Verbindung nach Hause warten? Nein, man soll schliesslich dann gehen, wenn es am schönsten ist.
Da und dort ein «Tschüss, ich muss gehen» und dann mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Morgen bei der Arbeit werde ich vermutlich ein paar Tassen Kaffee mehr kippen, aber das war es definitiv wert!
Die Setlist – HAK
- Nei
- Sägäts denä
- Schiis druf
- Fake
- So bini
- Wixär
- Fertig
- Flick z’Gäut – Flick d’Wäut
- Reg di nid uf
- Bärn City
- Witzfigurä
- Gigu
- Troum
- Nöispräch
- Terrprischt
- Ke Panik
- Sägät mir nüt*
- Schnurä zuä*
*Zugabe
Die Setlist – NoCaps
- Void
- Altes Fieber (Die toten Hosen Cover)
- Avalanche
- Falling
- Hero
- Schrei nach Liebe (Die Ärzte Cover)
- Corrupted World
- Sonne (Rammstein Cover)
- Drifting Away
- Major Tom (völlig losgelöst) (Peter Schilling Cover)
- Sober
- In The End (Linkin Park Cover)
- Last Resort (Papa Roach Cover)
- Kids

