Edenbridge – Interview mit Sabine und Lanvall
Symphonic Metal
Set The Dark On Fire: Zurück zum Nullpunkt der Klarheit
Es gibt Alben, die nicht einfach erscheinen – sie entstehen. Sie wachsen wie Wellen aus einem inneren Ozean, formen sich aus Licht und Schatten und beginnen erst dann zu glühen, wenn alle Elemente sich gefunden haben. „Set The Dark On Fire“, das zwölfte Studioalbum der österreichischen Formation Edenbridge, ist genau ein solches Werk: ein musikalischer Phönix-Moment, der das Bekannte nicht hinter sich lässt, aber heller und kraftvoller aufsteigt als je zuvor (hier geht’s zur Review).
Fronterin Sabine Edelsbacher und Mastermind Lanvall geben Einblicke in ihr neues Werk, das von einem faszinierenden Spannungsfeld aus künstlerischer Vision, persönlichem Wachstum und spiritueller Tiefe durchdrungen ist. Sie beschreiben, wie sehr ihre Musik darauf ausgerichtet ist, das Verborgene sichtbar zu machen – und wie „Set The Dark On Fire“ innere Landschaften in packende Klangwelten übersetzt.
Die Reise zum erdigen Sound
Metalinside (Sandro): Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album „Set The Dark On Fire“! Wie fühlt es sich für euch an, diesen 12. Meilenstein jetzt dann endlich mit der Welt teilen zu dürfen, und wie würdet ihr die Stimmung in der Band gerade beschreiben?
Lanvall: Danke dir! Die Stimmung ist grossartig, die Pressereaktionen sind absolut euphorisch bis dato und ich bin sicher, dass die Fans es genauso sehen werden. Zeit wird’s ja, dass das Album endlich veröffentlicht wird. Der Mix ist bereits seit April fertig, aber die Vorlaufzeiten sind mittlerweile so lang, dass es irgendwie unwirklich erscheint.
Sabine: Ja die Stimmung bei uns ist voller Vorfreude und es liegt schon was Feuriges in der Luft.
MI: Zwölf Alben sind eine bemerkenswerte Reise. Wenn ihr auf euren bisherigen Weg zurückblickt: In welcher „Phase“ eurer Bandgeschichte würdet ihr euch heute verorten – und was macht diese Phase besonders?
Sabine: Gestartet hatten wir mit einem neuen Genre, dem Angelic Bombast Metal. Dort hatten wir uns selbst verortet, weil es schwierig war, uns einzuordnen. Es beschrieb das Powervolle wie das Melodiöse, sowie das Mystische – geprägt durch die Lyrics und meine helle Stimme. Man darf nicht vergessen, dass Edenbridge aus einem Vorprojekt entstanden ist, wo ich bereits 1996 die Sängerin war. Mit unserem Debütalbum sind wir aber dann in eine Zeit gefallen, in der Female Fronted Metal plötzlich als Stilrichtung ausgerufen wurde.
Das hatte zur Folge, dass man alle Bands mit Frau am Mikro in einen Topf warf und sie untereinander verglich. Dabei wurde aber nicht differenziert, was musikalisch eigentlich passiert, was sehr bedauerlich ist. Wir hatten es nicht leicht, uns selbst zu definieren, weil wir eben nicht in eine Schublade gesteckt werden wollten. Irgendwann haben wir es aber akzeptiert, zumal uns das Feedback der Fans wichtiger war und wir ohnehin immer unserer Intuition gefolgt sind, den eingeschlagenen Weg unbeirrt weiter fortzusetzen.
In der Rückschau sind wir von dem himmlisch Hellen mit jedem Album erdiger geworden und haben dennoch unsere Trademarks beibehalten. Edenbridge – ein Mix aus Symphonischem, ziemlich bombastisch und heavy, gerne auch balladesk, mit einem Schuss Progressivität, manchmal auch doomig.
Mit der gesteigerten Heaviness des neuen Albums bin ich extrem happy. Das Erdige liegt mir sehr und es lässt mir auch viel Raum in den oberen Gefilden, was noch mehr Abwechslung und Ausdruck mit sich bringt. Wir geniessen erst mal diese Phase der feurigen Power gepaart mit melodiösen Gesangslinien und wie immer unter die Haut gehenden Gitarrensoli.
Set The Dark On Fire: Den Schatten beleuchten
MI: Der Album-Titel „Set The Dark On Fire“ klingt kraftvoll und transformativ. Wenn ihr das Gefühl des Albums in einem einzigen Satz zusammenfassen müsstet, welcher wäre das?
Sabine: Zwei Sätze musst du mir schon zugestehen [schmunzelt].
Wir leben in einer Zeit, in der kollektive Schatten sichtbar werden, und wir begrüssen das mit unserem Album. Nur was ans Licht kommt, kann gesehen, erkannt und folglich von allen verändert werden. Das wäre mal die Kurzfassung.
Unsere Texte befassen sich aber seit jeher vorwiegend mit dem Individuum und dem Bewusstsein zur eigenen Handlungskraft. Das näher zu erläutern, braucht jedoch eine längere Ausführung.
Genau genommen befassen wir uns mit dem Dunklen, oder mit dem, was oft im Dunkeln, also im Verborgenen liegt. Dabei geht es uns nicht nur um das, was man klassisch als „bedrohlich“ oder als „das Böse“ einordnet, sondern auch um unbewusste Anteile, zu denen unsere eigenen Schattenanteile, aber vor allem auch Fähigkeiten und die inneren Ressourcen gehören. Wir denken, dass konstruktive Veränderungen dort entstehen, wo man mit dem Beobachterblick wirklich hinsieht und dahinterblickt. Der Beobachterblick bedeutet, dass man sich emotional nicht involvieren lässt, worauf man selbst keinen direkten Einfluss hat. Hier reicht die Erkenntnis zu sehen, was los ist.
Schon bei unserem ersten Video „Higher“ haben wir versinnbildlicht, dass ein Kampf gegen etwas nur das stärkt, was wir eigentlich bekämpfen möchten. Aus der Beobachtung heraus bleibt der Geist klar und unsere Kräfte erhalten, um von innen zur Erkenntnis zu kommen und folglich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Unsere Texte sind von daher auch diesmal kein Aufruf zur Revolution oder Eskalation, sondern wir versuchen, den Prozess der Transformation zu beschreiben.
Das Element Feuer steht für uns sinnbildlich genau dafür. Es kann wärmen, nähren, zerstören, aber auch verwandeln und erneuern, wie im „Phönix aus der Asche-Prozess“. Wir haben es in der Hand, mit unseren Entscheidungen konstruktiv ins Kollektiv einzuwirken, um als Menschheit herausfordernde Zeiten gut zu überstehen und ein neues Energielevel auf Erden zu etablieren.
Wer unsere bisherigen Texte kennt, weiss vermutlich, dass wir noch nie eine Flucht auf Wolke 7 propagiert haben. Uns interessiert eher, wie man mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und innerlich wachsen kann.
Ausserdem sind wir uns bewusst, dass jeder Mensch mit einem individuellen Blick auf die Welt unterwegs ist, geprägt durch Kultur, Erfahrungen und die eigene Geschichte. Unsere Texte sind deshalb auch oft in Metaphern verfasst, was poetischer klingt und den erhobenen Zeigefinger aussen vorlässt.
Das kreative Herz: Musik, Text und Bali-Visionen
MI: Ihr beide seid das kreative Herz von Edenbridge. Wie hat sich eure musikalische und persönliche Dynamik über die Jahre entwickelt, und wie sieht der typische kreative Prozess bei euch aus – wer bringt was zuerst ein?
Lanvall: Es ist schon eine unglaubliche Reise bis hierher gewesen, die hoffentlich noch lange weitergeht. Mit vielen Höhen, aber auch Tiefen, so wie im Leben. Es ist die Musik an sich, die uns weiter vorantreibt, das Ausloten von Grenzen. Und wenn wir einen kleinen Teil mit unserer Musik dazu beitragen, um etliche Menschen damit glücklicher zu machen, haben wir es erreicht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Ich schreibe zuerst die Musik. Wenn einige Songs fertig sind, geht es langsam ans Erarbeiten der Titel und dann ans Verfassen der Texte. Dort kommt Sabine dann ins Spiel, da wir mehr als die Hälfte der Texte mittlerweile gemeinsam schreiben, was ein ganz spannender kreativer Prozess ist. Sabine bringt natürlich ihre Sichtweise mit ein und das hebt die Texte dann nochmals auf ein anderes Level. Die meisten Lyrics des Albums haben wir im Urlaub auf Bali geschrieben, auf dem Daybed 20 Meter vom Ozean entfernt, was jetzt der Titel des Albums nicht unbedingt vermuten lässt [lacht].
Von Geisterschiffen zum Labyrinth der Transformation
MI: „The Ghostship Diaries“ ist ein ziemlich treibender, aber auch schwerer Opener. Der Song endet zudem recht doomig und dunkel. Was war zuerst da: das Bild des Geisterschiffs oder die musikalische Stimmung?
Lanvall: Das war auch der erste Track, den ich für das Album geschrieben habe, insofern war die musikalische Stimmung ausschlaggebend. Ich finde den Song sehr cool, weil er extrem untypisch für uns ist, mit seinem etwas komplexeren Main-Riff, dem vielschichtigen gelayerten Chorus und dem von dir erwähnten doomigen Endteil. Ich glaube, gerade der Schluss inspirierte mich dann auch zum Titel und zu den Lyrics. Das Geisterschiff steht metaphorisch für die ziellos umherirrende Menschheit.
MI: Das Labyrinth im Video zu „Cosmic Embrace“ steht für Innenschau, der Feuerstoss für Transformation. Gab es für euch persönlich ein „Labyrinth“, durch das ihr jüngst gegangen seid, eventuell auch während der Entstehung des aktuellen Albums?
Sabine: Wir sind natürlich mit der ganzen Thematik tief verbunden und so hat das Album von mir im Vorfeld mal einiges eingefordert. Eine üble Zwerchfellspastik hatte mich komplett ausser Gefecht gesetzt. Keine Atemübung oder manuelle Therapie hat zuerst geholfen. Meiner Ärztin hatte ich es zu verdanken, dass ich erst mal wieder aufrecht gehen konnte und dabei Luft bekam. An Singen war da nicht zu denken. SIBO – also eine Dünndarmfehlbesiedelung mit Fruktoseintoleranz – war die Hiobsbotschaft, und das vor Weihnachten.
Eine Diät ohne Zucker, kein Obst, keine Kohlenhydrate, und das für mich als Veggie; ich hatte Fragezeichen, was überhaupt geht, aber auch keine andere Wahl, als strikt zu sein. Es war purer Stress für mich, ob ich das im Studio überhaupt schaffe. Mein ganzer Körper war im Umbau, und überall hat es gezwickt, was mich nicht mein volles Potenzial abrufen liess.
Das ganze Desaster ermöglichte mir aber auch eine Musterveränderung, wie ich generell verschiedene Dinge angehe. Plötzlich erlebte ich während der Vorbereitungen eine neue Mühelosigkeit beim Singen. Das Resultat meiner anhaltenden Experimentierfreude war: mehr Ausdruck durch weniger Impact. Was ich aber nicht gleich auch im Studio umsetzen konnte. Jeder Studiotag war erst mal Therapie für mich, denn am darauffolgenden Tag ging es trotz stundenlanger Anstrengung körperlich immer besser. Ich hatte mir mein Zwerchfell regelrecht „ausgebügelt“ durch das Singen. Nachdem ich dann mit meiner neuen Mühelosigkeit auch im Flow war, so wie früher, hatte ich ein neues Level erreicht, das mir echt Freude bereitete.
Genau an diesem Punkt im Körper, im Zwerchfell bzw. Solarplexus, befindet sich diese innere Sonne, von der in „Cosmic Embrace“ die Rede ist. Es ist das sensible Nervengeflecht, das uns stark auf Emotionen reagieren lässt und gerne mal blockiert, wenn alles zu viel wird oder uns etwas im Magen liegt. Ich kenne das Thema also gut.
MI: Ein Bond-Soundtrack vibrierte selten so überzeugend in einer Metalballade wie in „Bonded By The Light“. Welche Bilder oder Filmszenen hattet ihr beim Komponieren im Kopf? Und welches ist euer persönlicher Lieblings-Bond-Film?
Lanvall: Weniger Bilder und Szenen als diese typischen James Bond Chords, die ich am Klavier spielte. Ich liess diesen C minor 9 Chord kreisen, und die Teile schrieben sich dann fast von selbst. Die Vocallines und Akkorde lagen einige Zeit in der Schublade, und jetzt war es Zeit, den Song schliesslich fertig zu arrangieren und zu orchestrieren.
Mein Lieblings-Bond-Film ist „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Roger Moore, Christopher Lee und der köstliche Herve Villachaize als Schnickschnack sind einfach unübertroffen. Generell ist Roger Moore für mich der perfekte Bond gewesen. Bei den heutigen Filmen fehlt mir etwas der Humor. Sean Connery war aber natürlich auch grossartig.
Sabine: Ich stehe auch auf den altmodischen Charme. Kommt bei mir nicht aus der Mode [schmunzelt].
Per Aspera Ad Astra: Der rote Faden in 13 Minuten
MI: Kommen wir noch auf das 13-minütige Epizentrum (auch wenn es am Ende steht) zu sprechen: „Spark Of The Everflame“.
Lanvall: Die epischen Longtracks gehören bei uns natürlich immer dazu und ich liebe es, mich darin musikalisch auszutoben. „Spark“ ist sozusagen die Visitenkarte für den Sound, für den Edenbridge 2025 steht: fräsende Riffs, mächtige Chöre, wiederkehrende Motive, ein grosser orchestraler Mittelteil und ein bombastisches Finale.
MI: Lanvall, du sagst, du liebst epische Longtracks. Gibt es ein Motiv oder einen Moment in diesem Stück, der für dich der emotionale Kern des ganzen Albums ist? Was macht gerade solche epischen Stücke für euch so reizvoll, und welche Geschichte oder welches musikalische Motiv bildet den roten Faden in diesem Vierteiler [mindestens zwei Fragen, ich weiss …]?
Lanvall: Das ist schwer zu trennen, aber vom Emotionalen her würde ich den orchestralen Mittelteil „Per Aspera Ad Astra“ nennen. Ich würde ihn aber nicht als Kern des Albums bezeichnen. Der grosse Vorteil der Longtracks liegt darin, dass du mit wiederkehrenden Motiven arbeiten kannst, die dann unerwartet in modulierter Form wieder auftauchen oder, so wie in unserem Fall das komplette Intro „Let Time Begin“, dass dann am Ende als grosses Finale den Song und das Album beschliesst. Insofern würde ich das auch als einen musikalisch roten Faden bezeichnen.
MI: Die transformative Kraft des Feuers zieht sich durch das gesamte Album. Was hat euch persönlich zu diesem zentralen Thema inspiriert, und ist es als eine Art Metapher für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen, oder steht es eher für einen inneren Prozess?
Sabine: Wie vorher erwähnt haben wir hauptsächlich den Weg der Transformation beschrieben. Nicht die Eskalation, sondern den konstruktiven Weg der Erkenntnis und die damit verbundene Weiterentwicklung. Das Beleuchten der dunklen Anteile, was uns in der Folge eben Wahrheiten erkennen lässt – positiv wie negativ. Es ist ein kollektiver Prozess, der im Gange ist. Man weiss es auch von alten Kulturen durch Schriften und Überlieferungen, dass wir an einer Schwelle stehen, die es zu überwinden gilt.
Mehr und mehr Menschen wird bewusst, dass es so nicht weitergehen kann wie bisher. Aber wir können dem auch nicht vorgreifen, sondern uns nur immer wieder bewusst auf den Weg machen. Eines ist gewiss: Lösungen kommen nie von dort, von wo die Probleme stammen. Unser Verstand lässt sich gerne mal verführen und wird von uns falsch eingesetzt – unser Innerstes weiss mehr. Weshalb es so wichtig ist, sich immer wieder zu verbinden und nach innen zu spüren. Ich vertraue darauf, dass sich alles im richtigen Moment gebärt, wie die Raupe zum Schmetterling.
Millimeterarbeit und visuelle Visionen
MI: Karl Groom begleitet euren Sound seit Jahren. Was hat er dieses Mal anders gemacht – oder vielleicht sogar euch anders machen lassen – , das diesen speziellen Punch erzeugt?
Lanvall: Unser langjähriger Mixing Engineer Karl Groom (Threshold) hat unseren Sound nochmals auf ein anderes Level gehoben. Der wichtige Aspekt ist dabei aber schon im Arrangement-Prozess begründet. Alle diese Elemente brauchen Raum, und deswegen kann nicht alles immer auf Anschlag realisiert werden. Ein fettes Riff wird eben nur dann fett wirken, wenn es nicht durch etliche andere Instrumente zugekleistert wird.
Wenn du cineastische Orchesterparts in den Mittelpunkt stellen willst, müssen dann eben auch die Gitarren mal einen Schritt zurückfahren. Das ist dann beim Mix oft wirklich Millimeterdetailarbeit, wie ein Part wirkt. Da wir seit mehr als 15 Jahren mit 7-Saitern arbeiten, war es das Ziel, diesen Dream Theater mässigen Mesa Boogie-Rhythmussound im unteren Mittenbereich zu betonen. Ebenso hat der Bass wesentlich mehr Verzerrung.
MI: Euer Schlagzeuger Johannes Gral hat wieder beeindruckende Kunst geschaffen. Welche Elemente im Artwork waren euch unverzichtbar – und gibt es Details, die Hörer:innen vielleicht erst beim zweiten Blick entdecken?
Sabine: Ich hatte eine Idee für Farben und Atmosphäre zur Covergestaltung, und Johannes hat das phänomenal umgesetzt und in Szene gebracht, auch in der Animation für das Video. Er ist ja 3D-Grafiker und weiss, was er technisch machen muss, damit es funkt. Zudem ist er auch ein sehr sensibler und spiritueller Mensch. Lanvall, Johannes und ich sind das visuelle Kreativ-Team, und da bedarf es dann nicht vieler Erklärungen; wir ziehen an einem Strang.
Der Nullpunkt im Alltag
MI: Im Promotext sagt ihr: „Wenn draussen Chaos herrscht, verstricke dich nicht, sondern gehe zum Nullpunkt, dem Zentrum.“ Wie findet ihr persönlich in eurem Alltag, abseits der Bühne und des Studios, diesen ‚Nullpunkt‘?
Lanvall: Mein Nullpunkt ist die Natur und da besonders die Berge, im Winter Skifahren und im Sommer Bergwandern. Ich bin da oft alleine unterwegs und das ist der totale Rückzugspunkt, um die Batterien wieder aufzuladen. Ganz besonders liebe ich die Stille in den Bergen, wenn du absolut nichts hörst. Natürlich bin ich auch gerne am Meer und liebe das konstante Rauschen der Wellen, das spült die Gehörgänge wunderbar durch [lächelt].
Sabine: Natürlich brauche ich auch Meer und Natur, doch Meditation im Sitzen sowie Bewusstseinsarbeit in Verbindung mit dem Körper sind für mich örtlich unabhängig und zudem die Basis für mein Stimmtraining. Seit geraumer Zeit übe ich mich darin, diese Qualität vermehrt in mein Leben zu integrieren. Das heisst, auch bei alltäglichen Aktivitäten aus dieser inneren Stille heraus zu agieren, ohne die Verbindung zu verlieren. Damit es gelingt, muss ich innere Achtsamkeit zur Priorität machen. Diese Qualität ist in der Arbeit mit meinen Gesangsschülern und Klienten sowie bei meinen Seminaren etwas ganz Wesentliches. Auf der Bühne ist Präsenz ohnehin das A und O.
MI: Viele eurer Songs wirken wie „Boden unter den Füssen“. Was erdet euch persönlich in turbulenten Zeiten?
Sabine: Die Stille und das Im-Moment-Sein erden mich. Beim Wandern die Sinne spüren und den Geist ruhen lassen. Bei Körperübungen bewusst den Boden erkennen und die eigenen Reaktionen wahrnehmen. Emotionen fühlen und nicht wegdrücken. Ganz im Körper anzukommen, erdet ungemein. Was ja auch dem entspricht, was wir bereits zum Thema Nullpunkt und Stille ausgeführt haben.
Innere Kraft und archetypische Vorbilder
MI: Sabine, du sprichst von neuen Höhen, Tiefen, und einer neu entdeckten „Leichtigkeit“. Gab es einen Moment im Studio, in dem du gemerkt hast: „Jetzt passiert gerade etwas Neues in mir“?
Sabine: Das mit der Mühelosigkeit kam erst auf, nachdem ich die Geschichte mit der Zwerchfellspastik hinter mich gebracht hatte. Als ich bemerkte, welche inneren körperlichen Einstellungen ich ändern musste, um mehr Ausdruck mit weniger Impact zu erreichen, wünschte ich mir, diese Leichtigkeit auch im Alltag übernehmen zu können. Ich gebe zu, ich arbeite noch daran; es ist die grössere Herausforderung. Dennoch kann ich beobachten, dass aktuell immer wieder Wunder geschehen, die ich mir gar nicht ausdenken könnte.
MI: Welche Rolle spielt Weiblichkeit in deiner künstlerischen Identität – speziell im Zusammenhang mit Figuren wie Aleen (aus „Where The Wild Things Are“ – zum Video)?
Sabine: Diese Figur inspiriert mich tatsächlich besonders, und ich versuche, mich nach diesem archetypischen Vorbild auszurichten, weil es eine unglaubliche Kraft in mir freisetzt.
MI: Was ist ein Detail über das Album, das noch in keinem anderen Interview zur Sprache kam – vielleicht eine lustige Anekdote aus dem Studio oder eine unerwartete Inspiration für ein Riff oder eine Melodie?
Sabine: Puh, da fällt mir jetzt nicht wirklich was ein. Aber du hast schon ein paar Dinge herausgekitzelt, die ich sonst noch nicht preisgegeben habe [schmunzelt].
MI: Das Album endet mit ‚Spark Of The Everflame‘ – der Funke der ewigen Flamme. Wie sehen die nächsten Schritte für Edenbridge aus, nachdem dieser Funke nun entzündet ist? Worauf dürfen wir uns bei der bevorstehenden Tournee freuen, die euch ja auch am 07.03.2026 in die Met-Bat in Lenzburg führen wird? Und gibt es allenfalls schon Ideen für Album Nummer 13?
Lanvall: Wir freuen uns schon sehr auf die Tour, die von FlowerLeaf und Miracle Flair supportet wird. Ich denke, wir haben eine tolle Setlist zusammengestellt und werden natürlich viel vom neuen Album präsentieren, also seid gespannt! Da ich natürlich immer Ideen sammle, gibt es bereits ein paar musikalische Fragmente für Album Nummer 13, die ich auch schon fertig arrangiert habe. Bis dahin liegt allerdings noch ein weiter Weg vor uns [lacht].
Die Botschaft der ewigen Flamme
MI: Wir haben über die Transformation und das Feuer gesprochen. Wenn ihr möchtet, dass die Zuhörer von „Set The Dark On Fire“ nur eine einzige Botschaft mitnehmen, welche wäre das, und warum?
Sabine: Dann wäre es die Botschaft, dass selbst in scheinbar ausweglosen Momenten bereits ein Funke der Lösung in uns steckt. Es kommt darauf an, wie wir uns innerlich ausrichten und ob wir uns für das Feuer der Inspiration öffnen. Wenn unsere Musik Menschen emotional erreicht, kann auch sie ein Portal sein, das ihnen hilft, zurück zu ihrer eigenen Kraft zu finden.
MI: Ganz herzlichen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt. Ich wünsche euch für die bevorstehende Veröffentlichung von „Set The Dark On Fire“ ganz viel Erfolg und freue mich bereits sehr darauf, euch dann am 7. März 2026 in der Met-Bar Lenzburg live erleben zu dürfen!
Sabine: Vielen Dank für das besondere Interview, und wir sehen uns in Lenzburg!
Video Edenbridge – Cosmic Embrace

