Hut ab, Feuer frei!
Wenn die Jazzkantine Luzern ihre Pforten öffnet, ist das selten ein Ort für leise Töne. Vielmehr ist ehrliche, handgemachte Musik in intimer Atmosphäre angesagt. Am 26. September 2026 bündelten Hendricks The Hatmaker und Fire Cult in eben jener Location ihre Kräfte – zwei Formationen, die zwar unterschiedliche Facetten mitbringen, aber die gleiche Leidenschaft für mitreissende Live-Auftritte teilen.
Der überschaubare, gerade zu Beginn alles andere als überquellende Raum bietet denn auch den perfekten Rahmen für einen Abend, der weniger auf grosses Spektakel als auf Nähe, Spielfreude und direkte Energie setzt.
Auf dem Speisezettel stehen heute inoffiziell zwei Vorbands plus ein Hauptact, der … nun ja, lasst euch überraschen. Hendricks The Hatmaker und Fire Cult feiern nämlich im unterirdischen Gewölbe der Jazzkantine die Taufe ihrer gemeinsamen Split-EP-Kassette (ein herrliches Anachronismus-Gadget für Nostalgiker!) – und laden dazu gleich zu einem doppelten Doppelpack Punk ein (zur EP-Review bitte hier entlang). Dass dabei nicht lange gefackelt, sondern direkt losgelegt würde, liegt bei diesem Line-up irgendwie auf der Hand (siehe auch hier).
Hendricks The Hatmaker
Als Einstimmung ab Band dient das bekannte Intro im besten Monty-Python-Stil, bevor es mit dem groovigen «From The Cities» so richtig zur Sache geht. Der Sound knallt ordentlich aus den Boxen, und die Luzerner Equipe hat das Publikum damit ziemlich schnell auf ihrer Seite. Nicolas wird im Verlauf des Sets mehrfach mit schelmischem Grinsen darauf hinweisen, dass heute gleich zwei Vorbands am Start seien, ehe schliesslich «FireHat» die Bühne entern werden. Die Ansagen kommen gewohnt witzig daher, und kleine technische Stolperer werden keineswegs überspielt, sondern kurzerhand charmant in die Show eingebaut. Also alles wie gehabt?
Nicht ganz! Neben den später anstehenden Tracks der Split-Kassette stehen bei den Hutmachern nämlich drei waschechte Live-Premieren auf dem Programm – darunter «Schnöreböx 2» (und ja, es gibt tatsächlich auch einen ersten Teil!). Zwei der neuen Nummern kommen zudem sogar auf Deutsch daher: «Alles» und «Melancholie».
Und noch etwas fällt auf: Die bereits bekannten Tracks haben eine sanfte Renovation erfahren, was speziell einem Klassiker wie «Violet» gut zu Gesicht steht und die Nummer nochmals auf ein höheres Level hievt. Man merkt deutlich, in welche Richtung sich das Trio entwickelt – eine Tendenz, die sich bereits auf der Split-EP abzeichnet: hin zu melodiöserem, «richtigem» Gesang, bei dem sich insbesondere Bassistin Ramona markant einbringen darf. Ja, dieser Hut steht dem Trio ganz vortrefflich!
Für ein kleines personelles Bäumchen-wechsel-dich sorgt beim dritten Song «Alles» Jérémie von Fire Cult, der kurzerhand den Bass übernimmt, während Ramona sich ganz auf die Vocal-Lines konzentrieren kann.
Alles in allem machen HtH einen frischen und topmotivierten Eindruck, der wohl nicht nur mir bestens gefällt. Nach gut dreissig knackigen Minuten ist der erste Streich allerdings leider schon wieder vorbei.
Die Setlist – Hendricks The Hatmaker
- From The Cities
- Jimmy
- Alles
- Melancholie
- Violet
- Schnorreböx 2
- Metamorphosis
- Hendricks The Hatmaker
Fire Cult
Nach einer rund zwanzigminütigen Umbaupause geht es in die zweite Runde. Bei meinem ersten Aufeinandertreffen mit der Truppe bin ich damals – trotz eines durchaus rassigen Auftritts – nicht so richtig warm geworden. Entsprechend gespannt bin ich, ob der Funke diesmal besser überzuspringen vermag.
Ein irgendwie schwebendes, fast schon Ballett-ähnliches Intro kommt ab Band, bevor das Trio übernimmt und von der ersten Sekunde an Vollgas gibt. Und wie! Fire Cult entwickeln ordentlich Druck, klanglich geht es kompromisslos nach vorn. Wie bereits vor drei Jahren staunt man unwillkürlich, mit welcher schieren Energie die drei zu Werke gehen.
Frontfrau und Sängerin Onneca Guelbenzu erweist sich dabei einmal mehr als unfassbares Energiebündel. Sie zieht das Publikum von der ersten Minute an auf ihre Seite und lässt den für Schweizer Verhältnisse üblichen Fünf-Meter-Sicherheitsabstand zur Bühne in Windeseile dahinschmelzen. Ihr Stageacting erinnert mich stellenweise an Blackie Lawless (W.A.S.P.) – ein echtes «Wild Child» eben. Dass man sich bei so viel Tatendrang im Kabelsalat der Instrumente verheddert, gehört da fast schon dazu. Zum Glück stehen Ramona und Nicolas (Hendricks The Hatmaker) umgehend als technische Rettungstruppe bereit und befreien sie aus ihrer leicht misslichen Lage.
Derweil zieht Bassist Jérémie Magnin – der später mit Onneca die Instrumente tauscht und zur Gitarre greift – sein Set absolut souverän durch. Drummer Thibault Besuchet wiederum bekommt das Dauerstrahlen während des gesamten Sets schlicht nicht aus dem Gesicht. So sieht echte, unverblümte Spielfreude aus!
Wusste mich die Band vor etwas mehr als drei Jahren noch nicht vollends zu fesseln, sind heute sämtliche Bedenken im Nu hinweggefegt. Oder wie Jérémie es während des Sets so schön auf den Punkt bringt: «Ich denke, das ist die beste Show des heutigen Abends von uns hier in Luzern.» Kann man genau so unterschreiben – wobei das sogar noch etwas untertrieben ist. Fire Cult liefern eine in jeder Hinsicht feurige Show ab, die, wie schon jene der anderen «Vorband», gerne noch eine Ecke länger hätte dauern dürfen.
Die Setlist – Fire Cult
- Back To Amoeba
- Lost Pirates
- Satellite Control
- We Are Fire Cult
- No One Tells You
- Spider In The Shower
- Don’t Mess With My Brain
- Do Or Not Do
- Runaway
- Killer Shark
- Static World
EP-Taufe: FireHat
Und nun also das grosse Schlussbouquet. Traten eben noch zwei eigenständige Bands auf, schlägt jetzt die Stunde von FireHat. Sechs Freunde (Drummer Arnaud ist nicht zugegen), vier Songs, jede Menge Klamauk … und eine Musikkassette, die all das auf einen gemeinsamen Nenner bringt.
Das Intro fällt beschwingt, verdreht und wunderbar aberwitzig aus. Danach wird das komplette gemeinsame Werk gespielt – Stück für Stück, Note für Riff. Satte zwölf Minuten Vollbeschallung! Oder in kurz: Die musikalische Umsetzung einer herrlich durchgeknallten Idee. Funktioniert das? Und wie! Macht es Spass? Aber sowas von!
Natürlich hakt es hier und da kurz, und natürlich schleicht sich auch mal der eine oder andere leicht schiefe Akkord ein. Doch genau darin liegt der Charme dieser Darbietung. Herz statt steriler Notenklauberei lautet die Devise. Auf der eher kleinen Bühne herrscht ein riesiges, herrlich unkonventionelles Gewusel. Die Bandmitglieder wirbeln wild durcheinander, und Thibault, der Schlagzeuger von Fire Cult, greift sogar erstmals live zur Akustikgitarre.
Die vier frisch eingespielten Tracks wirken live nochmals eine Spur knackiger und gewinnen durch die spontane Umsetzung zusätzlich an Charme. Onneca teasert zudem augenzwinkernd an: Wenn der Applaus kräftig genug ausfällt, gibt es vielleicht irgendwann ein «Volume 2». Nach diesem Auftritt wäre zumindest eines klar: An Ideen und Spielfreude mangelt es diesem Haufen definitiv nicht.
Die Setlist – FireHat
- Wake-Up Call
- Play Date
- The Wonders of Travelling
- Six-Day Vegan
Das Fanzit – Hendricks The Hatmaker, Fire Cult (und FireHat)
Schön zu sehen, dass Kultur im Untergrund – hier auch ganz wörtlich zu verstehen – nach wie vor so lebendig pulsiert. Dass die zwei (pardon: drei) Bands an diesem Samstagabend definitiv mehr Zulauf verdient gehabt hätten, tat der Stimmung keinen Abbruch. Ob mir der Abend gefallen hat? Nun, das anhaltende Dauergrinsen auf dem Heimweg dürfte dafür wohl ein verlässlicher Gradmesser gewesen sein!
Die Fotos – Hendricks The Hatmaker, Fire Cult (und FireHat)


