Satra – In Tears Of Her Reign
Symphonic Metal
Ein majestätischer Quantensprung
„… quasi frisch geschlüpft und die Flügel ein erstes Mal über den europäischen Kontinent entfaltend, die Newcomer aus dem hohen Norden“ – so hatte ich die Finnen Satra bei ihrem Auftritt in Luzern beschrieben [zur Review].
Und auch ihr Erstling „Sand of Time“ gefiel mir damals sehr. Umso erfreuter war ich, als ich die Nachricht vom baldigen Erscheinen ihres zweiten Werkes erhielt: In Tears of Her Reign.
Kennt ihr das? Eine Band hat euch mit den Klängen ihres Debüts euer Herz umschmeichelt – doch nun zögert ihr, die virtuelle Nadel auf die ebenso virtuelle Vinyl-Scheibe hernieder sinken zu lassen? Aus Angst, das Neue könnte den magischen ersten Eindruck zunichtemachen?
Nun, mein Zögern im Falle von Satra war nicht ganz unbegründet, schliesslich gab es in der Zwischenzeit einige Veränderungen im Bandgefüge: Janne hat Petteri am Bass ersetzt, Aleksi sitzt neu hinter dem Schlagzeug anstelle von Jani, und Gitarrist Niko Valjus fungiert mittlerweile auch als Haupt-Songwriter – in enger Zusammenarbeit mit Sängerin Pilvi Tahkola. Ein spannendes oder vielleicht doch riskantes Unterfangen?
Beim ersten Durchlauf fühlt sich „In Tears Of Her Reign“ jedenfalls nicht wie eine stilistische Neuinterpretation bereits bekannter Weisen oder eine organische Weiterentwicklung an, sondern vielmehr wie ein neues Kapitel, ja fast wie eine andere Equipe. Ob ich das grandios oder verwirrend finde, wird sich bei weiteren Hörproben zeigen.
Passend dazu haben wir mit Niko und Pilvi über ihr neues Werk gesprochen – das vollständige Interview könnt ihr hier nachlesen. Viel Spass!
Ein neues Reich aus Klang und Schatten
Das aus Oulu in Nordösterbotten stammende Quartett präsentiert sich auf seinem zweiten Album klanglich deutlich opulenter und atmosphärisch dichter als zuvor. Während das Debüt im vertrauten Fahrwasser des „gemeinen“ Female-fronted Symphonic Metal angesiedelt war, orientieren sich Satra nun stärker an Genre-Grössen wie Nightwish, Epica oder Evanescence und wagen damit den Schritt hin zu einer kraftvolleren, komplexeren Ästhetik.
Die Finnen wirken dabei gereift, selbstbewusster, und erschaffen eine in sich geschlossene Welt, die dem Hörer zwar einen etwas schwierigeren Zugang abverlangt als noch „Sand Of Time“, dafür aber eine tiefgründigere, emotionalere Reise eröffnet. Bereits das instrumentale „Prelude“ zieht mit seiner stimmungsvoll-düsteren Atmosphäre einen Schleier aus Melancholie und Vorahnung auf, ehe „Into The Ravenous Sea“ wie eine Sturmfront hereinbricht – druckvoll, fiebrig, energiegeladen. Mächtige Drums sowie Pilvis markante Stimme setzen früh ein Ausrufezeichen: Hier wird kein Aufguss des Bekannten serviert, sondern eine tiefgreifende Wandlung vollzogen.
Stürmische Herzen und stille Höhen
Die wahre Stärke des Albums entfaltet sich jedoch im Mittelteil, in welchem Dynamik und Emotionalität besonders ausgewogen ineinandergreifen. „Before They Die“ wächst vom verspielten, beinah zerbrechlichen Einstieg zu einem epischen Finale, das mit eindringlichem Gesang und schwebenden, atmosphärischen Klangflächen für Hühnerhaut sorgt. „Her Tears“ überzeugt indes durch seine clevere Dramaturgie: Gerade wenn das Lied zu verklingen scheint, nimmt es mit treibenden Drums noch einmal imposant Fahrt auf. Das auf Finnisch gesungene „Lauloin Maailmani Uneen“ verleiht dem Album eine eigenständige Note und bringt zusätzlichen nordischen Flair ins Spiel.
Die eingestreuten Growls in „Ashen Crown“ bilden eine gelungene Zäsur und verschmelzen harmonisch mit dem stimmigen Gesamtbild. Gerne mehr davon! Als inniger Schlusspunkt dient das balladeske „Born From Fire“. Obwohl der Song dem Ganzen einen sanften, gefühlvollen Abschluss beschert, wirkt das Fade-out im üblichen Metal-Kontext allenfalls etwas überraschend. Doch alles in allem ist Satra mit „In Tears Of Her Reign“ ein tiefgründiges, dynamisches Werk gelungen, dessen majestätische Ausstrahlung und emotionale Tiefe sich am besten bei einer gewissen Lautstärke entfalten.
Darüber hinaus wirkt das Opus nicht nur musikalisch dichter, sondern auch thematisch durchdachter als der Vorgänger. Die Texte folgen einem klaren roten Faden rund um eine Königin, deren Leben und Schicksal in jedem Track ein eigenes Kapitel erhalten. Themen wie Verlust, Erinnerung, Verantwortung und Vergänglichkeit ziehen sich konsequent durch die gesamte Kreation und verleihen ihr eine klare, beinahe erzählerische Struktur. Auf diese Weise entsteht ein Konstrukt, das mehr bietet als nur einzelne Titel: eine stimmige, ergreifende Reise, die den Hörer in das zentrale Motiv des Albums eintauchen lässt.
Zwischen Reife und verlorener Unschuld
Was mir im Gesamtgefüge jedoch etwas fehlt, ist die Unbeschwertheit, diese Leichtigkeit, die den Erstling noch so charmant zu prägen wusste. Möglicherweise haben Satra bei ihrem Wandel ein kleines Stück ihrer Unschuld und Unbekümmertheit eingebüsst – jener Sorglosigkeit, die Songs wie „Stars“ vom Vorgänger so liebenswert machte. Nun, allenfalls haben sie sich einen Tick zu sehr im symphonischen Korsett verfangen. Aber vielleicht ist die Melange aus Alt und Neu etwas, auf das man sich bei Album Nummer drei freuen darf.
„In Tears Of Her Reign“ bleibt dem Symphonic-Metal treu, zeigt aber durch Line-up-Wechsel, eine klare Handschrift im Songwriting sowie eine detailliertere, emotionalere Erzählweise eine deutliche Weiterentwicklung. Sängerin Pilvi Tahkola hat dabei einen beeindruckenden Sprung hingelegt – vom „lieblichen“ Gesang der Anfangstage hin zu einer kraftvollen, facettenreichen Stimme, die die Scheibe trägt und veredelt.
Das Fanzit zu Satra – In Tears Of Her Reign
Was für ein Sprung nach vorn! Auch wenn mir der Zugang zur neuen Veröffentlichung zunächst etwas schwerer fiel als beim Erstling, lohnt sich das genaue Hinhören auf jeden Fall. „In Tears Of Her Reign“ ist eine Schöpfung, die entdeckt und letztlich geliebt werden will. Die Leichtigkeit mag stellenweise einem majestätischeren Ernst gewichen sein, doch kompositorisch und produktionstechnisch haben Satra hier gleich mehrere Level-ups hingelegt. Sehr beeindruckend, in der Tat.
Anspieltipps: Into The Ravenous Sea, Before They Die, Her Tears, Ashen Crown
Die Tracklist Satra – In Tears Of Her Reign
- Prelude
- Into the Ravenous Sea
- Dance in the Mist
- Before They Die
- Her Tears
- Ashen Crown
- Fading Reign
- Lauloin maailmani uneen
- Born from Fire
Das Line-up – Satra
- Pilvi Tahkola – Gesang
- Niko Valjus – Gitarre
- Aleksi Ronkainen – Drums
- Janne Peltola – Bass
Video Satra – Into the Ravenous Sea

