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Fr, 11. September 2026

Judas Priest, Nevermore

Festhalle (Bea Expo) (Bern, CH)
/ Gast 21.09.2026

Im Museum des Metal

Auf ihrer «Faithkeepers»-Tour bieten Judas Priest in der Festhalle Bern ein souveränes, wenn auch überraschungsfreies und museal anmutendes Programm. Doch auch ohne disruptive Energie beweist die Band, dass sie als Wegbereiterin des Metal nicht nur geschichtliche Relevanz hat.

Ein paar Wochen vor dem Konzert schreibe ich einem Freund, älteres Semester, und frage ihn, ob er Lust habe, mich zu Judas Priest in der Festhalle Bern zu begleiten. Die 1969 gegründete Band ist auf ihrer «Faithkeepers»-Tour und spielt Songs aus der frühen Schaffensphase bis 1990. Dankend lehnt er ab. Er habe die Band in den Achtzigerjahren live gesehen und wolle sich nicht die guten Erinnerungen verderben. Damals hätten die Musik und die Live-Performance der Metal-Wegbereiter aus Birmingham, UK, eine unglaubliche Intensität gehabt. In der Tat besteht bei Konzerten von Helden alter Zeiten immer die Gefahr, dass sie nurmehr museale Qualitäten haben und eher Nostalgie als Euphorie hervorrufen. Wie also war’s in Bern beim Auftritt des Sängers und markenrechtlich geschützten «Metal Gods» Rob Halford (1973 – 1992, seit 2004), des Bassisten Ian Hill (seit 1970), des Schlagzeugers Scott Travis (seit 1990) sowie der Gitarristen Richie Faulkner (seit 2011) und Andy Sneap (seit 2018)?

In der ordentlich, aber nicht zur Gänze gefüllten Festhalle harrt ein überwiegend älteres, männliches Publikum der Hüter seines Glaubens. Darunter sind nur wenige Innenstadt-Hipster, vielmehr stammen dem Augenschein nach viele aus der Agglo und vom Lande. Meine Freunde aus linksalternativen Kreisen würden sofort monieren: nicht divers genug! Doch was könnte es Besseres und Progressiveres geben als einen Haufen raubeiniger Männer, die einen seit 1998 offen schwul lebenden, liberalen Christen namens Rob Halford bejubeln? Wer genau hinschaut, entdeckt im Publikum zudem die eine oder andere Regenbogenfahne, queere Personen und homosexuelle Pärchen. Judas Priest haben Massgebliches für Toleranz im Metal geleistet. Auch Mitglieder der Berner Antifa werden gesichtet. Ich werde gar von einem übereifrigen und reichlich angeschickerten Social Justice Warrior angehalten, der das Logo auf meinem Body-Count-Hoodie spontan als «etwas Rechtes» identifiziert. Nachdem er es aus trüben Augen eingehend studiert hat, macht sich Erleichterung auf seinem Gesicht breit: ach ja, Ice-T, Cop Killer! So werde ich aus der wohlmeinenden Untersuchungshaft entlassen.

Nevermore

Das Konzert der Vorband Nevermore verpasse ich aufgrund eines Zugausfalls bis auf wenige Songs. Die aber haben es in sich. 1992 gegründet, zählt die Progressive-Thrash-Metal-Band aus Seattle zu den am stärksten unterschätzten Vertreterinnen ihres Genres. Ihr letztes Album «The Obsidian Conspiracy» aus dem Jahr 2010 sei allen denjenigen empfohlen, die sowohl in atmosphärischer als auch spieltechnischer Hinsicht Freude an Coroners Meisterwerk «Dissonance Theory» haben. Das Konzert endet mit dem Song «Enemies of Reality», der emotional packende Hymnik und Prog-Gefrickel auf beeindruckende Weise balanciert. Der Text liest sich in seinem dunklen Pathos wie eine Quintessenz der Outsider-Togetherness, die im Metal traditionell zelebriert wird: «We are the nothing grating against the norm / We are the something that will not conform / No one understands what we’ve been given.»

Judas Priest

Dann kommen Judas Priest. Und es kommt, wie erwartet: Das Konzert verläuft routiniert, streng nach Plan, ohne Variationen der Setlist, ohne sonstige Überraschungen und ohne, wie es Metallica zu tun pflegen, ortsspezifische Einlagen. Die Kommunikation mit dem Publikum tendiert gegen Null. Begleitet von opulenten Live-Visuals, als deren Höhepunkt die längst nicht mehr real auf der Bühne vorhandenen Marshall-Wände in Form von grossflächigen Bildsimulation wiederauferstehen, spielt sich die Band durch die siebzehn Songs der Setlist. Der weissbebartete Halford schreitet in altersangemessenem Tempo über die Bühne und wechselt zwischendurch die Klamotten, Ian Hill schunkelt stoisch wie eh und je im Hintergrund herum, Scott Travis bearbeitet mit seinem typischen süffisanten Lächeln und seinen beneidenswert definierten Oberarmen das Schlagzeug, Faulkner und Sneap sorgen für Bewegung auf der Bühne und bedenken die Fans gelegentlich mit Plektrums. Was die Präzision im Zusammenspiel betrifft, haben die beiden Gitarristen indes nicht den besten Abend erwischt.

Unbestrittene Hits wie «Metal Gods», «Lightning Strike» oder «The Hellion / Electric Eye» werden vom Publikum ebenso erfreut aufgenommen wie das lange als peinlichster Erguss der Band belächelte «Turbo Lover» sowie der, nun ja: ‹neueste Song› im Programm, «Painkiller» (1990). Ein älterer Herr mit Koteletten und im Biker-Outfit nippt dazu an seinem mitgebrachten Flachmann, eine junge Frau mit tiefem Dekolletee und nietengespicktem Brustteil wippt versonnen im Takt, ein paar Teenager stehen neben ihren Eltern, als besuchten sie ein Dinosauriermuseum.

Ähnlich wie AC/DC in ihrem Musikvideo zu «Through The Mists Of Time» spielen Judas Priest tatsächlich in einer Art Museum ihrer selbst: Immer wieder zeigen die Bildschirme die Cover ihrer früheren Alben oder verstärken die Songs mit spektakulären Szenen, etwa Heerscharen marschierender Roboter. Dabei haben die Songklassiker eigentlich gar keine visuellen Kunstvermittler nötig. Aber Judas Priest waren immer schon eine Metalband, die keinen Kontakt mit technologischen Innovationen und neuesten Trends scheute; unter anderem setzte sie früh schon Gitarrensynthesizer ein. Auch auf die Optik legte sie stets grossen Wert. Insofern ist der Bildexzess dann doch wieder folgerichtig – Heavy Metal zielt eben auf allen Ebenen auf Überwältigung.

Einer der Höhepunkte des Abends ist «Victim Of Changes» vom Album «Sad Wings of Destiny» (1976) – ein Song, der wie die Band selbst für den evolutionären Übergang vom Hardrock zum Metal steht. Auf «Sad Wings of Destiny» experimentierten die Birminghamer noch mit verschiedenen Einflüssen und hielten sich alle Optionen offen, vom Hardrock über Bombast-Rock à la Queen bis zu extremeren Formen der Rockmusik. «Victim Of Changes» ruckelt zunächst in gemächlichem Tempo und im Laid-Back-Feeling über einen imaginären Highway. In Bern erscheint dazu auf den Bildschirmen der auf dem Albumcover abgebildete gefallene Engel im Höllenfeuer – künstliche Intelligenz versetzt seine erstarrten Flügel in Bewegung. Vielleicht schafft es das «Victim Of Changes» also wieder nach oben? Zu Beginn steht der Song mit wuchtigem Drumming und pelzig verzerrten Gitarrenlicks in der Tradition des bluesigen Hardrocks. Aber dann: ein Break, lang ausklingende Akkorde und ein druckvoll abgedämpftes Sechzehntelriff, wie es für Metal zum Markenzeichen werden sollte. Es folgt ein zweites Break und der Übergang zu abgestoppten, unisono gespielten Sechzehntelnoten mit chromatischem Verlauf. Eine verzerrte Gitarre schwingt sich in einer Wolke von Bendings, Hammer-ons und Pull-offs zu einem flammenden Solo auf, bevor hart abgedämpfte Deadnotes den weichen Flow im Offbeat durchbrechen – und es ward Metal! Was hier im Kleinen geschieht, bewirkte Heavy Metal in der Welt des Rock im Grossen. Er brach in diese Welt nicht von aussen ein, sondern von innen. Dort wirkte er als Kontrapunkt zur Normalisierung des in die Jahre gekommenen und behäbig gewordenen Hardrocks, als Stachel im Fleisch des Warmen und Organischen. Der Song endet mit einem langgezogenen, hohen Schrei – einem Erkennungszeichen nicht nur Rob Halfords, sondern des Metal als solchem.

Auf dem Nachhauseweg begegne ich Ian Christe, dem Bieler Gründer des Metal-, Hardcore- und Punkverlags Bazillion Points und Host der Radioshow Bloody Roots. Er erinnert sich noch an die frühen Konzerte von Judas Priest und hat Rob Halford mehrfach interviewt. Ihm ist aufgefallen, dass der Sänger heute, im Alter von 75 Jahren, agiler wirkt als in früheren Phasen. Man merke es ihm an, dass er seine Alkoholsucht überwunden habe. Und auch wenn die Live-Visuals kitschig seien und Judas-Priest-Konzerte heute eine andere Wirkung hätten als früher, sei es doch gut, dass die Band weiterhin unterwegs ist und die Fahnen des Metal im Sinne eines generationen- und identitätsübergreifenden Projekts hoch hält. So kommen wir denn zu einem…

Das Fanzit – Judas Priest, Nevermore

Nevermore live zu erleben macht Lust auf mehr – am besten sollte sich die Band in Evermore umbenennen! Weil man die Prog-Thrasher hierzulande nicht alle Tage auf Bühnen erleben kann, bietet es sich an, den Backkatalog mit tollen Alben wie «The Politics of Ecstasy» oder «Enemies of Reality» wiederzuentdecken. Judas Priest live zu erleben wiederum ist kein disruptives Erlebnis wie in den späten Siebzigerjahren und frühen Achtzigerjahren, als sie die musikalische, visuelle und performative Ästhetik des Metal wesentlich prägten – mit prägnanten Riffs, Double-Bass-Drumming, exaltierten Schreien, Leder-Nieten-Look und schweren Motorrädern, von denen eines in Bern zum Schluss ebenfalls noch mal zum Einsatz kommt. Aber es stimmt optimistisch zu sehen, dass die Band weitermacht und kein «Victim Of Changes» geworden ist. Gegen Museen ist nichts einzuwenden!

In Bern spielen Judas Priest zwar nicht besonders inspiriert auf und geizen mit Songs der letzten Jahre – «Invincible Shield» etwa stellte 2024 unter Beweis, dass die Band durchaus noch relevante neue Kompositionen aus dem Lederärmel schütteln kann! Aber in ihrer souveränen Routine und Beharrlichkeit liegt durchaus auch eine Kraft. Abgeklärt und locker spulen sie ein Programm ab, bei dem man wie im Zeitraffer miterleben kann, wie sich Heavy Metal vom Hardrock emanzipiert, ohne letzteren gänzlich zu überwinden. Judas Priest bleiben aber nicht nur mit Blick auf die Musik eine wichtige Band. Als erster offen schwuler Metal-Star – er outete sich 1998 – setzt sich Halford für Toleranz, Liberalität und Vielfalt ein, ohne dabei Identitätshuberei zu betreiben oder in jene missionarische, überhebliche und aggressive Haltung zu verfallen, die viele aktivistische Weltverbesserer auszeichnet und die mehr neuen Schaden anrichtet, als sie alten wiedergutmacht. In seiner Autobiographie «Confess» schreibt er, dass er keine Regenbogenfahne schwenken müsse – er sei die Regenbogenfahne des Metal. Das gilt auch dann, wenn er ganz in schwarzes Leder gekleidet ist. Damit verkörpert und lebt Halford die noch immer beste Tugend, die der klassische Heavy Metal um 1980 ausgeprägt hat: leben und leben lassen! Denn das Leben ist schon hart genug.

Text: Jörg Scheller

Die Setlist – Judas Priest

  1. You’ve Got Another Thing Comin’
  2. Metal Gods
  3. Breaking The Law
  4. The Ripper
  5. The Sentinel
  6. Desert Plains
  7. Lightning Strike
  8. Turbo Lover
  9. Steeler
  10. Delivering The Goods
  11. Panic Attack
  12. Victim Of Changes
  13. Halls Of Valhalla
  14. Painkiller
  15. The Hellion / Electric Eye
  16. Hell Bent For Leather
  17. Living After Midnight

Die Fotos – Judas Priest


Wie fandet ihr das Konzert?

/ Gast 21.09.2026
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