Power Paladin – Beyond The Reach Of Enchantment
Power Metal
Stahl, Stolz und strahlende Rüstungen: Der Paladin schlägt wieder zu
Rund vier Jahre ist es nunmehr her, seit Power Paladin mit ihrem Erstling «With The Magic Of Windfyre Steel» (zur Review) meine heimischen Lautsprecherboxen so richtig durchzurütteln vermochten. Nun legt das im Land der Vulkane, Geysire und Lavafelder beheimatete Sextett mit «Beyond The Reach Of Enchantment» endlich nach – und wie!
In der Welt der Pen-&-Paper-Rollenspiele ist der Paladin die sprichwörtliche «Blechbüchse»: schwer gepanzert, moralisch gefestigt und stets bereit, seinen «Smite» auf das Böse niedersausen zu lassen. Dass sich die Isländer nach genau dieser Charakterklasse benannt haben, ist dabei alles andere als ein Zufall. Ihr Sound ist die musikalische Entsprechung eines kritischen Treffers mit einem heiligen Grossschwert, und ihr Zweitwerk fühlt sich von der ersten Sekunde so an, als würde man sich dem Endboss stellen.
Highspeed & Arcade-Vibes
Dass die Kinder der Mitternachtssonne nichts von halben Sachen halten, stellen sie gleich mit dem Opener «Sword Vigor» eindrucksvoll unter Beweis. Der Track startet mit einem ordentlichen Saitengewitter und bietet eine satte Dosis Old School Metal, ohne jedoch auch nur ansatzweise angestaubt zu wirken. Das wie die berühmte Faust aufs Auge passende Arcade-Gedudel bringt zudem jede Menge 80er-Jahre-Flair – und eine stattliche Portion DragonForce-Vibes – mit ins Spiel.
In diesem munter-überdrehten Tempo geht es über die gesamte Laufzeit von 48 Minuten dann auch weiter. «Glade Lords Of Athel Loren» liefert Highspeed-Drumming vom Feinsten, bei dem wohl so mancher Drum-Computer kapitulieren und in Rauch aufgehen würde. Gepaart wird das Ganze mit Helloween-artigen Gitarrenläufen und einem Refrain, der live garantiert zünden wird. Einzig die Gitarrenparts sind mir bei der fast schon episch anmutenden Länge von 6:32 Minuten eine Spur zu ausufernd geraten. Die punktuell eingestreuten harschen Vocals stammen übrigens von Gunnar Rúnarsson.
«The Royal Road» eröffnet mit einer wahren Prügel-Attacke, bevor die Komposition in eingängige Melodiefolgen einschwenkt, die einen sofort abholen und in den Song hineinziehen. Der Chorus bildet da keine Ausnahme und lädt zum fröhlichen Headbangen ein. Das Stück zählt zwar nicht unbedingt zu den komplexesten der Scheibe, weiss jedoch mit einem abwechslungsreichen – wenn auch für meinen Geschmack erneut etwas zu verspielt daherkommenden – Gitarrensolo aufzuwarten.
Stimmgewalt & Gastspiele
Und wenn wir schon bei grandiosen Stimmen sind, so darf «The Arcane Tower» keineswegs unerwähnt bleiben, in dem sich mit Tommy Johansson ein prominenter Gast die Ehre gibt. Ein weiterer Vollgas-Track, der die Kinnlade auf Floorlevel krachen lässt – garniert mit einer sehr coolen Zusammenarbeit und einem überraschend soften, gemässigten (und ja, durchaus hymnischen) Mittelteil.
Was ebenfalls auffällt, ist Atlis zuweilen etwas dunkler, tiefer klingendes Timbre. Gut zu hören ist dies etwa bei «Aegis Of Eternity», das mit unbändiger Energie und punktgenauen Hooks direkt ins Ohr geht und mit den von James Hetfield (Metallica) inspirierten Strophen-Vocals eine grandiose Symbiose bildet.
Das spassig-theatralische «Camelot Rock City» (titelmässig wohl eine charmante Verbeugung vor KISS – nur eben mit Kettenhemd statt Plateauschuhen) sticht mit seinen gesprochenen Parts sowie dem filigranen Kehrreim heraus, derweil «Keeper Of The Crimson Dungeon» mit seiner energetischen Art ein Denkmal für den klassischen Power Metal setzt.
Das abschliessende «Valediction» kommt dann nach einem zart-gezupften Intro nochmals so richtig galoppierend und mächtig in die Gänge. Das weibliche Gesangsorgan gehört nebenbei bemerkt einer gewissen Noora Louhimo, die nach ihrem Abgang bei Battle Beast nun genügend Zeit zu haben scheint, ob Stücke wie dieses zu veredeln.
Pathos ohne Puderzucker
Power Paladin bleiben auf ihrem zweiten Opus ihren treibenden Wurzeln treu – allenfalls wurde hier und da sogar noch eine Schippe draufgelegt, besonders was das Tempo und die unbändige Spielfreude betrifft. Erhobenen Hauptes wandeln die Isländer auf «Beyond The Reach Of Enchantment» in den musikalischen Fussstapfen von Legenden wie Helloween, Iron Maiden oder DragonForce, ohne dabei jedoch ihre eigene Identität einzubüssen.
Darüber hinaus verzichtet das neue Material auf jenen Zahnweh auslösenden, kitschigen Überguss, den man bei so mancher anderen Truppe des Genres allzu oft antrifft. Natürlich machen die Skandinavier nach wie vor keine Gefangenen und knallen uns eine volle Breitseite Pathos um die Ohren – ein heroisches Klischee-Fest par excellence. Man denke nur an den Videoclip zu «Sword Vigor», der mich in seiner Machart stark an Monty Pythons «Ritter der Kokosnuss» erinnert. Doch bei aller spielerischer Ironie ist das, was die Nordmänner hier abliefern, ein musikalisch ernst zu nehmendes Stück Metal-Kunst.
Passend dazu fängt das von James Child (Astral Clock Tower Studios) gestaltete Fantasy-Artwork den Abenteuergeist des Albums entzückend ein (respektive die Ruhe vor dem Sturm, wenn man die Herrschaften so am Lagerfeuer chillen sieht). Der von Haukur Hannes (Auðn, Dynfari usw.) gemischte und von Frank de Jong (Bleeding Gods usw.) gemasterte Sound wirkt zudem durchgehend direkt und druckvoll, was dem gesamten Werk eine ordentliche Extraportion Wucht verleiht.
Das Fanzit zu Power Paladin – Beyond The Reach Of Enchantment
Ich kann es nur wiederholen: Wer energiegeladenen Metal mit spürbarer Leidenschaft und abwechslungsreichem Songwriting schätzt, sollte Power Paladin unbedingt eine Chance geben. Am Ende ist es genau diese besondere Verschmelzung aus nordischer Kälte und glühendem Pathos, die «Beyond The Reach Of Enchantment» so herausragen lässt.
Die Isländer inszenieren eine musikalische Heldenreise, bei der jede Note vor monumentaler Wucht strotzt und dennoch erstaunlich leichtfüssig durch die Gehörgänge galoppiert. Power Metal in seiner vielleicht martialischsten Form – eine heroische Breitseite, die zielsicher ins Schwarze trifft.
Anspieltipps: Sword Vigor, The Royal Road, Aegis Of Eternity, Camelot Rock City
Die Tracklist – Power Paladin – Beyond The Reach Of Enchantment
- Sword Vigor
- Glade Lords Of Athel Loren
- The Royal Road
- The Arcane Tower
- Aegis Of Eternity
- Camelot Rock City
- Keeper Of The Crimson Dungeon
- Valediction
Das Line-up – Power Paladin
- Atli Guðlaugsson (vocals)
- Bjarni Þór Jóhannsson (guitars)
- Ingi Þórisson (guitars)
- Einar Karl Júlíusson (drums)
- Bjarni Egill Ögmundsson (keyboards)
- Kristleifur Þorsteinsson (bass)
Video Power Paladin – Glade Lords Of Athel Loren

