Ausgegraben: Saraya – When The Blackbird Sings
Hardrock, Rock
Vergessene Perle
Wie konnte mir als Verehrer des 80s-Hard&Heavy eine Band wie Saraya über Jahre durch die Lappen gehen? Das war mein erster Gedanke, als ich 25 Jahre nach Veröffentlichung ihres Debuts eher zufällig auf die Band gestossen bin.
Zugegeben, bekannt war die Truppe nie wirklich, auch wenn sie mit ihrem gleichnamigen Debut seinerzeit für Aufsehen sorgte. Vor allem aufgrund des auffallend klaren und starken Gesangs von Sängerin Sandi Saraya, die sich in einer hauptsächlich von Männerstimmen dominierten Szene behauptete.
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Der komplett überflutete Glam/Hair-Metal-Markt lässt Saraya keine Möglichkeit zur Entfaltung. Durch mangelnde Promotion sowie aufgrund einer Übersättigung des auslaufenden Trends gehen ihre beiden Alben komplett vergessen. Eigentlich schade, zu dieser Zeit wäre etwas härtere Rockmusik mit Frauenstimme des Kalibers Lee Aaron durchaus eine wohltuende Bereicherung gewesen. Dass Sandi Saraya gesanglich problemlos mit der kanadischen Metalqueen mithalten kann, ist eine durchaus legitime Behauptung. Ihr Organ ist eine junge Mischung aus Ann Wilson, Alannah Myles und Pat Benatar – die perfekt rockige Dynamik, die in jeder Stimmlage zu brillieren weiss.
Sandi ist aber nicht der alleinige Referenzpunkt, auch wenn das keyboardlastige und eher AOR-angehauchte Debut hauptsächlich ihre Stimme in den Mittelpunkt rückt. Noch vor der Veröffentlichung von «When The Blackbird Sings» verlässt Mitgründer und Keyboarder Gregg Munier die Band, da er mit dem gitarrenlastigen Sound nicht einverstanden ist. Aus diesem Grund trägt das Album eindeutig die Handschrift von Hauptsongwriter und Gitarrist Tony Bruno. Das macht den Sound kantiger und bluesiger, etwas dreckiger und eindeutig rockiger. Riffs und Solos par excellence mit einer ungebändigten und lässigen Spielfreude gezockt, als gäbe es kein Morgen mehr – wirklich ganz, ganz grosses Kino, wie der relativ unbekannte Saitenakrobat mit seinem Instrument um sich haut. Da wundert es kaum, dass der gute Mann Jahre später als Studiomusiker und Songwriter arbeitet, u.a. auch für Nena oder Rosenstolz.
Nicht fürs Radio zugeschnitten
Der Einstieg ins Album wirkt zurückhaltend. Das an Tesla erinnernde ‹Queen Of Sheba› hört sich zu Beginn wie ein Soundcheck an, bei dem jedes Instrument seinen Platz einnimmt. Auffällig ist dabei, dass die Produktion sehr aufgeräumt und trotzdem unpoliert klingt. Das erzeugt ein authentisches Live-Feeling, das sich durchs gesamte Album zieht. Die Songs sind aus einem Guss: von gedämpft bluesig, über groovig bis hin zu rassig und schmissig – welcher Rocker kriegt da keine feuchten Augen?!
Trotz der Zugänglichkeit ist das Songmaterial nicht radiotauglich. Die Stücke bleiben in sich roh und ungeschnitten, was sie entsprechend in die Länge zieht. Das ist Gift für den Gelegenheitsrocker, Balsam für den Fan. So beginnt beispielsweise ‹Hitchin’ A Ride› wie ein Lagerfeuersong à la Lynyrd Skynyrd, um anschliessend zu einem rotzigen Bluesrocker zu mutieren, der auf das klassische Strophe-Refrain-Schema verzichtet.
Referenzniveau
Überhaupt steht dem Album diese freche Southern-Rock-Attitüde sehr gut zu Gesicht. Ähnlich geht es nämlich bei ‹Seducer› oder ‹Lion’s Den› zur Sache, während der Titeltrack als bluesiger Stampfer jede Anlage auf ihre Pegelfestigkeit prüfen dürfte. ‹When You See Me Again› oder ‹Tear Down The Wall› bleiben umgehend als Hymnen hängen, wogegen das gefühlvolle ‹In The Shade Of The Sun› für Hühnerhaut sorgt. Selbst das akustische Abschlussstück ‹New World› fügt sich perfekt in diesen Rahmen ein.
Saraya zelebrieren auf ihrem zweiten (und leider bisher letzten) Album schnörkellosen und in jeder Hinsicht referenzwürdigen Rock bzw. Hardrock. Kaum zu glauben, dass die Langrille bereits 35 Jahre auf dem Buckel hat. Produzent Peter Collins (u.a. «Operation: Mindcrime» und «Empire» von Queensrÿche) hat sich hier mit einem unverbraucht und zeitlos klingenden Werk ein Denkmal gesetzt.
Das Fanzit zu Saraya – When The Blackbird Sings…
«When The Blackbird Sings» ist eine vergessene Perle, ein Vermächtnis einer Musik-Ära, die leider vom gewinnhungrigen Business zu Tode gespielt wurde. Ein Ausnahmealbum wie dieses unterstreicht eindrücklich, wieviel Potential in den Spät-80ern auch neben den Charts vorhanden war.
Zehn Horns mögen den einen oder anderen nostalgischen Punkt beinhalten, aber genau diese Punkte ist diese Scheibe wert – keinen weniger.
Die Tracklist – Saraya – When The Blackbird Sings
- Queen Of Sheba
- Bring Back The Light
- Hitchin’ A Ride
- When You See Me Again
- Tear Down The Wall
- Seducer
- When The Blackbird Sings
- Lion’s Den
- In The Shade Of The Sun
- White Highway
- New World
Das Line-up Saraya
- Sandi Saraya – Vocals
- Tony Bruno – Guitars
- Gregg Munier – Keyboards
- Barry Dunaway – Bass
- Chuck Bonfante – Drums
Video Saraya – When You See Me Again


