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The Menzingers - Promo Pic 2026
Mi, 8. Juli 2026

The Menzingers – Interview mit Tom May

Punkrock
13.07.2026
The Menzingers - Promo Pic 2026

Erinnerungen zwischen Nostalgie und Realität

Mit «Everything I Ever Saw» veröffentlichen The Menzingers am 17.07.2026 ein Album, das sich intensiv mit Vergangenem, Vergänglichkeit und dem Älterwerden auseinandersetzt.

Seit Jahren versteht es die Band aus Scranton, persönliche Geschichten in universelle Songs zu verwandeln, die weit über klassische Punkrock-Themen hinausgehen. Sänger und Gitarrist Tom May verrät uns, weshalb Erinnerungen oft trügerisch sind, warum gerade kleine Alltagsdetails so wichtig werden und welcher Song der neuen Scheibe ihn unerwartet mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontierte.

Bereits der Albumtitel weckt Assoziationen an Erinnerungen – unsortiert, widersprüchlich und voller Emotionen. Genau dort setzt auch unser Interview mit Tom May an.

Metalinside (Sandro):  Wenn du den Titel ganz wörtlich nimmst: Welches Bild taucht als Erstes vor deinem inneren Auge auf? Eine Kindheitserinnerung oder etwas aus den frühen Tagen von The Menzingers?

Tom May: Erinnerungen sind unglaublich unzuverlässig. Wenn ich so darüber nachdenke, laufen in meinem Kopf sofort unzählige Bilder wie in einer Filmszene ab. Zuerst taucht meine früheste Kindheit vor mir auf: Ich sehe mich mit meinen Cousins auf einem grauen Teppich spielen. Gleichzeitig habe ich aber auch ganz intensiv den Geruch der dicken Zigarren meines Urgrossvaters in der Nase. Es sind diese kleinen Momentaufnahmen, die erstaunlich lange im Gedächtnis bleiben.

Die kleinen Details erzählen oft die grössten Geschichten

Wer The Menzingers kennt, weiss, dass ihre Songs selten von grossen Gesten leben. Stattdessen entstehen starke Bilder aus scheinbar unscheinbaren Beobachtungen. Gerade die Nuancen verleihen den Liedern ihre besondere Atmosphäre.

MI: Eure Texte wirken oft fast wie Filmszenen. Sie sind voller kleiner Details – Zigarettenrauch, abgestandener Kaffee, kaputte Strassenlaternen oder all die Schönheit und der Schmutz des Alltags. Wie schafft ihr es, euch diesen Blick für die kleinen Dinge über all die Jahre zu bewahren?

Tom: Tatsächlich machen wir intern oft einen Witz darüber. Ich nenne das «ABN» – Always Be Noticing. Es gab einmal einen herrlich satirischen Artikel über uns. Man sieht irgendeine völlig alltägliche Szene mit einer Portion Americana und rennt sofort los, um sie in einem Notizbuch festzuhalten.

Aber Erinnerungen funktionieren eben nicht objektiv. Wir liegen ständig daneben. Manche Fakten wie Namen oder Daten bleiben zwar erhalten, doch die emotionale Bedeutung verändert sich mit der Zeit. Wenn ich heute alte Texte von mir lese, stelle ich oft fest, dass ich dieselbe Situation inzwischen gänzlich anders empfinde. Gerade diese kleinen Beobachtungen werden deshalb zu einer Art Anker zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Wenn Vergangenheit plötzlich wieder greifbar wird

Viele Songs auf «Everything I Ever Saw» beschäftigen sich mit Verlust, Veränderungen und den Spuren, die Menschen in unserem Leben hinterlassen. Für Tom blieb dieses Motiv während der Entstehung des Albums nicht nur auf das Songwriting beschränkt.

MI: Gibt es auf «Everything I Ever Saw» einen Song, der sich für dich wie ein vergessenes Foto anfühlt? Ein Lied, das dich sofort wieder an einen bestimmten Menschen, einen Ort oder eine längst überwunden geglaubte Situation zurückversetzt?

Tom: Ja, definitiv. Da gibt es den Song «Parade Day». Er entstand nach dem Verlust einiger Freunde und handelt davon, wie sich mein Blick auf solche Tragödien im Laufe der Jahre verändert hat.

Geschrieben habe ich ihn in einem Studio, das zwei meiner engsten Freunde gehört. Während dieser Zeit suchte ich im Kofferraum meines Autos nach einem Feuerzeug und fand dabei völlig unerwartet etwas wieder, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass ich es noch besass: eine Gebetskarte von der Beerdigung eines Freundes. Dieser Moment war ehrlich gesagt ziemlich unheimlich.

Reifer werden, ohne stehenzubleiben

Seit «On the Impossible Past» begleiten The Menzingers ihre Hörer durch verschiedene Lebensphasen. Was einst von jugendlicher Unbeschwertheit und durchzechten Nächten geprägt war, entwickelte sich über die Jahre zu Songs über Verantwortung, Zweifel und das Älterwerden. «Everything I Ever Saw» knüpft daran an, ohne sich dabei in Nostalgie zu verlieren.

MI: Wenn «On the Impossible Past» die Jugend mit Kater war, «After the Party» die Erkenntnis, dass die Zwanziger halt nun doch irgendwie vorbei sind, und «Hello Exile» das ungefragte Ankommen im Erwachsenenleben – wo ordnet sich «Everything I Ever Saw» ein? Akzeptanz, Resignation oder einfach eine neue Runde im selben Kampf?

Tom: Ehrlich gesagt steckt von allem etwas darin. Das Album erzählt davon, sich selbst anzunehmen und gleichzeitig zu der Person zu werden, die man sein möchte. Es geht auch darum, die Zeit als etwas zu akzeptieren, gegen das man ohnehin nicht ankämpfen kann. Und natürlich begegnen einem viele alte Konflikte irgendwann wieder – nur aus einer anderen Perspektive.

Ich muss dabei oft an die Weisheit denken, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigt. Menschen und Situationen kehren zwar zurück, aber sie sind nie mehr exakt dieselben.

Weniger Chaos im Studio – mehr Offenheit in den Songs

Musikalisch verbinden The Menzingers seit jeher rauen Punkrock mit eingängigen Hooklines und hymnischen Refrains. Mit wachsender Erfahrung hat sich auch ihre Arbeitsweise verändert. Doch nicht jede Unschärfe sollte verschwinden.

MI: Ihr habt schon immer rohe Punk-Energie mit grossen Rockmelodien kombiniert. Wie viel habt ihr dieses Album im Studio gezielt verfeinert – und an welchen Stellen war klar, dass das Chaos bleiben darf?

Tom: Über die Jahre haben wir unglaublich viel über Songwriting, Aufnahmen und Musikproduktion gelernt. Wenn wir heute zu viert zusammensitzen, wissen wir meistens ziemlich genau, was wir tun – zumindest bilde ich mir das gerne ein.

Dadurch konnten wir viele der musikalischen Baustellen bereits vor den eigentlichen Studioaufnahmen lösen. Wer was spielt, welche Parts funktionieren und wie die Songs aufgebaut sind, war diesmal viel klarer als früher. Der Aufnahmeprozess verlief deshalb deutlich strukturierter und weniger chaotisch.

Das eigentliche Chaos habe ich an einer anderen Stelle gefunden: in den Texten. Viele Songs zeigen verletzliche Momente und Gefühle, für die es keine einfachen Antworten gibt. Ich hätte mir bei einigen Songs gewünscht, dass sie klar von etwas Abgeschlossenem handeln – aber so funktionieren Emotionen eben nicht. Statt eines Happy Ends bleiben manche Fragen offen, doch gerade das gehört zum Leben.

Vier Persönlichkeiten, eine gemeinsame Geschichte

Mit Greg Barnett und Tom May teilen sich bei The Menzingers zwei Songwriter und Sänger die kreative Verantwortung. Dennoch wirkt bei ihnen alles wie aus einem Guss – nicht wie zwei nebeneinanderstehende Soloprojekte.

MI: Greg Barnett und du habt beide sehr eigene Stimmen und Schreibstile. Wie verhindert ihr, dass ein Album wie zwei getrennte Geschichten wirkt? Oder anders gefragt: Was macht einen Song am Ende unverkennbar zu einem Menzingers-Titel und nicht einfach zu einem Greg- oder Tom-Song?

Tom: Wenn wir mit einem neuen Album beginnen, wissen wir selbst noch gar nicht präzise, welche Themen am Ende im Mittelpunkt stehen werden. Während wir gemeinsam schreiben, sprechen wir sehr viel miteinander – oft auch über durchaus grundlegende Fragen. Wir diskutieren Ideen, hinterfragen Ansätze und überlegen, wohin sich alles entwickeln könnte.

Erst nach und nach kristallisieren sich die eigentlichen Themen heraus. Irgendwann merken wir, dass wir alle in dieselbe Richtung unterwegs sind. Genau dann entstehen für mich die besten Songs – weil wir als Band alle denselben Weg gehen.

Hinter der Bühne beginnt der Alltag

Konzerte, Festivals und lange Tourneen gehören seit Jahren zum Leben von The Menzingers. Doch was für Fans oft wie ein gelebter Traum aussieht, bedeutet für die Musiker auch einen steten Wechsel zwischen eskalierendem Ausnahmezustand und banalem Alltag. Gerade die Rückkehr nach Hause kann dabei überraschend herausfordernd sein.

MI: Das Leben auf Achse kann einen ganz schön zermürben. Wie findest du nach einer Tour wieder zu dir selbst, wenn die Verstärker verstummt sind?

Tom: Das ist eine richtig gute Frage. Ich habe im Laufe der Jahre die unterschiedlichsten Dinge ausprobiert. Mal habe ich nach einer Tour die erste Nacht bewusst nicht zu Hause verbracht und stattdessen in einem Hotel in Philadelphia übernachtet. Dann habe ich versucht, möglichst viel Zeit in der Natur zu verbringen oder sofort Familie und Freunde zu besuchen.

Jede dieser Möglichkeiten hat auf ihre Art geholfen. Seit wir letztes Jahr «Everything I Ever Saw» aufgenommen haben, fahre ich allerdings meistens direkt zurück in unser Studio. Das klingt vielleicht widersprüchlich, weil ich dort ja wieder von Musik umgeben bin, aber gerade das funktioniert für mich am besten. Selbst wenn ich nur mein Equipment wegräume, Kabel aufrolle und nebenbei irgendwelche völlig belanglosen YouTube-Videos anschaue, komme ich innerlich wieder zur Ruhe.

Und eines darf natürlich auch nicht fehlen: Kaum bin ich zurück, verschlinge ich regelrecht wütend einen italienischen Hoagie [US-amerikanische Bezeichnung für ein bestimmtes, üppig belegtes Sandwich].

Wenn Songs mehr werden als Musik

Über die Jahre sind die Lieder von The Menzingers für viele Menschen zu Begleitern durch schwierige Lebensphasen geworden. Immer wieder erzählen Fans der Band, wie sehr ihnen bestimmte Lieder in persönlichen Krisen geholfen haben. Für Tom May ist das ebenso berührend wie verantwortungsvoll.

MI: Für viele Fans sind eure Songs weit mehr als nur Musik – sie begleiten sie durch schwierige Zeiten. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um, ohne sie Abend für Abend mit auf die Bühne zu nehmen?

Tom: Eigentlich ist das etwas aussergewöhnlich Schönes. Natürlich gibt es Momente, die sehr schwer sind. Manchmal erzählen dir Menschen von Schicksalsschlägen, die kaum vorstellbar sind, und dass unsere Musik ihnen dabei geholfen hat.

In solchen Situationen versuche ich vor allem, mit ihnen mitzufühlen und ihnen nicht mit Mitleid zu begegnen. Ich möchte ihnen auf Augenhöhe begegnen – als Menschen, die ihre eigene Geschichte und ihre eigene Stärke haben. Gleichzeitig bin ich unheimlich dankbar, dass unsere Musik für sie eine solche Bedeutung bekommen konnte.

Ein Rat an das jüngere Ich?

Mit etwas Abstand wirkt vieles einfacher, als es damals war. Trotzdem ist Tom vorsichtig, wenn es darum geht, seinem jüngeren Ich Ratschläge zu erteilen. Schliesslich weiss niemand, welche Folgen selbst die kleinste Veränderung haben könnte.

MI: Wenn du den jungen Menzingers in Scranton eine einzige schonungslos ehrliche Botschaft schicken könntest – welche wäre das?

Tom: Eigentlich gar keine. Ich möchte die Zeitlinie nicht durcheinanderbringen.

Na gut … vielleicht würde ich sagen: «Wenn euer verrückter Nachbar euch etwas von Bitcoin erzählt, dann kauft welche – und verkauft sie irgendwann in den 2020er-Jahren wieder.»

Oder um mal Klartext zu sprechen: «Reisst euch zusammen und hört auf, ständig herumzualbern.»

Aber ehrlich gesagt hätten uns genau diesen Spruch damals bereits etliche 39-Jährige mit auf den Weg gegeben, als wir 19 waren – eine völlig wertlose, leere Plattitüde. Insofern bleibt die Zeitlinie wohl doch so, wie sie ist.

Der Blick nach vorne

Auch nach fast zwei Jahrzehnten Bandgeschichte scheint der Antrieb von The Menzingers ungebrochen. Neue Länder bereisen, musikalisch weiter wachsen und sich immer wieder selbst herausfordern – all das gehört für Tom nach wie vor dazu. Gleichzeitig denkt er zunehmend darüber nach, seine Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben.

MI: «Everything I Ever Saw» klingt nach einem Album einer Band, die bereits viel erlebt hat. Was fehlt trotzdem noch? Was möchtet ihr mit The Menzingers noch erreichen, aufbauen oder erleben, bevor diese Geschichte irgendwann einmal endet?

Tom: Es gibt noch unzählige Orte auf der Welt, an denen wir noch nie gespielt haben. Als vier Jungs aus Scranton hätten wir uns niemals träumen lassen, dass wir eines Tages rund um den Globus auf Tour gehen und auf Festivals auftreten würden. Genau dieses Staunen ist bis heute geblieben.

Zum Glück haben wir uns unsere Neugier bewahrt und spornen uns gegenseitig stets zu neuen Ideen an. Ich bin überzeugt, dass noch viele Ideen, Melodien und Songs darauf warten, entdeckt zu werden. Über Musik, Songwriting und Produktion kann man ein Leben lang lernen – für mich gibt es dabei keine Obergrenze. Ich jage immer noch dem perfekten Song hinterher. In letzter Zeit beschäftigt mich aber noch etwas anderes. Ich möchte künftig mehr unterrichten und unser Wissen an jüngere Musiker weitergeben. Ich könnte mir gut vorstellen, irgendwann Teil eines Studios, einer Organisation oder einer Einrichtung zu sein, die anderen neue Möglichkeiten eröffnet. Je älter ich werde, desto stärker zieht es mich in meinen 40ern in diese Richtung.

Eine Verbindung zur Schweiz – und eine ungewöhnliche Schlussfrage

Zum Abschluss darf natürlich der Blick in die Schweiz nicht fehlen. Und tatsächlich gibt es da eine ganz besondere – wenn auch eher skurrile – Verbindung zu unserem Land.

MI: Was sollten eure Schweizer Fans unbedingt wissen, das sie wahrscheinlich noch nicht hundertmal gehört haben? Und gibt es eine Frage, die dir kaum je gestellt wird, obwohl sie längst überfällig wäre?

Tom: Tatsächlich gibt es in der Schweiz eine Gemeinde namens Menzingen. Soweit wir wissen, werden die Einwohner dort sogar «Menzinger» genannt. Wir sind einmal durch den Ort gefahren! Und was die zweite Frage betrifft: Die Leute sollten mich definitiv öfter nach Pilzen [Mushrooms] fragen …

MI: Besten Dank für deine Zeit und die ehrlichen Worte! Und das mit den Pilzen klären wir dann das nächste Mal!

Mit «Everything I Ever Saw» setzen The Menzingers ihren Weg konsequent fort. Statt nostalgisch in der Vergangenheit zu verharren, beschäftigen sie sich mit Erinnerungen, Veränderungen und der Erkenntnis, dass sich das Leben zwar ständig wiederholt, man selbst dabei aber nie derselbe Mensch bleibt. Gerade diese Mischung aus persönlicher Ehrlichkeit, Selbstironie und einer gehörigen Portion Bodenständigkeit macht die Band auch nach all den Jahren unverwechselbar.

Video The Menzingers – Better Angels

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13.07.2026
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