Moonlight Haze - Chiara Tricarico - pic by Beatrice Demori
Di, 1. September 2026

Moonlight Haze – Interview mit Chiara Tricarico

Power Metal, Symphonic Metal
07.09.2026
Moonlight Haze - Chiara Tricarico - pic by Beatrice Demori

Zwischen Stimmtechnik, Leidenschaft und Disney-Träumen

Chiara Tricarico gehört zu den vielseitigsten Stimmen der aktuellen Metal-Szene – als Frontfrau von Moonlight Haze wie als ausdrucksstarkes Mitglied von Avantasia.

Kurz nach Ende der Sommerfestivals und dem Release der neuen EP «Interstellar Madness» hatte ich die Gelegenheit, mich mit ihr über Gesangstechnik, kreative Freiheit und die Magie von Live-Auftritten zu unterhalten.

Metalinside (Sandro): Chiara, du bist gerade erst aus Spanien zurückgekehrt, wo du mit Avantasia auf der Bühne standest. Wie war es dort?

Chiara Tricarico: Es war absolut fantastisch! Das war der bestmögliche Abschluss für unsere diesjährige Sommerfestival-Saison. Das Publikum am Sun & Thunder Festival war unglaublich energetisch. Ich bin zwar seit ein paar Tagen wieder zu Hause, aber die Freude strahlt immer noch nach.

MI: Ich durfte eure Show mit Avantasia im Z7 in Pratteln erleben (zur Review) – ein absolut packender Auftritt! Was macht das Gefühl, Teil dieses Kollektivs zu sein, für dich so besonders?

Chiara: Da kommt sehr vieles zusammen. Einerseits sind da natürlich die Songs. Ich habe Avantasia schon als Teenagerin gehört, weshalb es für mich eine riesige Ehre ist, selbst auf dieser Bühne zu stehen. Andererseits ist es die fantastische Crew: Alle sind unglaublich nett, wir haben jedes Mal eine grossartige Zeit zusammen. Und mit solch herausragenden Musikerinnen und Musikern zu arbeiten, inspiriert mich immer wieder aufs Neue. Wenn man sieht, mit wie viel Herzblut alle bei der Sache sind, spürt man einfach: Ich bin am richtigen Ort mit den richtigen Menschen. Ich liebe es von ganzem Herzen, Teil dieses Projekts zu sein.

Zwischen Avantasia-Bühnen und Katzen-Couch

MI: Heute möchte ich naturgemäss über Moonlight Haze sprechen. Mich interessiert aber vor allem auch die Person hinter der Sängerin. Lass uns mit etwas ganz Alltäglichem starten: Wie sieht ein ganz gewöhnlicher Dienstag im Leben von Chiara Tricarico aus, wenn weder Touren noch Songwriting auf dem Programm stehen?

Chiara: Ein Dienstag? (schmunzelt) Nun, wenn ich nicht unterwegs bin, arbeite ich als Gesangs-Coach. Ich sitze genau jetzt hier in meinem Studio. Dienstags unterrichte ich normalerweise meine Schülerinnen und Schüler. Und wenn mal kein Unterricht ansteht, bin ich trotzdem hier! (lacht) Dieser Ort ist im Grunde mein Hauptaufenthaltsort. Ich nutze die Zeit zum Üben, Musikhören oder um neue Songs zu schreiben. Touren ist schliesslich nur die Spitze des Eisbergs – die intensive Vor- und Nachbereitung gehört zwingend dazu. Und wenn ich, wie in diesem Jahr, sehr viel unterwegs war, geniesse ich die ruhigen Abende daheim. Nach Monaten auf Achse gibt es kaum etwas Schöneres, als mit meinen Katzen auf dem Sofa zu entspannen, fernzusehen, ein Buch zu lesen, gute Musik zu hören oder feines Essen zu geniessen. Manchmal gehe ich durchaus gerne aus und teste neue Restaurants, aber meistens tut einfach etwas Ruhe gut.

Von der Molekularbiologie zur Gesangstechnik

Wer Chiara kennt, weiss, dass in ihr nicht nur eine leidenschaftliche Künstlerin steckt, sondern auch ein wissenschaftlicher Geist – immerhin besitzt sie einen Masterabschluss in Molekularbiologie. Diese analytische Präzision spiegelt sich gleichermassen in ihrer Arbeit als Gesangslehrerin wider.

MI: Als Vocal-Coach setzt du dich intensiv mit Stimmbildung und Anatomie auseinander. Gelingt es dir auf der Bühne oder im Aufnahmeraum, diesen analytischen Blick komplett abzuschalten, oder durchleuchtest du deine Stimme beim Singen?

Chiara: Das ist eine reine Frage der Balance. Natürlich bildet die Technik das Fundament. Aber genau das predige ich auch meinen Schülern: Die Technik muss so felsenfest sitzen, dass man sich auf der Bühne voll und ganz auf den Song und die Emotionen einlassen kann. Wenn du während des Singens ständig über Atem- oder Gesangstechnik nachdenken musst, geht der eigentliche Kern verloren. Die Aufgabe der Musik ist es, Emotionen zu transportieren und eine Botschaft zu vermitteln. Die Technik ist dabei nur das Werkzeug – nicht das Endziel. Es geht nicht darum, technisch anzugeben oder noch höhere Noten zu treffen, sondern darum, mehr Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung zu haben.

MI: Beherrschung der Technik als Voraussetzung, um auf ein höheres emotionales Level zu gelangen?

Chiara: Ganz genau. Wenn das Handwerk im Voraus gründlich erarbeitet und verinnerlicht wurde, bleibt der Kopf auf der Bühne frei für das Gefühl.

MI: Deine Stimmgewalt und Dynamik sind phänomenal. Wann wurde dir eigentlich zum ersten Mal klar, was für ein vokales Potenzial in dir steckt?

Chiara: Dankeschön! (lächelt) Ich habe das Singen schon als kleines Kind geliebt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich an den Wochenenden früh aufgestanden bin und im Fernsehen Opernübertragungen entdeckt habe. Ich war völlig fasziniert von diesen Stimmen und den prächtigen Kostümen. Mit neun Jahren begann ich dann mit Klavierunterricht. Mein Grossvater spielt Violine, und ich wollte unbedingt ein Instrument lernen, mit dem wir zusammen musizieren konnten. Die Entscheidung fürs Klavier lag da nahe! Das Singen hat mich aber nie losgelassen. Als Teenager hörte ich schliesslich «Wishmaster» von Nightwish. Tarja Turunens Gesang hat mich schlichtweg umgehauen! In diesem Moment wusste ich: Das will ich machen – klassische Stimmkunst mit Metal verbinden.

Ich nahm klassischen Gesangsunterricht und konzentrierte mich anfangs voll auf die Oper. Meine damalige Lehrerin – selbst Opernsängerin – war zum Glück extrem weltoffen. Ich war eine sture Jugendliche und wollte ausschliesslich meine Schiene fahren, aber sie drängte mich dazu, auch andere Stilrichtungen auszuprobieren. Dafür bin ich ihr bis heute unendlich dankbar. Die Oper ist zwar nach wie vor Teil meiner täglichen Einsingroutine, aber durch die verschiedenen Stile habe ich eine viel breitere Palette an Ausdrucksformen gewonnen. Bei Moonlight Haze betrachte ich meine Stimme wie ein weiteres Instrument: Braucht der Song Operngesang, bekommt er ihn. Benötigt er raue Rockvocals oder Growls, passe ich mich an. Es geht nie darum zu zeigen, was ich kann, sondern immer darum, was das Stück erfordert.

MI: Gab es je einen bestimmten Moment, in dem du dich selbst überrascht hast?

Chiara: Es fühlte sich für mich eher wie eine stetige Entdeckungsreise an. Einen einzelnen Schlüsselmoment gab es wohl nicht. Ich bin eine Perfektionistin: Sobald ich etwas Neues gelernt habe, frage ich mich sofort, was als Nächstes kommt. Der Lernprozess hört nie auf!

Bauchgefühl statt Masterplan

Nach ihrem Ausstieg bei den Symphonic-Melodic-Metallern Temperance wagte Chiara 2018 gemeinsam mit Schlagzeuger und Keyboarder Giulio Capone den Neuanfang: Mit Moonlight Haze schufen sie eine Plattform für musikalische Experimente, frei von stilistischen Zwängen. Spätestens seit ihrem vierten Studioalbum «Beyond» (2025) hat sich die Band fest in der internationalen Symphonic-Power-Metal-Szene etabliert.

MI: Nehmen wir an, jemand ohne jeglichen Metal-Hintergrund fragt dich nach der Musik von Moonlight Haze. Wie würdest du euren Sound beschreiben – ganz ohne Genre-Schubladen?

Chiara: (überlegt lange) Ich würde sagen: Erwarte druckvolle Gitarrenriffs, hohes Tempo, einen fantastischen Bassisten – dessen Spiel man bei uns glücklicherweise auch wirklich hört! (schmunzelt) Dazu extrem vielseitigen Gesang, klassische Orchesterarrangements und Fernost-Einflüsse, da wir alle eine grosse Affinität zur asiatischen Kultur haben. Es ist gar nicht so leicht zu erklären, nicht einmal für Metalheads, weil unsere Songs extrem unterschiedlich sind. Wir schreiben spontan das, was uns in den Sinn kommt – völlig ungefiltert und ohne Kalkül.

Als Giulio [Capone, Schlagzeug/Keyboards] mich 2018 kontaktierte, um die Band zu gründen, hatten wir absolut keine Erwartungen. Wir wussten nicht einmal, ob ein Label Interesse haben würde. Unser einziges Ziel war: Wir wollen ein Album aufnehmen, auf das wir stolz sind – eine Scheibe, die wir selbst bei voller Lautstärke im Auto auf der Autobahn hören würden. Wenn wir zurückblicken: Auf unserem Debüt gibt es den Longtrack «Dark Corners of Myself» mit einem Solo auf der Guzheng, einem traditionellen chinesischen Instrument. Warum? Einfach weil wir Lust darauf hatten und Giulio einen grossartigen Musiker kannte! Bei uns regiert das Gefühl, nicht der Plan.

MI: Wie läuft der kreative Prozess ab, wenn Giulio und du einmal unterschiedliche Vorstellungen beim Songwriting habt?

Chiara: Wir haben glücklicherweise einen sehr ähnlichen Geschmack, aber natürlich sind wir nicht immer zu 100 Prozent einer Meinung – Kompromisse gehören dazu! (lacht) Meistens schreibt Giulio die instrumentalen Grundlagen, auf die ich dann die Gesangslinien setze. Manchmal läuft es aber auch umgekehrt: Bei Liedern wie «It’s Insane» oder «Chase the Light» hatte ich zuerst die Refrain-Melodie im Kopf und wir haben den Rest gemeinsam drumherum gebaut. Grundsätzlich bringt sich jedes Bandmitglied ein. Seit unserem vierten Opus «Beyond» arbeiten wir zudem mit dem grossartigen Produzenten Sascha Paeth [Avantasia, Heavens Gate] zusammen. Er hilft uns enorm dabei, auch mal die Perspektive zu wechseln und festgefahrene Blickwinkel aufzubrechen. Es ist ein echtes Teamwork.

Wenn die Muse ungeplant zuschlägt

Zwischen weltweiten Festivalauftritten und der Zusammenarbeit mit Avantasia entstand bei der italienischen Formation zudem neues Material: Die im Frühjahr 2026 erschienene EP «Interstellar Madness» markiert das neueste Kapitel der Bandgeschichte – für den gewohnt druckvollen Feinschliff der sechs Tracks war erneut Produzenten-Legende Sascha Paeth verantwortlich.

MI: Nach einem Meilenstein wie «Beyond» steht man oft unter dem Druck, den nächsten grossen Wurf abzuliefern. War eure aktuelle EP «Interstellar Madness» eine Art musikalische Spielwiese, um ohne Erwartungsdruck zu experimentieren?

Chiara: Ehrlich gesagt hat sich der Prozess gar nicht so stark verändert. Giulio schickt mir regelmässig neue Ideen – oft mitten in der Nacht um 3 Uhr früh! (grinst) Druck spürten wir keinen, obwohl «Beyond» von Presse und Fans hervorragend aufgenommen wurde. Wir hatten für 2026 eigentlich gar keine Veröffentlichung geplant. Aber Giulio war extrem inspiriert und schrieb diese sechs Songs. Wir merkten schnell, dass dieses Material als Gesamtkunstwerk perfekt funktionierte und einfach zu gut war, um es in der Schublade zu lassen. Wir wollten es den Leuten zugänglich machen. Technisch gesehen ist es eine EP, aber für uns fühlt es sich eher wie ein Mini-Album an – ohne Lückenbüsser oder Coverversionen, sondern mit purem, neuem Material.

Interstellar Madness EP reinhören

Wir haben uns sogar getraut, einen über sechsminütigen Titel als Single inklusive aufwendigem Videoclip auszukoppeln [gemeint ist «Interstellar Madness»]. Kommerziell gesehen vielleicht nicht der typischste Schachzug (lacht herzhaft), aber wir lieben dieses Stück. Es war wohl das organisatorisch aufwendigste Video unserer bisherigen Bandgeschichte, aber es hat sich definitiv gelohnt!

Keine Opfer, sondern echte Berufung

Chiaras gesangliche Wandlungsfähigkeit ist längst auch bei vielen anderen Projekten begehrt: In den vergangenen Jahren lieh sie ihre Stimme zahlreichen Gastauftritten – unter anderem bei The Autist, Sound Storm oder Mortemia. Durch die jahrelange internationale Konzertpraxis ist die Sängerin in der europäischen Metal-Community bestens vernetzt und pflegt enge kollegiale Freundschaften abseits des Scheinwerferlichts.

MI: Du bist nun schon seit vielen Jahren im Musikgeschäft tätig. Was hat diese Reise mit dir als Mensch gemacht?

Chiara: Die Musik erlaubt es mir immer wieder, Seiten an mir zu entdecken, von denen ich vorher gar nichts wusste. Beim Schreiben von Songtexten folge ich oft meinem Impuls – und merke hinterher, dass ich Dinge ausgedrückt habe, die ich nie in normale Worte hätte fassen können. Musik ist für mich wie eine Muttersprache. Ich bin unglaublich dankbar für diesen Weg und für die tiefen Bande, die über die Jahre entstanden sind.

MI: Vor einiger Zeit sprach ich mit Clémentine Delauney [zum Interview] darüber, was man für eine Karriere  aufgibt. Sie meinte: Wenn man es als «Opfer» empfindet, ist es vielleicht nicht der richtige Weg. Wie siehst du das?

Chiara: Erst einmal: Clemi ist eine liebe Freundin von mir, wie schön, dass du sie erwähnst! (strahlt) Und ich stimme ihr vollkommen zu. Wenn es sich wie ein schmerzhaftes Opfer anfühlt, ist es wohl nicht das Richtige. Natürlich ist das Leben als Musikerin extrem fordernd. Manchmal liebe ich das, was ich tue, jedoch so sehr, dass ich meine eigene Müdigkeit gar nicht bemerke. Erst nach zwei Monaten Tour und zwei Videodrehs merke ich plötzlich: «Hoppla, vielleicht sollte ich mich mal aufs Sofa setzen!» Klar verpasst man mal Geburtstage von Freunden, weil man auf Tour ist. Aber echte Freunde verstehen das. Es erfordert Disziplin, aber es ist wunderschön. Ich liebe das Touren einfach.

MI: Gibt es eigentlich noch einen musikalischen Herzenswunsch, den du bisher für dich behalten hast, weil er vielleicht etwas zu kühn wirkte?

Chiara: (überlegt sehr lange) Hm, eine Sache gäbe es da tatsächlich! (strahlt) Ich bin ein grosser Fan von Disney-Filmen. Es wäre ein absoluter Traum von mir, einmal einen Song für einen Disney-Film einzusingen oder einem Charakter meine Stimme zu leihen! Ich denke selten in den Kategorien «Das geht sowieso nicht», sondern eher: «Was muss ich tun, um das zu erreichen?» Bis jetzt hat sich die Gelegenheit noch nicht ergeben, weil ich auf so viele andere Projekte fokussiert war, aber wer weiss – vielleicht gehe ich das eines Tages aktiv an!

MI: Oder jemand von Disney liest dieses Interview – man wird ja träumen dürfen! Chiara, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Ich danke dir herzlich für das offene und sympathische Gespräch und wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

Chiara: Gleichfalls, Sandro!

Video Moonlight Haze – Interstellar Madness

07.09.2026
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