Opernhafte Sommernacht
Plappermaul Tobias Sammet (gemäss eigenen Aussagen «ein Mann der wenigen Worte») brachte am Samstagabend sein Herzensprojekt Avantasia in die Nordwestschweiz nach Pratteln. Während stolzen 165 Minuten verzückte seine powermetallische, symphonische Oper die Besucherschar auf dem Vorplatz der Konzertfabrik Z7 mit epischen Hymnen. Dieses Spektakel wollte sich natürlich auch Metalinside keinesfalls durch die Lappen gehen lassen.
Dutti: «Komm mit mir ins Fantasialand!» – ungefähr mit diesen Worten könnte Mastermind Tobias Sammet die Zuhörerschaft heute Abend vor das Z7 in Pratteln gelockt haben. Richtig gelesen, die Show wird nicht in der Halle, sondern im Freien stattfinden (angesichts der vorherrschenden Temperaturen kann uns dies mehr als recht sein). Momentan werden auf diesem Platz die «Z7 Summer Nights» durchgeführt. Die Besucher dürfen sich unter anderem auf Savatage, Saxon oder Rose Tattoo freuen. Doch für die kommenden Stunden gehört die «Spielwiese» ausschliesslich Avantasia.
Das führt bei meiner Wenigkeit automatisch zu folgenden Fragen: Wie viele Laber-Sequenzen wird Tobi einstreuen? Welche Gastmusiker werden mit von der Partie sein? Und welche Hymnen dürfen die «Metal-Opera-Sympathisanten» erwarten? Die Berichterstattung über diesen Zwischenhalt der «Here Be The Dragons»-Tour muss ich glücklicherweise nicht allein bewältigen. Metalinside-Mitstreiter Sandro unterstützt mich nämlich vom Fotograben aus.
Sandro: … und habe von hier aus naturgemäss beste Sicht auf das Geschehen! Einzig der Blickwinkel ist zumindest während der ersten drei Songs verdammt tief angesetzt. Wohl auch der Grund, wieso mir tags darauf der Nacken schmerzen wird.
Dass das Stelldichein der diversen Gesangsvirtuosen (sowie einer -virtuosin) im Aussenbereich über die Bühne geht, ist angesichts der schwülwarmen Luft im Innern des Prattelner Metaltempels jedenfalls ein absoluter Pluspunkt. Nicht, dass es draussen kühl wäre, aber allemal erträglicher. Zu Duttis Fragen habe ich derweil wenig hinzuzufügen – ausser vielleicht: Schafft es meine persönliche Lieblingshymne «Moonglow» heute ins Set? Und falls ja: Welches holde weibliche Wesen übernimmt den Part von Candice Night? Die Spannung steigt, gleich geht’s los!
Avantasia
Dutti: Die Besucher sind versammelt, alle Blicke richten sich zur Bühne, eisgekühlte Hopfendosen (respektive deren Inhalt) sorgen für die nötige Hydrierung, und begleitet von ersten Intro-Tönen treten die Künstler um 20.30 Uhr nach und nach ins Rampenlicht. Dabei handelt es sich personell um das Grundgerüst (oder den Rückhalt) von Avantasia. Wir hatten da beispielsweise die Drum-Bestie Felix Bohnke, Keyboarder Miro Rodenberg, Gitarren-Ass Sascha Paeth, den zweiten Klampfer Arne Wiegand, Tieftöner-Mann André Neygenfind und die beiden – vorerst im Background agierenden Gesangskehlchen – Chiara Tricarico und Herbie Langhans. Wer fehlt noch? Ja, genau, der Zeremonienmeister himself. Doch der lässt nicht lange auf sich warten und eröffnet (gekleidet in sein typisches Outfit, bestehend aus Mantel, Sonnenbrille und Mini-Zylinder) die «Creepshow». Fairerweise ist anzumerken, dass die zu sehenden Gestalten – auch bekannt als Musiker – nicht sonderlich unheimlich wirken.
Einsamkeit ist bei Avantasia-Darbietungen selten ein Thema. Auf der Bühne herrscht ein konstantes Kommen und Gehen. Bereits beim zweiten Stück «Reach Out For The Light» begrüsst Tobi einen ersten Gast an seiner Seite. Dabei handelt es sich um einen Debütanten in diesem Ensemble. Sein Name lautet Tommy Johansson und man dürfte ihn von Gruppen wie Majestica und Sabaton kennen. Und ja, der (alte) Schwede kann singen! Dies stellt er sogleich eindrücklich unter Beweis. Für das anschliessende «The Witch» wandert das Mikrofon weiter zum nächsten Tommy. Der trägt jedoch den Nachnamen Karevik und trällert hauptberuflich für die Equipe Kamelot. Vorerst gibt er sich noch ein wenig geheimnisvoll und versteckt sein Antlitz unter einer Kapuze.
Als Nächstes findet eine Nummer den Weg in unsere Gehörgänge, welche Avantasia offenbar noch nie in Pratteln performt hat. Die Rede ist von «Devil In The Belfry» – einem Stück, welches auf der «The Scarecrow»-Platte zu finden ist. Dieses Mal erledigt Herbie den Grossteil der Mikrofonarbeit. Aus dem Augenwinkel erspähe ich währenddessen meinen Kumpel Sandro, der im Schräghang links von der Freiluftbühne vollen Einsatz gibt, um an das beste Bildmaterial heranzukommen (ja, unsere Knipser arbeiten stets selbst und ohne irgendwelche Stuntdoubles. Anm. Sandro: Dann ist dir meine wilde Rutschpartie zurück auf Zuschauerhöhe sicherlich nicht entgangen! Nun, was macht man nicht alles für die perfekte Aufnahme… Aber Fact ist: Wenn auf der Bühne ein derartiges Spektakel herrscht, kann man als Fotograf schon mal den Boden unter den Füssen verlieren). Derweil programmbedingt schon eine weitere Stabübergabe ansteht. «The Story Ain’t Over» gehört dem unverwüstlichen, liebenswürdigen Magnum-Fronter Bob Catley. Schön zu sehen, dass er wieder mitmischen kann. Im Anschluss gibt Tobi umgehend zu, dass ihnen ein Fauxpas unterlaufen sei und eigentlich «Dying For An Angel» an der Reihe gewesen wäre. Keyboarder Miro habe glatt die Songs vertauscht. Doch besagtes Lied wird ruckzuck nachgeliefert.
Irgendwie sympathisch, dass selbst einem routinierten Ensemble wie Avantasia trotzdem noch Missgeschicke unterlaufen können. Doch wer einen solch redseligen Charmebolzen als Anführer in seinen Reihen hat, kann solche Geschehnisse rasch vergessen machen beziehungsweise überspielen. Tobi erkundigt sich unter anderem, ob wir vor zwei Uhr morgens noch irgendetwas vorhaben. Des Weiteren wird erklärt, dass die gesamte Pyrotechnik heute leider im Truck bleiben musste. Es sei schlichtweg zu trocken, weshalb der «Oberförster des Kantons» kein grünes Licht für feurige Elemente erteilt habe. Selbstverständlich halten die Protagonisten diese Vorgaben brav ein. Und gemäss Mister Sammet seien wir Fans sowieso heiss genug (Anm. Sandro: Oder meinte er wohl eher, dass *uns* Fans einfach verdammt heiss ist? Zum Glück verzieht sich die gleissende Sonne allmählich hinter das altehrwürdige Z7-Gebäude. Das schont nicht nur die Schweissdrüsen, sondern kommt vor allem auch der ausgefeilten Lichtshow und den stimmigen Videoeinblendungen im Bühnenhintergrund zugute. Sei’s drum: Pyro wäre zwar eine feine Sache gewesen, aber optisch lässt das Spektakel heute auch ohne Feuerzauber absolut keine Wünsche offen!).
Ein wichtiges Highlight der Setlist ist zweifellos der Brocken «Let The Storm Descend Upon You». Da stecken jede Menge Bombast und Hühnerhaut-Momente drin! Der Mastermind gibt dann auch zu, dass sein Projekt einfach keine «Drei-Minuten-Tracks» hinbekommen würde. Früher oder später artet es immer aus. Deshalb seien sie effektiv der Albtraum einer jeden Plattenfirma. Danach wird die Schweiz als «Promised Land» besungen, ehe anschliessend ein mit Drachen- oder Vampirflügeln bestückter Thron in der Bühnenmitte platziert wird. Im Stil eines Pharaos und begleitet von orientalischen Klängen gibt Tobi «The Toy Master» zum Besten. Optisch eine Szene, die durchaus an den verstorbenen Ozzy Osbourne erinnert (obschon dessen «Herrschersitz» im Rahmen der «Back To The Beginning»-Show noch imposanter wirkte). Zurück zu den Anfängen wagt sich nun auch Tobi und kündigt die 2000er Debüt-Single «Avantasia» an. Diese trällert er gemeinsam mit Schönling Karevik (der eine Maschine sei und deshalb Öl pissen würde. Anm. Sandro: Noch ein Grund mehr, heute penibel genau auf jeglichen Funkenflug zu verzichten!).
Die beiden zuvor genannten Sänger können ihren Flow gleich beibehalten, denn sie dürfen ebenfalls das nächste Liedgut gemeinsam darbieten. «Twisted Mind» wäre zwar sonst eher die Sparte von Ronnie Atkins, aber dieser glänzt bedauerlicherweise mit Abwesenheit… Doch das Teil verströmt freilich Kamelot Vibes, weshalb sich Tommy Karevik in diesen Gefilden garantiert pudelwohl fühlen sollte. Das epische, an die Soundtracks von Filmen wie «Gladiator» oder «Pirates Of The Caribbean» erinnernde «The Wicked Symphony», welches im Anschluss folgt, lässt dann so manchen staunenden Unterkiefer den Boden berühren. Beim darauffolgenden «Shelter From The Rain» sind wir dafür dankbar, dass wir die Bedeutung des Titels nie in die Tat umsetzen müssen. Der Wettergott bleibt uns weiterhin wohlgesonnen. Erfreulich ist schliesslich der Fakt, dass Chiara beim balladesken «Farewell» endlich ihren grossen Auftritt einziehen darf. Bisher wurde die italienische Nachtigall nach meinem Empfinden etwas zu sehr im Hintergrund zurückbehalten.
Das mächtige «The Scarecrow» (notabene ein weiterer «Plattenlabel-Schreck») ist wahrscheinlich nicht bloss in meinen Gehörgängen ein stets willkommener Gast. Zwar würde ich den schon gerne wieder einmal von Jørn Lande hören, aber hey, Herbie und Tobi meistern die Sache ebenfalls souverän. Hinzu kommen fantastische Soli von Sascha und Arne. Wie fasst es der Bandleader am Ende der Komposition doch gleich selbstironisch zusammen? Genau, Avantasia sei die Band mit den vielen, guten Sängern – und ihm. Ach Tobi, so massiv unter Wert musst du dich meines Erachtens heute nicht verkaufen. Und auch die abschweifenden «Plauder-Abschnitte» sind bisher einigermassen im Rahmen geblieben. Dadurch bleibt weiterhin ausreichend Raum für packende Hymnen, wie das temporeiche «No Return» oder das glanzvolle «Mystery Of A Blood Red Rose». Etwas «kommerzieller» wird es dann bei «Lost In Space» (obschon das die Nummer keinesfalls schlecht oder verwerflich macht).
Danach ist die Bühne plötzlich leer. Sämtliche Protagonisten sind verschwunden. Haben wir nun das Ende der Fahnenstange erreicht? Nicht ganz. Die emsigen Roadies wuseln unaufhaltsam auf der «Spielwiese» herum und platzieren ein Piano im Zentrum. Blöderweise will dieses einfach nicht in die Gänge kommen, weshalb kurzerhand umdisponiert werden muss. Herr Sammet beweist aber, dass er auch improvisieren kann und flüchtet hinter Miros Keyboard. Jetzt müsse er halt an dessen «Gerät» herumspielen. So bekommen die Fans «Lucifer» trotzdem noch zu hören. Das brillante Finale besteht aus dem Doppelpack «Sign Of The Cross / The Seven Angels». Jetzt dürfen sämtliche Akteure ein letztes Mal ihr Können demonstrieren und ernten dafür absolut verdienten, tosenden Applaus. Am Ende verbeugen sich die Musiker und ziehen von dannen. Und auch wir können lediglich unsere imaginären Kopfbedeckungen vor dieser grossartigen Leistung ziehen.
Sandro: Im Prinzip ist das Rezept hinter Avantasia ja ebenso simpel wie genial: Man nehme eine fantastische Grundausstattung an Saitenzupfern und Stöckchenschwingern (ok, da genügt einer), garniere das Ganze mit Vokalakrobaten der Extraklasse – et voilà, die Fans liegen dir zu Füssen! Damit es zwischendurch auch etwas zu lachen gibt, lässt man Ober-Avantasianer Tobias Sammet die Sause mit gewohnt viel – aber eben auch verdammt unterhaltsamem – Gelaber abrunden. Und ja: Singen tut der gute Tobi schlichtweg auch auf extrem hohem Niveau.
Dass die von Dutti bereits namentlich aufgeführte Gesangsriege heute durchs Band abzuliefern weiss, kann ich zudem vollumfänglich unterschreiben. Und nochmals ja, Chiara Tricarico hätte man definitiv ein noch grösseres Stück vom Sologesang-Kuchen gönnen dürfen! Dennoch vermisse ich die Stimmgewalt – und auch diese spezielle Ausstrahlung – einer Adrienne Cowan, die mich schon beim letzten Schweizer Gastspiel der mannigfaltigen Wuseltruppe in der Zürcher «The Hall» zu verzaubern gewusst hat. Klar meistert die Italienerin ihren Part bei «Farewell» im Duett mit Tobi absolut phänomenal. Dennoch denke ich, dass eine zweite weibliche Rock-Röhre dem ohnehin schon opulenten Vokal-Buffet fraglos etwas mehr Würze verliehen hätte.
Apropos «The Hall»: Wie im Vorfeld der Show zu vernehmen war, lief der Vorverkauf zur diesjährigen «Here Be The Dragons» – Aufführung auf eidgenössischem Boden nicht ganz so superduper wie wohl insgeheim erhofft (wobei die Zuschauerreihen dann doch recht erfreulich gut besetzt sind). Hat der eine oder andere Fan dem Zeremonienmeister den 2025er-Fremdgehmoment in Zürich womöglich doch übelgenommen? Schliesslich beteuert Tobi doch sonst bei jeder Gelegenheit, dass das Z7 seine absolute Herzensheimat sei und er am liebsten nur hier aufschlage. Es darf munter spekuliert werden – zumal er auch heute Abend nicht mit Liebeserklärungen an Pratteln geizt!
Das Fanzit – Avantasia
Dutti: Avantasia lieferten in Pratteln eine bombastische und stimmgewaltige «Metal-Oper» unter freiem Himmel ab. Die 165 Minuten waren zu keinem Augenblick langweilig oder mühselig. Selbst ein Pyro-Verbot, eine Song-Verwechslung oder ein funktionsuntüchtiges Piano brachten die Formation nicht aus dem Konzept. Neuling Tommy Johansson fügte sich ausgezeichnet in das bestehende Gefüge ein (was wohl auch unseren Kaufi tierisch gefreut hätte). Chiara Tricarico blieb hingegen für meinen Geschmack etwas zu häufig im Hintergrund. Ihr und ihrem Stimmorgan wünsche ich für ein nächstes Mal definitiv etwas mehr Rampenlicht. An der Setlist gab es nichts zu meckern und der knuffige Bob Catley erwischte ebenfalls einen ausgezeichneten Abend. Das Projekt Avantasia ist und bleibt eben eine Klasse für sich!
Sandro: Ein durchs Band unterhaltsamer Abend vollgepackt mit grossartiger Musik, epischen Stimmen und einer gehörigen Portion gewitzter Sprüche. Metal-Herz, was willst du mehr? Dass «Moonglow» einmal mehr nicht den Weg auf die Setlist gefunden hat, kann ich angesichts der herausragenden Qualität dieser knapp dreistündigen Zelebrierung schmerzfrei verkraften. Ob ich beim nächsten Schweizer Stelldichein von Avantasia wieder am Start sein werde? Definitiv! Und ob das dann erneut in Pratteln über die Bühne geht? Nun, Wetten dazu werden ab sofort entgegengenommen!
Die Setlist – Avantasia
- Intro
- Creepshow
- Reach Out For The Light
- The Witch
- Devil In The Belfry
- The Story Ain’t Over
- Dying For An Angel
- Runaway Train
- Phantasmagoria
- Let The Storm Descend Upon You
- Promised Land
- The Toy Master
- Avantasia
- Twisted Mind
- The Wicked Symphony
- Shelter From The Rain
- Farewell
- The Scarecrow
- No Return
- Mystery Of A Blood Red Rose
- Lost In Space
- Lucifer*
- Sign Of The Cross / The Seven Angels*
*Zugabe

