Ein geköpftes Konzert
Als ich das Konzertplakat zum ersten Mal sehe, stiehlt sich ein breites Grinsen auf mein Gesicht: Atlantean Kodex kommen nach Lörrach und bringen gleich noch zwei hochwertige Supportbands mit: Amethyst und Under Ruins.
Zeitsprung. Es ist Samstag, früher Abend, und gemeinsam mit anderen Metalheads suche ich den Weg zur Konzertlocation. Da dies mein erster Besuch im SAK Altes Wasserwerk sein wird, bin ich froh um die kundige Führung durch meine Spontanbekanntschaften. Auf dem kurzen Weg vom Bahnhof dominiert ein Thema: nicht Atlantean Kodex. Also schon Atlantean Kodex, aber eben deren Abwesenheit. Infolge Krankheit eines Bandmitglieds wurde das in einer knappen Stunde anstehende Konzert kurzfristig seines Headliners beraubt. Wir steuern demgemäss auf einen kopflosen Abend zu. Dass er trotzdem stattfinden kann, ist drei Akteuren zu verdanken. Da wären einmal Amethyst und Under Ruins, die sich beide dazu bereit erklärt haben, trotzdem aufzutreten. Der finale Entscheid liegt jedoch in der Hand des Veranstalters, weshalb die Metal Maniacs Markgräflerland e.V. eine gesonderte Erwähnung verdienen. Sehr cool, dass ihr es trotzdem durchzieht.
Und nicht nur das. Wer sich ein Billett im Vorverkauf geholt hat, kriegt einen Getränkegutschein über fünf Euro – also zwanzig Prozent des Billettpreises – ausgehändigt, als Entschädigung für den Ausfall der Hauptband. So auch die beiden Herren direkt vor mir in der Schlange. Als ich schliesslich an der Reihe bin, herrscht kurz Verwirrung. Anscheinend ist die Presseakkreditierung für Metalinside nicht dokumentiert worden, doch die Helfer beim Einlass regeln das unbürokratisch. Szenekultur in Reinform, sehr schön und nochmals vielen Dank. Drinnen erwarten mich nebst einem urchigen Vorraum zum kleinen Konzertsaal bekannte Gesichter, von denen überraschend viele mein Schicksal teilen und zum ersten Mal hier sind. Dank interessanter Themen (ihr wisst schon, die hundert besten Metalalben und so) vergeht die Zeit bis zum Konzertbeginn wie im Flug. Nun heisst es also Ohren auf …
Under Ruins
… und Bühne frei für Under Ruins. Gemäss ihrem Internetauftritt wären das fünf Herren, doch ihren Bassisten haben sie augenscheinlich zuhause gelassen. Weshalb weiss ich nicht. Eigentlich ist es ja auch egal, denn alles, was zählt, ist die Frage, ob sie es schaffen, einen überzeugenden Auftritt hinzulegen. Sympathiepunkte sammeln die vier Baden-Württemberger gleich von Beginn weg mit ihrer Spielfreude. Da muss schon mal die Frisur von Gitarrist Achim Rauscher eine Wuschelattacke seines breit grinsenden Frontmanns erdulden. Der lässt uns bald wissen, dass er eigentlich keine Ansagen eingeplant hatte. Er erzähle jetzt zwischen den Songs nur etwas, weil sie infolge der Absage des Headliners mehr Zeit zur Verfügung hätten – und, dass wir die Leidtragenden seines Gelabers seien. Nun, so schlimm ist es nicht, mein Herr. Ohne die Ansagen wären wir ja nie darüber aufgeklärt worden, dass die Band gar nicht Under Urins heisst … Na, dann kanns ja weitergehen mit Musik.
Der Mix aus Epic Metal und Heavy Metal, den Under Ruins im Gepäck haben, braucht einen Song, bis er voll zündet, aber danach macht er einfach Spass. Obwohl ich da und dort den Bass schon ein wenig vermisse, macht die ganze Chose auch ohne die tiefen Töne einen runden Eindruck (und ist übrigens gut abgemischt). Was das Songwriting angeht, ist sowieso alles im grünen Bereich, und das Cover von Manowars «Blood Of My Enemies» fügt sich ebenfalls nahtlos ins Set ein. Die immer wieder von der Band eingeforderten Heyheyhey-Rufe zu liefern, fällt daher nicht schwer. Ein Blick nach links und rechts zeigt mir, dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht. Mit der Faust in der Luft fällt mein Blick während «Whispered Curses, Woe Unleashed» auf den zweiten Gitarristen, Ulle, der just in diesem Moment rückwärts über einen Mikrofonständer stolpert, welcher aus irgendeinem unerfindlichen Grund hinter ihm steht. Doch er kann sich gerade noch retten und so kommen Gitarrist wie Ständer heil aus der Sache raus. Einen Song später naht schliesslich das Ende dieses ersten Konzerts des heutigen Abends. Etwas mehr als eine Dreiviertelstunde verstrichener Zeit zeigt die Uhr an, Under Ruins haben sie gut genutzt.
Amethyst
Da wir uns noch nicht über die hundert besten Metalalben einig geworden sind, nutzen wir die knapp halbstündige Umbaupause, um uns weiter dieser Frage zu widmen. Fortschritte erzielen wir … teilweise. Dafür ist die Wartezeit um und Amethyst sind bereit, nach ihrem Western-Intro zu rocken. Mein letztes Zusammentreffen mit den fünf Rock Knights und ihrem gleichermassen an die New Wave of British Heavy Metal wie den Rock der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erinnernden Sound war vor einem halben Jahr am emMetal Rocks. Damals hatten die Jungs Pech mit dem Sound, dafür überzeugten sie mit ihrem Selbstbewusstsein auf der Bühne (könnt ihr alles hier nachlesen). Heute ist es eher umgekehrt: Die Abmischung ist schlicht perfekt. Jedes Instrument ist hörbar im Mix, niemand übertönt den anderen. Was hingegen die Energie und Attitüde angeht, erreichen Amethyst nicht ganz das Level vom April. Bei dieser Band reicht das aber trotzdem immer noch für ein sehr gutes Ergebnis. Spieltechnisch haben die fünf Herren sowieso alles im Griff, da gibt es nichts auszusetzen. Als Highlight unter den Songs stechen heute «Chasing Shadows» und einmal mehr «Rock Knights» heraus. Dazwischen gibts lockere Ansagen von Sänger Freddy sowie die eine oder andere leichte Justierung des Sounds auf den Monitorboxen.
Das Publikum zeigt sich erfreut: Rund um mich herum nicken die Köpfe und zucken die Hüften. Während wir langsam auf das Ende zusteuern, zerfasert der Auftritt ein wenig und das Quintett erweckt einen etwas unstrukturierten Eindruck. Da passt es eigentlich ganz gut, dass im Schlussdrittel drei Covers zum Zuge kommen, was dem ganzen Auftritt in Kombination den Anstrich einer Jamsession verleiht. Das erste ist «Don’t Believe A Word» von Thin Lizzy, das Hand in Hand geht mit der bandeigenen Musik. Beim zweiten tauscht Freddy seinen Platz mit Schlagzeuger Eldo, um zu Ehren des erst gerade verstorbenen Cronos ein Stück von Venom darzubieten. Damit hätte ich jetzt ehrlichgesagt nicht gerechnet, aber Amethyst kriegen «Countess Bathory» in dieser umgestellten Besetzung prima auf die Reihe. Als Rausschmeisser kriegen wir noch «Bite It You Scum» von GG Allin serviert. Die letzten Noten sind kaum verklungen, da räumt Gitarrist Phil bereits sein Equipment zusammen, springt von der Bühne und verschwindet durch das Publikum nach draussen. Ich vermute mal, da besteht ein Zusammenhang mit Fahrplänen des öffentlichen Verkehrs. Auch auf mich wartet ein Zug am Bahnhof Lörrach und weil er genaugenommen eben nicht wartet, breche ich ebenfalls auf und nehme die Erinnerung an einen stimmigen Abend mit mir mit.
Das Fanzit – Amethyst, Under Ruins
Atlantean Kodex in Lörrach war die Prämisse. Aus organisatorischer Sicht sollte es also ein Anlass wie jeder andere werden. Doch es kam anders und trotzdem durften wir ein gelungenes Konzert erleben. Under Ruins und Amethyst haben unter der Regie der Metal Maniacs Markgräflerland dafür gesorgt, dass der Abend doch noch zu einem Erfolg wurde.
Die Setlist – Under Ruins
- Eighteen Hundred And Froze To Death
- Lost Amidst The Unfathomable Abyss
- Moonlit Requiem
- Blood Of My Enemies (Manowar-Cover)
- Whispered Curses, Woe Unleashed
- Great Drowning Of Men
Die Setlist – Amethyst
- Into The Black
- Stand Up And Fight
- Nightstranger
- Queen Af A Thousand Burning Hearts
- Rock Knights
- Another Time Another Place
- Chasing Shadows
- Don’t Believe A Word (Thin Lizzy-Cover)
- Stormchild
- Countess Bathory (Venom-Cover)
- Embers on the Loose
- Bite It You Scum (GG Allin-Cover)


