EXCELSIS – Tod u Vergäutig (Helvetic Folk Metal) (CD Cover Artwork)

EXCELSIS – Tod u Vergäutig

Folk Metal
28.08.2015
EXCELSIS – Tod u Vergäutig (Helvetic Folk Metal) (CD Cover Artwork)

Helvetische Weltliteratur verpackt in helvetischem Folk Metal

Man hat so seine Bands, die einen durch das ganze Leben begleiten. Bei mir gehören vor allem AC/DC, Anthrax, Metallica, Sepultura, Annihilator, Die Ärzte, Pantera dazu. Dann gibt es natürlich auch unzählige Bands, die man für sich laufend neu entdeckt und die sich dann auch im CD-Regal breit machen. Und dann gibt es noch solche, die einem einfach ans Herz wachsen – warum, das weiss man nicht so genau. Excelsis ist bei mir eine dieser Bands, wo man sich einfach irgendwie verbunden fühlt.

Ich bin grad nicht mehr ganz sicher, wann ich zum ersten Mal die Emmentaler Drachentöter gehört und/oder gesehen habe. Aber seit dem ersten Kontakt – ich glaub es war sogar die Akustik-Scheibe „E chly angeri Lieder“ – ein geniales Teil – bleiben mir die oft auch Schweizerdeutsch bzw. meist abwechselnd Englisch und Berndeutsch gesungenen Lieder hängen. Hängenbleiben muss es ja auch, damit man über mehrere Jahre eine Band weiterverfolgt, regelmässig an deren Konzerte geht, den ganzen Backkatalog und auch die Neuerscheinungen kauft.

Doch warum das so ist, möchte ich jetzt doch irgendwie rausfinden – und dies anhand vom neusten Silberling von Excelsis: „Tod u Vergäutig“. Die dreht sich bei mir schon seit ein paar Wochen. Bevor ich da einfach drauflos schreibe, will ich die über längere Zeit wirken lassen. Und doch hat es mir schon beim ersten reinhören wieder mal den Ärmel reingezogen. Vorab: Das Grundrezept der wohl ersten Folk-Metal-Band überhaupt – oder hat jemand von euch schon was von Folk Metal mitten in der 90er Jahre gehört? – bleibt bestehen: Markanter, warmer Gesang irgendwo zwischen Clean und Growls anzusiedeln, treibender Bass und Schlagzeugsalven, druckvolle Gitarrenriffs, sphärische Keyboardmelodien, ergänzt mit Dudelsack, Flöte, Talerschwingen, Besenklopfen … und nicht zuletzt wie schon erwähnt Metal auf Berndeutsch kombiniert mit Englisch. Man kann also mit guten Gewissen schreiben, Excelsis sind einzigartig in der Metal-Landschaft, nicht nur ihrer Herkunft aus dem Emmental wegen. Als Original oft kopiert und doch nicht erreicht. Und wer die Jung schon mal live erlebt hat, ist sicher auch begeistert von deren Bühnenpräsenz.

Das ist also das was man erwarten darf, wenn Excelsis draufsteht. Und darauf war bisher immer Verlass und ist es auch beim neusten Meisterwerk der Emmentaler Drachentöter. Wobei das mit dem Drachentöten nehme ich denen wie auch schon früher geschrieben nicht ab. Vor allem der charismatische Kopf der Band – Münggu – scheint mir eher ein Drachenflüsterer als –Töter zu sein. Wer mit einem Sea-Shepherd-Shirt auf der Bühne steht und sich damit unter anderem auch für den Weissen Hai einsetzt, kann doch auch einem Drachen nicht zu Leibe rücken.

Aber zurück zum neuen Release. Wie bis auf das Debut alle regulären Alben ist auch Tod u Vergäutig ein Konzeptalbum basierend auf der Schweizer Geschichte. Beim aktuellen Album geht’s wie der Name verrät um den Tod, um den schwarzen Tod in Form einer schwarzen Spinne. Mehr dazu weiter unten.

Abgeholt werden wir vom Intro (dr schwarz Tod) – einem filmsoundtrackähnlichen Instrumentalstück womit uns der Erzähler ins Konzeptalbum einführt.

So richtig los geht’s dann mit „d Gschicht“. DAS ist der Song, der beim mehrmaligen Durchhören jedes Mal heraussticht. Bei der Strophe wird das Gaspedal mit einem genialen Riff schön durchgedrückt und beim Refrain dafür Gas weggenommen – wobei nur vermeintlich, denn hier gibt’s eine extra Portion Melodie. Der Mitsing-Refrain! Live wird das auf jeden Fall schnell ein Klassiker werden. Ausgeprägt im Mittelteil ist das Geflötle. Wenn es dann auch etwas zu bemängeln gibt, dann die Länge mit 4:45 – der hätte von mir aus doppelt so lange sein können mit weiteren epischen Elementen. Wobei, dann wäre es wohl nicht mehr der Live-Kracher. Hm, die Jungs haben sich das hier schon gut überlegt, wenn ich mir das so überlege. Auf jeden Fall für mich einer der besten Excelsis-Songs ever.

Dafür wird es bei „heiligs Wasser“ mit 7:18 länger. Übrigens, die ganze Scheibe weist eine Spieldauer von langen 72 Minuten auf. Da wurde fast das Maximum einer CD ausgereizt. Wenn man bedenkt, dass Excelsis den letzten regulären Release vor zwei Jahren hatte – im letzten Jahr gab es noch eine neue Akustik-Scheibe – ist das doch schon ganz OK. Denn trotz dem fleissigen Veröffentlichen, sind die CDs mit neuen Songs vollgepackt und vorab: Füller gibt’s nicht.

Heiligs Wasser ist auch die erste Lyric-Video-Auskopplung und wurde wie das ganze Konzeptalbum inspiriert von Jeremias Gotthelfs Geschichte „Die schwarze Spinne“, wo der Pfarrer die erstgeborenen Kinder jeweils mit geweihtem Wasser (heiliges Weihwasser) tauft, damit diese nicht dem Teufel wie vereinbart als Opfer übergeben werden können – der Teufel hat den Dorfbewohnern seine Hilfe angeboten und beim Pakt mit dem Leibhaftigen vergass man wie so oft die Konsequenzen. Dieser rächt sich dann auch bei denen mit der schwarzen Spinne, die Tod und eben Vergeltung bringt. Somit sind wir jetzt also mittendrin im Konzeptalbum bzw. das hat der erste Song – d Gschicht – schon vorgegeben.

Gesteigert wird „Heilig Wasser“ nicht nur in der Länge, sondern auch beim Bombast bei “üsi Freiheit“, der noch 2 Minuten länger ist. Gestartet wird mit typischen Excelsis-Klängen – Dudelsack mit sphärischen Keyboard-Melodien. Fast zwei Minuten lang kommt man ins Fliegen, bis man jäh mit schleppendem Beat runtergerissen wird. Schleppend scheint auch der Gang der Dorfbewohner zu sein, welche im übertragenen Sinn um ihre Freiheit zurück zu erhalten, eine unmöglich zu erfüllende Aufgabe – Bäume auf einen Berg zu verpflanzen – von ihrem Lehnsherrn erhalten haben. Man spürt richtiggehend die Melancholie im Song, welche im Dorf geherrscht haben muss in Anbetracht der ausweglosen Situation. Im Kontext mit der Geschichte bekommt dieser Song mehr Gewicht, als dieser beim ersten Durchhören zu haben scheint. Und wohl im Metal einzigartig, das Talerschwingen am Ende.

Weiter geht’s mit der Geschichte mit dem „Maimond“, wo der Teufel seine Hilfe in der Form eines Jägers anbietet und durch den Pakt dann auch die unmögliche Aufgabe erledigt und so auch wieder Freude ins Dorf bringt. Passend dazu auch der schon fast fröhliche Song „Verspreche“ – doch nur vermeintlich, weil dem einen oder anderen das Versprechen, ein neugeborenes, ungetauftes Kind dem Jäger für seine Hilfe zu übergeben, in Erinnerung gerufen wird. Vergeblich hoffen sie, dass der Jäger bzw. Teufel die Abmachung – „dr Pack mit em Tüfu“ – doch vergessen habe. Und wenn nicht, dann will man sich gegen ihn Aufbegehren. Dementsprechend knüppelt Küsu seine Drums selbstbewusst gegen die drohende Übermacht aus der Finsternis.

Dies drückt sich bei „mr kämpfe“ in bekannter Excelsis-Manier aus. In den ersten Sekunden könnte man dies auch für einen Eluveitie-Song halten, aber die Frage des Originals hatten wir ja schon oben abgehandelt. Der Refrain animiert zum Stampfen sprich Moshen und Mitsingen. Er soll wohl die Dorfbewohner zum gemeinsamen Kampf gegen das Böse vereinen – und die Fans vereinen wird der Song definitiv auch live. Wie „d Gschicht“ hat es auch hier einen starken Mitsing-Refrain. Cool auch der Mittelteil, mit kreischenden Gitarren und einem starken Solo, die wohl das Stechen in der Brust der Protagonistin symbolisieren sollen.

Doch „dr Schlächter“ in Form der schwarzen Spinne ist übermächtig und bringt Männer, Frauen, Kindern und den Tieren einen schmerzhaften Tod. Stark auch hier der instrumentale Mittelteil. Die Geschichte bzw. ein Konzeptalbum über einen Roman bedingt viel Text, viel Gesang. Was auch absolut passt, aber dennoch wünschte ich mir ab und zu noch mehr instrumentale Momente, denn da sind Excelsis ja auch extrem stark. Der Moment wo man fliegen oder je nachdem auch deftig Headbangen kann – die Geschichte in den Körper übergeht, wo man diese fühlt ohne (Text) zu hören. Aber im Allgemeinen sind die Songs (Stil, Tempi, allgemeiner Mood) sehr gut zum jeweiligen besungenen Kapitel der Romanvorlage abgestimmt – auch bei „Vertüflet isch mi Seeu“. Man spürt förmlich die ausweglose Situation der Protagonistin, als sie realisiert, dass nur ihr Tod das Dorf vor dem kompletten Untergang retten kann.

Mit „dr letscht Versuech“ gelingt es schliesslich die schwarze Spinne in einen Holzpfosten einzusperren und das Unheil wird für eine gewisse Zeit verbannt. Der Song dazu verbreitet wieder Freude mit einem schnellen, thrashig-deathigen Bombast-Song. Das markante Riff erfreut ein Thrasher wie mich tief bis ins Mark. Genial auch der längere Break im Mittelteil welches in ein ebenso geniales Gitarrensolo übergeht – was im Folk Metal sonst eher etwas rar ist.

Und so endet die Geschichte bzw. Tod u Vergäutig mit einem Happy End – im wahrsten Sinne der Wortkombination „Happy End“ macht „Grüeni Fäuder u dunkli Wäuder“ wieder ganz viel Freude. Wie am Anfang „d Gschicht“ ist es auch dieser Song der hängenbleibt beim Reinhören. Diese beiden Ohrwürmer sind also perfekt platziert und darin verpackt ein Stück Weltliteratur. Soll einer wieder mal sagen, Metal sei nur Krach und Lärm … Wetten, dass mit diesem Meisterwerk die schwarze Spinne zum Leben erweckt wird? Dass fleissig nach ihr gegoogelt und der eine oder andere wohl sich auch in die Novelle vertiefen wird? Und mit „Tod u Vergäutig“ hat der Leser der perfekte Soundtrack dazu.

Fanzit

Wie anfangs erwähnt, ist dort wo Excelsis drauf steht, auch Excelsis drin. Eine komplexe Geschichte wird in elf starke Folk-Metal-Songs verpackt. Die Geschichte gilt als Weltliteratur – aber für einmal ist es die Verpackung, die es ausmacht. Während es schon bei den ersten Alben von Excelsis Hammersongs zu entdecken gibt, hat sich bei den letzten Releases die Qualität der Aufnahmen stark verbessert. Mit den letzten beiden Alben darf sich Excelsis mit der Speerspitze des Folk-Metals messen und ist dort, wo sie als Pioniere hingehören. Für Folkmetaller definitiv ein Pflichtkauf.

 

Anspieltipps: 2, 8, 11, 12

 

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Tracklist „Tod u Vergäutig“

  1. Intro (dr schwarz Tod)
  2. d Gschicht
  3. heiligs Wasser
  4. üsi Freiheit
  5. Maimond
  6. s Verspräche
  7. dr Pakt mit em Tüfu
  8. mir kämpfe
  9. dr Schlächter
  10. vertüflet isch mi Seeu
  11. dr letscht Versuech
  12. grüeni Fäuder u dunkli Wäuder
  13. Outro (dr Lichezug)

Album Review Bewertung

Autor Bewertung: 9/10



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28.08.2015
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