Apokalyptisch, roh, authentisch
Es war ein Anlass, der selbst in der dicht gedrängten Londoner Metal-Szene hervorstach. Die englischen Death-Metaller Beyond Extinction luden zu einer einmaligen Performance, um ihr Debütalbum «Where They Gather» in Camden vorzustellen – ein Werk, das bereits 2025 veröffentlicht und vom UK Metal Hammer zurecht unter die Top 50 Alben des Jahres gewählt wurde.
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Das Ereignis jedoch zeigte: Dieses Album entfaltet seine volle Wucht erst dann, wenn Konzept, Atmosphäre und Live-Energie aufeinandertreffen.
Dabei war nicht nur das Line-up mit Tribe of Ghosts und Mastiff bemerkenswert stark. Auch der Schauplatz, der legendäre The Black Heart Club, spielte eine tragende Rolle. Der Laden ist ein Herzstück der Rock-, Metal-, Punk- und Gothic-Szene – leidenschaftlich geführt, eng verbunden mit der Community und weit über Camden hinaus bekannt. Während viele Szene-Kenner darüber diskutieren, dass Camden seinen besonderen Charme zugunsten von Kommerz und Tourismus eingebüsst habe, zeigte sich im „Black Heart“ an diesem Abend das genaue Gegenteil: Hier vibrierte noch die rohe, unangepasste Seele des Viertels.
Unser Interview mit Jude Bennet findet ihr hier.
Raven Records Pop-up Event
Bevor es im Club ernst wurde, öffnete Raven Records seine Türen – ein kleiner, aber bedeutungsvoller Vinyl-Treffpunkt, gegründet 2023 von Ben Dean und Chloe Marlow. Der Laden verbindet Plattenkultur mit Café-Atmosphäre und ist längst zu einem wichtigen Treffpunkt der britischen Metal-Community geworden. Ab 14 Uhr konnten Fans nicht nur Beyond Extinction persönlich treffen, sondern auch den Künstler Max Marshall, der hinter dem Artwork des Albums steht. Neben exklusivem Merchandise gab es eine kleine Ausstellung seiner Artprints, inklusive Einblick in den kreativen Schaffensprozess. Dazu hervorragende Kaffee-Spezialitäten in ungewohnten Brühmethoden und eine beeindruckende, teils signierte Vinyl-Auswahl – ein stimmiges, warmes Vorprogramm, das die Härte des Abends elegant ankündigte.
Tribe Of Ghosts
Bei Tribe of Ghosts blieb mein Blick immer wieder an Danny Yates hängen – einem Schlagzeuger, der technisch wirkt, als wären da 3 Personen am Kit. Ob bei Tribe of Ghosts, Osiah, Viscera oder Spitting Glass: Sein Spiel ist aggressiv, präzise, kompromisslos. Und doch sass er da, als würde er einen entspannten Pop-Gig begleiten. Keine überflüssige Bewegung, doch jeder Schlag trifft wie ein Vorschlaghammer. Wie er das macht? Ein Mysterium.
Musikalisch bewegen sich Tribe of Ghosts im Spannungsfeld aus Post-Metal, Hardcore und elektronischen Elementen. Brutale Riffs, schwere Drums, Synthesizer – und darüber die wechselnden Stimmen von Adam Sedgwick und Beccy Blaker. Live geht dieses Konzept derart gut auf, dass das Publikum des ausverkauften Black Heart bereits mit dem ersten Ton in einen Moshpit explodierte.
In der Schweiz würde man das ja erst einmal mit höchster Präzision vorplanen. Die Engländer hingegen starten durch, bevor die Band überhaupt warm ist.
Mastiff
Dann kamen Mastiff – und mit ihnen eine Klangwand, die man eher überlebt als hört. Der düster-rohe Mix aus Extreme Metal und Hardcore führte die Energie des Abends auf eine neue Eskalationsstufe. Toilettenpause? Fehlanzeige! Durchatmen? Fehlanzeige! Zwischendurch musste ich nach meiner Begleitung sehen – jemand, der meinetwegen mitkam, mit dieser Musik aber eigentlich nichts am Hut hat. Ein kurzer Check: „Atmet noch.“ Gut. Dann kann es weiter gehen.
Beyond Extinction
Die Headliner-Show war die erste und einzige Chance, «Where They Gather» als zusammenhängendes Gesamtkunstwerk live zu erleben. Ein emotionaler Moment, denn die Band hat einen schweren Weg hinter sich. Gründungsmitglied und Gitarrist Zach Scott verstarb mit nur 20 Jahren. Mit Danny Russell fand man einen würdigen Nachfolger – und die Kraft, weiterzugehen. Der Club war bis auf den letzten Zentimeter gefüllt, dichter roter Nebel legte sich über die Bühne – exakt jene Farbtöne, die auch das Albumcover bestimmen. Klang und Ästhetik verschmolzen zu einer stimmigen Einheit. Beyond Extinction machten einmal mehr klar, dass ihre Musik mehr ist als Aggression und Lärm: Sie ist Konzept, Detailarbeit und Ausdruck. Nach „Winter Sun“ nahm sich Sänger Jasper Harmer Zeit für Worte, die sichtlich aus der Tiefe kamen. Er dankte Russell dafür, nach Scotts Tod Teil der Band geworden zu sein – und betonte, dass Zach Scott nach wie vor in ihrer Musik weiterlebe. Ein Satz, der im Raum hängen blieb. Am Ende dieses Abends wusste ich: Der Weg aus der Schweiz hatte sich gelohnt. Mehr als das.
Das Fanzit – Beyond Extinction, Mastiff, Tribe Of Ghosts
Kaum hatte ich mich erholt, landeten Beyond Extinction und Tribe of Ghosts erneut auf meiner Agenda – diesmal für den 9. Juni 2026 im „Underworld“ in London, mit Harbinger und Shields im Vorprogramm von Spitting Glass. Bis dahin, so hoffe ich, ist auch die Prellung am oberen Rücken verheilt. Der Moshpit in England scheint jedenfalls nichts für zarte Gemüter zu sein. Mehrmals wurde ich gegen die Wand geschleudert – vermutlich nur ein Vorgeschmack auf das, was mich im Juni erwarten wird.
Die Mischung aus inhaltlicher Schwere, musikalischer Brutalität und künstlerischem Spirit verwandelte das Konzert in ein Erlebnis der besonderen Art. Selten hat sich so viel Elend so grossartig angefühlt.

