Metalinside.ch - Shields - Underworld London 2026 - Foto Jon Sugden 4
Di–Do, 9.–11. Juni 2026

Spitting Glass, Harbinger, Shields u.a.

The Deaf Institute (Manchester, UK)The Underworld Camden (London, UK)
02.07.2026

Zwei Songs, vier Shows und eine Szene in Bewegung

Spitting Glass gehören aktuell zu den spannendsten neuen Phänomenen der Deathcore-Szene. Kaum eine Band erzeugt derzeit so viel Aufmerksamkeit mit so wenig veröffentlichtem Material: kein Album, gerade einmal zwei Songs – und trotzdem erfolgreiche erste Clubshows und ein vielbeachtetes Debüt am Download Festival. Dass ihr Slot dort am Sonntagmorgen um 11 Uhr lag, macht die starke Resonanz umso bemerkenswerter.

English version

Auffällig ist, wie bewusst Spitting Glass Mechanismen aus der Gaming- und Streaming-Welt nutzen, um ihr Projekt zu pushen: Direktkontakt, Teaser, Community-Aufbau und fast schon permanente Sichtbarkeit ersetzen hier klassische Band-Promotion. Bevor überhaupt Musik existierte, gab es bereits ein internationales Publikum, das emotional – und teilweise auch finanziell über Twitch – stark mit der Band verbunden ist.

Aber gab es nun den Fans soundtechnisch und live auf der Bühne genau das, was man sich im Vorfeld erhofft hatte? Und warum genau geht es bei Spitting Glass nicht nur um Musik? Ich konnte die Band bei ihren ersten drei UK-Clubshows live erleben und was soll ich sagen: Die Leute kamen u. a. aus Australien, USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz angereist, um eine Band zu sehen, die gerade mal zwei Songs veröffentlicht hat. Das lässt einem schon kurz die Augenbraue heben: Mmh ok, da passiert gerade etwas.

Wer oder was, zum Geier, ist nun Spitting Glass?

Natürlich kommt der Buzz nicht von ungefähr. Die Zusammenstellung bei Spitting Glass ist nicht unbedeutend. Alle beteiligten Musiker haben bereits auf grossen Bühnen und Festivals gespielt. Frontmann Joe Bad zeigt bereits bei Fit For An Autopsy, dass er ein beeindruckender Shouter ist. Danny Yates (Drums) und Chris Keepin (Gitarre) sind ein eingespieltes Team bei Osiah und Viscera und Bassist Reuben Bescoby hat mit der Band A Night In The Abyss schon gezeigt, dass er kein Anfänger ist.

Jetzt kommt noch eine weitere Person ins Spiel: Ein zusätzlicher Gitarrist, der aus meiner Sicht der eigentliche Kopf der Band ist. Spitting Glass ist David Balls Baby. Er hat die Truppe zusammengestellt, wie er in dem allerersten Interview mit Podcaster Steve O`G und seinen eigenen Twitch Streams stolz erzählte. Auch er ist kein unbeschriebenes Blatt in der Szene…

David Ball ist für mich jedoch mehr als nur der Kopf hinter einer neuen Band. Über die Plattform Twitch hat er sich eine eigene, sehr persönliche Sichtbarkeit aufgebaut – mit einer Offenheit, die weit über Musik und das Gamen hinausgeht. Er thematisiert mentale Gesundheit ohne Beschönigung, spricht über persönliche Erfahrungen aus seinem Leben, empfiehlt Bands, zelebriert die Kunst des manuellen Kaffeaufbrühens und gibt seinen Senf zu Themen wie Stil und Mode. Er zeigt sich aber genauso verletzlich, unperfekt oder schlicht ungekämmt. Gerade diese ungeschönte Selbstverständlichkeit macht ihn in einer Welt voller glattgebügelter Selbstdarsteller und Perfektionismus zu einer ungewöhnlich authentischen und inspirierenden Figur. Dass sich sein Blick für Stil nicht nur auf Musik und Kleidung beschränkt, zeigt sich auch im Artwork: David Ball entdeckte den Künstler moth_ro7 über Social Media und war von dessen Skizzen so angetan, dass sie schliesslich Teil der visuellen Identität von Spitting Glass wurden.

Durch all diese Facetten ist eine echte loyale Fan-Community entstanden. Das zeigt sich auch daran, wie viele Menschen über diese Streams neue Freundschaften, neue Musik und vielleicht sogar ein neues Selbstbewusstsein gefunden haben. Wer David Balls musikalischen Empfehlungen von Spite über Excide bis Paleface Swiss oder Humanity’s Last Breath folgt, ahnt auch schnell, in welcher Welt Spitting Glass musikalisch zu Hause ist. Da geht es um einen Sound, der einem gepflegt die Rübe abmontiert.

Clubshows mit Geschichte

London, Manchester, Glasgow – Die ersten Shows fanden in kleinen geschichtsträchtigen Clubs mit Kapazität zwischen 300 bis 500 Personen statt. Die allererste Show, die im ausverkauften The Underworld in London (Camden) gespielt wurde, war etwas ganz Besonderes. The Underworld ist nicht einfach irgendein kleiner Kellerclub in Camden, sondern eine dieser Venues, an deren Wänden Musikgeschichte klebt. Hier standen schon Bands wie Foo Fighters, Radiohead, oder Queens Of The Stone Age auf der Bühne – Acts, die heute Arenen und Festival-Headliner-Slots besetzten. Die Bands in einer so intimen Atmosphäre zu erleben ist unbezahlbar. Während diesen drei Club-Konzerten konnte sich die Band quasi für ihren ersten grossen Gig am Download-Festival vorbereiten.

Ein Line-up ohne Lückenfüller

Apropos «Rübe abmontieren». Das Rahmenprogramm allein hat schon für nasse Füsse gesorgt. Was besonders im The Underworld gut funktionierte, war die kluge Auswahl der Support-Bands. Das Rahmenprogramm wirkte nicht wie ein beliebig zusammengestelltes Vorheizen, sondern wie ein bewusst kuratierter Querschnitt durch verschiedene Spielarten moderner Härte. Jede Band brachte ihren eigenen Charakter mit, wodurch der Abend deutlich mehr war als ein simples „Wir schreien uns jetzt kollektiv bewusstlos“-Programm. Tribe Of Ghosts (bei denen Danny Yates übrigens auch Schlagzeug spielt) starteten in den Abend mit einem Mix aus Post-Metal, Hardcore und elektronischer Düsternis. Die Stimmen von Adam Sedgwick und Beccy Blaker im Wechsel gaben dem Auftritt eine besondere Note. Harbinger überraschten mich mit ihrem Modern Deathmetal aufgrund der technischen Wucht. Die eigentlichen Highlights der Supportbands waren für mich jedoch Beyond Extinction und Shields. Beyond Extinction lieferten eine absolut überzeugende Performance, die nicht nur brutal, sondern auch mitreissend wirkte. Ich konnte sie bereits im März dieses Jahres im The Black Heart live erleben und das Gesamtpaket drückte bei mir sofort den inneren Hype-Knopf.

Shields war für mich die Neuentdeckung unter allen Supportbands. Sie legten nicht sofort mit der gewohnten Null-auf-hundert-Wucht los, sondern eröffneten den Auftritt mit einer Ansprache, die atmosphärisch von Instrumenten begleitet wurde und dem Einstieg eine unerwartet eindringliche Note gab. Genau diese Vielfalt machte das Line-up so stark: Jede Band hatte ihren eigenen Stil, ihre eigene Energie – und zusammen ergab das ein Rahmenprogramm, das Spitting Glass nicht nur vorbereitete, sondern den Abend schon vorher auf Betriebstemperatur brachte.

Ein Interview mit Osiah findet ihr hier und mehr über Beyond Extinction gibt es hier zu lesen.

Die Fotos – Harbinger, Shields, Tribe of Ghosts, Beyond Extinction (Jon Sugden)

Alle Fotos von Jon Sugden

Als der ersehnte Headliner endlich übernimmt

Was sofort auffällt: Es gab keine Aufwärmphase. Kein vorsichtiges Herantasten. Spitting Glass gingen auf die Bühne und starteten mit dem erst kürzlich veröffentlichten Song «Full send» – und wenige Sekunden später brannte der Raum. Der Song bot kein Vorspiel, sondern haute mit voller Wucht direkt in die Fresse. Das hatte schon mal gesessen!

So oder so wirkte der ganze Auftritt ziemlich roh und ungeschliffen. Soundtechnisch gab es tatsächlich genau das, was man erwartet hatte: Keine unnötigen Spielereien, sondern ein «all killer, no filler» Deathcore / Metalcore Brett.

Frontmann Joe Bad stand nicht auf der Bühne, um nett nachzufragen, ob jetzt vielleicht jemand bereit wäre. Er kam, machte den Raum auf und riss die Tür aus den Angeln. Seine Vocals waren brutal, aber nie beliebig; seine Präsenz hatte ziemlich Druck. Joe Bad hat grundsätzlich eine charismatische Ausstrahlung, bei der man ziemlich schnell versteht, warum sein Name allein schon Erwartung erzeugt.

Besonders spannend zu beobachten war auch, was Spitting Glass für die Entwicklung der Szene bedeuten könnte: In einem Umfeld wie Deathcore und Metalcore, das live traditionell stark männlich geprägt ist, fiel bei diesen Shows auf, dass sehr viele Frauen im Publikum waren. Ich schätze es waren ca. 70%, was eher ungewöhnlich ist. Noch stand der grösste Teil dieser neuen Energie eher staunend am Rand des Moshpits, was die ausgelassene Atmosphäre jedoch keineswegs schmälerte. Wenn die Begeisterung demnächst nicht nur lautstark vor der Bühne, sondern auch körperlich im Moshpit ankommt, könnte Spitting Glass tatsächlich helfen, die Szene ein Stück breiter und weiblicher zu gestalten. Ich habe mich als Frau schon durch etliche Moshpits gekämpft und muss sagen, ohne dieses kontrollierte Chaos fehlt mir bei Konzerten mittlerweile etwas.

Zum Schluss der Performance wird mit dem bereits veröffentlichten Song «1HP» nochmals ganz klar, dass Spitting Glass ihre Intensität nicht nur aus dem Sound und der Bühnenenergie ziehen. «1HP» greift massive persönliche gesundheitliche Erfahrungen auf und übersetzt sie in Bilder, die bei mir fast schon körperlich spürbar werden: Kontrollverlust, Schmerz, Erschöpfung und ein permanenter Ausnahmezustand. Das ist keine plakative Härte, sondern eine sehr direkte Art, Verletzlichkeit zu zeigen.

Das Fanzit Spitting Glass

Spitting Glass stehen noch am Anfang und genau das macht die Sache spannend. Das Projekt wirkt roh, hungrig, faszinierend und wird von einer Community getragen, die definitiv mehr ist als digitales Hintergrundrauschen. Musikalisch liefern die ersten Songs und Shows ziemlich genau das, was auf der Verpackung steht: ein direktes, wuchtiges Deathcore-Brett ohne Zierdeckchen. Noch interessanter ist aber, was rundherum passiert. Hier schiebt sich nicht einfach nur die nächste Deathcore-Band aus dem Nebel, sondern hier ist bereits ein kleiner kultureller Knotenpunkt aus Twitch-Streams, Freundschaft, Verletzlichkeit, Punk-Attitüde und sehr viel Herzblut entstanden. Wenn Spitting Glass diese Energie auf Albumlänge halten können, dann reden wir hier nicht von einem kurzen Internet-Hype mit Halbwertszeit, sondern von etwas, das der Szene noch ordentlich die Rübe zurechtrücken könnte.

Die Setlist – Spitting Glass

  1. Full Send
  2. Planting
  3. Monitor Me
  4. Kick Punch
  5. Off The Edge
  6. Saved
  7. 1HP

Stimmen aus dem Publikum

Toby (GB): Ich bin mit einem kaputten Fuss aufgetaucht und habe eine Schiene getragen. Ich hatte mir den Fuss etwa eine Woche zuvor bei einem anderen Gig im Pit gebrochen. Bei der Show in Manchester landete mein Schuh sogar auf der Bühne und fand mitten im Chaos irgendwie wieder den Weg zurück zu mir (ja, der da war meiner). Spitting Glass ist einfach nur Qualität – roher, harter Deathcore, der einen sofort umhaut. Brutale Riffs, vernichtende Breakdowns, keine Gnade. Und ganz ehrlich: Wenn ich mit einem gebrochenen Fuss so einen Pit anfeuern kann, dann wisst ihr, dass es richtig abgegangen ist.

Mia Rebel (USA): Es war schon ziemlich riskant, den ganzen Weg aus den USA anzureisen, obwohl ich bis dahin nur zwei ihrer Songs gehört hatte. Aber ich habe dem Prozess von Joe und David vertraut – und ausserdem war ein Urlaub in meinen Lieblingsländern England und Schottland ohnehin längst überfällig. Am Ende hat also alles perfekt gepasst. Spitting Glass haben definitiv nicht enttäuscht, und ich kann es kaum erwarten, ihr ganzes Album zu hören – gerade, weil ich weiss, wie persönlich und wichtig dieses Projekt für sie ist.

Manu (Deutschland): Ich bin extra aus Deutschland eingeflogen, um Spitting Glass zu sehen und sie haben mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil, sie haben mich absolut umgehauen. Die Energie jedes einzelnen Bandmitgliedes auf der Bühne war der Wahnsinn. Ich kann es kaum erwarten, dass sie nach Deutschland kommen.

Rhiannon Paige (GB): Ich habe den allerersten Auftritt von Spitting Glass im „The Underworld“ in London besucht. Es war unglaublich erfrischend, ihnen zuzusehen – ihr Sound ist neu, erinnert aber gleichzeitig an die jeweiligen musikalischen Wurzeln der einzelnen Mitglieder. Jedes Mitglied brachte sein eigenes Talent und seine Fähigkeiten auf der Bühne ein und es wurde eine Show geboten, die das Publikum vom ersten Schlag auf die Drums bis zum ersten Gitarrenriff hin in ihren Bann zog. Spitting Glass bedeutet mir als Band sehr viel, denn mit genügend Inspiration, harter Arbeit und Leidenschaft kann man wirklich etwas für sich selbst auf die Beine stellen. Ich finde Trost in ihren Texten, da sie viel Verständnis zwischen dem Künstler und dem Publikum schaffen und man sich in gewisser Weise damit identifizieren kann.

Support

Wenn ihr die Jungs unterstützen möchtet und neugierig seid, wie es mit der Band weiter geht, abonniert die Channels auf Twitch:

  • David Ball: tedious_dave
  • Joe Bad: JoeBad
  • Danny Yates: dannyyatesdrums
  • Chris Keepin: Chris_Keepin
  • Reuben Bescoby: noch nicht auf Twitch

Die Fotos Spitting Glass (Jake Owens)

Alle Fotos von Jake Owens

Video Spitting Glass – Tour Recap


Wie fandet ihr das Konzert?

02.07.2026
Weitere Beiträge von

Beyond Extinction, Harbinger, Shields, Spitting Glass, Tribe of Ghosts