Wenn die Toten tanzen
Ja, wenn die Toten tanzen, muss die Musik wohl das gewisse Etwas haben. Finsterforst und Tylangir wissen, wovon die Rede ist, und bringen es in die Met-Bar mit.
Das Land leidet unter einer Hitzewelle. Die Temperaturen sind in den vergangenen Tagen in neue Höhen gestiegen. Jede Bewegung treibt den Schweiss aus den Poren, der Körper würde am liebsten streiken. Alles versucht, übermässige Aktivitäten zu vermeiden. Wie kommt man da auf die Idee ein Konzert zu besuchen? Noch dazu in einem kleinen fensterlosen Lokal, das zudem ausverkauft ist. Eine gute Frage, deren Beantwortung jedoch nur drei Wörter benötigt: Albumtaufe von Tylangir. Richtig gelesen: Die Aussicht darauf, das neuste Werk der Walliser Folk-Metal-Band live vorgestellt zu bekommen, motiviert mich trotz der hochsommerlichen Bedingungen zu einem Ausflug nach Lenzburg (siehe Album-Review). Dort bietet die Met-Bar dem Ritual Unterschlupf und in Form des gemeinsamen Konzerts mit Finsterforst einen geeigneten Rahmen dafür.
Tylangir
Pünktlich um 20:30 Uhr beginnt das Spektakel. Sänger Lukas räuchert die Bühne, flankiert von zwei verhüllten Gestalten aus den Reihen der Band. Es liegt eine Anspannung in der Luft. Keine unangenehme, vielmehr knisternde Vorfreude auf das, was jetzt kommt. Und da geht es auch schon los mit «Där Totutanz». Der Titeltrack des neuen Albums zeigt, wofür Tylangir im Jahr 2026 unverändert stehen: Folk Metal in Reinform. Besonders erfreut mich das Hackbrett, das wie alle anderen Instrumente nicht vom Band kommt und das die sägenden Gitarren mit seiner hellen Klangfarbe so schön ergänzt. Besagte Sechssaiter dürften im Mix allerdings durchaus noch etwas lauter sein.
Sämtliche Gedanken an die Abmischung werden aber von der sympathischen Ausstrahlung von Tylangir in den Hintergrund verbannt. Es ist eine Freude, mitanzusehen, wie die Sieben strahlen. Der Zuspruch der Fans ist ihnen damit sicher: Die ganze Met-Bar macht von Beginn weg mit. Natürlich helfen die bereits vorab bekannten Hits «Där Nattruflüäch» und «Johanneli Fii» mit, aber ein grosser Teil der Interaktion geht bestimmt auf das Konto von Lukas‘ spitzbübischem Charme als Frontmann. Da spielt es keine Rolle, dass ein Stück wie «Där Lämmergeier» nigelnagelneu und den meisten um mich herum – mich eingeschlossen – noch wenig vertraut ist. Die Fäuste wandern trotzdem zuverlässig in die Luft, um die lauten Hey-Rufe mit passender Gestik zu versehen. Was bei den neuen Stücken auffällt: Tylangir haben etwas mehr Black Metal in die Basis ihrer Kompositionen einfliessen lassen. Das steht der Musik ausgezeichnet. Zudem sorgt diese Entscheidung dafür, dass die groovigen Teile noch viel stärker wirken. Unweigerlich befiehlt die Musik der Nackenmuskulatur, aktiv zu werden. Widerstand ist zwecklos (ja …), die Haarpracht will geschüttelt werden, ganz egal ob hüftlang oder raspelkurz.
Schliesslich gewähren uns Tylangir eine kleine Verschnaufpause. Der Tod betritt die Bühne. Nun, zumindest ein als Tod verkleideter Komparse, der einen Schädel in den Händen trägt. In diesen Schädel füllt nun jedes der Bandmitglieder ein wenig Flüssigkeit aus einer Karaffe. Leider funktionieren die Ambient-Tracks nicht wie geplant, weshalb Lukas kurzerhand improvisiert und das Publikum augenzwinkernd dazu auffordert, unheimliche Geräusche zur Untermalung beizusteuern. Dem Wunsch kommen wir selbstverständlich gerne nach und so bringt bald ein Chor aus allen möglichen Lauten die Band zum Schmunzeln. Inmitten dieser Klangkulisse verschliesst der Tod den Schädel wieder. Als er ihn hochhebt, züngelt ein Flammenstoss um die Knochen, und endlich zaubert der Sensenmann den brandneuen Silberling aus dem Totenkopf. Jubel schallt durch den Raum, das Album ist geboren und getauft. Noch einmal benötigen Tylangir unsere Hilfe für etwas Wolfsgeheul zu «Där Wolfsritt», dann sind wir wieder mitten im weiteren Verlauf des Konzerts.
Weiter gehts anschliessend mit einigen Klassikern der Debütscheibe. Bei «Tylangir» kommt selbstverständlich die altbekannte Fahne zum Einsatz. Das Publikum ist in Bewegung, tanzt, schüttelt den Kopf und zeigt bei «D‘ alt Schmidja», dass es nicht nur Heyheyheys und Ambienteffekte beherrscht, sondern auch jodeln kann. Souverän, möchte ich gar sagen. Derweil bedanken sich Tylangir immer wieder für unser Erscheinen und bewegen sich trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Überschwänglichkeit und Professionalität. Mit einem Wort, es ist ein einziges Fest, das hier in der Met-Bar stattfindet. Doch alles endet irgendwann, das Konzert des Septetts tut dies nach rund eineinviertel Stunden. «Z värloru Tälli» ist uns als Abschluss vergönnt, samt Hühnerhautmoment dank der Löfflereinlage von Multiinstrumentalist Sam, dann steht der Abschied an. Unter lautem Beifall verbeugen sich Tylangir vor der versammelten Menge und verlassen die Bühne im Anschluss, das Strahlen in den Augen noch intensiver als zuvor.
Finsterforst
Nach einem derartig gelungen Auftakt haben es Finsterforst anschliessend an die halbstündige Umbaupause wahrlich schwer, den Höhenflug weiterzutragen. Doch die sechs Schwarzwälder sind keine Neulinge und können auf eine Erfahrung von über dreihundert Konzerten zurückblicken. Ein Blick in die Reihen vor der Bühne offenbart, dass eine ganze Menge Metalheads noch draussen in der (etwas) kühleren Abendluft verweilen, als es losgeht. Doch die finsteren Pagan-Metal-Klänge locken schliesslich auch die restlichen Anwesenden ins Innere der Met-Bar. Es lohnt sich, denn Finsterforst lassen nichts anbrennen. Aus mir unbekannten Gründen heute Abend zwar nur zu sechst statt zu siebt unterwegs, spielen sie in ihren mittlerweile charakteristischen karierten Hemden tapfer gegen die Hitze an. Das bisschen frische Luft, das in der Umbaupause durch die weit geöffneten Türen hereingeweht ist, wabert bereits wieder schweissgetränkt herum. «Wut» kommt aber nur in musikalischer Hinsicht mit dem so benannten Track auf. Ansonsten beherrscht temperaturbedingt leicht ermattete Fröhlichkeit die Stimmung. Sänger Oliver nimmts auf jeden Fall gemütlich bei seinen Ansagen. Seine bodenständige Art trifft den richtigen Ton perfekt und immer wieder greift er Zwischenrufe aus dem Publikum auf, ohne sich dadurch aus dem Konzept bringen zu lassen.
Infolge der ausladenden Kompositionen der Truppe dauert es eine Weile, bis der Finsterforst-Motor richtig Schwung aufgebaut hat. Oder besser gesagt, bis ich so richtig in die Musik eingetaucht bin. Ist ja anspruchsvolle Kost. Spätestens als «Jenseits» zum Zuge kommt, ist der Punkt aber erreicht. Die Band treibt uns zum Training der Nackenmuskulatur an, während wir in ihren Hymnen schwelgen. Viel zu schnell vergeht die Zeit, den langen Liedern zum Trotz. Schon geht es gegen den Schluss zu. «Mach dich frei» lautet die Losung, vermutlich einer der bekanntesten Songs der Schwarzwälder, wenn nicht gar der bekannteste. Entsprechend textsicher zeigen sich die Fans. Wobei vor mir eine Dame und ein Herr stehen, die bis jetzt so gut wie jedes Stück zum grossen Teil mitgesungen haben. Klar, dass wir die Band danach nicht einfach so in den Feierabend entlassen. Einen allerletzten Song wollen wir hören und den servieren uns Finsterforst mit «Ein Lichtschein». Als nach 75 Minuten die finalen Töne verklungen sind, möchten die sechs Herren noch ein Foto mit uns machen. Denn heute Abend sei das letzte Mal, dass sie «diese scheiss H&M-Hemden tragen», wie uns Oli mitteilt. Dann sind wir ja gespannt, in welcher Kluft wir sie beim nächsten Konzert antreffen werden. Auf das Wiedersehen freue ich mich so oder so.
Das Fanzit – Finsterforst, Tylangir
Damit geht ein heisser Konzertabend zu Ende und eigentlich war das heute ein Co-Headliner-Auftritt. Finsterforst sind klar der grössere Name, doch Tylangir haben mit ihrer Albumtaufe eine genauso würdige Darbietung gezeigt. Bei der Programmzusammenstellung hat die Met-Bar (einmal mehr) ein gutes Händchen gezeigt: Die beiden Bands haben sich musikalisch perfekt ergänzt und beide dafür gesorgt, dass dieser Abend in sehr guter Erinnerung bleiben wird.
Die Setlist – Tylangir
- Där Totutanz
- Där Nattruflüäch
- Där Lämmärgeiär
- Johanneli Fii
- Ritual für die Albumtaufe
- Där Wolfsritt
- Tylangir
- D‘ alt Schmidja
- Där Rollibock
- Z värloru Tälli (mit As het nu afa firchtu… ab Band als Intro)

